Städelschule Frankfurt Über die Gattungsgrenzen hinaus

Anne Imhof | Aqua Leo 1st of at least two
Anne Imhof | Aqua Leo 1st of at least two | Foto © Nadine Fraczkowski

Die Städelschule, vor 200 Jahren gegründet, ist eine kleine Akademie, die ihren Studierenden große Freiheiten lässt. An keiner anderen deutschen Kunsthochschule liegt der Fokus derart auf der freien Kunst, auf der Unabhängigkeit von allen außerkünstlerischen Zwängen und Zwecken, auf einem Begriff von Autonomie, der sich allen Verwertungsabsichten widersetzt. Weder die angewandte Kunst noch die Kunstpädagogik spielen dort eine Rolle. 

Jedes Jahr bewerben sich etwa 500 junge Leute aus aller Welt um einen Studienplatz, 20 werden angenommen, mit 140 Studierenden in den Klassen für bildende Kunst und 50 Architekturstudenten bleibt die Atmosphäre familiär. Man kennt sich, tauscht sich aus, trifft sich auf den langen Bänken in der Mensa, wo seit vielen Jahren Gerichte angeboten werden, die kochende Künstler zubereiten. Schließlich war die Frankfurter Hochschule die erste, an der Kurse stattfanden, in denen Kunst und Küche zusammengeführt wurden.

Zuerst die Idee

Das ist eine der Eigenheiten einer Institution, in der nur jeder vierte Student Deutscher und die Unterrichtssprache Englisch ist. So überschaubar die Verhältnisse in der Städelschule sind, so international ist ihre Ausrichtung. Erstklassige Künstler unterrichten an ihr, darunter Peter Fischli, Willem de Rooij, Douglas Gordon, Michael Krebber, Tobias Rehberger. Die Impulse, die von ihnen ausgehen, sind in der weltweit vernetzten Kunstwelt überall zu spüren. Hochschullehrer und Absolventen sind auf der Kasseler documenta, der Biennale in Venedig und anderen Großveranstaltungen des Kunstausstellungsbetriebs präsent. Ehemalige Städelschüler prägen den zeitgenössischen Kunstbegriff mit. Was „künstlerische Qualität“ bedeutet, dieses schwer zu fassende und umstrittene Kriterium, wird auch in Frankfurt mitentschieden.

Die Nähe zwischen Dozenten und Studenten ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil der Städelschule, die allen, die es geschafft haben, dort aufgenommen zu werden, die Wahl lässt, in welche künstlerische Richtung sie sich bewegen wollen. Vorgaben gibt es nicht. Außer dieser: eine eigene künstlerische Position zu entwickeln. In Zeiten, da auch in Deutschland, wo traditionell die akademische Freiheit großgeschrieben wurde, das Kunststudium stark reglementiert ist, bildet die Städelschule damit eine der wenigen Ausnahmen. Dort steht die Idee an erster Stelle, das eigenständige Denken, das Konzept. Erst danach kommen die Fertigkeiten, Gedanken umzusetzen, eine ästhetische Form zu finden. Die Professoren sehen ihre Aufgabe vor allem darin, ihre Schüler zur Eigenständigkeit zu ermutigen.

Städelschule Frankfurt Städelschule Frankfurt | © Städelschule

Das gilt auch für eine Künstlerin wie Judith Hopf, die sich als Kritikerin gesellschaftlicher Normen begreift und mit einer Verbindung von Objekt- und Videokunst für die Praxis von „mixed media“ steht, wie sie heute die Szene dominiert. Die Verbindung unterschiedlicher Medien, die gattungsüberschreitende Arbeit, die Verknüpfung von Performance, Film, bildender Kunst ist für die Städelschule charakteristisch. Insofern bewegt sie sich in den Bahnen einer Avantgarde, der an einer Auflösung starrer Formen, Zuschreibungen und Kunstgattungen gelegen war.

Anne Imhof, Meisterschülerin von Judith Hopf und Städelschulabsolventin des Jahres 2012, vereint in ihren Arbeiten Elemente der Performance, der Videokunst, der Installation mit selbst komponierter Musik und, darin ist die Künstlerin innovativ, choreographierten Bewegungsabläufen. Das kommt nicht von ungefähr: Der Tanz als Bestandteil performativer Kunstformen spielt eine entscheidende Rolle in der experimentierfreudigen Frankfurter Kulturszene, wo sie im Künstlerhaus Mousonturm ein wichtiges Forum haben. Vom zeitgenössischen Ballett mit seinem hohen Abstraktionsgrad inspiriert ist auch der dreiteilige Werkzyklus „Angst“, dessen erster und zweiter Teil in Basel und Berlin zu sehen waren und dessen dritter Teil jetzt in Montréal gezeigt wird.

Es geht um’s Bild

Die Unmittelbarkeit des Körperlichen in Szene zu setzen und die Akteure gemeinsam mit Objekten und Effekten wie künstlichem Nebel zu ständig wechselnden Bildern zusammenzustellen, ist für die 1978 geborene Anne Imhof ein Verfahren, sich gegen einen auf traditionelle Medien wie Malerei oder Plastik erpichten Kunstmarkt zu stellen. Die Konstellationen, die während einer Aufführung entstehen, aber auch diejenigen, die auf Videos zu sehen sind, wechseln ständig und bilden somit ein Gegenmodell zu fixierten Formen.
Ihr erste Einzelausstellung hatte Anne Imhof 2013 im Portikus, der Ausstellungshalle der Städelschule, die auf einer Insel im Main steht. Zu erreichen ist sie über die Alte Brücke, die den Fluss quert. Was immer dort zu erleben ist, weckt die Aufmerksamkeit der internationalen Kunstszene. Der Portikus zählt zu den wichtigsten Einrichtungen seiner Art: Hier lassen sich künstlerische Positionen intensiv und konzentriert erfahren. Imhofs Konzept, verschiedene Medien gleichberechtigt zu verwenden, zeigte sich auch in dieser Präsentation. Eine Fotodokumentation gab etwa vor, eine nicht von der Stelle kommende Parade zur Ausstellungseröffnung wiederzugeben, in Wirklichkeit waren die Aufnahmen vorher ohne Publikum hergestellt worden. Dass es Imhof immer ums Bild geht, zeigten damals choreographische Skizzen, präzise Raumerkundungen, Arabesken und Figurenstudien in Farbstift, Aquarell oder Graphit. Sie variierten die Themen, um die es auch in allen Performances der Künstlerin geht: Raum und Körper, Zeit und Bewegung.