Berlinale-Blogger 2020
„Freud“: eine ambitionierte und gewagte Netflix-Serie

Foto: ORF | Satel Film | Bavaria Fiction | Jan Hromádko
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Von Egor Moskwitin

In den letzten Jahren haben alle großen internationalen Filmfestspiele auch Serien gezeigt, wobei die Fernsehsparte der Berlinale nach wie vor die stärkste ist – obwohl ihr das Festival in Toronto in fast nichts mehr nachsteht. Das Programm der „Berlinale Series“ zeichnet sich hauptsächlich durch seine Dynamik und die Kohärenz der erzählten Geschichten aus. Denn im Unterschied zu den Filmen, deren Festivalaufgabe ja vor allem darin besteht, die Phantasie anzuregen und Diskussionen zu provozieren, sind Serien so angelegt, dass sie ihre Zuschauer*innen über Stunden, Monate und Jahre hinweg in den Bann ziehen. Daher wird fast jedes in dieser Sektion gezeigte Machwerk später auch zu einem Verkaufshit. In diesem Jahr wird es wahrscheinlich der US-amerikanisch-französischen Serie „The Eddy“ auf Netflix so gehen, einem Musikdrama über einen Jazz-Club von Damien Chazelle, Autor von „La La Land“ und weltweit jüngster Oskar-Preisträger in der Sparte Regie. Und ebenso dem britischen „Trigonometry“ auf BBC – einem witzigen, aber delikaten und sehr gefühlvollen Melodrama über einen Mann und zwei Frauen, die sich zu einer Ménage à trois entschließen.

Фото: ORF | Satel Film | Bavaria Fiction | Ян Хромадко Фото: ORF | Satel Film | Bavaria Fiction | Ян Хромадко
Als größte Überraschung des Programms stellte sich die ganz am Ende des Festivals gezeigte deutsch-österreichische Serie „Freud“ heraus, ebenfalls von Netflix. Unerwartet war vor allem, dass „Freud“ – im Unterschied zum hier im vergangenen Jahr ebenfalls gezeigten „Brecht“ – kein ernstes biographisches Doku-Drama darstellt, sondern einen Abenteuerroman. Irgendetwas in der Richtung von „Pakt der Wölfe“, „Vidocq“, „Der Da Vinci Code“ und den Serien „Das Märchen der Märchen“ und „Sherlock“ – ein historischer Kriminalroman, in den reale Fakten und Elemente eines Kostümfilms mit Fiktion und Spekulationen eingeflochten sind. Wien im Jahr 1886: der junge Freud ist noch keine Legende, aber bereits eine beliebte Witzfigur. Die wissenschaftliche Gemeinschaft lacht über seine jüdische Herkunft und seine Experimente mit der Hypnose. Und auch er selbst gießt noch weiteres Öl ins Feuer, indem er beispielsweise eine Scharlatan-Show ausrichtet. Doch eines Tages beginnt seine Hypnosetechnik, wirklich zu funktionieren und hilft mit, eine Verbrechensserie aufzuklären. Zusammen mit einem schnauzbärtigen Polizisten und einer jungen Frau, die als Medium fungiert, jagt Freud eine Wiener Version von Jack the Ripper und deckt auf, dass hinter den Morden an jungen Prostituierten ein aristokratisches Komplott steckt.
 
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Geschrieben und gedreht wurde die Serie vom deutschen Horror-Spezialisten Marvin Kren – der es vermag, die Handlungsorte seiner Filme zu Gehilfen der Schrecken und Verbrechen zu machen, die in ihnen vorgehen. Das kaiserliche Wien ist in „Freud“ genauso eine Stadt am Rande des Nervenzusammenbruchs wie das Budapest des Jahres 1914 in „Sunset“ von László Nemes. Es ist ein Ort, an dem Weltgeschichte gemacht und das 20. Jahrhundert geboren wird. Die Idee der Serie ist es, dieses Jahrhundert als Opfer der geistigen Traumata zu zeigen, die es in seiner Kindheit erleiden musste. Ähnlich war auch der Ansatz des im vergangenen Jahr gezeigten „Brecht“, in dem das 20. Jahrhundert als Bühne des epischen Theaters dargestellt wurde. Die bei „Freud“ eingesetzten Tools sind einfacher und eingängiger. Trotzdem kommt man nicht davon los. 
 

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