Wolodymyr Jermolenko Die Grenzen Europas

Volodymyr Yermolenko
©Buchhandlung Є

Als Louis-Philippe de Ségur, ein französischer Aristokrat und Diplomat, Ende des 18. Jahrhunderts von Paris nach St. Petersburg reiste, um Gesandter König Ludwigs XVI. am Hof von Katharina der Großen zu werden, hielt er einige Beobachtungen fest, die zeigen, wie die Grenzen Europas damals wahrgenommen wurden. Beim Grenzübergang zwischen Ostpreußen und Polen beschrieb er den Eindruck, als habe man „Europa vollständig verlassen“. Auf polnischem Territorium fühlt er sich befremdet, da Zeichen dessen, was er als „europäisch“ erkennt, zusammen mit solchen existieren, die er für „asiatisch“ hält: „eine arme, geknechtete Bevölkerung; schmutzige Dörfer“, „große Abstände“ zwischen „Inseln“ der Zivilisation – als ob „man sich unter Horden von Hunnen, Skythen, Venetern, Slawen und Sarmaten befände“.1 Für ihn endete Europa an der preußisch-polnischen Grenze; dahinter lag etwas anderes.

Als er 1787 mit Katharina der Großen in Kiew (das er Kioff nennt) ankommt, sieht er die Stadt als ein „magisches Theater“, in dem sich alles mischt: „Antike und Moderne, Zivilisation und Barbarei“.2 Er betrachtet Kiew durch das Brennglas des Russischen Kaiserreichs und übernimmt dessen Narrativ vollständig, da seine Erzählung die gesamte nichtrusssische Geschichte des Landes auslöscht. Er empfindet Verehrung und Respekt, doch er gibt grundsätzlich zu, dass diese Länder von der Kaiserin beherrscht werden, einer Christin, die sich den gesamten Osten („tout l’Orient“) untertan gemacht hat – eine gute Barbarin, die schlechte Barbaren besiegte und die man in ihrem „inneren Garten“ nicht herausfordern sollte.
 
Als Madame de Staël, eine der geistreichsten Frauen ihrer Zeit, vor Napoleon floh und 1812 nach Kiew kam, ähnelten ihre Eindrücke denen, die de Ségur in Polen gesammelt hatte. Hier „sieht man nichts, was den Städten des Westens gleichen würde“,3 sagt sie; „die meisten Gebäude in Kiew erinnern an Zelte, und aus der Ferne sieht die Stadt wie ein Feldlager aus“. All dies zeigt, dass die Menschen hier, im fernen Osten Europas, „die beweglichen Behausungen der Tataren zum Vorbild nahmen“, als seien die Ostslawen bereit, ihren Wohnort spurlos und ohne Erinnerungen zu verlassen, um an einen anderen Ort zu ziehen. Diese Bemerkung beruht sicher auf einer empirischen Beobachtung. Doch sie war sehr wahrscheinlich zugleich eine Projektion von Germaine de Staëls eigenen, zeittypischen Vorurteilen: Der Osten war nomadisch, unhistorisch, statisch und zirkulär; im Gegensatz dazu machten Erinnerung und Geschichte Europa zu dem, was es war: ein Kontinent mit Perspektive, sowohl im Hinblick auf seine Vergangenheit als auch auf seine Zukunft.
 
Trotz der tiefen Entfremdung, die Madame de Staël im Osten empfand, leistete sie einen eindrucksvollen Beitrag dazu, das Mosaik Europas für das frühe 19. Jahrhundert herzustellen. Ihr Durchbruch war ein Resultat ihres Schmerzes: Ihr Weltbürgertum wäre ohne ihren Hass auf den französischen Kaiser undenkbar, und ihre Reisen über den ganzen Kontinent waren ein Nebenprodukt ihrer Angst vor Napoleon. Doch sie war eine der ersten, die mit ihrem Buch De l’Allemagne den selbstbewussten Franzosen Deutschland vorstellte und die Ost- und Nordeuropa mit einem frischen Blick betrachtete. „Die Erde war zu klein für sie“ („la terre lui manquait“), sagte Jules Michelet über diese – in seinen Worten – „ausgezeichnete Frau“, und er hatte recht: Sie trug viel dazu bei, den französischen (und europäischen) Blick auf Europa zu weiten.
 
Jules Michelet schrieb um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Franzosen begannen, sich stärker für Osteuropa zu interessieren. Einer seiner Freunde war Adam Mickiewicz, den Michelet im renommierten Pariser Collège de France zu Wort kommen ließ. Mickiewicz war eine Person mit mehreren Identitäten: Er wurde auf dem Gebiet des heutige Belarus geboren und begann seinen Versroman Pan Tadeusz mit den berühmten Worten „Lithauen [Litwo]! […] mein Vaterland!“;4 heute gilt er als der polnische Dichter schlechthin. In Lwiw in der Westukraine steht sein schönes Denkmal. Doch als er am Collège de France von 1840 bis 1844 Vorlesungen über die Geschichte der slawischen Völker hält, versucht er, eine neue, diesmal deutlich umfassendere und vertiefte Vorstellung von Europa zu entwickeln, die dem Osten in jedem Fall größere Aufmerksamkeit schenkt. Die existierenden mentalen Grenzen Europas waren ihm zu eng.
 
Im Unterschied zu jemandem wie de Ségur insistiert Mickiewicz darauf, dass Polen Europa ist. Er beharrt allerdings auch darauf, dass Polen mehr als nur ein Teil eines neuen, europäischen Konstrukts ist. Es ist nicht nur ein Teil Europas, es ist sein Retter, ein neuer kollektiver Messias. Als eine Art neuer gemeinsamer Christus, der zwischen Imperien aufgeteilt, zerrissen und „gekreuzigt“ wurde, wird Polen „wiederauferstehen“ und Europa vor der Dekadenz einer toten Rationalität retten, deren Ursprünge Mickiewicz vorwiegend in Preußen oder Österreich sah.
 
Doch während Mickiewicz Polen nach Europa zurückholt, zögert er, dasselbe mit der Ukraine zu tun. Für ihn bleibt die Ukraine das „Land der Grenzen“ (pays de frontières); es war „ein Weg, durch den das asiatische Leben nach Europa kam“, und es ist der Ort, „wo zwei Teile der Welt (Europa und Asien; W. J.) einander gegenüberstehen“. Gleichzeitig ist die Ukraine ein „neutrales Land“ und ein „Schlachtfeld“; „alle Armeen der Welt sind hier aufeinandergetroffen“. Und auch die ukrainischen Kosaken waren ein Beispiel für ethnische Vermischungen: „eine Mischung aus Slaven, Tataren und Türken“.5
 
Die Vorstellung von der Ukraine als „Grenzland“, als „Mischung“ oder „mélange“ war etwas, das Mickiewicz mit de Ségur teilte. Dieses Bild der Ukraine als „Grenzland“ und „Schlachtfeld“ sollte noch Jahre fortbestehen. Im 20. Jahrhundert transformierte diese verbreitete Auffassung das Gebiet der Ukraine von einem „Grenzland“ zum „bloodland“, um einen Begriff von Timothy Snyder zu verwenden.
 
Mickiewicz mochte Österreich und Preußen nicht, weil sie aus seiner Sicht abstrakte, intellektuelle Kulturen darstellten, die jene spirituellen und emotionalen Aspekte der menschlichen Natur herabwürdigten, die er in Polen, Frankreich und Russland fand. Doch dies war ein typisches Spiel des 19. Jahrhunderts, das mit ähnlichen Argumenten gelegentlich auch unter umgekehrten Vorzeichen gespielt wurde: Für einige französische Romantiker wie Ballanche oder später Nerval eröffnete Deutschland – im Gegensatz zum französischen Rationalismus der Aufklärung – die weiten Horizonte der „Seele“ und des „Geistes“. Gegen Ende des Jahrhunderts war es für jemanden wie Auguste Rodin die österreichische Kunst, die neue Perspektiven erschloss – als wäre das Licht wieder aus dem Osten gekommen.
 
Tatsächlich war es die Österreichisch-Ungarische Monarchie, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts erneut die Frage nach den östlichen Grenzen Europas aufwarf. Als die künstlerische Avantgarde Österreichs, die als Wiener Secession bekannt ist, nach ihrer Identität suchte, empfand sie sich als „europäisch“, aber sicher nicht als „westlich“. Sie war fasziniert, aber auch herausgefordert durch die kulturelle Macht des „Westens“ (vor allem Frankreichs), und suchte ihre Besonderheit in spezifisch „östlichen“ Merkmalen, die einen Bezug zum slawischen und jüdischen Osteuropa, aber auch zu Byzanz und zum türkischen Mittleren Osten aufwiesen. Klimt, Kokoschka, Freud oder Zweig sind nicht vorstellbar ohne eine gewissen innereuropäischen „Orientalismus“, der ein spezifisches Merkmal des Wiener fin de siècle war. Und wenn Bertha Zuckerkandl, eine der interessantesten Frauen dieser Epoche, in ihren Memoiren vom „Nahen Osten“ spricht, ist nicht ganz klar, was sie eigentlich meint: Gebiete, die heute zur Türkei gehören, oder Gebiete der heutigen Ukraine. Beide waren für Österreich nicht entlegen, aber exotisch, „nahe“, doch jenseits der eigenen kulturellen Grenze.
 
Galizien (heute in der Westukraine) war in gewisser Weise dieser österreichische „Nahe Osten“: ein Ort an den Grenzen der Zivilisation, mit enormen Kapazitäten, was das „Mischen“ und Erzeugen betraf, dem es jedoch nicht gelingen sollte, bedeutend zu werden. Die Eltern Sigmund Freuds (sein Vater kam aus Tysmenyzja, sein Großvater aus Butschatsch, seine Mutter aus Brody – Städte, die heute alle in der Westukraine liegen) und viele andere wussten dies nur zu gut. Doch während viele Juden, Slawen, Ungarn oder Rumänen aus den Kleinstädten des Reichs von der Grenze ins Zentrum flüchteten, entdeckten sie zugleich diese Orte für die Zukunft – indem sie sich diese für eine umfassendere Geschichte Europas aneigneten. Aufgrund der Österreichisch-Ungarischen Monarchie hatten Teile der heutige Ukraine, insbesondere Galizien, Wolhynien oder Bukovyna, eine europäische Geschichte, was später gravierende Konsequenzen nach sich zog.
 
Einer dieser Immigranten aus Galizien war besonders interessant. Joseph Roth, ein deutschsprachiger Jude (der auch Ukrainisch, Polnisch, Jiddisch und Hebräisch verstand), wurde in der galizischen Stadt Brody geboren und schrieb einen seiner berühmtesten Romane, Radetzkymarsch, über das Ende der Donaumonarchie unter Kaiser Franz Joseph I. Da er aus dem Osten gekommen war, kehrte er in seinem Text in den Osten zurück, jedoch auf tragischere Weise: Als Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg seinen bevorstehenden Zusammenbruch ahnte, wurde dies am stärksten im Osten wahrgenommen. Die Zivilisation war hier mit etwas Dunklem, Irrationalem und Undurchschaubarem, mit der Absurdität von Krieg und Tod konfrontiert, die Roth am Ende seines Romans beschreibt. Europa endete an der Ostfront, aber es endete auch in Wien, Paris und Berlin; die Gräuel an der Peripherie schlugen auf das Zentrum der „Zivilisation“ zurück.
 
Der Krieg zeigte, dass man heute unmöglich fragen kann, wo Europa endete, da es unklar war, wo es begann und wo seine eigentliche Mitte lag. „Europa“ wurde plötzlich, aber unabänderlich zu einem Mythos. Eines war jedoch wichtig: Noch Jahrzehnte später waren Menschen wie Roth Zeugen dafür, dass die östlichen Grenzen des untergegangenen Reichs innerhalb und nicht jenseits der Grenzen Europas lagen.
 
Es ist bemerkenswert, wie die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, die den europäischen Kontinent nach dem Ersten Weltkrieg schrittweise eroberten, die „europäische“ Metapher benutzten, um sich gegenseitig zu denunzieren. So war der russische Kommunismus für die italienischen Faschisten ein Symbol „asiatischer“ Mächte, die versuchten, von Europa Besitz zu ergreifen.6 Auch für den deutschen Nationalsozialismus war die bolschewikische Revolution ein jüdischer – und damit aus seiner Sicht „asiatischer“ – Angriff auf den Geist der „arischen Rasse“. Houston Stewart Chamberlain, einer der wichtigsten Vordenker des Nationalsozialismus, behauptete, dass die Juden für Europa ein „fremdes, asiatisches Volk“7 seien. Ein Rassist wie Hans Günther meinte, dass eine wahrhaft „deutsche“ Religion auf der Nähe der Götter und der Natur zu den Menschen beruhe; im Mittelpunkt des jüdisch-asiatischen Modells hingegen stehe ein ferner Gott, der die Menschen hasse und bestrafe – weshalb dieses Modell weniger „humanistisch“ als die „arische“ Weltanschauung sei. Es ist tatsächlich erschreckend, wie der Nationalsozialismus „humanistische“ Argumente verwendete, um unmenschliche Verbrechen zu rechtfertigen.
 
Interessanterweise behauptete jedoch auch der russische Kommunismus, Teil des „europäischen“ Erbes zu sein. Der Marxismus war eine „Avantgarde“ der progressiven Theorien Europas, und daher hielt sich die UdSSR in gewisser Weise für „europäischer“ und „progressiver“ als Westeuropa. Faschisten und Nationalsozialisten waren hingegen „asiatisch“, wie die kommunistische Ideologie andeutete: Das berühmte sowjetische Lied „Вставай страна огромная“ [„Das große Land erhebt sich“], das der Mobilmachung im Zweiten Weltkrieg diente, bezeichnete die nationalsozialistischen Angreifer als „verdammte Horde“ – in der russischen Sprache ein deutlicher Verweis auf die Invasion der mongolischen „Goldenen Horde“ des 12. Jahrhunderts, die aus der finsteren Irrationalität der asiatischen Steppen kam.
 
Europa war in den 1930er Jahren in verschiedene Versionen von Totalitarismus geteilt; das europäische Denken der Nachkriegszeit hingegen beruhte, seit den ersten Anfängen des Wiederaufbaus, auf einer radikalen Opposition gegen totalitäre Regime. Der antitotalitaristische Gedanke war in den 1970er Jahren irgendwann die einzige Kraft, die noch in der Lage war, sich zu verbreiten und stärker zu werden. Die Vorstellung von einem demokratischen Europa konnte den „Eisernen Vorhang“ überspringen und die stille Verbreitung, ja sogar den „Schmuggel“ von Ideen sicherstellen, die der Ausbreitung von Institutionen immer vorausgehen.
 
Als ein Opfer eines dieser Totalitarismen, Milan Kundera, Anfang der 1980er Jahre sein eigenes Bild von Europa vorlegte, war sein Denken von diesem paradoxen, grenzüberschreitenden „Schmuggel“ von Ideen geprägt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich Österreich-Ungarn als „östlich“ betrachten können, doch für Kundera waren die Reste des Kaiserreichs – Ungarn, die Tschechoslowakei, Polen oder die Balkanstaaten – nicht „Ost-“, sondern „Zentraleuropa“. Tief im Inneren waren sie sogar noch mehr: der „entführte Westen“,8 die „höchste Vielfalt auf kleinstem Raum“, die geistig im Westen lag, aber politisch von einem autoritären Osten geraubt worden war. Der Osten hingegen begann an den Grenzen der Sowjetunion.
 
Kunderas Weitblick trug viel dazu bei, die „Glasdecke“ der Vorstellungen davon zu durchbrechen, wo Europa endet. Seit seinen Überlegungen gehörten Polen, Ungarn oder die Tschechoslowakei wieder zu Europa. Doch für Länder wie die Ukraine erzeugte Kunderas Vision eine Sackgasse. Wenn Europa an den westlichen Grenzen der Sowjetunion endete, bedeutete dies, dass das Gebiet der Ukraine auf schicksalhafte Weise dazu bestimmt war, „jenseits“ der europäischen Grenzen zu liegen. Kunderas neue geistige Landkarte war für Prag oder Bratislava emanzipatorisch, doch sie ließ Lwiw, Kiew, Minsk oder Tiflis in einem neuen geopolitischen Gefängnis zurück.
 
Interessanterweise überstand diese geistige Landkarte den Zusammenbruch der UdSSR. Tatsächlich existierte sie nach der De-jure-Auflösung der Sowjetunion 1991 in neuer Form auf mysteriöse Weise weiter. Aus einem zentralistischen Imperium wurde etwas, das an das mittelalterliche Modell von Lehnsherren und Vasallen erinnerte. De jure waren die früheren Sowjet-„Republiken“ (mit Ausnahme der baltischen Staaten) unabhängig, faktisch jedoch von Moskau kontrolliert, da sie keine eigenständige außen- oder sicherheitspolitische Agenda hatten; und dies wurde vom Westen stillschweigend akzeptiert. Für Länder wie Polen bedeutete der Übergang zum Kapitalismus einen massiven Einzug westlicher Firmen, für Länder wie Russland oder die Ukraine eine Privatisierung durch Parteieliten, Führungskräfte der Armee und des KGB sowie das kriminelle „Establishment“. Dieser Unterschied der Modelle hatte großen Einfluss auf das, was danach geschah.
 
Dies mag erklären, warum Kunderas Demarkationslinie noch 1993 für Timothy Garton Ash existierte, als dieser die Grenze zwischen der Slowakei und der Ukraine überquerte und seine Erfahrung in History of the Present (dt. Zeit der Freiheit) beschrieb. Für ihn glich es dem Überschreiten einer „Trennlinie“ im heutigen Europa: Der Schock beim Übergang zwischen der Zivilisation und etwas, das dunkel, korrupt und schmutzig war, traf ihn „unmittelbar“.9
 
Aber er verstand auch, dass die Grenzen zwischen Europa und etwas anderem fließend und veränderlich waren. Zehn Jahre später, als die Ukraine die „Orangene Revolution“ erlebte, hatten sich die Zeiten erneut geändert; und als Timothy Garton Ash sein Buch Free World schrieb, war auch sein Blick auf die Ukraine ein anderer. Er sah sie nun als ein Land, das auf der europäischen Landkarte bereits präsent war. Er legte sogar nahe, dass die Ukraine in die EU aufgenommen werden und im Jahr 2025 der bevölkerungsreichste EU-Mitgliedsstaat sein sollte. „Wenn die Europäische Union, nach Griechenland, Bulgarien, Rumänien und Serbien, die Ukraine und Belarus aufnähme“, schrieb er, „hätte sie eine weitere Huntington’sche Verwerfungslinie zwischen den Kulturen überschritten.“10 Aus seiner Sicht war die Ukraine nicht länger ein „Grenzland“.
 
Die Geschichte des – verführten oder ängstlichen – Außenblicks auf die „Grenzen Europas“ ist zu jeder Zeit interessant. Sie zeigt, dass sich die Grenzen Europas, fließend und instabil, wie sie waren, im Lauf der Geschichte ständig verändert haben. Diese Veränderungen verliefen nicht linear, sondern waren vielmehr symptomatisch: Trotz ihrer Zickzackkurse, ihrer Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen tendierten sie immer in Richtung Osten. In der Zeit der Weimarer Republik dachte Deutschland darüber nach, ob es zum Westen gehörte – eine Haltung, die zum Teil auch den Nationalsozialismus erklärt. Heute erschiene eine solche Fragestellung – für Deutschland ebenso wie für Österreich – seltsam. Und im Unterschied zu den Eindrücken von de Ségur oder Madame de Staël böten sich Polen oder die Ukraine heute nicht mehr für einen Vergleich mit den asiastischen Tataren oder Sarmaten an. Doch aus dem Blickwinkel der Ukraine sieht die Geschichte etwas anders aus. Auch wenn sie historisch von Außenstehenden immer wieder als ein Land an der Grenze Europas oder sogar jenseits dieser Grenze betrachtet wurde, war sie aus der Innensicht vollkommen „europäisch“.
 
Chernivtsi (Chernowitz) war eine bedeutende Stadt Österreich-Ungarns und ist zugleich eine Stadt mit europäischer Kultur: Hier wurde Paul Celan, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts geboren. Um die Jahrhundertwende zogen deutsch oder jiddisch sprechende Juden aus vielen Kleinstädten der Westukraine nach Wien. Um 1900 war Lwiw die viertgrößte Stadt der Donaumonarchie, größer als Graz oder Triest; noch heute ist die Architektur der Innenstadt für diejenigen, die Krakau oder Prag lieben, eines der besten Beispiele für den „zentraleuropäischen“ urbanen Raum.
 
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden sich sogar in Kiew überraschende Bezüge zu Europa. Dort gab es Hotels, die das Wort „Europäisch“ im Namen führten (das renommierteste lag am heutigen Europäischen Platz, unweit des Maidan), l’Univers, Leipzig, Austria, Versaille, Lyon, Bristol, Anglia (England), Cracow, Louvre, London, Rim (Rom), Neapol und so fort. Es gab einen Park, der Chateau des fleurs hieß (wobei das Französische in kyrillischen Buchstaben geschrieben wurde) und der auf Initiative französischer Geschäftsleute angelegt worden war. An der St. Wolodymyr-Universität lehrten deutsche Professoren wie Nikolai Bunge, Friedrich Mering oder Gustav Eisman. Eines der wichtigsten Theater der Stadt befand sich in einem Gebäude, das dem französischen Unternehmer Auguste Bergonier gehörte.
 
Kiew übernahm auch europäische Entwicklungen auf kulturellem und technologischem Gebiet. Die Straßenbahnlinie zwischen den Stadtteilen Pechersk und Podil war die erste des russischen Kaiserreichs und die dritte in Osteuropa. Der Jugendstil Kiews ist auffallend schön – ähnelt aber auch auffallend dem Jugendstil an anderen Orten Europas. Die wirtschaftlichen Eliten der Stadt waren zum großen Teil jüdisch, ebenso wie beispielsweise im damaligen Wien. Die Besucher aus dem Westen waren zahlreich (jedenfalls deutlich zahlreicher als in der Sowjetära) und blieben oft auch in der Stadt; Deutsche arbeiteten in Firmen und Bankhäusern und unterrichteten an der Universität, Franzosen waren im Erziehungswesen und in der Kreativwirtschaft tätig, und so fort.
 
Doch Kiew ist nicht die einzige Geschichte; man denke etwa an den Donbass. Der heutige russisch-ukrainische Krieg im Donbass wäre ohne ein wichtiges, aus Moskau kommendes Narrativ nicht möglich gewesen: dass der Donbass „immer“ russisch war und dass es russische und sowjetische Anstrengungen waren, die diesen riesigen Industriestandort der Region hervorgebracht haben. Doch ursprünglich waren die Industriebetriebe im Donbass von Westeuropäern gegründet worden: Die Briten kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dorthin (wie zum Beispiel John Hughes, der walisische Gründer von Donezk; die Stadt hieß ihm zu Ehren früher Jusowka). Die Belgier kamen Anfang des 20. Jahrhunderts, als es zwischen Brüssel und Katerinoslaw (heute Dnipro, eine der größten Städte der Ostukraine) eine direkte Zugverbindung gab.
 
Doch obwohl sich die Ukraine selbst als „europäisch“ wahrnahm, behielt sie oft den Status eines „Grenzlands“. Grenzländer können produktiv sein und zum Ort der Mischung von Kulturen und Religionen werden; doch oft werden sie auch zu Schauplätzen schrecklicher Tragödien. Die Tragödien des 20. Jahrhunderts, die in der Ukraine stattfanden, waren ein Ergebnis dieses „Grenzlands, das zu einem ‚Bloodlandʻ wurde“, um noch einmal eine Formulierung von Timothy Snyder zu zitieren.
 
Tatsächlich konnten sich die Tragödien des 20. Jahrhunderts nur in einem Schwellenraum, in einem Raum jenseits der Geschichte und des Gesetzes ereignen. Der nationalsozialistische Holocaust ist undenkbar ohne die Idee der Grenzen des Gesetzes, das heißt die nationalsozialistische Vorstellung, dass das Gesetz nur den Interessen der „Rasse“ dienen kann und dort endet, wo die Grenzen der „Rasse“ enden. Doch Stalins Holodomor (dt. Tötung durch Hunger) wurde in ähnlicher Weise durch die Vorstellung begründet, dass Gesetz und Moral nicht auf jene angewendet werden sollten, die jenseits der Grenze der Geschichte existierten. In diesem Sinne verwendet Stalin den Begriff der „gewesenen Menschen“ (byvshyie liudi), den er von Gorki leiht und dazu benutzt, die Große Hungersnot der Jahre 1932/33 zu rechtfertigen, die mehr als fünf Millionen Menschenleben kostete. 11 Es gebe jene, glaubt er, die „gewesene Menschen“ sind und jenseits der Grenze der Menschheit existieren, für die weder Gesetz noch Moral gelten und die ohne Konsequenzen oder Mitleid vernichtet werden können. Für Stalin war die Ukraine in erster Linie das Land dieser „gewesenen Menschen“, die es nicht verdient hatten, zu leben und Lebensmittel zu haben. Da die Ukraine für den Nationalsozialismus wie für den Stalinismus jenseits der Grenze der Moral lag, konnte sie einem großen Massaker nicht entgehen; denn für beide Totalitarismen waren die Menschen, die in diesem Land lebten, nicht wirklich „menschlich“.
 
Doch diese Schwellenerfahrung wurde zu einer Wunde, um die sich alle europäischen Erfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg neu organisierten. Der Holocaust fand jenseits der Grenzen der Humanität statt; Massenmorde in der Ukraine, in Kamjanez oder Kiew (Babyn Yar) und in den Konzentrationslagern in Polen oder den baltischen Staaten fanden auf diesen „Schwellen“-Gebieten statt.12 Doch ist der Gedanke der Humanität und der Menschenrechte, der nach dem Krieg aufkam, für die heutige Vorstellung von Europa von zentraler Bedeutung.
 
Der Holodomor wurde mehr vergessen als der Holocaust. Doch inzwischen wird auch er zum Mittelpunkt einer neuen Geschichte. Nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 wurde die Große Hungersnot zu einer wichtigen tragischen Erinnerung und rückte in den Mittelpunkt einer Neuerfindung der ukrainischen Identität, weg von den Werten des Totalitarismus und zurück zur Empathie mit den Opfern. Anstatt die Errungenschaften von „Siegern“ zu preisen, war die ukrainische Erinnerung an den Holodomor gleichbedeutend mit der Erinnerung an die Opfer und mit der Wertschätzung jedes einzelnen Menschenlebens. Diese „Erinnerung an alle“ anstelle des Prinzips „Der Sieger nimmt sich alles“ ist der entscheidende Gegensatz zwischen dem aktuellen ukrainischen und dem russischen Projekt, da Letzteres noch immer auf den Vorrang des Staates gegenüber dem Individuum und auf einen vertikalen Machtdiskurs ausgerichtet ist.
 
Die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass sind zu Markierungen der neuen Grenzen Europas geworden. Diese Grenzen verlaufen nicht mehr zwischen Preußen und Polen, wie im 18. Jahrhundert, noch entlang der östlichen Grenze der ehemaligen Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie, wie im frühen 20. Jahrhundert, noch entlang der früheren Grenzen der Sowjetunion, wie in den 1980er oder 1990er Jahren. Sie liegen nun irgendwo auf der ukrainisch-russischen Grenze, und sie sind viel eher axiologisch als geografisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Europa ein Projekt, in dem man gemeinschaftliche Institutionen gründet, um der Selbstverwirklichung jedes Individuums zu dienen und in dem die Gemeinschaft individuelle Einzigartigkeit unterstützt, anstatt sie auszulöschen. Es ist bemerkenswert, wie sich diese Idee, trotz zahlreicher Krisen, weiter verbreitet und neue Nationen anzieht.
 
Auch die Ukraine bewegt sich langsam in diese Richtung. Es ist außerordentlich wichtig, dass sie dabei erfolgreich ist. Für die Ukraine selbst – und für Europa, dessen Grenzen sich weiter nach Osten verschieben.
 
Volodymyr Jermolenko (geb. 1980) ist ein ukrainischer Philosoph und Journalist. Doktor der Politikwissenschaft (EHESS, Paris). Leiter von europäischen Projekten bei Internews Ukraine, Journalist bei Hromadske.ua, Dozent an der Kiew-Mohyla-Akademie.  

Literaturangaben

1 Zit. nach Larry Wolff, Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization On the Mind of the Enlightenment, Stanford, CA: Stanford University Press 1994, S. 19.
2 Louis-Philippe de Ségur, Mémoirs ou Souvenirs, in: Claude de Grève (Hg.), Le Voyage en Russie, Anthologie des voyageurs français au XVIIIe et XIXe siècles, Paris: Robert Lafont 1990, S. 678.
3 Germaine de Staël, „Dix années d’exil“, in : Claude de Grève (Hg.), Le Voyage en Russie. Anthologie des voyageurs français au XVIIIe et XIXe siècles, Paris: Robert Lafont 1990, S. 679.
4  Siehe Timothy Snyders großartige Analyse von Mickiewicz’ vielgestaltiger Identität in The Reconstruction of Nations: Poland, Ukraine, Lithuania, Belarus, 1569–1999, New Haven u. a.: Yale University Press 2003, S. 51–77.
5  Adam Mickiewicz , Les Slaves. Cours professé au Collège de France, 5 Bde., Paris: Au Comptoir des imprimeurs réunis 1849, Bd. 1, S. 32.
6 Siehe etwa Christopher Duggan, Fascist Voices: An Intimate History of Mussolini's Italy, London: Random House 2013, S. 36.
7 H. S. Chamberlain, Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts, München: Verlagsanstalt F. Bruckmann, 10. Aufl. 1912, S. 381, https://archive.org/details/Chamerlain-Die-Grundlagen-des-19-Jahrhunderts-1-und-2.
8 Milan Kundera, „‚Un occident kidnappéʻ ou la tragédie de l’Europe centrale“, in: Le Débat, Bd. 5, Nr. 27, 1983, S. 3–23, http://ekladata.com/GIyRJA_0u_Bvc0o2nTWWT-4tzTs.pdf; dt. „Un occident kidnappé oder die Tragödie Zentraleuropas“, aus dem Französischen von Cornelia Falter, in: Kommune. Forum für Politik und Ökonomie, 1984, Bd. 2, Nr. 7, S. 43–52.
9 Timothy Garton Ash, Zeit der Freiheit. Aus den Zentren von Mitteleuropa, aus dem Englischen von Susanne Hornfeck u. a., München: Carl Hanser Verlag 1999, S. 428.
10 Timothy Garton Ash, Free World. Penguin Books Ltd. Kindle Edition, Locations 3974-3975.
11 Сталин И.В., Итоги первой пятилетки: Доклад на объединенном пленуме ЦК и ЦКК ВКП(б), 7 января 1933 г. in Сталин И.В. Cочинения. – Т. 13. – М.: Государственное издательство политической литературы, 1951. С. 161–215.
12 Für weitere Details siehe Timothy Snyders Buch Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, aus dem Englischen von Ulla Höber, Karl Heinz Siber und Andreas Wirthensohn, München: C. H. Beck 2015