Magazin

Das einzige zweisprachige Online-Portal für Projekte der kulturellen Bildung aus Russland und Deutschland. Sie können die Auswahl durch die Filterkriterien Themen und Länder eingrenzen.
Dieses Projekt ist inzwischen beendet. Bei Fragen oder Kommentaren wenden Sie sich bitte an info-spb@goethe.de

Filter zurück setzen

Wie komme ich zur Bibliothek?

© ZMBS Viborgskij Rajon St.Petersburg

Heutzutage ist ein Buch nicht mehr die einzige Quelle des Wissens. Heute, wo die Auswahl an Bildungsmöglichkeiten so groß ist, dass man die Qual der Wahl hat und sich kaum mehr zurechtfindet, bleibt das Problem der Kinder- und Jugendbuchlektüre eine der meistdiskutierten Fragen unserer Gesellschaft. Es gibt gesetzliche Maßnahmen zur Leseförderung bei Kindern sowie Seminare, Konferenzen und Diskussionsrunden. Die Bibliotheken stehen in dieser Liste nicht an letzter Stelle. Sie lösen dieses sie existenziell bedrohende Problem auf ganz eigene Weise.

Jede größere St. Petersburger Bibliothek platziert auf ihrer Website einen Überblick über die Kinder- und Jugendliteratur, Elternempfehlungen sowie ausgewählte Fachliteratur. Schulen messen sich in Lesewettbewerben untereinander.

In der Städtischen Puschkin-Kinder- und Jugendbibliothek wurde nicht nur ein Technopark mit einem 7D-Kino ins Leben gerufen, sondern auch Multimedia-Tools, ein 3D-Labor und Roboterspielzeug. Bald soll auch ein „Virtual Reality“-Helm dazukommen. „Für die Generation der Jugendlichen von heute bietet eine Bibliothek mit Unmengen von Büchern Aggressionspotenzial“, findet Direktorin J. M. Dementjewa. „Elektronische Medien nehmen sie noch vor Büchern in die Hand. Mithilfe der Technologie können wir diesen Konflikt entschärfen: Die Generation von heute kommuniziert lieber mit Telefon und Tablet-PCs als mit Büchern.“ Die Bibliothekare erzählen, dass einmal eine Mutter kam, deren Tochter „einem Roboter etwas vorlesen wollte“, obwohl sie zuhause kein Buch in die Hand nahm. Daran ist nun nichts Außergewöhnliches. In der Regionalen Bibliothek des Wyborgskij Bezirk findet man das „Hundelesestudio BücherWUFF“, wo Kinder in einer entspannten Atmosphäre speziell dafür ausgebildeten Hunden Bücher vorlesen. Nach Meinung der Projektleiter „können regelmäßige Sitzungen Lesedefizite korrigieren“, motivationssteigernd wirken sowie „Leseverständnis und geschwindigkeit verbessern“.

Und doch liegt die Zukunft der Bibliothek nicht in ihrer technischen Ausrüstung oder der Anzahl höriger Hunde oder Roboter. Spezialisten gehen davon aus, dass den Kindern von heute die sogenannte „horizontale“ Kommunikation fehlt. Diese Lücke seien weder Familie noch Schule zu füllen imstande – Bibliotheken hingegen schon. Dank engagierter und talentierter Bibliotheksmitarbeiter entstehen neue, interessante Projekte, für die ein vertrauensvoller Umgang sowie das Prinzip der freien Arbeit mit Kindern und Jugendlichen grundlegend sind. Zu den Projekten, die sich des größten Interesses erfreuen, gehören diejenigen, die die Kinder zum Lesen bewegen, indem sie deren Fantasie anregen, ihnen einen kreativen Zugang zur Dichtkunst des Autors bieten und sie durch ein Buch ihren eigenen Platz in der Welt finden lassen.

Lesen als Kunst: Wir spielen Buch
Vor einigen Jahren erfanden die damaligen Bibliotheksmitarbeiterinnen der Kinder- und Jugendbibliothek im Kalinin-Landkreis von St. Petersburg, Tatjana Schulajewa und Nadeshda Kamenewa, das Spiel „Wortfabrik“. Bei „Wortfabrik“ geht es darum, dass sich die Spieler von einem Spielfeld ins nächste bewegen und dabei Wörter sammeln, aus denen sie im Finale einen eigenen Text erstellen müssen. Bei „Botanik“ erhalten die Teilnehmer getrocknete Pflanzen, die sie nach einem vorgegebenen Schema benennen und zu einem Herbarium zusammenstellen müssen.

Die Autoren bezeichnen ihre Spiele als „atmosphärisch“ und betonen, dass es ihnen nicht um die Geschichte oder die Helden geht, sondern um die Illustrationen sowie die Mehrdeutigkeit des Textes trotz seiner Kürze, Kriterien, die auch die Auswahl der Werke maßgeblich beeinflussten. Das Startfeld für die Fantasie bildet die visuelle Reihe, während das auf ihr fußende literarische Schaffen Ziel des Spiels ist. „Wir wollten ein Spiel kreieren, mit dessen Hilfe man einige Zeit in einem Buch leben und daraus – aus dieser parallelen Welt des Buches – auswendig einen Textabschnitt extrahieren kann“, schreiben die Autoren zum Grundgedanken der „Wortfabrik“. Eine Grundregel und Bedingung für die benötigte Atmosphäre ist die Teilnahme aller Anwesenden am Spiel. Dadurch wird das traditionelle Unterrichtsformat durchbrochen: Auch der Lehrer wird zu einem Spieler, der die gleichen Rechte hat wie die anderen Teilnehmer.

Besondere Aufmerksamkeit gilt der Umgebung, die die Bedingungen schaffen soll, denn jedes Spiel ist immer auch ein bisschen Theater, eine einzigartige Welt, wo Fantasie und Realität verschmelzen und bei allen Teilnehmern das nötige kreative Bewusstsein hervorrufen.

Ebenso wenig fußt die Lehrmethode auf der Hausaufgabenkontrolle nach dem traditionellen Frage-Antwort-System; sie zielt vielmehr darauf ab, tief in die Welt des Autors einzutauchen und eine eigene Sicht auf und ein Gefühl für den Text zu entwickeln. Im Laufe des Spiels müssen die Teilnehmer unbedingt etwas selbst handwerklich herstellen: Bei „Wortfabrik“ ist das ein Collage-Text aus Papierwörtern unterschiedlicher Fakturen und Farben, bei „Botanik“ ist es ein Herbarium. „Einzelne Spielteile sind wie Workshops in Kalligraphie, Latein, Literatur, Bildender Kunst und Floristik gestaltet“, schreiben die Autoren. „Aber das Ganze ist in diesem Fall größer als die Summe seiner Einzelteile: Es ist die Erfahrung, ein Buch in einem eigens dafür geschaffenen, ‚atmosphärischen’ Raum zu durchleben und in einer begrenzten Zeit ein einzigartiges Artefakt zu kreieren – die Internetseite Das Buch der wundersamen Pflanzen.

Subkultur im Literaturatelier
Eine der Erfinderinnen dieser Spiele ist Nadeshda Kamenewa. Die ehemalige Bibliothekarin ist heute Redakteurin der Zeitschrift Kostjer („Lagerfeuer“) in der Rubrik „kreative Kinder“ und leitet seit vielen Jahren ein Literaturatelier. Das Geheimnis des Erfolges von „Wortfabrik“ und „Botanik“ steckt in der Kombination von Lesen und literarischem Schaffen. Das Literaturatelier von Nadeshda Kamenewa gehört zur Kalininer Landkreis-Kinder- und Jugendbibliothek, wo Kinder und Jugendliche Gedichte und Prosatexte verfassen. Einmal pro Woche lesen sich die Kinder in einer gemütlichen Atmosphäre, an einem runden Tisch bei Tee und Gebäck, ihre Aufsätze gegenseitig vor, diskutieren sie oder bearbeiten Express-Aufgaben zu einem bestimmten Thema, aber vor allem bekommen sie – und das ist das wichtigste – eine Rückmeldung von der Atelierleiterin. Nadeshda macht genaue und subtile, überlegte und akkurate Anmerkungen, um die (in diesem Alter sehr empfindlichen) Jugendlichen nicht zu kränken oder ihnen die Lust an ihrem Schaffen zu nehmen.

Nadeshda Kamenewa erzählt:
„Jemand kommt für einen ersten Eindruck hierher, den kriegt man nämlich selten woanders. In der Familie steht man dir als Kind sehr persönlich gegenüber, sofort wird gefragt, in wen du dich verliebt hast. Die Schullehrer werden wahrscheinlich deine Fehler korrigieren, während erste kreative Impulse direkt in klassische, formelle Schubladen gezwängt werden, auch das hatte ich schon. Deine Freunde werden nichts sagen, um keinen Streit vom Zaun zu brechen. Hier aber treffen sich Gleichgesinnte, die deinen Aufsatz oder dein Gedicht ohne bösen Willen auseinandernehmen und sich gegenseitig was erklären. Es bringt mehr, sich eine Gedichtanalyse von jemand anderen anzuhören als von deinem eigenen Gedicht.

In der Regel besteht der Unterricht aus drei Teilen: Zunächst lesen die Teilnehmer vor, was sie die ganze Woche über geschrieben haben. Manchmal nimmt das den gesamten Unterricht ein, denn wenn viele Leute kommen, werden viele Texte vorgelesen. Wenn noch Zeit ist, gebe ich den Teilnehmern die Aufgabe, einen Essay zu schreiben, entweder zu einer bestimmten literarischen Methode oder Technik oder einfach so, um den kreativen Prozess nicht zu unterbrechen. Danach hören wir uns die Texte wieder an und diskutieren sie zusammen. In diesen zehn bis fünfzehn Minuten entsteht bei jedem Einzelnen eine völlig andere Geschichte, sowohl stilistisch als auch inhaltlich.

Dieses Jahr haben wir zum ersten Mal das Hausaufgabensystem ausprobiert. Wie sich herausstellte, war das eine notwendige, ja völlig unabdingbare Maßnahme für meine Atelierbesucher. Bisher haben sie leider nicht den nötigen Antrieb, von alleine zu schreiben, noch brauchen sie den Druck von außen. Es fällt ihnen schwer, aus dem Strom von Ereignissen in ihrem Leben ein für sie wichtiges Thema auszusuchen. Deshalb führt selbst der kleinste Einwurf von einem oder mehreren Wörtern zu einer Flut von Texten. Momentan gebe ich ihnen ein Thema und eine Deadline. Ich fordere von ihnen, dass sie ihre Texte qualitativ perfektionieren, nicht nur inhaltlich, sondern auch im Aufbau, damit der Text in Absätze gegliedert ist und die Zeichensetzung stimmt. Unser Ziel ist es, die goldene Mitte zu finden zwischen Handwerk und Arbeit aus Inspiration.

Das Kind wird in dem Moment zum Jugendlichen, wo es auf tragische Weise begreift, wie unvollkommen diese Welt ist und wie wenig es selbst ausrichten kann. Die Jugendlichen von heute sind die unglücklichsten Menschen überhaupt, und sie brauchen Unterstützung. Die Welt hat sich auf sie gestürzt, sodass sie ihre Macht und vor allem ihre eigene Ohnmacht erkannten. Diejenigen, die diesen Prozess der Erkenntnis mit Texten beginnen, die also versuchen, sich die Beschaffenheit der Welt mit Hilfe von Texten selbst zu erklären, verdienen meinen größten Respekt, weil sie dafür zu Literatur und Kreativität greifen. Durch jeden von ihnen verstehe ich vieles besser. Ich fühle, wie sie strampeln, kämpfen, sich widersetzen, etwas für sich beschließen und schließlich versuchen, sich an diese Entscheidung zu halten. Wir Erwachsene wissen, wie schwer das ist.“

„Du bist nicht allein“: Die Selbsthilfebibliothek
In der russischen Gesellschaft gehört es sich nicht, mit Jugendlichen über schwere, grenzwertige Themen zu sprechen. Ein Buch kann zum Gesprächspartner werden, der Antworten auf viele Jugendfragen bieten, helfen oder sogar retten kann. Die Bibliotherapie bietet dem Kind eine Alternative, eine schonende Methode der Selbst(er)kenntnis durch Lesen. Das Buch wird zu einem unschätzbaren Begleiter auf dem Weg ins Leben, in die Welt der Erwachsenen, in das System zwischenmenschlicher Beziehungen. Doch wie soll man dieses gerade heute so notwendige Buch finden?

Bibliotheksleitern der Zentralen Kinder- und Jugendbibliothek des Petrograder-Bezirkes Tatjana Schulajewa berichtet:
„Bibliotherapeutische Arbeit ist im Umgang mit einem jugendlichen Publikum sehr wichtig. Sie werden mit ihren Problemen und Fragen nicht zu den Erwachsenen gehen und schon gar nicht zum Schulpsychologen. Aber sie können immer zu einem guten Buch greifen, das ist oft besser als ein Psychoanalytiker. Was ist heute das Wichtigste in unserer Gesellschaft? Zu verstehen, dass du nicht alleine bist. Dass es jemanden mit den gleichen Problemen und Schwierigkeiten, den gleichen inneren Kämpfen gibt. Genau diesen Gedanken wollten wir den Jugendlichen nahebringen, als wir das kommentierte Verzeichnis „Du bist nicht allein“ druckfertig machten. Er listet die fünfzig beliebtesten und interessantesten Jugendbücher aus Russland und der Welt auf. Das Verzeichnis wird im neuen Jahr erscheinen. Die Druckversion kann man in den Bibliotheken des Petrograd-Bezirkes ausleihen, die Online-Version wird über unsere Internet-Ressourcen und Website zugänglich sein. Wir hoffen, dass es zu einem wichtigen Anhaltspunkt in der Welt der Jugendliteratur wird. Jeder Kommentar wird von einem kleinen Leuchtturm eingeleitet, der in einem Satz den Inhalt des Buches zusammenfasst und einen Hinweis auf ein für Jugendliche potenziell wichtiges Thema beinhaltet. Anhand dieses Satzes lässt sich beurteilen, ob bzw. wie sehr man dieses Buch gerade braucht.“

Die Zusammenarbeit mit Jugendlichen läuft in der Petrograder Bezirksbibliothek systematisch ab. Da wäre zum einen der traditionelle Gruppenunterricht mit Schulklassen und Literaturateliers, in denen ein Überblick über die Jugendliteratur zu verschiedenen Themen geboten wird und Bücherspiele, Buchbesprechungen, Gespräche zu für Schulen unbequemen Themen (beispielsweise zu den Stalinistischen Repressionen) sowie Treffen mit interessanten Persönlichkeiten stattfinden. Und da wäre zum anderen die überaus komplexe individuelle Arbeit, die in vielerlei Hinsicht von der Persönlichkeit des Bibliothekars abhängt.

Tatjana Schulajewa erzählt: „Es fängt alles klein an: Am Eingang zum Literaturbereich für ältere Jugendliche haben wir in einem Regal die nach unserer Ansicht besten Jugendbücher zusammengestellt. Und die Leute wissen, dass hier die ganz coolen Schmöker stehen. Wenn sich auch nur fünf Schüler aus einer Klasse nach einer Gruppenstunde für einen Bibliotheksausweis registrieren, um eines der besprochenen Bücher auszuleihen, ist das schon ein voller Erfolg. Es gibt aber unterschiedliche Fälle. Manchmal kommen auch die Eltern zu uns und sagen: ‚Mein Kind liest nicht, oder es liest, aber irgendwie das Falsche. Geben Sie uns doch eine Empfehlung’. Dann geben wir ihnen Bücher mit. Einmal, zweimal, es gefällt ihnen, sie kommen wieder, und nach einem Jahr kommt der Jugendliche selbst, das hatten wir mal. Vertrauen zu gewinnen ist äußerst schwierig.

Die Arbeit mit einem jugendlichen Publikum ist immer eine Enthüllung, sie bietet die Möglichkeit, über Größeres zu sprechen und den Rahmen eines Themas zu sprengen. Manchmal gelingt es den Kindern während der Gruppensitzungen kurz zu vergessen, dass ‚ein großer und schlauer Jemand mich beobachtet’. Im Anschluss kommen erstaunte LehrerInnen zu uns und wundern sich: ‚Ich hätte nie gedacht, dass dieser Junge so denken und so schreiben kann!’. Hier in der Bibliothek können sich Kinder entfalten, was in der Schule selten passiert, weil es dort feste Verhaltens- und Beziehungsmuster gibt; eine Schule trägt hierarchischen Systemcharakter.

Natürlich ist es besser, diesen Prozess schon von klein auf zu beginnen, damit der Bibliotheksmitarbeiter in der Pubertät nicht erst das Vertrauen des Jugendlichen gewinnen und ihm erklären muss, dass er nicht zu den Bösen gehört. Wenn man sein Kind gut kennt, kann man ihm ein Buch nach seinem Geschmack zurücklegen lassen. Für die Zukunft planen wir eine Ressource, wo Jugendliche eine anonyme Anfrage für ein Buch hinterlassen und ihre Situation oder Probleme beschreiben können.“


Text: Ekaterina Ribas
Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland

Januar 2018