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Der neue Mensch nastja kasmina

Nastja Kasmina. Foto: privat

Auf den Wunsch der Redaktion hin sprach die Dramaturgin Anastasia Bukreeva mit der jüngsten Regisseurin Nastja Kasmina, die im Rahmen des professionellen Regiefestivals „Ljubimovka“ ausgezeichnet wurde, und beschreibt es für uns.

„Ich will eine Geschichte über einen Menschen schreiben, der den Austausch mit sich selbst als hochgradig interessant und ganz und gar nicht langweilig empfindet. Dessen Seele nicht jung und natürlich auch nicht alt ist; der es vermag, Schönheit zu erkennen, wenn sie ihm begegnet, oder sobald er es selbst möchte (er hat es schließlich gelernt!); dem es gut geht (wenn auch oftmals nicht sehr…)“– diese Zeilen aus dem neuen Stück der sechzehnjährigen Dramaturgin nastja kasmina scheinen gleichzeitig auch eine ziemlich genaue Beschreibung der Autorin und ihrer derzeitigen Lebensphase zu sein. nastja kasmina: genau so, in Kleinbuchstaben, schreibt sie über sich selbst, und das ist ihr wichtig. Das ist elementar. Denn schließlich ist das, was sie macht, noch nicht in ausreichendem Maße reif, “nichts so Erwachsenes“, wie sie selber es nennt. Aber eben doch ernsthaft genug, um sie in die Reihen der besonderen Autoren für das Programm „Ljubimowki“ zu bringen, eines der bedeutendsten und spannendsten Festivals für Dramaturgie in Russland.

Ich habe in Moskau mit Nastja über vieles und sehr intensiv gesprochen – und damit die freien Minuten zwischen Lesungen moderner Stücke, belebten Diskussionen und Abendevents mit russischen, serbischen, polnischen und ukrainischen Dramaturgen ausgefüllt. Nach der Moskauer Feier haben wir uns später im kalten Petersburg noch mal getroffen, und dann noch mal, und noch mal… schließlich ist nastja eine richtige „fille du régiment“: sie ist die jüngste Autorin in der Geschichte von „Ljubimowki“. Und hätte das alles auch anders kommen können, nastja? Wie ist es, zum ersten Mal alleine nach Moskau zu kommen, mit 16 Jahren? Aber einem so besonderen Gesichtsausdruck, dass dir im Museum immer noch Tickets zum Kindertarif verkauft werden?

Das war Zuhause, jetzt aber sind wir im weißen Saal des renommierten Moskauer Dokumentar-Theaters „Teatr.doc“. Gerade ist die Lesung des Stücks „Der kleine Fisch“ zu Ende gegangen. Und das Mädchen mit dem jungenhaften Kurzhaarschnitt sitzt zwischen Schauspielern und Regisseuren auf der Bühne und antwortet ernsthaft, ohne große Aufregung, auf knifflige Fragen von Kritikern und Publikum. Sie nimmt nicht wahr, wie sich deren erstaunte Gesichter im Spiegel hinter ihrem Rücken abzeichnen. Und das nicht zum ersten Mal. So war es schon zu Beginn des Jahres auf dem Festival der Theaterstücke für Kinder auf der Neuen Bühne des Alexandrinski-Theaters, wo Jugendliche ganz frei und ohne Angst vor einer beeindruckenden Kulisse ihre eigenen Spielregeln für die Welt aufstellten.

nastja, glaubst du an Schicksal?

nastja kasmina. Ich glaube mittlerweile, dass das Schicksal existiert. Es ist da, aber man kann etwas daran ändern. Man muss nur abwägen, was man ändern kann.

nastja ist Einzelkind. Sie geht auf eine ganz normale Schule, hat ein ganz normales Leben und ganz normale Eltern. Weder ihr Vater noch ihre Mutter noch sonst jemand aus ihrer Verwandschaft hatte jemals irgendeine Beziehung zum Theater. Doch im Mai 2015 greift nastja unverhofft in ihr eigenes Schicksal ein und tritt im Rahmen des Projekts (1) „Neue Leute“ mit einem Monolog über Tränen auf die Bühne des Großen Towstonogow-Dramentheaters (BDT) in Sankt Petersburg. Und von diesem Moment an wurde Nastja selbst zu einem neuen Menschen.

Nastja weint immer und überall. Das ist eine Besonderheit ihres Charakters, die man „nicht bekämpfen sollte“. In kasminas Welt gelten ihre eigenen Spielregeln, und dort ist es gut, zu weinen. Die Projektkuratorinnen von nastja waren Ada Muchina und Natascha Borenko. „Ich habe überhaupt zum ersten Mal gesehen, dass man so mit Jugendlichen arbeiten kann“, erinnert sich nastja. „Auf gleicher Augenhöhe, ernsthaft und unaufdringlich.“ Im Rahmen des Projekts wurden Trainings zu Selbstausdruck, Schauspielkunst und Teambuilding durchgeführt. Den Jugendlichen wurde die Arbeit mit Dokumentarmaterial, das Führen und Nachbereiten von Interviews und die Fokussierung auf zu portraitierende Hauptfiguren nähergebracht. Langsam, aber entschieden begann das Theater zum Mittelpunkt in nastja kasminas Leben zu werden.

Vielleicht aber passierte dieses Wunder auch ein kleines bisschen früher: am 29. August 2014, als sie im Theater “Masterskaja“ von Koslow zum ersten Mal das Stück „Damals in Helsingör. Hamlet“ sah. „Und da ist irgendwas Komisches passiert.“ Plötzlich war klar, dass es keinen Weg zurück gab. Daraufhin leitete Iwan Kurkin, der Regisseur und Direktor des Schauspiel-Ferienlagers „Zwirn der Ariadne“ nastja die Ausschreibung für das Projekt des Großen Towstogonow-Dramentheaters weiter. Die Info war allerdings schon nicht mehr ganz aktuell. Der Bewerbungszeitraum war bereits abgelaufen, doch das Schicksal hatte seine ganz eigenen Pläne mit kasmina.

Wenn es um Leute geht, die nastjas Leben verändert haben, dann kann man die Rolle von Natascha Borenko gar nicht hoch genug werten. Sie war es auch, die sie nach den „Neuen Leuten“ dazu aufforderte, ihr erstes Stück zu schreiben, und das Labor in der Neuen Bühne, das ebenfalls von ihr organisiert wurde, wurde zu dem ausschlaggebenden Wendepunkt, ohne den keine Geschichte geschrieben werden kann. Bis zu diesem Abenteuer hatte nastja bisher nur ziemlich gute Schulaufsätze geschrieben – doch nun wurden die Grenzen des Möglichen erweitert und fast vollständig aufgehoben, und das alles nur dank des Einflusses von Borenko. Sie ist in gewisser Weise die Autorin der Dramaturgin nastja kasmina, oder zumindest eine ihrer wichtigsten LehrerInnen. Das Stück “Der kleine Fisch“, dessen erste Lesung durch den Regisseur Stepan Pektejew umgesetzt wurde, ist das Ergebnis eben jener Vorarbeit Nataschas. Und in diesem Stück tritt nastja auch wieder auf die Bühne – indem sie eine der Rollen persönlich vorträgt.

Borenko hat nastja dazu angehalten, darüber zu schreiben, was sie weiß. Dabei gab sie ihr eine große Freiheit in der Wahl der „Instrumente“, die man zur Erstellung einer Geschichte braucht. Das ist durchaus verbreitet, zum Beispiel in der Methode Class Act, wo Jugendliche Stücke nach den Grundprinzipien der Dramaturgie verfassen. “Mir ist dann klargeworden, dass alles, was ich schreibe, sich bislang nur um mich selbst dreht“, sagt nastja. Ihr neues Stück „Marni“ schließt sich daher stimmig an „Der kleine Fisch“ an. Nach den Worten der Autorin sind die Stücke “ähnlich in dem Sinne, dass es darin um alles geht, gleichzeitig aber um nichts.“ Aber das ist doch Mainstream, Nastja… nastja. Schließlich macht das doch unser Leben aus, und genauso unser modernes Drama.

nastja, freeze! Eigentlich wäre es sogar gut, wenn du gar nicht sehen würdest, dass ich dich fotografiere.

nk. Hmm, eigentlich mache ich sogar selber Fotos, ohne zu gucken. Und die guten Fotos entstehen auch genau dann, wenn ich nicht gucke. Ich schaue gar nicht hin und drücke einfach den Auslöser.

Wahrscheinlich lässt sich damit, wie die Texte kasminas geschrieben sind, ein gemeinsames Prinzip nachweisen: ich fotografiere, ohne dabei durchs Objektiv zu schauen. In einem bestimmten Moment scheint der Fokus zufällig, das Motiv schief, verschwommen die Komposition; doch bei alledem wird dir plötzlich klar, dass in diesem Stück eine Art surrealer Mechanismus greift, der nach seinen eigenen, exklusiven Koordinaten funktioniert. In „Der kleine Fisch“ beschreibt nastja eine utopische Weltvorstellung, in der Fischmenschen leben – Wesen mit menschlichen Körpern und Fischköpfen. Es gibt keine Kriege, alle sind glücklich, schweigen und tauschen sich nur mit Hilfe ihrer Gedanken aus. Auf die Frage, ob die Autorin selbst an ideale Welten glaubt, antwortet Nastja entschieden: „Nein! Natürlich nicht.“ Und wundert sich dann selbst über diese Entschiedenheit.

Der Fisch schlägt gegen die Wände des Aquariums, das Mädchen Marni macht einige Male einen Schritt aus dem Fenster und… nein, stirbt nicht. Die Stücke handeln nicht von Suizid. Marni kehrt zurück und versucht erneut, hinauszugehen, aus dieser Welt fortzurennen, um in eine andere zu gelangen, die besser ist. Genauso wie der Fisch. Genauso wie nastja.

Aktuell ist sie eine Autorin zwischen den Welten. Zweifellos allein, weil sie schon kein Kind mehr ist, aber eben auch noch keine Erwachsene. Ihr kommt es so vor, als sei sie noch klein und würde deswegen etwas nicht ganz richtig machen. Aber sie kann auch kein Teenager mehr sein. Sie fühlt sich schon nicht mehr als Teil dieser sorgenfreien Jugend, die uns das Recht gibt, immer wieder Fehler zu machen. Und deswegen waren diese anstrengend-schönen Tage „Ljubimowki“-Tage unter dem psychologischen Druck für 18+-Autoren auch nicht leicht für sie. Sie ist wie eine Fremde unter den ihren. Aber gleichzeitig auch – in einem fremden Imperium – sehr sie selbst. Bei „Ljubimowki“ wurde ihr bewusst, dass das alles doch sehr schwierig ist und noch schwieriger werden würde. Aber dieses Neue sollte den Platz dessen besetzen, was vorher war. Und das ist “ein bisschen wie höhere Gewalt.“ Höher, das bedeutet, dass es eben so hat kommen müssen.

nk. Ich wusste, dass ich beim BDT durchkomme, und ich wusste, dass “Der kleine Fisch“ bei den “Ljubimowki“ angenommen wird. Ich wusste das einfach. Punkt.

In einem der Interviews sagt nastja, dass der Wunsch, zu schreiben, in ihr immer größer wird, und dass sie immer weniger den Wunsch verspürt, Dramaturgin zu werden. Diese paradoxen Worte stellten sich als richtungsweisend heraus. „Dramaturgen sind wunderbare Menschen, aber Dramaturgie wird wohl nicht mein Berufsfeld werden“, sagt kasmina. nastja muss unbedingt etwas Praktisches machen. In ihren Augen hat ein Regisseur mehr schöpferische Rechte und größere Freiheiten in den Grauzonen der künstlerischen Kreativität. Er erschafft seinen eigenen, unabhängigen Himmel, und genauso auch seine eigene Hölle.

Welches Stück inszenierst du, wenn du Regisseurin wirst?

nk. Das erste Stück von Tschechow: “Platonow“.

Tschechow war nur wenige Jahre älter als nastja, als „Platonow“ erschien. nastja meint, dass er vielleicht über etwas schrieb, das er nicht kannte. In gewisser Weise hat er damit also gegen die Regeln verstoßen.

nk. Weißt du, da wird einfach der Zustand abgebildet, der mir am liebsten ist: alles ist schrecklich, aber einem selbst geht es gut.

Das verstehe ich, schließlich ist das ja grundsätzlich der favorisierte Zustand des Theaters. nastjas Überzeugung nach ist sind die schlimmsten Dinge in der Theaterkunst – und im Leben – Bösartigkeiten und Disharmonien. Und zwar absolute Disharmonien: sowohl seelische als auch physische. Sie hat ihre eigene Idee vom Theater. Sie würde sich wünschen, dass irgendwann einmal ein Theater des Guten entsteht. Ohne diese ganze Gewalt gegenüber Zuschauern und Material. Man möchte sofort fragen, ob das bedeutet, dass man aus so einem Theater immer glücklich herausgehen würde. „Das ist doch irgendwie bescheuert, immer glücklich zu sein“, antwortet nastja, nachdem sie etwas nachgedacht hat. Ihre Stimmung und ihre Kunst sind aktuell ein unversöhnlicher Kampf mit gegensätzlichen Sinndeutungen und Wahrheiten. Und das bedeutet, dass die Gesetze der Dramaturgie beachtet wurden.

Wenn nastja nicht Regisseurin werden sollte, wird sie Lichtkünstlerin. Das hat sie so entschieden. Sie sitzt da und blickt begeistert auf die Ausleuchtung der Ziegelmauer der Neuen Bühne, malt mit den Händen infernalische Schatten und spricht davon, wie wunderbar diese Laternen dort unten sind. Schließlich hat sich auch da jemand Gedanken gemacht: es sind nämlich “unterirdische“ Laternen.

Wenn es keine Theaterstücke auf der Welt gäbe, wenn es überhaupt kein Theater gäbe, was würden die Menschen dann machen? Was glaubst du? nk. Ich weiß nicht. Sie würden nicht leben.


Natascha Borenko, Dramaturgin:

nastja kasmina hat an zwei Projekten teilgenommen, bei denen ich als Pädagogin tätig war. Zum ersten Mal haben wir uns bei den „Neuen Leuten“ getroffen (ein Projekt für Jugendliche am Großen Towstogonow-Dramentheater im Jahr 2015). Ich habe damals mit Ada Muchina zusammengearbeitet, und gemeinsam mit unseren Jugendlichen haben wir uns mit dem Thema „Was ist heute ein neuer Mensch“ befasst. Die Jugendlichen haben vieles selbst gemacht: sie haben den Inhalt ausformuliert, Monologe entworfen und die Form des Stücks festgelegt. nastja hat sehr ehrlich gearbeitet und genau das ausgedrückt, was sie beunruhigte. Außerdem war sie sehr selbstkritisch und hat mehrfach etwas neu geschrieben, das Ende noch einmal umgedreht. Gerade deswegen habe ich sie zum dramaturgischen Labor in die Neue Bühne eingeladen. Das Labor ging drei Monate lang, und wir setzten uns darin mit den Gesetzen der Dramaturgie und den Prinzipien der Arbeit an Dokumentarmaterial auseinander. Die Teilnehmer lernten zwei Arbeitsstile kennen: Doku und „Nichtdoku“, sie dachten sich also selbst Geschichten aus und behielten dennoch die Realität im Blick. Im Anschluss entschied jeder selbst, welcher Weg ihm für das Verfassen des eigenen Stücks interessanter schien. Ich denke ehrlich gesagt, dass nasja auch so schon talentiert genug war, und dass mein Labor ihr einfach den Raum gegeben hat, in dem sie ihr Talent entwickeln konnte. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht, weil das Theater sich definitiv nicht mehr von nastja trennen wird.


Anna Banasjukewitsch,
Artdirector von dem Festival „Ljubimowka“:


Dieses Jahr haben wir uns auf dem Festival „Ljubimowka“ das Fringe-Programm „streitbares Territorium“ ausgedacht, auf dem wir Texte präsentieren wollten, die von der traditionellen Vorstellung von einem Theaterstück abweichen. Texte, die den Regisseur vor die Herausforderung stellen: wie lässt sich das umsetzen? Es schien uns, dass nastjas Stück etwas Besonderes, Künstlerisches hat. Mich persönlich hat überrascht, wie jemand, der 16 Jahre alt ist, dermaßen frei mit der Form umgehen kann: sich zum Beispiel einen Epilog ausdenken, in dem uns (ebenfalls in der Form eines dramatischen Dialogs) erzählt wird, wie sie den Text verfasst hat. Ich glaube, das ist auch das Wesen des modernen Theaters: wenn der Text nicht anonym, sondern der Autor aktiv in seinem Text präsent ist, und der künstlerische Prozess und die Reflexionen dazu ebenfalls Teil des Stückes werden, und somit Teil des künstlerischen Ausdrucks.

Text: Anastasia Bokreeva
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: Goethe-Institut Russland
Januar 2017