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Gewinnerprojekte 2018

„Ein Quell der Information und Inspiration“

Interview mit den Gewinnerinnen eines durch das Goethe-Institut ausgeschriebenen Wettbewerbs für soziale Projekte

Die moderne Bibliothek spielt eine immer größere Rolle als gesellschaftliches Zentrum, in dem aktuelle Probleme erörtert und Lösungswege für diese vorgeschlagen werden. 2018 hat das Goethe-Institut in den Ländern Osteuropas, Zentralasiens, des Nahen Ostens und Nordafrikas einen Wettbewerb für Bibliotheks-Projekte durchgeführt, die auf die Verbesserung des Lebens in der Stadt abzielten. Die Gewinnerinnen aus Russland berichten hier von ihren Initiativen
 


Multisensorische Rehabilitierungs- und Entwicklungsraum für für Kinder mit Sehstörungen_Ischewsk © Maxim Kopylov

Anna Semenowa, Nationalbibliothek der Republik Udmurtien, Ischewsk

Heute leben in Udmurtien 10.000 Bürger*innen mit Sehschwächen und Erblindungen, darunter auch eine große Anzahl an Kindern mit schweren Augenproblemen, und die Zahl steigt. Diese Kinder haben Probleme mit dem Lernen, denn 70% der Informationen nimmt der Mensch nun einmal über das Sehen auf. Um ihnen zu helfen, habe ich mich in meinem Projekt für die Modernisierung des multisensorischen Rehabilitierungs- und Entwicklungsraums engagiert, der an unsere Bibliothek angeschlossen ist. In diesem Zimmer finden Einzel- und Gruppenunterricht sowie Korrektur- und Rehastunden für Kinder mit Sehstörungen im Vor- und Grundschulalter statt (darunter auch Unterricht im Lesen und Schreiben nach dem Braille-System).

Wir werden oft gefragt, ob solche Entwicklungsräume in den Mauern einer Bibliothek überhaupt nötig seien. Gleichzeitig haben wir uns in dieser Nische eine sehr solide Position erarbeitet. Obwohl es in der Republik und in der Stadt speziellen Unterricht für solche Schüler*innen im Vorschul-, Grundschul- und Hauptschulalter gibt und vor Kurzem eines der modernsten Rehabilitationszentren in Russland gebaut wurde, bleibt das Unterrichtsangebot für Kinder, die gesundheitliche Probleme haben, in der Bibliothek sehr nachgefragt. Erstens hängt das natürlich mit der Öffentlichkeit und Erreichbarkeit der Räumlichkeiten zusammen, denn für die Rehabilitationszentren braucht man spezielle Überweisungsscheine, die es oft nur einmal im Jahr gibt. Für den Unterricht im multisensorischen Raum kann man sich aber jederzeit eintragen. Außerdem geben wir uns jedes Mal Mühe, neue interessante Praxisübungen und Unterrichtseinheiten anzubieten.

Bei der Vorbereitung des Projekts und der Ausarbeitung des Programms hat mir das Wissen, das ich mir während der Sommerschule 2018 in Stuttgart aneignen konnte, sehr geholfen. Wir haben begonnen, die neueste Ausstattung anzuschaffen, welche die taktile Reizwahrnehmung entwickeln, die Motorik verbessern und das Sehen restituieren soll. Von den Spezialist*innen der Bibliothek wurde ein Programm für individuellen und Gruppenunterricht mit korrigierenden bzw. entwicklungsfördernden Inhalten für blinde und im Sehvermögen eingeschränkte Kinder entwickelt. Dann haben im Laufe des Dezembers die ersten Pilotstunden stattgefunden. Der Gruppenunterricht bestand aus mehreren Teilen: der theateradaptierten Spielsequenz „Reise ins Land der Märchen“, dem Workshop „Wir forschen und erschaffen“ und der interaktiven therapeutischen Sequenz „Fokus-Pokus“ für im Sehvermögen eingeschränkte Kinder.

Am 17. Dezember 2018 fand die Eröffnung des modernisierten multisensorischen Raums in Form eines interaktiven Seminars statt. Die Präsentation stieß auf ein großes Medieninteresse in der gesamten Republik. Wir möchten uns aber nicht auf dem Erreichten ausruhen und gehen davon aus, dass das Projekt langfristig und sehr erfolgreich bestehen wird. 2019 rechnen wir damit, dass der individuelle und der Gruppenunterricht von mehr als 200 Kindern mit Sehproblemen in Anspruch genommen wird.

Teilnehmenden zukünftiger Wettbewerbe würde ich empfehlen, ihre Aufmerksamkeit auf ein Umweltthema zu konzentrieren. Dieser Bereich wird gerade immer gefragter. Gemeinsam mit den Umweltthemen bleiben auch Inklusionsprojekte immer aktuell.

Olga Suslowa, Universelle wissenschaftliche Puschkin-Gebietsbibliothek Tambow

Meiner Meinung nach liegt die Wurzel aller sozialen Probleme in unserer Stadt im niedrigen Aktivitätsniveau der Bürger*innen und dem fehlenden Wissen darüber, wie man sich zusammenschließen und eine effiziente Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern der Gesellschaft und der Regierung erreichen kann. Die Bürger*innen würden vielleicht sogar etwas ändern wollen, wissen aber einfach nicht, womit sie anfangen könnten.
Die Bibliothek kann natürlich keine politischen oder sozialen Probleme lösen, doch sie kann sich in einen Ort verwandeln, der die städtischen Aktiven zusammenbringt und so zu einem Quell aktueller Information und Inspiration werden.
Die universelle wissenschaftliche Gebietsbibliothek Tambow ist in der Stadt bereits als eine Komfortzone bekannt, die für alle Interessierten offen und zugänglich ist. Inspiriert von den Ideen der Sommerschule für Bibliothekare entschieden wir uns, hier ein Umweltprojekt umzusetzen und in diesem Rahmen ein innovatives Networking-Modell und das Schema „Content Context Connection“ auszuprobieren.

Wir begannen mit einem E-Mail-Versand an unsere Benutzer*innen. Durch diese Mails sollten zukünftige städtische Aktivist*innen animiert werden. Wir baten die Leser*innen darin, eine Reihe von Fragen zu beantworten, die sich auf die Umweltsituation in der Stadt bezogen, und luden sie dazu ein, Teil unseres Projekts zu werden. So fanden wir eine Reihe aktiver Bürger*innen, die sich für Mülltrennung und nachhaltigen Verbrauch interessieren. Über die sozialen Netzwerke haben wir unsere Besucher*innen dann dazu aufgerufen, in unserer Stadt am Internationalen Tag des Aufräumens am 15. September teilzunehmen. Eine Gruppe von Bibliothekarinnen half mit, an den Aktionsorten die Stadt zu säubern. Unsere persönliche Anwesenheit war also ein hervorragendes Mittel, neue Aktivist*innen zu finden und diese für unsere Community zu interessieren. Ende September umfasste unsere Gruppe bereits 15-17 aktive Bürger*innen.

Um unsere Gruppe weiter zu inspirieren und ihr die erforderlichen Informationen zukommen zu lassen, organisierten wir zwei Vorträge zu Umweltthemen. Der erste beschäftigte sich mit dem Problem der Mülltrennung. Die geladenen Vortragenden berichteten von der Müllsituation in Russland, teilten ihre Erfahrungen mit uns und gaben praktische, konkrete Tipps, die von jeder russischen Familie umgesetzt werden können. Im Anschluss präsentierten unsere Bibliothekarinnen Material zu aktuellen Umweltprogrammen und stellen es dem Publikum vor.

Außerdem organisierte unsere Community den ersten städtischen „Swap“, auf dem man Kleidung, Spielzeug und Bücher untereinander tauschen und alte Batterien zur Entsorgung abgeben konnte. Solche Veranstaltungen planen wir von nun an regelmäßig durchzuführen.

Auch haben wir in unserer Bibliothek einen festen Platz für dieses Projekt reserviert und diesen mit modernem Equipment ausgestattet. Zwei Computer, ein Mikrofon zur Aufzeichnung von Podcasts und Interviews, eine große Sammlung an Büchern zu Umweltthemen, sozialer Aktivität und Teamarbeit werden zur Planung neuer Zusammenkünfte, Diskussionen und für die Durchführung von Umfragen genutzt.

Eine andere Stoßrichtung unseres Projekts ist die Jugendarbeit. Wir finden, dass man einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen schon im Kindesalter lernen kann. Deshalb arbeitet unser Team mit örtlichen Schulen zusammen, um die Idee umweltgerechten Verbrauchs zu popularisieren.

In unserem Team sind ganz unterschiedliche Menschen versammelt: Umweltaktivist*innen, Unternehmer*innen, Bibliothekar*innen, Medienvertreter*innen, darunter auch solche, die sich mit dem Problem der Mülltrennung beschäftigen. Unser hauptsächliches Ziel haben wir erreicht: wir haben einen harten Kern aus 20 aktiven Bürger*innen zusammengestellt. Sie organisieren auf Basis der Informationen, die unsere Bibliothek gesammelt hat, Veranstaltungen. Unser nächster Schritt ist eine Kooperation in Sachen Umweltschutz mit anderen Bibliotheken in Tambow.
 

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