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Artguide
Runder Tisch: Schule ohne Zentrum

District_Teppich_Moskau
©MMOMA

Von Tatjana Socharewa

Der Kunstraum District hat sein Domizil in Berlin auf dem Gelände einer ehemaligen Malzfabrik. Hier findet interdisziplinäre Forschung statt: Künstler und Kuratoren sehen ihre Arbeit im Dialog mit Wissenschaft, Bildung und Aktivismus. Im Rahmen des Projekts „Schule ohne Zentrum“, ausgerichtet vom Moskauer Museum für Moderne Kunst (MMOMA) und dem Goethe-Institut, traf Tatiana Sochareva von „Artguide“ die Kuratorinnen Suza Husse und Andrea Caroline Keppler sowie die Künstlerin Karina Griffith. Sie sprachen über Lernen und Verlernen sowie über Selbstorganisation und Kunstaktivismus.

Tatiana Sochareva: Ich glaube, verstanden zu haben, dass es District darum geht, in der Kunst Grenzen aufzubrechen und neue Erfahrungen einzulassen. Ist das richtig? Ich habe auch gehört, dass Sie nach Ihrer Ankunft in Russland ins Moskauer Umland gezogen sind, wo dann auch einige Veranstaltungen der Ausstellung stattfanden. Wozu brauchten Sie diesen Ort und welche Rolle spielte er?

Andrea Caroline Keppler: Als wir das erste Mal nach Moskau kamen, wo wir russische Künstler*innen kennenlernen wollten, lud uns Nastia Ryabova von „Night Movement“ auf die Datscha ein, auf der sie damals wohnte. Wir waren gespannt auf die Gegend außerhalb der Stadt, auf die Natur und wie es wohl sein würde, dort zu übernachten und lange Gespräche über Kunst zu führen im Kreis von Künstler*innen und Kurator*innen. Später wollten wir diese Atmosphäre von Freundschaft und Gastlichkeit für unser Projekt wieder aufleben lassen. Für alle von District sind solche Momente ungeheuer wichtig.

Suza Husse: Man muss das so sehen: Nastia hat uns in ihre Welt eingeladen, in ihre Privatsphäre – dabei kannte sie uns gar nicht. Das war eine Erfahrung, die uns dazu bewegt hat, uns neu vor Augen zu führen, wie man – offensichtlich – miteinander umgehen kann. So eine Datscha gibt dir doch ihren eigenen Lebensrhythmus vor. Du isst dort anders, schläfst anders und bist einfach anders als in der Stadt. Die Datscha ist für uns eine Art Gegenpol zum Museum, wo alles strengen Regeln unterworfen ist, die diktieren, wie du mit Menschen, mit Kunstwerken oder dem Raum um dich herum umgehst.

District MMOMA Moskau 6 Ausstellungseröffnung "Schule ohne Zentrum" | ©MMOMA Tatiana Sochareva: Steckt solch ein Streben nach institutionsfreier Kommunikation in allen Projekten von District?

Suza Husse: Ich sehe uns nicht im Kampf gegen institutionelle Kultur; nicht alles, was wir tun, ist explizit antiinstitutionell. Wir möchten eher so etwas wie eine Hybridform sein. Denn natürlich gibt es Probleme, die ohne institutionelle Unterstützung nicht zu lösen sind – zum Beispiel wenn es darum geht, Finanzierungen zu bekommen oder schnell mit irgendeiner gesellschaftlichen Organisation zu kooperieren. Für uns ist es wichtiger, Barrieren zu eliminieren und Begegnungen zu ermöglichen – ganz gleich, ob im Museum oder auf der Datscha.

Andrea Caroline Keppler: Suza sagt zwar, wir funktionieren wie eine Institution, doch mit manchen organisatorischen Dingen können wir uns bis heute nicht wirklich anfreunden. Wenn es beispielsweise um Deadlines geht, regt sich bei uns immer ein gewisser Protest. Deshalb möchten wir jetzt unsere interne Organisation verändern; im Augenblick ist sie noch recht hierarchisch, wir möchten sie horizontaler ausrichten. District gibt es schon lange, seit 2009. Für Initiativen dieser Art ist das ein hohes Alter. Mit der Zeit werden die Beziehungen natürlich institutionalisiert und es bilden sich feste Rituale.

Suza Husse: Wichtig ist auch, was wir mit dem Wort „Institution“ eigentlich meinen. Wir wollen eine Institution sein, um erkennbar zu sein. Die Leute sollen wissen, dass es diesen Ort gibt, und sie sollen ihn mit bestimmten Tätigkeiten assoziieren, mit Diskussionen und einem eigenen Repertoire von Möglichkeiten. Wer unter einer Institution etwas versteht, das sich selbst konservieren und bewahren will, um es den Nachkommen in unveränderter Form zu hinterlassen, meint ganz sicher nicht uns damit. Wir wollen eine Institution sein, die sich ständig verändert und modernisiert und die bei gesellschaftspolitischen Diskussionen immer wieder in Erscheinung tritt.

Алиса Йоффе. Ситуации. 2018 Алиса Йоффе. Ситуации. 2018. | district-berlin.com Tatiana Sochareva: Lena Brüggemann, die Künstlerische Leiterin des D21 Kunstraum in Leipzig erzählte mir von genau denselben Problemen: auch bei ihnen geht es gerade um die Organisationsform und die Verteilung von Verantwortung.

Suza Husse: Ich glaube, das ist eine Frage der Generation. Wir sind jetzt alle zwischen 30 und 40, und in diesem Alter fängst du einfach an, zu überlegen, wie lebensfähige Strukturen etabliert werden können, die dann auch eine gewisse Zeit lang überdauern sollen. Viele kommen dann auf kollektive Verantwortung, bei der jedes Mitglied seine Erfahrungen in die Projekte einbringen kann, an denen er oder sie arbeitet. Außerdem hast du, glaube ich, in diesem Alter endlich eine Vorstellung davon, wie du dein Leben gestalten willst; dazu gehört zum Beispiel die Erkenntnis, dass Arbeit nicht das einzig Wichtige ist.

Tatiana Sochareva: Wie sieht bei Ihnen die Beziehung zu den Künstlern und Künstlerinnen aus? Und können Basis-Initiativen ohne spießige Hierarchien überhaupt existieren?

Andrea Caroline Keppler: Alle Künstler*innen sind für uns Partner*innen, mit denen wir auch partnerschaftlich zusammenarbeiten wollen. Sie kommen nicht deshalb zu uns, weil wir immer eine Lösung parat hätten. Alle Projekte werden aus Diskussion geboren. Es gefällt mir, dass wir alle uns in diesem Prozess verändern: wir lernen, gemeinsam etwas zu erschaffen, und denken gemeinsam darüber nach, welche Barrieren wir abbauen wollen und können. Wir sind also nicht das Superhirn, das alle Ideen hervorbringt. Nein, das ist alles Teamarbeit.

Открытие выставки «Формы художественной жизни. Школа без центра» Ausstellungseröffnung "Schule ohne Zentrum" | © MMOMA Suza Husse: Genau, das ist eine ganz wichtige Besonderheit bei uns. Wir arbeiten sehr lange mit ein- und denselben Künstler*innen und Kurator*innen zusammen und werden für sie zu so etwas wie Co-Produzent*innen. Gemeinsam mit ihnen überlegen wir, entwickeln ihre Ideen und helfen ihnen, ihre Pläne zum Leben zu erwecken. So kommt es dann, dass viele Künstler*innen, mit denen wir Projekte gemacht haben, heute feste Mitglieder von District sind.

Tatiana Sochareva: Eines der größten Probleme von Moskauer Basis-Initiativen ist ihre Isoliertheit. District macht aber den Eindruck einer offenen Plattform. Wo sehen Sie Ihren Platz in der Stadt und im allgemeinen Kunstgeschehen?

Andrea Caroline Keppler: Uns war immer daran gelegen, aus dem Raum, den wir innehaben, auch herauszutreten. Wir haben verschiedene Formate, wir machen nicht nur Ausstellungen. Zum Beispiel arbeiten wir ausgesprochen gern mit Organisationen zusammen, die sich um Jugendliche oder Migrant*innen kümmern, mit Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen. Viele unserer Projekte finden an öffentlichen Orten statt, und wir stehen in Kontakt mit Aktivist*innen, deren Themen uns nahestehen, also Feminismus, Antirassismus oder Queer. All das ist superwichtig. Nehmen wir zum Beispiel die Künstlerin Karina Griffith, die ein Stipendium bei uns bekommen hat. In ihrem Projekt geht es um die antikoloniale Bewegung der 1960er Jahre und diejenigen schwarzen Filmemacher*innen, die in jener Zeit in Deutschland gearbeitet haben. Karina hat das Projekt gemeinsam mit der Genderforscherin Peggy Piesche vom Gunda-Werner-Institut gemacht, und wir bekamen dabei Unterstützung vom feministischen Kunstraum alpha nova & galerie futura und von der polnischen Galerie Arsenal Gallery Poznan. So läuft das bei uns.

Карина Гриффит. Мы называем это любовью: оппозиционный показ. 2018. Карина Гриффит. Мы называем это любовью: оппозиционный показ. 2018. | © MMOMA | Фото: Luisa Jürgens Suza Husse: In diesem Projekt geht es allerdings nicht nur um schwarze Filmemacher*innen. Wir haben hier die Sprache des Kinos genutzt, um auf die gesamte schwarze Bevölkerung im Deutschland der 1960er Jahre zu sprechen zu kommen. Dieser Teil der Geschichte wurde früher nicht genug beachtet, deshalb wollten wir die Protestbewegung von 1968 im Kontext von Kolonial- und Migrationsproblematik beleuchten.

Tatiana Sochareva: Können Sie Ihre Arbeit mit öffentlichen Organisationen und Bildungseinrichtungen genauer beschreiben?

Suza Husse: Ein Beispiel wäre unser Projekt „Caring for Conflict“. Es läuft schon über ein Jahr und verbindet Kunst, Theater, Musik und moderne Medien. Wir machen dieses Projekt gemeinsam mit der KontextSchule, die aus der Berliner Hochschule der Künste hervorgegangen ist. Die KontextSchule will für mehr Aufklärung über Diskriminierung sorgen. Künstler*innen, Pädagog*innen und Wissenschaftler*innen können sich dort weiterbilden und z. B. erlernen, wie sie mit Hilfe von künstlerischen Techniken Antidiskriminierungsarbeit in Schulen leisten können oder wie die Interaktion mit Kindern funktioniert, wenn weiße Lehrer*innen an schwarzen Schulen arbeiten oder umgekehrt. Zusätzliche Unterstützung bekamen wir von Künstler*innen, Aktivist*innen und Pädagog*innen der Alice Salomon Hochschule, deren Schwerpunkt im Bereich Soziale Arbeit liegt. Für das Projekt bekamen wir eine Finanzierung der Stadt Berlin, und wir haben vor, auf jeden Fall noch zwei Jahre daran zu arbeiten. Unser wichtigstes Ziel ist der Diskurs darüber, wie ein Leben inmitten unablässig auftretender Konflikte möglich ist, wir wollen, dass die Menschen verstehen, dass Konflikte etwas sind, was zu einer heterogenen Gesellschaft gehört, und dass wir lernen müssen, in diesem Durcheinander verschiedenster Standpunkte zu leben. Wir müssen lernen, verschiedene Lebensarten und Weltvorstellungen zu akzeptieren. Daneben geht es in dem Projekt verstärkt um die in feministischen Kreisen übliche Praxis der Sorge. Wir untersuchen auch sie, um spezifische zwischenmenschliche Konflikte genauer zu verstehen und zu lernen, sie zu vermeiden.

Tatiana Sochareva: Jetzt ist auch Karina Griffith bei uns, und da würde ich gern die Gelegenheit nutzen und genauer auf die Rolle von Bildungsinitiativen eingehen, die heute doch sehr aktiv und sichtbar sind im modernen Kunstgeschehen. Zumeist geht es dabei allerdings um Institutionen mit Leitung und Verwaltung. Wie können alternative Wissensformen sich in einem Umfeld von Hierarchien und Bürokratie durchsetzen?

Karina Griffith: Ein ganz wichtiger Punkt ist Personal-Rotation. Es ist nicht gut, wenn viele Jahre lang immer dieselben Personen an der Spitze sind, während sich andere nur als Opposition sehen. Jedes System sollte Rotation nutzen, damit Spitze und Opposition den Standort wechseln können. Das ist immer der erste Schritt. Meines Erachtens ist hier die Struktur der Dreh- und Angelpunkt: sie weist den Menschen ihre Rollen zu.

Открытие выставки «Формы художественной жизни. Школа без центра» Открытие выставки «Формы художественной жизни. Школа без центра» | ©MMOMA Suza Husse: Ja Rotation ist natürlich eine gute Sache, aber Veränderung um der Veränderung Willen soll nicht unser Ziel sein. Wir brauchen qualitative Veränderungen. Ich denke, Institutionen sollten sich unterschiedlich verändern, je nach der Art Wissen, die sie vermitteln. Denn, ja, es ist wirklich schwer, in einem System mit Bürokratie und starrer Hierarchie zu existieren. Und es ist schwer, darin etwas Neues zu schaffen, ohne dabei als das radikale Element zu gelten, das einfach nur alles kaputtmachen will. Dieses Thema ist für Moskau genauso brandaktuell wie für Berlin, denn hier wie dort gibt es geschlossene Strukturen, in denen exakt das gleiche Denken herrscht.

Karina Griffith: Das sehe ich auch so, aber für mich hat der Gedanke von Rotation und Zyklizität noch mehr mit Verlernen zu tun, denn hier wird die Linearität von Bildung negiert.

Tatiana Sochareva: Im Zusammenhang mit der Moskauer Ausstellung sprechen Sie viel vom Verlernen. Was verstehen Sie darunter?

Andrea Caroline Keppler: Wichtig ist dabei das Ablegen der Strukturen, in denen du arbeitest oder lebst. Du verlernst, dich innerhalb dieser Strukturen zu bewegen und in ihren Kategorien zu denken. Wenn du in einem bestimmten Kreis, in einer Familie, sozialisiert und aufgewachsen bist dann bist du gewöhnt an ein bestimmtes Hierarchiesystem. Es ist für dich normal, dass irgendjemand immer oben ist und jemand anders unten, und es fällt dir leichter, dieses Muster in allem, was du tust, zu reproduzieren, als eine neue Struktur zu erdenken, die von Gleichheit ausgeht.

Karina Griffith: Ich möchte noch hinzufügen, dass Verlernen immer beim Körper ansetzt. Der Körper reagiert sehr sensibel auf seine Umgebung und kann dir viele Hinweise geben. Beim Verlernen geht es um die Wechselwirkung von Körper und Geist. Ich würde sagen, das Wichtigste dabei ist es, zu lernen, dem eigenen Körper genauso zu vertrauen wie wir dem Geist vertrauen. Auch der Körper „weiß“ Dinge. Wird dir gesagt, dass schwarze Frauen in den 1960er Jahren überhaupt keine Filme gedreht haben, spürst du körperlich, dass an dieser Aussage irgendetwas nicht stimmt. Reflexartig bereitest du dich darauf vor, zu widersprechen. Es ist gar nicht nötig, allem gegenüber kritisch eingestellt zu sein, was du spürst und fühlst. Viel wichtiger ist es, offen und neugierig zu sein und in jeder Situation alternative Möglichkeiten finden zu können.

Открытие выставки «Формы художественной жизни. Школа без центра» Открытие выставки «Формы художественной жизни. Школа без центра» | © MMOMA Andrea Caroline Keppler: Ich finde allerdings die Fähigkeit, kritisch zu denken, ausgesprochen wichtig. Denn natürlich fällt es vielen schwer, an Dingen zu zweifeln, die sie von Kindesbeinen an gelernt haben, sei es in der Schule, im Studium oder zu Hause. Nehmen wir an, du hast einen Zeitabschnitt in der Geschichte gründlich studiert und fängst dann an, deine Kenntnisse auf alle anderen zu extrapolieren. Das ist doch falsch! Deshalb ist es so wichtig, über die Grenzen dessen hinauszudenken, was als allgemeingültiges Weltbild akzeptiert wird.

Karina Griffith: Ja, Gewohnheiten sind ungeheuer wichtig; auch sie sind in der Regel vor allem im Körper verwurzelt.

Tatiana Sochareva: Wie können wir dann gegen die Trägheit des Denkens angehen?

Suza Husse: Du musst dir gestatten, Anteil zu nehmen an dem, was dich umgibt, musst deine eigenen körperlichen Reaktionen wahrnehmen und auch all die Ungerechtigkeit, die um dich herum geschieht. Du musst dir auch erlauben, unglücklich zu sein, zu trauern, darfst dir nicht selbst die Schuld dafür geben, dass die Welt um dich herum dir nicht gefällt. In unserer Zeit hat sich die Einstellung eingebürgert, dass die ganze Welt uns egal sein kann. Was nicht mit dir persönlich zu tun hat, braucht dich scheinbar nicht zu kümmern. Dabei wächst in dir eigentlich der Wunsch nach Zerstörung, wann immer du auf diese als normal geltenden Strukturen triffst.

Karina Griffith: Schön, dass du das Thema Trauer mit eingebracht hast, denn es klingt auch in meinem Projekt über die antikoloniale Bewegung an. Als die Berliner Mauer fiel, bedauerten viele Menschen, dass jetzt die Geschichte umgeschrieben werden musste und alles von vorne beginnen sollte. Eigentlich ist das eine ganz einfache Geschichte: sie trauerten um ihre Erinnerungen und befürchteten, dass ein Haufen Geld ausgegeben würde. Was sie taten, war also im Grunde lediglich eine Reproduktion der Thesen, die ihnen eine zutiefst koloniale Gesellschaft aufgedrängt hatte. Interessant ist übrigens, dass auch die Opposition seinerzeit einer eigenen Geschichte nachtrauerte.

Suza Husse: Richtig, Geschichte hat immer mehr als nur eine Version. Und historische Tatsachen besagen lediglich, wie wir uns ein Ereignis einprägen und wie wir später davon berichten.

Открытие выставки «Формы художественной жизни. Школа без центра» © MMOMA Tatiana Sochareva: Ich würde gern noch über Kunstaktivismus sprechen. Auf der Ausstellung in Moskau arbeiten Sie mit Katrin Nenasheva und Mischa Levin zusammen, deren Arbeit fest in einen politischen Kontext gehört. Mir scheint, dass eine Übertragung im Museum ihre Arbeit doch recht vereinfacht wiedergibt. Muss sich diese Art von Kunst ins konventionelle Kunstgeschehen einfügen? Und wie arbeiten Sie in Berlin mit Aktivisten und Aktivistinnen?

Andrea Caroline Keppler: Ich denke, bei der Zusammenarbeit mit Aktivist*innen müssen wir immer im Blick haben, was ihnen das bringt. Die richtigste Strategie ist es, die Interessen des jeweils anderen zu berücksichtigen.

Suza Husse: Ehrlich gesagt mag ich schon den Begriff „Kunstaktivist*innen“ nicht besonders. Es ist sehr schwer, in Worte zu pressen, was sie tun. Viele Arbeiten (z. B. auch Gemälde) lassen sich im richtigen Kontext betrachtet als politisch motiviert oder als Protestobjekte klassifizieren. Es ist wichtig zu begreifen, dass Künstler*innen früher oft keine Möglichkeit hatten, offen zu protestieren, also haben sie dies mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln getan. Insgesamt unterscheidet sich die Arbeit mit Aktivist*innen kaum von der mit anderen Künstler*innen. In jedem Fall musst du einen Weg finden, ihre Werke so auszustellen, dass der Raum im Museum ihnen einen vorteilhaften Rahmen bietet. Natürlich steht die Arbeit von Kunstaktivist*innen in der Regel in direktem Zusammenhang mit der Straße und mit der unwillkürlichen Reaktion von zufällig anwesenden Passant*innen; im Museum dagegen ist der Kontakt zwischen Künstler*in und Publikum sehr viel mittelbarer. Das lässt sich nicht vermeiden. Wir müssen uns aber dessen bewusst sein, dass es keine ideale Methode gibt, um diese Art von Kunst zu repräsentieren. Denken wir doch lieber nochmal darüber nach, wie Aktivist*innen das Weltbild ihres Publikums verändern könnten.

Andrea Caroline Keppler: Letztendlich ist es doch die Aufgabe jedes Kurators und jeder Kuratorin, gerade die Gruppen zu Wort kommen zu lassen, auf die zuvor niemand geachtet hatte. Sich um sie zu kümmern. Ihre Arbeiten in einen anderen Kontext zu setzen, unter anderem in einen institutionellen.

Karina Griffith: Mir gefällt übrigens die Vorstellung, dass Museums-Tätige immer verfolgen müssen, was quasi auf der Straße passiert. Sie können sich nicht einfach willkürlich ein Thema ausdenken und dann Aktivist*innen suchen, die sich dazu äußern. Um zu begreifen, was passiert, musst du Teil des Dialogs sein, musst verfolgen, was die Menschen bewegt, die sich jenseits der Grenzen deines aktuellen Projekts befinden, in das du gerade all deine Kraft steckst. In einer neoliberalen Gesellschaft ist das besonders schwierig, denn uns wird ständig der Gedanke aufgedrängt, dass jede Tätigkeit ein Endziel haben muss. Gelegentlich musst du aber vergessen, dass du auch deine Arbeit bist. Beziehungen brauchen Vertrauen. Mit Aktivist*innen musst du ständig in Kontakt sein und ihnen helfen, denn sie investieren so viel in ihre Kunst: sie legen ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Emotionen hinein. Auch darum geht es beim Verlernen.

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