Museumsgespräche Ruanda Afrikanische Museen der Zukunft

Museumsgespräche
Foto: Daniel Koßmann

Weltweit befindet sich der Museumsbegriff im Wandel. Welche neuen Konzepte, Ideen und Herangehensweisen können gedacht werden, wenn das Museum als Kulturort seine Relevanz behalten möchte? Wie kann ein afrikanisches Museum der Zukunft aussehen? Welchen spezifischen Herausforderungen steht es gegenüber? Fragen wie diese diskutierten internationale Museumsexpert*innen während der Auftaktveranstaltung der Reihe „Museumsgespräche“ im Rahmen eines Workshops des Goethe-Instituts Kigali und des National Institute of Museums in Rwanda.

Als der weiße Bus vor dem Chinarestaurant in Huye hält, durchzieht gleißendes Licht die alte Universitätsstadt. Mittagshitze, Mittagspause, Chinafood. Gedörrte Bohnen und Kochbananen, gewürzter Reis und Grillspieße. An den Wänden hängen pinke Weihnachtsengel, nebst buntem Allerlei. Um einen länglichen Tisch verteilt sich eine heiter gestimmte Gruppe internationaler Museumsexpert*innen. Aus Namibia, Uganda, Tansania, Ruanda, Deutschland und der Schweiz sind sie angereist und einer Einladung des Goethe-Instituts Kigali gefolgt. Drei Tage lang wollen sie sich mit der Zukunft afrikanischer Museen beschäftigen.

Weltweit entsteht ein neuer Museumsbegriff. Es geht nicht mehr länger nur um die Darstellung der Vergangenheit, sondern auch um Gegenwart und Zukunft. Und auch die Darstellung der Vergangenheit soll hinterfragt werden: Welche Narrative und Machtverhältnisse spiegeln die Ausstellungskonzepte wider? Neue Konzepte, Ideen und Herangehensweisen werden immer wichtiger, sollte das Museum als Kulturort seine Relevanz behalten wollen. Afrikanische Museen sind oftmals mit einer zusätzlichen Herausforderung konfrontiert: sie werden von der lokalen Bevölkerung kaum wahrgenommen und nicht als Räume des Dialogs verstanden. Die Frage nach der Gestaltung eines zeitgemäßen, postkolonialen Museums ist in dieser Hinsicht untrennbar mit dem Fortwirken der westlichen Kolonialvergangenheit verbunden. In den von Juli bis November 2018 stattfindenden „Museumsgesprächen“ des Goethe-Instituts, beschäftigen sich daher Kulturschaffende und Museumsexperten mit Zukunftsmodellen für Museen südlich der Sahara.

Auftakt Kigali, 09. Juli 2018. Schon seit Stunden ist der Workshop in vollem Gang. In großer Runde diskutieren die Teilnehmer*innen in den Räumen des Kandt House, eines Geschichtsmuseum und Überbleibsels deutscher Kolonialzeit zugleich. Sieben Themen möchten diskutiert werden: Es geht um das Museum als Ort, als Institution zur Wissensgenerierung, um seine Beziehung zur Nation, Öffentlichkeit, Technologie und Politik. Und auch um die ethische Verantwortung von Museen. Diese Schlüsselthemen wurden in vorbereitenden Essays der Experten herausgearbeitet. So kann der Workshop selbst nur ein Gesprächsbeginn sein, ein regionaler und transkontinentaler Austausch zur Zukunft des Museums. Zentrale Themenstränge werden in den folgenden Jahren weiter verfolgt.

In Ruanda, so der Mitarbeiter der ruandischen Museumsleitung Gabriel Kayonga, ist das Museum ein Ort von herausragender Bedeutung. „Die meisten ruandischen Museen sind thematisch spezialisiert, da sie sich an Orten befinden, an denen Dinge tatsächlich geschahen.“ Dem stimmt auch der ruandische Geschichtsprofessor Charles Kabwete Mulinda zu. „Wenn ein Ort eine Bedeutung hat, so ist er ein bevorzugter Ort für eine Erinnerungsstätte, ein Museum oder ein Monument.“ Er werde selbsterklärend. Anna-Maria Brandstetter, Anthropologieprofessorin und Leiterin der Ethnografischen Sammlung der Universität Mainz, sieht dies anders: „Platz und Raum sind immer konstruiert.“ Erst der Mensch gebe diesen Orten Bedeutung, daher seien sie keineswegs selbsterklärend. Unabhängig davon, ob der Standort eines Museums historische Relevanz besitzt - auch in Ruanda bleibt die Frage, wie mehr Menschen dazu animiert werden können, Museen zu besuchen.

„Wenn man ein Museum baut und einen großen Zaun darum zieht, dann fühlen sich Ortsansässige oftmals ausgeschlossen“, meint Historiker Maurice Mugabowagahunde vom Institut für ruandische Nationalmuseen.  Es komme daher nicht nur darauf an, welchen Ort man für ein Museum auswähle, sondern auch wie man diesen präsentiert. Dr. Jeremy Silvester ist sich allerdings nicht sicher, ob dieser Schritt genügt. Vielleicht müsse man sich das Museum der Zukunft als Museum ohne Mauern vorstellen, so der Direktor des Museumsverbands von Namibia. Es sei wichtig, „das Museum zu den Menschen zu bringen und nicht nur die Menschen zum Museum.“ 

Doch um welche Menschen geht es eigentlich? Wer ist die Zielgruppe? Es gäbe Leute, so Flower Manase Msuya vom National Museum of Tanzania, die nicht ins Museum gingen, da sie die Ausstellungsstücke schon aus den Häusern ihrer Großeltern kennen würden. Ist das Museum also ein rein europäisches Konzept? Wie sehen zeitgenössische afrikanische Formen aus? Was ist mit Erinnerungsstätten, Gedenkbäumen und anderen Monumenten wie Ahnenschreinen, möchte Thomas Laely vom Zürcher Museum der Anthropologie wissen. Auch in Afrika habe es schließlich Wege gegeben, das eigene Erbe zu bewahren.

Der Historiker Mugabowagahunde möchte hingegen wissen, wie man sicherstellen könne, dass den in den Museen präsentierten Informationen vertraut wird. Sowohl Politik als auch Wirtschaft spielten schließlich eine immense Rolle. „Die Politik entscheidet, wessen Geschichte erzählt wird.“ Flower Manase Msuya, Kuratorin am National Museum of Tanzania, sieht das ähnlich: „Die Person, die das Geld gibt, entscheidet, wessen Geschichte erzählt wird.“ Sicherlich, als Kurator*in könne man zwar Vorschläge einbringen, doch die finale Entscheidung läge bei den Finanziers. Auch die eigene Sammlung werfe oftmals Fragen nach Glaubwürdigkeit auf. Denn viele Sammlungen seien maßgeblich von Außenstehenden zusammengestellt worden. Msuya möchte wissen: „Können wir Informationen vertrauen, die wir selbst nicht zusammengetragen haben?“

In großer Runde, in kleinen Gruppen, in privaten Gesprächen am Abend: Es sind Fragen wie diese, die die Workshopteilnehmer*innen noch für Stunden beschäftigen werden. Auftakt Kigali, Auftakt für mehr - mehr Vernetzung, mehr Museum, mehr Wissensverhandlung.

Text: Goethe-Institut Kigali / Daniel Koßmann und Lena Wassermeier