Eine Definition Kulturelle Bildung – was ist das?

Den Schulen gegenüber stehen die etablierten Kultureinrichtungen, die aktiv auf die jungen Zielgruppen zugehen.
Den Schulen gegenüber stehen die etablierten Kultureinrichtungen, die aktiv auf die jungen Zielgruppen zugehen. | © colourbox.com

„Für mich zählt, einen gemeinsamen Prozess künstlerischer Produktion zu beginnen. Auf Augenhöhe mit den Jugendlichen. Zu diesem Prozess gehören Ausdauer, Einfühlungsvermögen und Mut. Für Kinder und Jugendliche zählt es wenig, ob die Kultur hoch oder populär, alt oder neu ist. Worauf es ankommt ist, dass wir die richtige „Ansprache“ finden, dass wir den richtigen Ton treffen, um mit Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Das ist die Grundlage für eine kooperative Kunst der Vermittlung. Die Lust auf Kultur, die Aufmerksamkeit und Ausdauer im gemeinsamen Arbeiten – die stellt sich dann von allein ein.“ (Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes)

Kulturelle Bildung ist seit einigen Jahren in Deutschland ein virulentes Thema und gekennzeichnet durch eine große Vielfalt von Akteuren und Institutionen. Kulturelle Bildung fällt in die Zuständigkeit verschiedener Politikfelder: Jugend-, Bildungs-, Schul-, Sozial- und Kulturpolitik. Weitere Player sind Stiftungen, Kulturinstitutionen sowie Schulen und Jugendeinrichtungen.

Eine abschließende und allgemeingültige Definition davon, was „Kulturelle Bildung“ genau bedeutet, gibt es dabei nicht. Bildung ist mehr als Information, sie schließt Aktivität und Auseinandersetzung mit der bestehenden Welt ein und eröffnet dem Einzelnen Teilhabe an sozialen, kulturellen und politischen Prozessen. Kulturelle Bildung lässt sich als Teil einer Allgemeinbildung beschreiben, die junge Menschen befähigt, die komplexen gesellschaftlichen Veränderungen begreifen und mitgestalten zu können. Darum ist der Bereich der kulturellen Bildung in besonderer Nähe zur schulischen Bildung angesiedelt – auch wenn er sich nicht ausschließlich darauf beschränken lässt.

Es geht bei kultureller Bildung also einmal um die ästhetische-künstlerische Erziehung innerhalb des Lehrplans und darüber hinaus um eine Sensibilisierung für kulturelle Inhalte und die Möglichkeit der Teilnahme am kulturellen Leben außerhalb des schulischen Kontextes. Es versteht sich, dass hier besonders kulturferne, sozial schwächere Zielgruppen in den Blick genommen werden müssen.

Den Schulen gegenüber stehen die etablierten Kultureinrichtungen, die aktiv auf die jungen Zielgruppen zugehen (müssen) und ein berechtigtes Eigeninteresse haben, die Kinder und Jugendlichen in ihrem direkten Lebensumfeld ‚abzuholen‘ und als potentielles neues Publikum zu aktivieren. Sie müssen Wege finden, wie sie für die nachwachsenden Generationen attraktiv bzw. relevant bleiben, um der Überalterung ihres Publikums entgegenzuwirken und ihre Legitimation für eine Finanzierung durch die Steuerzahler nicht zu verlieren.


Film „Rhythm is it“

Neben den konventionellen Maßnahmen der meisten Kultureinrichtungen wie vergünstigten Preisen, Schulvorstellungen und Führungen haben beispielsweise die Stadt- und Staatstheater bereits seit Jahren Jugendclubs, wo junge Menschen unter theaterpädagogischer Anleitung selbst Theater machen können. Während diese Angebote für Kinder und Jugendliche aber lange Zeit abseits des regulären Spielbetriebes und weitgehend unbeachtet vom erwachsenen Publikum existierten, werden in den letzten Jahren in verschiedenen künstlerischen Sparten vermehrt Projekte umgesetzt, in denen professionelle Künstler mit jungen Menschen gemeinsam Produktionen entwickeln, die durchaus ein künstlerisches Niveau erreichen können, das sie für die großen Bühnen qualifiziert – siehe zum Beispiel ‚Rhythm is it‘ des ‚Education‘-Programms der Berliner Philharmoniker. Neben solchen prestigeträchtigen, öffentlichkeitswirksamen Projekten zeigt sich aber auch, dass langfristig angelegte Projekte und Kooperationen zwischen Kultureinrichtungen und Schulen einen nachhaltigen Effekt erzielen können. Die Aktivierung und kreative Partizipation der Kinder und Jugendlichen an künstlerischen Produktionsprozessen steht in diesen Projekten kultureller Bildung zentral.

Das Dresdner Staatsschauspiel ist mit seinem Modellprojekt der ‚Bürgerbühne‘ noch einen Schritt weitergegangen und hat das Haus für die Partizipation von Bürgern aller Altersstufen weit geöffnet. Die Bürgerbühne existiert als weitere Sparte gleichberechtigt neben dem traditionellen Schauspiel und bietet pro Jahr mehr als 800 Menschen die Möglichkeit, in allen Bereichen des Theaterbetriebes zu partizipieren. Die Angebote der Bürgerbühne richten sich an Bürgerinnen und Bürger jeden Alters, von Kindern und Jugendlichen bis hin zu Senioren. Das Staatsschauspiel Dresden demonstriert, wie der Legitimationszwang, in den die hoch subventionierten kulturellen Institutionen in den letzten Jahren in Deutschland gekommen sind, als Impuls für ein strukturelles Umdenken genutzt werden kann.

Die Modellprojekte der letzten Jahre beweisen die Notwendigkeit von kulturellen Bildungsangeboten sowohl für die zukünftige Existenzberechtigung von Kultureinrichtungen als auch für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass trotzdem der primäre Auftrag von kulturellen Einrichtungen die Produktion und Präsentation von Kunst ist, denn nur eine autonome und nicht zweckbestimmte Kulturlandschaft kann Gesellschaft kritisch reflektieren.