Kapitalistischer Realismus „Leben mit Pop“

1963 präsentierten Gerhard Richter und Konrad Lueg in einem Düsseldorfer Möbelhaus ihre Performance „Leben mit Pop“. Zum 50. Jahrestag der Aktion blickt eine Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf zurück auf eine künstlerische Strömung der Sechzigerjahre in Westdeutschland, die sich nachhaltig von der Abstraktion verabschiedete.

Reiner Ruthenbeck, Leben mit Pop, 1963; Reiner Ruthenbeck, Leben mit Pop, 1963; | © VG Bild-Kunst, Bonn 2013 Zwei Männer im Anzug sitzen in einem als Wohnzimmer eingerichteten Raum – auf Möbeln, die auf Podesten stehen. Im Hintergrund läuft auf einem Fernseher die Tagesschau, die Nachrichtensendung des Ersten Deutschen Fernsehens.

Es ist der 11. Oktober 1963. Die beiden Männer heißen Konrad Lueg und Gerhard Richter. Aber sie sitzen nicht daheim, sondern im Möbelhaus Berges in Düsseldorf. Leben mit Pop – eine Demonstration für den Kapitalistischen Realismus haben sie ihre Performance genannt.

Bier und Ärger

Leben mit Pop, Kunsthalle Düsseldorf, Ausstellungsansicht, 2013; Leben mit Pop, Kunsthalle Düsseldorf, Ausstellungsansicht, 2013; | © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster Das Foto zur Aktion von Lueg und Richter gehört zu jenen Bildern der deutschen Kunstgeschichte, die einen Augenblick des Umbruchs dokumentieren. Leben mit Pop nämlich kann als Gründungsmoment des Kapitalistischen Realismus gesehen werden: jener westdeutschen Variante der britischen und amerikanischen Pop Art, die sich von der Abstraktion verabschiedete und eine gewisse Faszination für Massenmedien sowie Reklame mit einer Kritik an Konsumdenken und bundesrepublikanischem Mief verband.

Leben mit Pop verwandelte das Möbelhaus in einen Kunstraum. Nach zuvor festgelegter Dramaturgie mussten die Besucher zunächst in einem Warteraum Platz nehmen, gelangten dann in die erwähnte Wohnzimmersituation und konnten sich später zwischen den Möbeln jeweils vier Werke der Künstler sowie einen Filzanzug von Joseph Beuys ansehen. Danach gab es Bier – und Ärger mit dem Geschäftseigentümer, da die von ihm erhoffte Werbung für sein Unternehmen ausblieb.

„Wir haben uns nicht als Künstler, sondern als Skulptur präsentiert“, sagte Richter später zu der Aktion. „Ich wollte mich als Bewohner ausstellen, als Spießer, mit dieser armseligen Decke auf dem Sofa.“

Kitschige Überhöhung

Mit Leben mit Pop organisierten die beiden in Düsseldorf lebenden Maler Lueg und Richter, die sich im Jahr zuvor als Studenten an der dortigen Kunstakademie kennengelernt hatten, eine Aktion mit nachhaltiger Wirkung. Gegen die seinerzeit vorherrschende abstrakte Kunstrichtung des Informel formierten sich die beiden Künstler gemeinsam mit ihren Kommilitonen Sigmar Polke und Manfred Kuttner von 1963 bis 1966 in verschiedenen Aktionen und Galerieausstellungen als Vertreter eines neuen künstlerischen Trends, dessen Name ironischer Schachzug und Programmatik zugleich war.

Die Konsum- und Warenwelt der Zeit des westdeutschen „Wirtschaftswunders“ wurde von den vier Künstlern durch Gemälde mit Socken, Autos, Würstchen oder Schokolade karikiert, die heimatliche Gemütlichkeit der prüden Nachkriegszeit dabei frontal angegangen: von Richter etwa durch die kitschige Überhöhung des Schlosses Neuschwanstein oder eines Hirschen im Unterholz.

Bewusst begriff sich der Kapitalistische Realismus als westdeutsches Äquivalent zum Sozialistischen Realismus der DDR. Gleichwohl verstand er sich nicht als politische oder gesellschaftskritische Bewegung. Ihre Kunst in einen ideologisch fixierten Dienst zu stellen, wäre für Polke, Richter und Kuttner, die aus der DDR in die Bundesrepublik gekommen waren, keine Option gewesen.

Not und Tugend

Knapp 50 Jahre nach der besagten Aktion im Möbelhaus Berges wirft die Kunsthalle Düsseldorf nun mit Leben mit Pop. Eine Reproduktion des Kapitalistischen Realismus einen Blick zurück. Dabei ist der Titel der von Gregor Jansen, Elodie Evers und Magdalena Holzhey gemeinsam mit Susanne Rennert kuratierten Ausstellung wörtlich zu nehmen: Immerhin werden alle gezeigten Werke als auf Pappe aufgezogene Reproduktionen in Originalgröße präsentiert.

Kapitalistischer Realismus war seinerzeit nicht nur als ironischer Begriff gemeint, sondern auch als Schlagwort einer gezielten Vorbereitung auf die eigene Karriere – ein Plan, der insbesondere im Fall von Richter und Polke als den aktuell teuersten deutschen Malern der Gegenwart aufgegangen ist. Die Düsseldorfer Ausstellung wäre also mit viel teuer zu versichernden Originalen finanziell gar nicht möglich gewesen.

Weit vom Publikumsaffront entfernt wird nun mit einer Ausstellung von Reproduktionen aus der Not eine Tugend gemacht. Angesichts der von den Künstlern seinerzeit oft eingesetzten Methode, vorhandenes Bildmaterial etwa aus Zeitschriften bearbeitet zu reproduzieren, ergibt dieses Vorgehen Sinn.
Leben mit Pop. Eine Reproduktion des Kapitalistischen Realismus

Fluxus als Impulsgeber

Weitgehend in chronologischer Folge zeichnet die Ausstellung in einzelnen Stationen den Weg des Kapitalistischen Realismus von seiner Gründung über die Folgeaktionen der Gruppe bis hin zur Ausprägung eigener Ikonografien nach, mit denen die Namen der Künstler bis heute verbunden sind. Einen Bogen schlägt Leben mit Pop auch in die Gegenwart: Der US-amerikanische Konzeptkünstler und Akademie-Professor Christopher Williams hat ein am Gebäude hängendes Ausstellungsbanner entworfen sowie Filme ausgewählt, die verstreut in der Ausstellung auf Monitoren zu sehen sind.
Leben mit Pop, Kunsthalle Düsseldorf, Ausstellungsansicht, 2013; Leben mit Pop, Kunsthalle Düsseldorf, Ausstellungsansicht, 2013; | © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster Auch die Fluxusbewegung, der wichtigste Impulsgeber der Kapitalistischen Realisten erfährt in der Ausstellung eine Würdigung, ebenso wie jene grafischen Arbeiten, mit denen der Berliner Galerist René Block auch nach dem Ende der Düsseldorfer Gruppe 1966 den Kapitalistischen Realismus für weitere Künstler öffnen und dabei politisieren wollte.

Daneben zeigt Leben mit Pop immer wieder Dokumente wie Briefwechsel mit Behörden, Skizzen oder Einladungen, die als historisch interessante Quellen zur Erforschung der Geschichte künstlerischer Selbstorganisation und temporärer Aneignung vom Räumlichkeiten gelten können: Strategien also, die im realistischen Kapitalismus der Kunstwelt von heute zur Tagesordnung gehören.
 

„Leben mit Pop. Eine Reproduktion des Kapitalistischen Realismus“
Kunsthalle Düsseldorf
21. Juli bis 29. September 2013