Gabriele Leupold im Gespräch

Aus was für einer Familie stammen Sie? Was haben Ihre Eltern beruflich gemacht?

Mein Vater und meine Mutter waren Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Meine Mutter stammte aus Ostpreußen (dem heutigen Kaliningrader Gebiet), mein Vater aus Schlesien (heute Polen). Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte mein Vater in Lemberg studiert, weshalb er hervorragend Polnisch sprach. Meine Mutter war jünger und sprach kein Polnisch. Die Eltern gaben mir das Gefühl, dass die Welt, in der wir lebten, nicht die wirkliche, echte Welt war, dass die, aus der sie kamen, echter und besser war. Als wir klein waren, erzählten sie meinen Schwestern und mir von der Welt ihrer Kindheit wie von einem verlorenen Paradies. Das hat mich stark beeinflusst.

Erzählen Sie von Niederlahnstein, wo Sie geboren wurden.

Wir lebten am Rhein, in einer katholischen Gegend, in der man Karneval feiert. Diese westdeutsche Kultur unterschied sich deutlich von der meiner protestantischen Eltern. Meine Mutter arbeitete als Krankenschwester in einem Krankenhaus in Niederlahnstein, wo ich und etwas später auch meine Schwestern, die Zwillinge sind, geboren wurden. Die Lahn fließt durch die Stadt, weshalb der obere Teil, wo wir gewohnt haben, Oberlahnstein heißt, und der untere Teil Niederlahnstein.

In den Nachkriegsjahren herrschte in Deutschland Katerstimmung. Die Leute waren schockstarr, und um alles zu vergessen, gaben sie sich dem Essen und Trinken, dem Einkaufen und dem Reisen hin. Mehrere meiner Onkel sind im Krieg umgekommen. Ich kann mich erinnern, wie meine Mutter vor Weihnachten kleine Socken gestrickt hat. Es war klar, die Socken waren für uns Kinder, aber als wir sie fragten, für wen sie strickt, sagte sie: „Für die Soldaten.“ Sie wiederholte diese Worte, die aus einer anderen Zeit stammten, offenbar ohne sich dessen bewusst zu sein. Während des Kriegs hatten deutsche Frauen Socken für die Soldaten gestrickt; so wie die russischen Frauen wahrscheinlich auch. Die Städte waren zerstört, viele Männer hatten Arme und Beine verloren. Einem Kind, das von unten schaut, fällt ein leeres Hosenbein sofort auf.

Mein Vater war Mathematiker und wollte Professor werden. Er schrieb Novellen, die aber nicht publiziert wurden. 1961, da war er fast fünfzig, promovierte er noch. Eine meiner Schwestern wurde Schriftstellerin, was ja auch mein Vater hatte werden wollen, die andere wurde Krankenschwester wie meine Mutter.

Gab es bei Ihnen zu Hause viele Bücher?

Ja, unsere Bibliothek war recht gut. Mein Vater interessierte sich für zeitgenössische Literatur, auf Deutsch, Polnisch und in Übersetzung aus anderen Sprachen.

Wie viele Fremdsprachen sprechen Sie?

In der Schule hatten wir Latein, Englisch und Französisch, später habe ich mich in Japan ein Jahr lang mit dem Japanischen beschäftigt. Ich wollte eine nicht-indogermanische Sprache lernen. Japanisch hat eine komplizierte Schrift und viele Höflichkeitsstufen. Männer sprechen anders als Frauen. Alle meine Kollegen waren Männer. Wenn ich Fehler machte, wurden alle um mich herum rot, obwohl sie ja wussten, dass ich Ausländerin war. Ich habe in Fukui, einer Stadt am Japanischen Meer, Deutsch unterrichtet. Das war ein interessantes Jahr, aber die Sprache ist bei mir seitdem etwas in Vergessenheit geraten. Polnisch spreche ich schlechter als Russisch. Ich habe zusammen mit einer polnischen Kollegin ein wenig aus dem Polnischen übersetzt.

Was unsere häusliche Bibliothek angeht: Da gab es Bücher von Dostojewski, Tolstoi, Kafka, eine imposante polnische Mickiewicz-Ausgabe und viele Bücher zeitgenössischer Autoren – Böll, Grass, …. In den 1960er-Jahren kaufte mein Vater noch Bücher, dann begann er zu kränkeln und verlor das Interesse.

Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie zum ersten Mal begriffen, dass Sie eine Übersetzung vor sich haben?

Nein. Darüber habe ich erst nachgedacht, als ich selbst angefangen habe zu übersetzen. Ich kann mich an den Text erinnern, der mir als Erstes Lust machte aufs Übersetzen. Es war „Kotik Letajew“ von Andrej Belyj. Mein Russisch war noch schlecht, und das Buch gab es nicht auf Deutsch. Wahrscheinlich war es damals schon ins Französische und Englische übersetzt worden. Der Fischer Verlag bot mir später an, diesen Text zu übersetzen, sie wussten gar nicht, dass ich genau das vorhatte. Es gibt das Phänomen, dass ein Text …

… seinen Übersetzer findet?

… oder in der Luft liegt. Mit einem Freund, Wolfgang Beilenhoff, habe ich beispielsweise Ossip Mandelstams „Gespräch über Dante“ übersetzt, gleichzeitig arbeiteten zwei andere Übersetzer daran: einer in der BRD, der andere in der DDR. Bis dahin hatte sich fast fünfzig Jahre lang niemand dafür interessiert.

Haben Sie anfangs das übersetzt, was Ihnen Verlage angeboten haben, und jetzt sind häufiger Sie es, die Verlagen etwas vorschlägt?

Ich habe immer etwas angeboten. Anfangs stießen meine Vorschläge nicht auf Interesse, dafür haben die Verlage andere Texte bei mir in Auftrag gegeben; später hat sich das sehr geändert.

Als Sie anfingen zu übersetzen, wie war es da um die Übersetzung russischer Literatur ins Deutsche bestellt?

Aus dem Russischen wurde schon immer viel übersetzt, es gab renommierte Kollegen, aber ich kannte niemanden und habe mir alles selbst beigebracht. Meine erste veröffentliche Übersetzung war dann das „Gespräch über Dante“ − Teamwork, wie gesagt, und wir hatten beide keine Übersetzungserfahrung.

Jeder übersetzte einen Teil des Textes?

Nein. Wolfgang Beilenhoff veranstaltete damals an der Uni Konstanz ein Seminar, das darin bestand, gemeinsam mit den Studenten einen Text zu übersetzen; er hatte bereits einen deutschen Verleger dafür gefunden. Von den etwa vier Studenten des Seminars bin am Ende ich übriggeblieben. Wir haben jedes Wort besprochen und interpretiert und miteinander nach Lösungen gesucht. Dann ging ich für ein Jahr nach Russland, und in dieser Zeit ruhte die Übersetzung. Danach lasen wir sie uns laut vor und überarbeiteten sie. Der zeitliche Abstand war produktiv, aber auch das laute Lesen. Wie hilfreich es bei der Arbeit ist, sich den Text laut vorzusprechen, darüber wurde übrigens auch kürzlich auf einer Konferenz zum Übersetzen diskutiert, hier in Moskau an der RGGU (der Staatlichen Russischen Universität für Humanwissenschaften).

Haben Sie oft im Tandem übersetzt?

Ja, ich übersetze gern zu zweit. Natürlich hängt es auch vom Text ab, davon, ob es ein literarischer oder wissenschaftlicher Text ist, Lyrik oder Prosa. Bei der gemeinsamen Arbeit lernt man viel. Aber natürlich übersetze ich viel mehr allein, und tue es auch gern.

Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihrer Arbeit mit Verlagslektoren gemacht?

Sie haben ihre Änderungswünsche an meinen Übersetzungen immer mit mir besprochen. Meine unangenehmste Erfahrung habe ich mit einem Lektor bei Suhrkamp gemacht, der mit irgendetwas unzufrieden war, ohne mir genau zu erklären, was er einzuwenden hatte. Ich übersetzte damals Michail Bachtins Buch über Rabelais. Der Text enthält viele Wiederholungen, was für den russischen Stil charakteristisch ist und gewissermaßen als eine Höflichkeit des Autors gegenüber dem Leser zu verstehen ist. Außerdem glaube ich, dass Bachtin, als er das Buch schrieb, einsam war und das Gefühl hatte, seine Worte würden nicht gehört. Daher die Wiederholungen nach folgendem Muster: In diesem Kapitel erzähle ich Ihnen hiervon, im nächsten werde ich davon sprechen; und das nächste Kapitel beginnt dann mit: Im letzten Kapitel habe ich hiervon gesprochen … Innerhalb von zwei Wochen habe ich aus dem dicken Buch sämtliche Wiederholungen dieser Art herausgestrichen und auch meine weniger eleganten übersetzerischen Lösungen überarbeitet.

Meinungsverschiedenheiten mit Lektoren gab es später nicht mehr. Ich habe mich immer bemüht, möglichst ausgereifte Übersetzungen abzugeben.

Ich arbeite viel mit meiner Freundin Katharina Raabe zusammen, Lektorin bei Suhrkamp. Der Verleger, für den ich Schalamow übersetze, spricht kein Russisch und schlägt mir immer nur wenige Korrekturen vor; dafür überprüft die Herausgeberin meine Arbeit Wort für Wort. Sie ist in Russland aufgewachsen, und es dürfte ihr nichts entgehen. Zu dritt arbeiten wir sehr gut zusammen.

Gibt es derzeit viele Übersetzer russischer Literatur in Deutschland?

Nach dem Fall der Berliner Mauer haben wir, die westdeutschen Übersetzer, unsere Kollegen aus der DDR kennengelernt. Die meisten von ihnen waren damals um die fünfzig. Nur eine war jünger als ich - Ganna-Maria Braungardt, die heute unter anderem das Werk von Ljudmila Ulitzkaja übersetzt. Wir im Westen waren darauf eingestellt, freiberuflich zu arbeiten; die Kollegen aus der DDR mussten ins kalte Wasser springen. Ihre Auftraggeber, die DDR-Verlage, gingen ein oder wurden an andere Häuser verkauft, umstrukturiert und oft stark verkleinert. Nicht alle unsere Kollegen schafften es, auf dem gesamtdeutschen Markt Fuß zu fassen. Sie hatten die Möglichkeit, in ABM-Projekten unterzukommen und auch Arbeitslosengeld zu beziehen, doch viele von ihnen sind relativ bald in den Ruhestand gegangen. Derzeit gibt es vielleicht zwanzig Übersetzer aus dem Russischen und auch immer wieder neue, die gerade am Anfang stehen. Es ist unklar, ob sie beim Übersetzen bleiben können. Pro Jahr erscheinen in Deutschland bis zu 80 russische Titel, eine Zahl, die relativ stabil ist.

Gibt es viele Übersetzer in Deutschland, die ausschließlich übersetzen, oder ist die Mehrheit auch in anderen Bereichen tätig, im Verlagswesen, Journalismus oder der Wissenschaft?..

Es gibt „reine“ Übersetzer, andere übersetzen neben ihrer eigentlichen Arbeit und wieder andere arbeiten zusätzlich als Lektoren, Journalisten, schreiben oder unterrichten.

Zu welcher Kategorie zählen Sie sich?

Ich bin im Prinzip eine „reine“ Übersetzerin. Bis 1990 habe ich Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, seitdem veranstalte ich auch Übersetzerseminare für meine Kollegen und für Studierende. Vom Übersetzen sollten alle − künftige Philologen, Lektoren, Literaturkritiker, Lehrer und jeder, der den Wunsch verspürt − etwas verstehen.

In Deutschland gibt es eine „virtuelle Akademie der Übersetzungskunst“. Diese Akademie, die kein eigenes Gebäude besitzt, bietet Seminare für professionelle Übersetzer zu unterschiedlichen Themen an. Die Idee zu der Akademie hatte Rosemarie Tietze, die Übersetzerin von Andrej Bitow und anderen wichtigen russischen Autoren. Sie hatte bereits Ende der 90er Jahre festgestellt, dass es zu wenige Förderungen für Übersetzer gibt, und beschloss, diesen Umstand nicht auf sich beruhen zu lassen. Auf Bundesebene war damals noch das Innenministerium für Kulturfragen zuständig. Rosemarie lud die Beamten aus dem Ministerium ein und erläuterte ihnen, was die Übersetzer tun und warum man sie unterstützen muss. Zunächst stellte man Reste aus dem Budget bereit, aber mit der Zeit wurde die Summe recht beachtlich. Rosemarie Tietze war viele Jahre Vorsitzende des 1997 gegründeten Deutschen Übersetzerfonds, der sehr unterschiedliche Förderinstrumente kennt, von der Unterstützung einzelner einzureichender Übersetzungen bis hin zu Seminaren und Workshops. Wenn ein Übersetzer sich beispielsweise in einem neuen Genre ausprobieren will, kann ihm ein Mentor zur Seite gestellt werden, und beide erhalten für ihr Projekt eine Förderung. Man kann ein Aufenthaltsstipendium beantragen, um eine gewisse Zeit im lettischen Internationalen Schriftsteller- und Übersetzerhaus in Ventspils, im Baltic Centre for Writers and Translators in Visby auf der Insel Gotland, im Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen oder im Schweizer Übersetzerhaus Looren zu verbringen.

Erhalten die meisten Übersetzungen in Deutschland Förderungen?

Nein, natürlich nicht. Der Verlag oder der Übersetzer muss sie in jedem Fall beantragen und eine Übersetzungsprobe vorlegen. Der Deutsche Übersetzerfonds finanziert auch Übersetzerwerkstätten. So erhielten wir Geld für unsere Videodokumentation „Spurwechsel. Ein Film vom Übersetzen“ und für eine Konferenz und das daraus entstandene Buch „In Ketten tanzen. Übersetzen als interpretierende Kunst“.

Wer hatte die Idee zu diesem Film, und ist er so geworden, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

Die Idee hatte Maja Pflüger, eine Bereichsleiterin in der Robert Bosch Stiftung, die bis dahin große Verlagsprojekte unterstützt hatte, wie beispielsweise die 50-bändige Polnische Bibliothek im Suhrkamp Verlag (1980 bis 2000) oder die Tschechische Bibliothek bei der Deutschen Verlags-Anstalt, die vor ein paar Jahren mit dem 33. Band abgeschlossen wurde. Im Herbst 2002 kam Maja Pflüger auf die Frankfurter Buchmesse und regte an, dass wir − fünf Kollegen, die aus dem Russischen übersetzen − uns für den Gastlandauftritt Russlands auf der Frankfurter Buchmesse etwas Besonderes überlegen sollten. Den naheliegenden Gedanken, ein Buch zu machen, verwarfen wir rasch. Wir wollten die Gesichter der Übersetzer zeigen, die man bei uns viel weniger kennt als in Russland. So wurde die Idee geboren, Übersetzer vor die Kamera zu holen und sie anhand konkreter Beispiele über ihr Metier sprechen zu lassen. Jeder von uns machte zwei Video-Interviews, mit einem russischen und einem deutschen Übersetzer. Wir wählten das jeweilige Paar danach aus, ob ihre übersetzerischen Vorlieben zueinander passten. Durch den Schnitt wurden fünf Dialoge daraus. Unter den russischen Gesprächspartnern war auch Tatjana Baskakowa, auf die wir dank eines Interviews mit Ihnen gestoßen sind.

Die weiteren russischen Übersetzerinnen und Übersetzer waren Solomon Apt, Sergej Romaschko, Michail Rudnizkij und Marina Korenjewa.

Ja. Wir stellten Fragen, die mit der Übersetzungspraxis zu tun hatten, jedoch auf einer theoretischen Grundlage: unser Ziel war, alle wesentlichen Fragen des Übersetzens anzuschneiden, aber für interessierte Laien verständlich zu bleiben. Die Themen haben wir unter uns aufgeteilt.

Der Film wird an Universitäten gezeigt, in Seminaren zum Übersetzen, auch auf Literaturfestivals, er wurde zu Dokumentarfilmfestivals eingeladen und wird von Übersetzern gekauft. Im Prinzip sind wir mit dem Ergebnis zufrieden. Als Nächstes möchten wir etwas zu Übersetzerbiografien machen, es ist noch unklar, was, vielleicht ein Buch mit Interviews oder ein biografisches Nachschlagewerk.

Nehmen Sie die Möglichkeit wahr, einem Autor Fragen zu seinem Text zu stellen?

Ja. Mit Wladimir Sorokin war es sehr angenehm zu arbeiten, mit Wiktor Sosnora auch, wenn auch technisch aufwendiger, da er extrem schwerhörig ist. Ich rief an und diktierte seiner Frau meine Fragen, dann kam er ans Telefon und antwortete bereitwillig. Er nahm die Fragen als Zeichen der Aufmerksamkeit für seinen Text. Später trafen wir uns und klärten die letzten Details. Ich habe aber auch viele Autoren übersetzt, die nicht mehr am Leben sind. Manchmal habe ich auch keine Fragen. Erheblichen Gesprächsbedarf hatte ich beim Übersetzen der Gedichte von Dmitri Golynko.

Im Grunde gibt es zwei Sorten von Schriftstellern: Die einen antworten gern auf Fragen und schätzen es, dass ihre Texte aufmerksam gelesen werden, die anderen fühlen sich von Nachfragen bedroht, sie fürchten, nicht verstanden zu werden. Einmal ist es vorgekommen, dass ein Autor aggressiv auf meine Fragen reagierte. Es gibt Autoren, die bei Nachfragen denken, dass du ihr Werk verändern willst. Und natürlich bedeutet Übersetzen an sich, dass sich der Text gegenüber dem Original verändert.

Sie arbeiten in verschiedenen Genres. Ist für Sie in erster Linie der Text wichtig, und das Genre ist zweitrangig?

Ich wechsle gern das Genre. Ich liebe die verdichtete Prosa von Lyrikern, die mir vielleicht auch am meisten liegt. Ich würde keine schlechten Texte übersetzen wollen, die von manchen Übersetzern virtuos in etwas Lesbares verwandelt werden. Mit so etwas habe ich wenig Erfahrung. Ich mag Texte, in denen jedes Wort bedeutsam ist und es lohnt, daran zu arbeiten.

Bemühen Sie sich, möglichst nahe am Original zu übersetzen?

Ja, ich mag es, die deutsche Sprache ein wenig zu strapazieren, etwas Neues in die deutschsprachige Literatur einzuführen. Gestern sagte einer der Vortragenden auf der Übersetzerkonferenz, dass man in Russland Lebensläufe anders schreibt als in England, und man einen Lebenslauf, der aus dem Englischen übersetzt werde, „mit Leben füllen“ müsse. Er sprach davon, dass er zur Vorbereitung auf das Übersetzen biblischer Apokryphen mittelalterliche russische Texte studiert und für sich eine vergleichbare Sprache entwickelt habe. Diese Position hat mir sehr gefallen. Was die Lebensläufe angeht, meine ich, es könnte für den russischen Leser interessant sein zu erfahren, wie sie in England geschrieben werden.

Wer sind die wichtigsten Autoren in Ihrer künstlerischen Biografie? Belyj, Schalamow? Oder die Autoren von kürzeren Texten?

Belyj habe ich lange und viel übersetzt, Schalamow wird ebenfalls viel werden. Es ist zwar seltsam, aber Schalamow nennt Belyj seinen Lehrer, und das ist in jedem seiner Werke zu spüren. Er verwendet sehr wenige Konjunktionen wie „weil“, „aufgrund“ …. Belyj liebt die Wiederholungen. „Melonen, Federn, Schirmmützen; Schirmmützen, Schirmmützen, Federn; Dreispitz, Zylinder, Schirmmütze; Kopftuch, Regenschirm, Feder.“(1) Bei ihm gibt es fast immer drei Elemente, bei Schalamow sind es in der Regel nur zwei Synonyme, der Text ist lakonisch, aber es gibt eine Vielzahl von Wiederholungen, auf die er bei Verben und Substantiven systematisch zurückgreift. Zum Beispiel: „[…] daß er umsonst gearbeitet, sich umsonst gequält hatte […]“(2) oder „Niemand nimmt von dort etwas Nützliches und Notwendiges mit […]“(3). Einmal aber, sozusagen ganz wie bei Belyj: „[…] füllte sich […] das […] Vestibül mit fremdem Volk – Offizieren, Offizieren, Offizieren. Majore, Oberstleutnants, Oberste.“(4) Quellen

Gibt es bestimmte Texte oder Autoren, die Sie gerne übersetzen würden?

Ja, aber ich verrate jetzt nicht, welche das sind.

Arbeiten Sie gleichzeitig an mehreren Übersetzungen?

Mir fällt es schwer, an nur einem einzigen Text zu sitzen, darum übersetze ich gleichzeitig Werke verschiedenen Genres; aber manchmal geht es auch aus äußeren Gründen nicht anders. Momentan übersetze ich Gedichte von Anna Altschuk, einer Dichterin der Neo-Avantgarde, die durch das Schriftbild, indem sie Wörter und Sätze in ihre Einzelteile zerlegt und sie zu neuen, komplexen, vielschichtigen und vieldeutigen Formen verdichtet, den Leser (und erst recht den Übersetzer) animiert, mehrere Lesarten zu finden. Ich arbeite an diesen Texten gemeinsam mit Henrike Schmidt, einer Slawistin und sehr fantasievollen Übersetzerin.

Lektorieren Sie fremde Übersetzungen? Fällt Ihnen das schwer?

Ich würde keine professionelle Lektorin sein wollen, aber unter Kollegen redigieren wir uns oft gegenseitig. Ich könnte mich in diese Richtung entwickeln, verspüre aber keine große Lust dazu. Es ist schwierig, beim Lesen einer fremden Übersetzung den eigenen inneren Übersetzer zum Schweigen zu bringen. Man muss in verschiedenen Stimmen sprechen. Manchmal schreibe ich bei Übersetzungen Wörter, die ich im normalen Leben nicht verwende, die aber für das Erschaffen oder Inszenieren einer anderen Stimme nötig sind.

Haben Ihnen Bekannte gesagt, dass sie Sie in Ihren Übersetzungen erkennen?

Ja, das ist vorgekommen. Wenn ein Pianist an der Art seiner Interpretation zu erkennen ist − halten wir das dann für gut oder schlecht?

Sie haben mit Prosa begonnen und mehr Prosa als Anderes übersetzt.

Ja, aber in der russischen Prosa wird sehr oft Lyrik zitiert. Man kann versuchen, die Verszeile aus einer bestehenden Übersetzung zu nehmen, sofern vorhanden, doch oft passt es nicht, wegen des Stils, weil das Wort, auf das es ankommt, nicht dasteht, weil der Rhythmus anders ist …. Ein Text muss mir gefallen, ich übersetze Lyrik sehr langsam. Überhaupt übersetze ich langsam.

Setzen Sie sich Fristen? Haben Sie ein Tagespensum?

Es gibt die vertraglich festgesetzten Abgabefristen. Aber ich arbeite nicht so, dass ich erst die eine Seite übersetze und dann die nächste. Ich übersetze den ganzen Text am Stück und beginne dann wieder von vorn. Schwer zu sagen, wie viel ich an einem Tag schaffe – im Jahresdurchschnitt vielleicht 600, 800 Normseiten

Bemühen Sie sich, jeden Tag zu arbeiten?

Manchmal tue ich auch nichts, und besonders hier in Moskau – es wäre ja absurd, mich hier mit denselben Abläufen zu befassen wie zu Hause. Oder wenn ich mich auf einen Auftritt vorbereite – ich trete ziemlich häufig mit meinen Übersetzungen auf, beispielsweise auf Abenden zu Schalamow oder anderen Autoren -, dann kann ich mich nur darauf konzentrieren.

Nehmen Sie Ihre Übersetzungen hin und wieder zur Hand?

Nicht unbedingt, ich fürchte, dass sie mir nicht mehr gefallen. Nur wenn eine neue Auflage einer Übersetzung erscheint, oder wenn ich etwas zitieren oder vorlesen muss.

Möchten Sie vielleicht noch etwas zum Übersetzen sagen?

Eine fruchtbare Herangehensweise an das Übersetzen scheint mir zu sein, diese Tätigkeit mit anderen interpretierenden Künsten zu vergleichen. Übersetzer, Musiker und Schauspieler arbeiten mit einem fremden Text. Sie müssen ihn analysieren, sich das Instrumentarium in ihrer Sprache zurechtlegen und entscheiden, wie der Text aussehen soll. Dieser Prozess hat auch chaotische Züge, aber irgendwann wird alles seinen Platz finden müssen.