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„Gorod usnul“ – der letzte Blick auf eine tote Welt

Фото: Vega Film
Фото: Vega Film

Von Egor Moskwitin

Der in der Sektion „Forum“ gezeigte Film von Ignatenko ist eines der klarsten Regie-Debuts des diesjährigen Festivals. Jede seiner Szenen leitet auf eine über allem stehende Idee hin, und in dem fast gänzlich von Dialogen freigehaltenem Drehbuch gibt es kein überflüssiges Wort. Allerdings ist Maria Ignatenko auch alles andere als eine Anfängerin: Sie war Co-Autorin des Drehbuchs für Dmitri Mamulias „The Criminal Man“, der im vergangenen Jahr in Venedig gezeigt wurde, ebenfalls nicht im Hauptprogramm, sondern in der Kategorie „Horizonte“. Mamulia ist Ideologe und Leiter der Moscow School of New Cinema, in der auch Ignatenko unterrichtet. Wie die Regisseur*innen der Berliner Schule (und Ignatenko wird man in Zukunft vermutlich mit Angela Schanelec vergleichen), haben sich die Absolvent*innen dieser russischen Institution ihre eigenen Gesetze erarbeitet, durch die sich ihre Geschichten von denen anderer unterscheiden.
 
So existieren im Film von Ignatenko beispielsweise der Hyperrealismus einer versachlichten Welt und das Drehen mit der Handkamera friedlich und verträumt neben einer dünnen, molekularen Poetik und Metaphysik. Und ja, man kann den Film der Sparte „Soziales“ zuordnen. Denn gezeigt wird ein starres und zugefrorenes provinzielles Russland, das durch fürchterliche Verwünschungen in einen Winterschlaf gefallen ist. Es gibt keinen Glauben an die Zukunft, und selbst die eigene Vergangenheit bleibt unverständlich. Eine solche Interpretation mag zwar passend sein, doch sie ist nicht universell. „Gorod usnul“ ist eine Aussage (vielmehr: ein Gedicht, das in der Sprache des Films geschrieben ist), doch es gibt keinen Bezug zur Gegenwart oder zum Land, sondern nur zum Universum, also zur Welt im Allgemeinen. Hauptfigur ist ein junger Seemann, der erfährt, dass seine Frau im Krankenhaus gestorben ist. Und diese Nachricht stellt nicht nur seine eigene, sondern auch die Welt um ihn herum auf den Kopf. Die Menschen fallen in den Schlaf. Schnee bedeckt die Straßen. Die Sonne versteckt sich hinter grauen Wolken aus dem Norden. Alles rundum ist lahmgelegt von einem ewigen Frost, gegen den Seeleute und Trawler halbherzig und wie nach dem Trägheitsgesetz, ohne Glauben an Erfolg, ankämpfen und dabei die Nacht durch ein schwaches Licht erhellen.

Фото: Vega Film Фото: Vega Film
Aber um der Gefangenschaft im Schnee zu entkommen, braucht es ein größeres Boot – einen störrischen Eisbrecher. Und „Gorod usnul“ ist eine Tragödie darüber, dass aus einem Trawler eben kein Eisbrecher werden kann. Der Held ist klein, verloren und mutlos. Wie fast alle Charaktere fast aller Filme der Moscow School of New Cinema gehört er einer Generation der „Stillen“ an, Menschen also, deren harte innere Arbeit nicht klar in Worten ausgedrückt werden kann und kein messbares Ergebnis in der Welt hinterlässt. Viel länger als der Held selbst sprechen im Film seine Ankläger: die Handlung beginnt mit der langen und schrecklichen Verlesung des Urteils vor Gericht. Indem sie das tragische Ende in der Einleitung vorwegnimmt, verwandelt die Autorin ihren Film in einen Käfig ohne Ein- und Ausgang, in den verstörenden und traurigen Traum eines einzelnen Menschen, der keinen Platz in dieser Welt hat. Und es bleibt unverständlich, warum – weil die Welt so tot ist, oder weil der Mensch selbst nicht in ausreichendem Maße lebt.
 
„Gorod usnul“ ist eine Galerie schöner Bilder, an denen sich das Publikum wie im Schlaf vorbei bewegt, während es das Licht in der Umgebung nicht wahrnimmt, aber die Kälte unter den nackten Füßen spürt. Und viele dieser Bilder bleiben noch sehr lange in Erinnerung. So führt das grobe, erschöpfte Saufgelage der Seeleute und Prostituierten zu einer zärtlichen, fast unschuldigen Ménage à trois. Und Neonlicht fällt auf das Gesicht der Hauptfigur, als ob es sie wie für ein postmortales Abbild einscannt. Ein alter Matrose schaut ohne viel Elan, aber aus Gewohnheit im Fernsehen mal Fußball, mal Reportagen aus Brennpunkten, so als wolle er sich davon überzeugen, dass es in seiner Welt immer auch in einer ausreichenden Dosierung Krieg gibt. Und der Lichtpunkt eines kleinen Fischerboots löst sich in einem schwarzen und kalten kosmischen Raum auf.
 
Als „filmisches Stillleben“ ist „Gorod usnul“ natürlich nicht frei davon, notgedrungen das zu erfüllen, was ihm vorgezeichnet ist. Das erstaunlichste seiner unbewussten Zitate ist die Rekonstruktion der „Nighthawks“ von Edward Hopper in einer der Filmszenen. Der US-amerikanische Künstler hat den Geist der Great Depression – wie einen Geist in der Flasche – in einer Spelunke ohne Ein- und Ausgänge versiegelt. Im Film „Gorod usnul“ gibt es ein sehr ähnliches Kiosk-Café ohne Türen. Nur wird dieses inmitten der Polarnacht und einer Schneewüste irgendwo im provinziellen Russland von einem trüben Licht erleuchtet. Es ist kein einfacher Ort zum Leben. Aber ein schöner zum Sterben.
 
 

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