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Familie als Selbstmanagement: Parallelen zur Kunst

Von Jana Loginowa

Selbstmanagement ist ein vordringliches und stets aktuelles Thema für viele Kunst-Vereinigungen und Projekte, die „Kunst von unten“ betreiben, ohne Unterstützung von privaten oder staatlichen Institutionen. Genau um dieses Thema geht es auch im Projekt „Raum für Kunst“, in dem nichtkommerzielle und selbstorganisierte Kunsträume aus verschiedenen Regionen in Deutschland vorgestellt werden.

Unter den vielen interessanten Exponaten, die im MMOMA (Moskauer Museum für Moderne Kunst) zu sehen sind, seien hier vor allem die Arbeiten der deutschen Künstler Elsa Artmann und Samuel Duvoisin zum Thema Beziehungen in der Familie erwähnt. In einer der Arbeiten spiegeln Artmann und Duvoisin im Prozess des Malens jeweils die Bewegungen des anderen – ein Beitrag zum Thema der gegenseitigen Beeinflussung von Menschen in einer veränderlichen Welt („Synchron Kopieren”, 2018). In ihrer weiterführenden Arbeit „Family Scores” (2018) geht es dann um gemeinsame Reflexion über den Begriff der Kernfamilie. Das Publikum wird animiert, mit Hilfe einiger Bewegungsabläufe neu über das Phänomen Familie nachzudenken; man kann dabei ein mobiles Diagramm der eigenen Familie erstellen, einen Generationen-Vertrag entwerfen oder auch die Familiengeschichte gemeinsam singen.

Das Thema setzt sich fort im Seminar der Künstlerin Ilmira Bolotyan, das ebenfalls Teil der Ausstellung ist. In spielerischer Form sollen Teilnehmer aus drei Generationen über den Begriff der Familie diskutieren. Bolotyan erklärt, das für die Kunst so wichtige Thema des Selbstmanagements werde selten durch das Prisma der Familie oder familiärer Beziehungen betrachtet, obwohl allein der Begriff Familie bereits eine gewisse Art von Selbstmanagement aller Mitglieder voraussetzt. „Dieses Thema habe ich für meinen Workshop ausgewählt, weil ich schon Erfahrungen mit Selbstmanagement in der Kunst habe,“ berichtet Ilmira, „von 2015 bis 2017 gab es die Künstlervereinigung „Zentrum ‚Krasnyj‘“ („Centre Red“). Beim Aufbau unseres Raums und in der Interaktion mit den anderen Künstlern habe ich dabei viele Erfahrungen gemacht, die nicht nur den Kunstbereich betreffen, sondern das ganze Leben. Außerdem hat es mich gereizt, das in der Kunst so wenig untersuchte Thema der Familie aufzugreifen und Parallelen zwischen ihr und den hier ausgestellten Arbeiten zu ziehen.“

Obwohl es auf der Hand liegt, sehen wir im alltäglichen Leben die Familie doch selten als Form von Selbstmanagement. In der Regel entstehen wir in einer Familie, wachsen darin auf und bauen eigene Beziehungen mit den Familienmitgliedern auf, aber nie denken wir über ihre Funktionsmechanismen nach.

Was ist Familie? Wer und was ist unter diesem Begriff zu verstehen? Gehören auch enge Freunde dazu, mit denen wir ganz bewusst eine Wohnung teilen und uns über die gemeinsame Haushaltsführung verständigen? Oder unsere Partner, mit denen wir zusammenleben, ohne sie zu heiraten? Praktisch alle russischen und westlichen Soziologen sehen als Kennzeichen für die Familie Beziehungen, die sich vor allem aus Blutsverwandtschaft oder Verwandtschaft durch Heirat ergeben. Selbst heute, da in einigen Ländern auch gleichgeschlechtliche Ehen legalisiert werden, wird der institutionelle Begriff der Familie nicht gelockert, sondern bleibt im Grunde recht traditionalistisch bestehen. Alle anderen Arten von Beziehungen bilden den „Haushalt“ – jene sozialwirtschaftliche Zelle, die Menschen durch Beziehungen verbindet, die sich aus der Organisation des gemeinsamen Alltags ergeben.

Den Begriff der Familie zu untersuchen ist nicht einfach, auch im Hinblick auf Selbstmanagement, denn strukturell betrachtet ist sie ein Geflecht aus unaufhörlich in Veränderung begriffenen wechselseitigen Beziehungen. Die Hierarchie der Familie ist nicht gleichartig: Familienmitglieder können gleichzeitig in horizontaler und vertikaler Beziehung zu anderen Verwandten stehen. Zum Beispiel sind die Beziehungen von Mutter oder Vater zu ihren minderjährigen Kindern in der Regel vertikal. Geschwister stehen zueinander in horizontaler Beziehung, und wenn sie älter werden, steigen sie auf dieselbe „Stufe“ wie die Eltern. Mehrere Generationen, die unter einem Dach leben, bilden zuweilen noch viel kompliziertere Beziehungsstrukturen aus. Wenn die Großeltern aus Altersgründen oder wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen Hilfe im Alltag brauchen, geraten sie in Abhängigkeit von ihren Kindern.

In anderen, patriarchaler strukturierten Familien dagegen ist es genau umgekehrt: die ältere Generation besitzt unangefochtene Autorität, und alle anderen Familienmitglieder stehen in vertikaler Beziehung zu ihnen. In der fragmentarischen Familie nach dem in unserem Land so verbreiteten Muster „Mama, Oma, Kind“ stehen Kindsmutter und -großmutter wiederum in horizontaler Beziehung zueinander – wenn ihr Einsatz der gleiche ist, oder manchmal auch ohne gleichen Einsatz.

Welche Ziele verfolgt die Familie als Gemeinschaft? Es sind die Ziele jeder selbstorganisierten Einheit: Überleben, Selbsterhaltung, Sicherung der Nachkommen. Ist die Familie nicht destruktiv veranlagt, geht es ihr immer um das Wohl aller Mitglieder. Die russische Soziologie versteht unter dem Begriff des familiären Selbstmanagements jene Regularien familiärer Interaktion, dank derer dieses Chaos nicht auseinanderbricht.

Vor allem die Hierarchie der Dinge, auf die familiäres Selbstmanagement aufbaut (so benennen es die russischen Soziologen Semyon Reznik und Rimma Turtschajewa), macht die oben schon erwähnte Grundlage und Spezifik einer Familie aus. Die Anzahl der Familienmitglieder, der Flexibilitätsgrad ihrer Lebensweise und ihre Rollenverteilung in der Familienhierarchie ist eine Komponente des familiären Selbstmanagements, denn dies nimmt Einfluss auf den gesamten weiteren Alltag der Familie und auf die Mechanismen gegenseitiger Unterstützung: wer holt wann und wie das Kind von der Schule, räumt auf, kocht etc.

Eine weitere Komponente ist die Wohn- und Wirtschaftssituation. Gelingt einer Familie in diesem Bereich ein effektives Selbstmanagement, so ist das hilfreich bei der Regelung von Finanzen und beim vernünftigen Einsatz von Gütern. Andere Komponenten im Selbstmanagement einer Familie sind ihre Interaktion mit dem sozialen Umfeld, ihr sozialer Status, und ein gemeinsames Wertesystem der Familienmitglieder. Wer gelernt hat, diese Prozesse zu steuern, zum Beispiel zielgerichtet das gewünschte „Familienimage“ in der Gesellschaft aufzubauen, kann schließlich das Wohl der Familie als Ganzes fördern, und sogar das persönliche Wachstum und die Existenzsicherung für jedes Familienmitglied begünstigen.

Kunst-Therapie kann helfen, diese verschiedenen Aspekte des eigenen familiären Selbstmanagements für sich zu klären. Ilmira Bolotyan hat für ihren Workshop das Format des Zine gewählt: eines selbst erstellten Magazins, bestehend aus Collagen oder Bildern. Es hilft dabei, sich zu vergegenwärtigen, wen man als seine Familie betrachtet, und für sich persönlich zu formulieren, was im bestehenden Selbstmanagement verändert werden sollte. Jede Doppelseite des Zine kann einen eigenen Begriff umspielen: das Haushaltsbudget, die Verteilung von Pflichten, oder gemeinsame Familienaktivitäten im Allgemeinen. Die spielerische Komponente beim Erstellen des Zine ist bei Kindern besonders effektiv: so können im Schaffensprozess Aufgaben gestellt werden, z. B. sich eine ganz neue Erfindung für den Haushalt auszudenken und zu zeichnen, oder auch die Lieblings-Hausarbeit darzustellen.

Die Künstlerin bekennt, dass sie bei der Untersuchung der Familie als Selbstmanagement vor allem die praxisbezogenen Aspekte des Familienlebens im Blick hat: darunter auch heikle Themen, wie zum Beispiel die Frage nach der Wertigkeit von Hausarbeit. Bei der Erstellung eines Zine können aber auch ganz andere, persönliche Probleme zutage treten: „Es war abgestimmt mit den Kuratoren Lena Brüggemann und Konstantin. Wir haben die Form des Zine bewusst gewählt: Zeichnen und Collagieren zu bestimmten Themen hat immer auch eine psychotherapeutische und klärende Wirkung. In dem Kinderseminar im Juni – es war das erste – waren zwei Mädchen bei mir, deren Mutter gestorben war, und bei einem anderen ließen sich die Eltern gerade scheiden. Die Werke der Kinder zeigten, wie sie diese Probleme bewältigen.“

Nach dem Workshop wurde allen Teilnehmern angeboten, ihre Familien-Zines der Ausstellung als Exponat zu überlassen. So können die Besucher des MMOMA ihre eigenen Arbeiten als vollwertiges künstlerisches Statement und als Teil eines sich selbst organisierenden Ausstellungsraums einbringen.
 

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