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Thema:
Schule

Land:
Russland

Schulische Lifehacks

Foto: Artem Kilkin

Im Rahmen des Projekts „Woche der Veränderungen“ besuchte die Petersburger Artmanagerin, Julia Potselueva, Schulen in sieben Städten Nordwestrusslands (Murmansk, Petrosawodsk, Pskow, Nowgorod, Syktywkar, Tscherepowez und Kaliningrad) und verstand, warum es keine „typischen“ Schulen gibt. In jedem Raum fand sie eigene Details, die ihn ganz individuell machten. Auf Wunsch der Redaktion #KuBi sammelte Julia einige schulische „Lifehacks“, mit denen man den schulischen Raum mit improvisierten Mitteln einfach verändern kann oder die die Möglichkeit geben, sich kreativ dem Alltag des Schullebens zu nähern.

Wie man ein Kunstobjekt findet
Das Gymnasium Nr. 49 in Kaliningrad ist von einem alten Hain umgeben, das von ehemaligen SchülerInnen gepflanzt wurde. Und in diesem Hain zieht ein alter Baumstumpf die Aufmerksamkeit auf sich – die Direktorin der Schule erzählte, dass die SchülerInnen diesen Stumpf regelmäßig schmücken und um ihn herum Feste feiern. Ich glaube, dieses Stück Holz hat ein großes Potential zum Kunstobjekt zu werden.

links: der Hain des Gymnasiums Nr. 49 (Kaliningrad) / rechts: Verschönerung, Berufsschule für Volksdiplomatie (Syktywkar). Foto:Julia Potselueva
Wie man Schulkorridore in festliche Hallen verwandelt
In der nächsten Darstellung geht es um die Flure der Berufsschule für Volksdiplomatie in Syktywkar. In ihren typisch tristen Schulfluren wurden die Konturen von Sternen aufgemalt – und schon hörte der Raum auf, trostlos zu sein. Ebendieser Flur wird regelmäßig als Bühne genutzt, da es der Schule an einer Aula fehlt, und der Flur einen schönen gewölbten Eingang besitzt.

Wie man Homosapiens anzieht
Im Gymnasium „Novoschool“ in Novgorod, hängt in einem Klassenraum dank der Initiative von SchülerInnen ein besonderes Bild. Nachdem die SchülerInnen sich zunächst einen eigenen Entwurf ausdachten, beauftragten sie einen Künstler die Idee zu realisieren. Seitdem bekommt der abgebildete Homosapiens jede Schulferien ein neues Outfit – mal mit Weihnachtsmütze, mal mit Fliege. So hat sich ein Ritual etabliert, dass jede Ferien wiederholt werden kann.

Gymnasium „Novoschool“ (Novgorod) / Foto:Julia Potselueva
Wie man eine Art für die Darstellung von Jugendlichen findet
An den Wänden ebenjener Schule findet sich auch eine Galerie, die Porträts der AbsolventInnen zeigt. Gezeigt werden jedoch keine rein klassischen Porträts, sondern persönliche Darstellungen und Interpretationen – wie zum Beispiel das Foto eines Jungen, der ein Schild mit der Aufschrift „Katze getreten“ hält, oder das Foto eines Mädchens neben einer romantischen Landschaft. So entstehen ganz unterschiedliche Geschichten aus verschiedenen Perspektiven auf sich selbst und die Umwelt. Einzige Vorgaben waren: die Gestaltung einer Collage mit einem Porträtfoto und einem Bild, das man mit sich selbst assoziiert.

Ein anderes Beispiel: In der Schule Nr. 34 (Petrosawodsk) gibt es die Tradition, dass die AbsolventInnen zum Abschied etwas malen. Manchmal kommt es vor, dass sich verschiedene Jahrgänge aufeinander beziehen und so einen Dialog aufbauen.

Schule Nr. 34 (Petrosawodsk). Foto:Julia Potselueva
Wie man Jugendlichen Initiative zutrauen kann
In fast jeder Schule gibt es einen „Schulrat“ oder eine „schulische Duma“, aber alle funktionieren unterschiedlich. Manche setzen nur die Ideen der Schulleitung um, bei anderen sind es die Ideen und Initiativen der SchülerInnen, die aufgenommen und realisiert werden. In der Berufsschule für Volksdiplomatie (Syktyvkar) haben sich die SchülerInnen selbständig die "Nacht in der Schule" ausgedacht und organisiert. Meiner Meinung nach schafft solch eine Veranstaltung sehr gut das gewohnte Bild von schulischem Raum aufzurütteln.

In der Schule Nr. 3 (Murmansk) sind die Schulkinder sehr aktiv in das Leben des Schulmuseums miteinbezogen – sie helfen die Sammlung zu vervollständigen, assistieren beim Kuratieren und geben Führungen durch die Ausstellungen.

Die Puschkin-Schule Nr. 9 in Pskow organisiert zusammen mit der städtischen Universität ein Programm für die Abschlussjahrgänge in der ganzen Stadt. Dort werden zum einen Berufsberatungskurse und Exkursionen angeboten, zum anderen haben TeilnehmerInnen die Möglichkeit, sich praktisch zu betätigen. Für die Pflege von Grünflächen etwa erhalten die SchülerInnen ein kleines Gehalt.

In ebendieser Schule geben die SchülerInnen selbst Führungen durch das schulische Museum für Personen mit eingeschränkten Möglichkeiten.

Wie man einen Igel rettet
In der Schule Petrowskaja (Petrosawodsk) gibt es eine Öko-Ecke: in der Bibliothek zum Beispiel, steht eine Vase, in die jedeR seine_ihre gebrauchten Batterien werfen kann. So ist eine sichere Entsorgung garantiert.

Wie man mit Symbolen und visuellen Darstellungen arbeitet In der Industriestadt Tscherepowez, wo der zweitgrößte Stahlerzeuger Russlands, Severstal, stadtbildendes Unternehmen ist, gibt es das „humanitäre Mädchen-Gymnasium“, das eine lange Geschichte und Tradition besitzt. Das ist die einzige Schule, die ich besucht habe, die ihr eigenes Symbol besitzt: eine Muse. Sie schwebt über dem Empfang und begrüßt alle BesucherInnen.

links: Empfangshalle im „humanitären Mädchen-Gymnasium“ (Tscherepowez) / rechsts: Peterschule (Petrosawodsk). Foto:Julia Potselueva
In der Peterschule (Petrosawodsk) wurden die Klassenräume ganz individuell gestaltet. Die Gestaltung entspricht dem Fach, das in dem Raum gelehrt wird. Hier zum Beispiel ein Mathematik-Raum, ein Computer-Raum und ein Englisch-Raum.

Wie man mit Konflikten umgeht
In den meisten Schulen gibt es einen Schulpsychologen oder einen Sozialpädagogen. Im „humanitären Mädchen-Gymnasium“ in Tscherepowez wurde mir erzählt, dass sie für Konfliktsituationen einen eigenen Vermittlungsdienst eingerichtet haben, an den sich jedeR einzelne SchülerIn wenden kann. Dort helfen, von Psychologen geschult und betreut, ältere SchülerInnen ihren MitschülerInnen in schwierigen Situationen weiter. Außerdem geben sie ihre Kenntnisse und Erfahrungen an die nächsten Jahrgänge weiter.

Wie man eine zwischenstaatliche Vollversammlung organisiert In dem nowgorodischen Gymnasium „Novoschool“ findet regelmäßig eine studentische Konferenz statt, die der UN-Generalversammlung nachempfunden ist: es gibt Ausschüsse und Delegierte, gesprochen wird auf Englisch. JedeR TeilnehmerIn wählt selbst, welches Land er_sie vertritt. Geschichts-, Informatik- und EnglischlehrerInnen begleiten die Konferenz. Die SchülerInnen können in der Veranstaltung auch „Karriere“ machen, indem sie etwa in der 7. Klasse noch HelferInnen sind und in der 11. Klasse zu Delegierten aufsteigen.

Wie man eine Ausstellung kuratiert Fast jede Schule stellt selbstgemalte Bilder ihrer SchülerInnen aus; die Vorgehensweise ist dabei sehr unterschiedlich. Eine einfache, aber effektive Variante ist die Bilder auf Schaumstoff zu drucken oder sie an Holzlatten aufzuhängen.
Humnitäres Mädchen-Gymnasium Tscherepowez. Foto:Julia Potselueva
Wie man einen Platz zum Ausruhen gestaltet Ein Entspannungsraum für Kinder – davon träumen viele Lehrer und Eltern. Ein Ort, an dem man sich nach dem Unterricht oder in den Pausen erholen kann, ein Ort, an dem auch mal besondere Veranstaltungen gemacht werden oder Kinder die Nachmittage verbringen können. An der Schule Nr. 24, benannt nach L.I. Maljakowa, in Pskow, wurde aus eigener Initiative heraus solch ein Ort geschaffen.

Wie man einen Co-Working-Raum einrichtet Es ist klar, dass in vielen Schulen Platzmangel herrscht, aber es ist unglaublich wertvoll, wenn Schulen einen freien Raum finden, in dem Kinder und Jugendliche eigenständig arbeiten können: Das kann ein Lesesaal oder ein Medienzentrum sein oder andere ähnliche Örtlichkeiten.

links: Lesesaal, Schule Nr. 23 benannt nach L.I. Maljakowa, (Pskow) / rechts: : Bibliothek in Peterschule (Petrosawodsk). Foto:Julia Potselueva
Wie man einen Spielplatz im Flur organisiert
Wenn es keinen eigenen Raum für Spiele gibt, so gibt es doch einfache Mittel, mit denen der zur Verfügung stehende Platz zu einer Spielzone verwandelt werden kann. Man braucht nur ein wenig Farbe, Tische und Stühle.

Schule Nr. 34  (Petrosawodsk). Foto:Julia Potselueva
Puschkin-Schule Nr. 9 (Pskow). Foto:Julia Potselueva
Wie man KünstlerInnen in die Schule locken kann
Der Schulkorridor kann leicht in eine Galerie verwandelt werden, die die Werke lokaler KünstlerInnen ausstellt.

Wie man über Straßenregeln leicht erklären kann In der Puschkin-Schule Nr. 9 (Pskow) hat ein Lehrer das Projekt „Schkolograd“ initiiert: auf dem Schulboden finden sich Straßenmarkierungen und anstelle der üblichen Straßenumgebung sind besondere Plakate aufgehängt – Abbildungen vom Haus des Inspektors „Svistulkin“ und des Professors „Mudretsov“.

Außerdem kann man Inspektor Svistulkin Briefe schreiben – und er antwortet jedem_r SchülerIn persönlich. Mir wurde ein Briefwechsel gezeigt, bei dem gefragt wurde, wieso man hinter dem Steuer nicht schlafen sollte.

Puschkin-Schule N9 (Pskow). Foto:Julia Potselueva
Dort gibt es auch ein Plakat, das der Lehrer gemeinsam mit SchülerInnen gestaltet hat – das Plakat zeigt, wie man sicher von der Schule nach Hause kommt. Durch dieses Projekt wurden die Verkehrsregeln über die kreative Gestaltung vermittelt. Gleichzeitig wurde den jungen SchülerInnen gezeigt wie sie sich sicher im urbanen Raum orientieren können.

Wie man sich im Werkunterricht an Eugen Onegin* erinnern kann
In der Schule Nr. 9 gibt es einen Raum, in dem „oneginische Bänke“ stehen, die von SchülerInnen im Werkunterricht gebaut wurden. Genau die gleiche Bank steht auch in den „Puschkinskije Gory“ („Puschkin-Bergen“)**.

Puschkin-Schule N9 (Pskow). Foto:Julia Potselueva

Text: Julia Potselujewa
Copyright: Goethe-Institut Russland
Oktober 2017
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