Podiumsdiskussion Die Ruinen der sibirischen Moderne

Die Stadt von morgen © Evgeny Bekarev

Mo, 08.02.2021

Online

Im Anschluß an das Ausstellungsprojekt Die Stadt von morgen findet am 8. Februar um 18 Uhr die Podiumsdiskussion „Ruinen der sibirischen Moderne“ statt. Die Ausstellungskuratoren Georg Schöllhammer (Wien), Ruben Arewschatjan (Jerewan) und Anton Karmanow (Nowosibirsk) diskutieren gemeinsam mit den Nowosibirsker Architekturexperten Alexander Lozhkin und Slawa Misin über sowjetischen Modernismus und dessen Bedeutung sowie über die Rolle der Papierarchitektur und den Schutz des architektonischen Erbes. Die Diskussion wird moderiert von Per Brandt, Leiter des Goethe-Instituts Nowosibirsk.
 
Die Interpretation der architektonischen Moderne in einzelnen Sowjetrepubliken liegt der Ausstellung Die Stadt von morgen als Idee zugrunde. Häufig stehen solche lokalen Formen des sowjetischen Modernismus in direktem Zusammenhang mit der ethnischen oder nationalen Identität der einzelnen Sowjetrepubliken und die Architektur diente als eine Art Instrument zur Definition und Durchsetzung kultureller und gewissermaßen auch politischer Autonomie.
 
Wie manifestiert sich diese Idee im Zusammenhang mit Sibirien, das nie den Status einer autonomen Republik hatte? Die Ausstellung Die Stadt von morgen schlägt den Begriff „Sibirischer Modernismus“ vor und fragt, ob es in Sibirien eine lokale Form des sowjetischen Modernismus oder zumindest eine eigene Geschichte seiner Entwicklung gab. Offensichtlich versuchte der sibirische Modernismus nicht, die nationale, ethnische oder sogar regionale Identität durch lokale politische Eliten zu bestätigen. Darüber hinaus erzwang der Mangel an Finanzen oft die Planung und den Bau viel bescheidenerer Gebäude als im Machtzentrum des Landes. Nichtsdestotrotz hat Sibirien eine einzigartige Geschichte des Modernismus und seine eigenen Architekturschulen, dank derer – wenn auch häufig unterschätzte – architektonische Meisterwerke geschaffen wurden. Im Gegensatz zu europäischen Hauptstädten sind sibirische Städte Erzeugnisse der Moderne. Der sibirische Modernismus war, wie aus dem Namen Nowosibirsk ersichtlich ist, ein bestimmendes Merkmal der Stadt an sich und bezog sich nicht auf die nationale oder ethnische Herkunft.
 
In Nowosibirsk gibt es zudem eine bedeutende Tradition der sogenannten Papierarchitektur nicht realisierter Projekte, die vom untergeordneten Status Sibiriens in Russland erzählt und darüber, wie eng Kunst und Architektur hier miteinander verflochten sind. Die Papierarchitektur kann als das fehlende Verbindungsglied zwischen der beeindruckenden Geschichte der sowjetischen Modernisierung im 20. Jahrhunderts und der kulturellen Traditionen betrachtet werden. Am Beispiel einer so hervorragenden Persönlichkeit wie der von Slawa Misin lässt sich dieser Entwicklungsprozess verfolgen: von den jungen Architekt*innen der 1980er-Jahre über den selbstbewussten ironischen Konzeptualismus der 1990er-Jahre bis zur heutigen zunehmend internationalen zeitgenössischen Kunstszene, wie sie sich unter anderem im Kulturzentrum ZK19 präsentiert. Auch der Chefarchitekt von Nowosibirsk Alexander Lozhkin war zu seiner Zeit häufig ein Papierarchitekt.
 
Dennoch ist der Modernismus nach wie vor voller Widersprüche, was die Erhaltung des architektonischen Erbes einschließlich der Papierarchitektur sehr schwierig macht. Die Mehrheit der Öffentlichkeit, ganz zu schweigen vom privaten Sektor, schätzt das architektonische Erbe der Vergangenheit gering. Tatsächlich befinden sich heute viele Gebäude in einem schlechten Zustand. Einige von ihnen sind völlig zerstört oder bis zur Unkenntlichkeit verändert. Darüber hinaus wird der Modernismus oft als ein Verfall des Stils verstanden, der aus dem Westen kam, obwohl viele russische und insbesondere sibirische Städte in ihrem Kern eine modernistische Annäherung zur Architektur haben. Wie sollten wir mit den Überbleibseln des Modernismus – den sowjetischen oder sibirischen – umgehen? Sollten wir sein Erbe schützen und erhalten, und wenn ja, wie?
 
Diskussionsteilnehmer:
 
Ruben Arewschatjan ist Künstler, Kunsthistoriker, Kurator und Präsident der AICA Armenien (Association Internationale des Critiques d'Art). Er war Kurator und Teilnehmer einer Reihe internationaler Projekte wie Hauptstadt der Wünsche, Große Atrophie, Parallele Realität, Lokale Modernen, Sowjetischer Modernismus 1955–1991: unbekannte Geschichten, Sweet 60’s, Trespassing Modernities, Déjà-vu STANDARD oder Die Stadt von morgen. Im Jahr 2011 war er Kurator des armenischen Pavillons auf der 54. Kunstbiennale und im Jahr 2014 Kurator des armenischen Pavillons bei der Architekturbiennale von Venedig. Ruben Arewschatjan wohnt und arbeitet in Jerewan.
 
Georg Schöllhammer ist Kunsthistoriker, Kurator, Autor, Gründungsredakteur des Kunstmagazins springerin  und Leiter der Stiftung tranzit.at. Er nahm an der Vorbereitung von Projekten wie der documenta, Manifesta, L'internationale, Former West, Sweet 60’s und Vienna Festival teil. Er hat eine Reihe von internationalen Projekten kuratiert: Play Sofia, Lokale Modernen, Report on the Construction of a Spaceship Model, Die Stadt von morgen und andere. Im Jahr 2014 war er Kurator des Nationalpavillons von Armenien auf der Architekturbiennale in Venedig. Er wohnt und arbeitet in Wien.
 
Anton Karmanow ist Künstler, Forscher und Buchverleger. Er nahm an internationalen Projekten teil wie astev. Wie man arbeiten muss, NER: Eine neue Geschichte wird sein, die Grenze, Feldforschung: Wissen freisetzen, Unmapping Eurasia oder Die Stadt von morgen. Er ist Mitglied der Kunstgruppen Die kreative Datscha, Allrussische Gesellschaft der Heiligen, Nachtasyl und SibGemeinschaftswohnung. Er wohnt und arbeitet in Nowosibirsk.
 
Alexander Lozhkin ist Architekt, Urbanist und Professor an der Internationalen Architekturakademie. Nach dem Abschluss an der Hochschule für Architektur Nowosibirsk (heute Staatliche Universität für Architektur, Design und Künste Nowosibirsk) im Jahr 1990 war er aktiv an den Planungsseminaren der Nowosibirsker Papierarchitekt*innen in den 1980er-Jahren beteiligt. Von 2011 bis März 2013 nahm er an der Umsetzung des ersten Masterplans in Russland in der Stadt Perm teil. Seit 2014 ist er Stadtplanungsberater des Bürgermeisters von Nowosibirsk und seit 2019 Chefarchitekt der Stadt Nowosibirsk.
 
Slawa Misin ist Künstler, Kurator und Mitglied der Künstlergruppe „Die blauen Nasen“. Zwischen 1984 und 1992 war er einer der Anführer der Papierarchitekt*innen in Nowosibirsk, die die Prinzipien der neuen, „zynischen“ Gestaltung, des modernen architektonischen Plagiats und der freien tektonischen Manipulation herausarbeiteten. Seit Anfang der 1990er-Jahre ist er als Künstler tätig. In den Jahren 2013 bis 2019 war er Direktor der sibirischen Filiale des Staatszentrums für moderne Kunst. Jetzt ist er Chefkurator des Kulturzentrums ZK19. Er nahm an zahlreichen Projekten in Russland und weltweit teil, dazu zählen die 50. und die 51. Biennale in Venedig, die 1., 2. und 3. Biennale in Moskau, die 7. Biennale in Istanbul sowie die Ausstellung Russia! im Guggenheim-Museum Bilbao.

Per Brandt ist Leiter des Goethe-Instituts Nowosibirsk und Moderator der Diskussion.

Zurück