Interview Abel Korinsky

Abel Korinsky Sound Installation
© Chris Schwagga

Im Rahmen der Künstlerresidenz "Digital Arts and Public Space" luden das Goethe-Institut Kigali und die Rwanda Arts Initaitve den Sound Künstler Abel Korinsky nach Ruanda ein.
Wir haben ihm Fragen zu seinem Aufenthalt gestellt.
Erfahrt im Folgenden mehr über seine Erlebnisse, seine Eindrücke und natürlich zu seiner Installation.

 

Abel, du hast schon viele Länder bereist. Wie ist denn dein Eindruck von Ruanda? Und was nimmst du aus Kigali mit?

Ich habe in meiner Zeit hier natürlich nur kleine Teile des Landes sehen können, aber mein Eindruck ist, dass Ruanda landschaftlich ein unglaublich reizvolles und schönes Land ist.

Man merkt, dass hier ein großer Wert auf Sicherheit gelegt wird. So war es für mich sehr angenehm, innerhalb und außerhalb Kigalis unterwegs zu sein; auch abends oder nachts konnte ich Kigali zu Fuß erkunden. Auch diese Freiheit macht Ruanda wohl zu einem außergewöhnlichen Land im afrikanischen Kontext. Das ist etwas, was mir besonders gefällt, da ich dadurch eine bessere Orientierung für die Städte bekomme und das Gefühl habe, eine Stadt so erst richtig kennenlernen zu können.

Aus Kigali nehme ich unter anderem mit, dass ich im Gegensatz zu anderen Ländern, die ich bereist habe, keine Probleme bei der Beschaffung von Equipment hatte. Ich habe das Gefühl, dass man hier alles bekommen kann, was man braucht. Das ist für mich keine Selbstverständlichkeit.

Auf einer anderen Reise ging mir beispielsweise technisches Zubehör kaputt, was dort nicht repariert werden konnte und für das es keinen Ersatz gab. Dann musste schnell eine Alternative gefunden werden.  Das gehört natürlich irgendwie auch immer zu den Herausforderungen für Medienkünstler: technische Geräte können durch Reisen Schaden nehmen und man muss mit diesem Problem umgehen.
Allerdings muss ich auch sagen, dass ich Support durch das Goethe-Institut und die Rwanda Arts Initiative hatte und dadurch bereits viele Fallstricke aus dem Weg geräumt werden konnten.
 
Hattest du ein besonders prägendes Erlebnis oder etwas, dass dir sicher im Gedächtnis bleiben wird?

Im Gedächtnis wird mir bleiben, dass ich Kigali als eine sehr lebenswerte Stadt empfand, ohne große Aufgeregtheit. Ansonsten waren meine Ausflüge aus der Stadt in die Natur Ruandas ein besonderes Highlight. Es war ein tolles Erlebnis, wilde Tiere auch mal in ihrer natürlichen Umgebung und in „Freiheit“ beobachten zu können. Man nimmt dort sehr stark wahr, dass die Tiere dort leben, wo sie auch hingehören und nicht wie in Europa in Zoos gehalten werden.

Geprägt haben mich besonders Gespräche, die ich mit verschiedenen Ruandern führen konnte. Dadurch habe ich viel über zwischenmenschliche Beziehungen und verschiedene Lebensumstände hier in Ruanda erfahren können.

Ein schwieriges Thema, der Genozid, war auch häufig Teil meiner Unterhaltungen. Insbesondere dafür und für die Offenheit meiner Gesprächspartner möchte ich mich bedanken. Das sind Berichte und Lebensgeschichten, an die ich lange zurück denken werde und die natürlich meine Sicht auf unsere Welt verändern.
 
Wie waren die Begegnungen mit den ruandischen Künstler*innen?


Sehr gut. Ich hatte viele tolle und sehr intensive Gespräche über künstlerische Ansätze, wie wir arbeiten, über Fragen des Scheiterns, etc. Das ist natürlich nichts, was besonders die Menschen hier in Ruanda von mir und anderen Künstlern in Europa unterscheidet. Letztendlich verbindet uns alle die Auseinandersetzung mit der Welt durch die Kunst. So entsteht ein Gefühl der und eine gemeinsame Ebene, auf der man sich verständigt und Freundschaften knüpfen kann.

Natürlich gibt es Unterschiede, die gerade die äußeren Umstände betreffen. Das bezieht sich insbesondere auf Förderungen, Akzeptanz von Contemporary Art in der breiten Bevölkerung und Ausstellungs- und Reisemöglichkeiten. Das sind natürlich Faktoren, in denen wir in Europa deutlich privilegiert sind. Am Ende ist es aber die künstlerische Idee, die im Mittelpunkt steht, und in diesem Bereich bin ich sehr beeindruckt, wie vielfältig und innovativ die Kunstszene Ruandas sich darstellt. Die vier Wochen meines Aufenthalts waren daher eine wirklich besondere Erfahrung für mich.
 
Wie war die künstlerische Arbeit für dich in Ruanda?


Die künstlerische Arbeit in Ruanda empfand ich als sehr angenehm. Ich hätte vor meiner Ankunft nicht gedacht, dass es so viele Möglichkeiten für künstlerische Ansätze gibt. Ich hatte nahezu unbegrenzte Möglichkeiten aus technischer Sicht. Alles ist vorhanden. Die künstlerische Arbeit konnte ich frei von Beschränkungen entwickeln. Auch die Organisation ist immer eine entscheidende Komponente meiner Arbeit, die aber auch keine Probleme bereitet hat. Kooperationen haben immer sehr gut funktioniert.
 
Deine Installation wird auf dem neuen Architektur Campus der University of Kigali sein. Warum hast du dich für diese Location entschieden?

Für die Location habe ich mich entschieden, weil der Campus ein außergewöhnliches Gebäude hier in Kigali ist. An meinem ersten Tag in Kigali war ich bereits dort und habe mir sofort gedacht, dass es der Ort meiner zu entstehenden Arbeit werden könnte. Der sehr große Nachhall des Gebäudes bietet für mich als Klangkünstler besonders spannende Arbeitsbedingungen. Diese Eigenschaften, die für die Verwendung des Raumes in anderen Kontexten schwierig sind, kann ich für die Arbeit ideal nutzen.
 
Du nennst deine Sound Installation „Never Stop“. Kannst du deine Arbeit etwas genauer erläutern?

In der Installation geht es um die verloren gegangene Kunst des Müßiggangs. Wir müssen ständig beschäftigt sein und selbst, wenn wir uns Entspannung verordnen, dann ist es gerne ein durchorganisierter Wellnesstag - das hat aber nichts mit der traditionellen Idee des Müßiggangs zu tun. Wir sind ständig getrieben und Müßiggang spielt in unserer Gesellschaft keine wichtige Rolle mehr. Die Akzeptanz dafür ist gering und wird häufig mit Faulheit gleichgesetzt. Doch gerade diese Art von Müßiggang, die bereits eine lange Geschichte hat, ist schon seit jeher dafür verantwortlich, dass viele gute und kreative Ideen entstehen konnten (besonders deutlich in der Kunst und Philosophie zu beobachten).

Dieses Prinzip wird hier in Kigali im öffentlichen Raum sehr deutlich und mir scheint, geradezu auf die Spitze getrieben. Es gibt so gut wie keine Bänke, auf denen man sich ausruhen und relaxen könnte. Es gibt kaum einen Park, indem man sich entspannen und seinen Gedanken nachgehen könnte. Kigali bietet im öffentlichen Stadtraum keinen Platz für Müßiggang und Entspannung, außer natürlich in Cafés und Restaurants.

Meiner Auffassung nach scheint die ruandische Gesellschaft viel mehr damit beschäftigt zu sein, immer nach vorne zu schauen – geprägt durch die dramatischen Erfahrungen der Geschichte - und sich dem gesellschaftlichen Fortschritt zu verschreiben. Als Rückzugsort hingegen dienen hier eher die eigenen vier Wände.

Die Arbeit soll diesen Wert des Müßiggangs und das nicht Vorhandensein davon im öffentlichen Raum hier in Ruanda reflektieren.

Der Raum, den ich für meine Installation im neuen Architekturcampus gewählt habe, repräsentiert dies in meinen Augen perfekt. Er besteht aus vielen Gängen und Plateaus und ist so konzipiert, dass man in den Gängen nicht stehen bleiben möchte. Diesen Aufbau empfand ich als stellvertretend für Kigali oder auch für unsere heutige gesellschaftliche Idee des Fortschritts generell.
Der Name der Sound Installation „Never Stop“ ist also inspiriert durch den Raum, in dem sie stattfindet und geprägt durch meine Erfahrungen in Kigali.
 
Was ist dein nächstes Projekt?

Nach Ruanda geht es für mich weiter nach Tel-Aviv für eine Installation auf einem Festival. Das war es aber dann auch für dieses Jahr.

Die Zeit zwischen Dezember und Mitte Februar ist eher eine ruhige Phase, was den Kunstbereich in Deutschland betrifft. Diese Zeit nutze ich immer mit meinen beiden Brüdern, um neue Ideen im Atelier zu entwickeln und Dinge auszuprobieren, für die im restlichen Jahr oft keine Zeit bleibt.

Vielen Dank für das Interview und wir wünschen dir eine gute Heimreise und freuen uns auf weitere tolle Projekte von dir!

An dieser Stelle möchte ich mich gerne bei euch und bei der Rwanda Arts Initiative für die Gastfreundschaft und die tolle Unterstützung während der Zeit in Kigali bedanken! Vielen Dank für die Möglichkeit im Rahmen der Künstlerresidenz „Digital Art and Public Space“ des Goethe-Instituts gemeinsam mit der Rwanda Arts Initiative eine Arbeit in Kigali entwickeln zu dürfen.

Es war eine fantastische Zeit!