Interview Jakob Preuss

Jakob Preuss
© Weydemann Bros.

Jakob Preuss, geboren 1975 in Berlin, ist Dokumentarfilmer. Sein letzter Film „Als Paul über das Meer kam“  gewann u.a. 2017 den Golden Goblet beim 20th Shanghai International Film Festival als Bester Dokumentarfilm; den European Civis Media Prize in der Kategorie Information 2019 und war auch für den Deutschen Filmpreis und den Grimme-Preis nominiert.
Gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und der International Organization for Migration (IOM) hat das Goethe-Institut Kigali den Film "Als Paul über das Meer kam" gezeigt. Anschließend diskutierte das Publikum mit Jakob Preuss und Mitarbeitern von IOM Rwanda über seinen Dokumentarfilm und den Themenkomplex Flucht und Migration.
Im Vorfeld arbeiteten Nachwuchsdokumentarfilmer aus Rwanda gemeinsam mit Jakob Preuss im Rahmen eines zweitägigen Workshops an ihren Projekten.
 

In deinem Film  "Als Paul über das Meer kam" begleitest du die Reise von Paul, eines Geflüchteten aus Kamerun. Warum wolltest du seine Geschichte erzählen?

Die Idee zu dem Film entstand bereits 2011, also noch einige Jahre vor der sog. „Flüchtlingskrise“. Damals ging es mir hauptsächlich um Grenzen. Ich selbst hatte 1989 als 14 Jähriger West-Berliner den Fall der Berliner Mauer miterlebt (es gibt Fotos bzw. sogar Postkarten wie ich mit Schulkameraden am 10.11. auf der Mauer sitze), was mich sehr geprägt hat.
Danach habe ich in Frankreich und Polen studiert, mit beiden Ländern wurden die Grenzkontrollen durch das Schengen-Abkommen abgeschafft. Mein ursprüngliche Fragestellung war von daher „Wo sind die Grenzen heute?“ „Sind es meine Grenzen?“ „Wie sehen sie aus?“.
Ich recherchierte viel in Griechenland, der Türkei, auf Malta, aber auch an der polnisch-ukrainischen Grenze. Auch spielte die Grenzagentur der EU, Frontex, eine größere Rolle. Anfangs war es noch nicht mal sicher, ob überhaupt ein Migrant oder Flüchtling in dem Film vorkommt. Das lag auch daran, dass ich das Gefühl hatte vielleicht als Weißer "privilegierter" Europäer nicht der richtige zu sein, um die Geschichte eines Geflüchteten zu erzählen. Oft hatte ich beim Sehen von „Flüchtlingsfilmen“ das Gefühl, dass sie von oben herab gedreht waren und menschliches Leid versuchten auszuschlachten. Auch konnten Flüchtlinge oft nicht ehrlich über ihre Geschichte erzählen, da sie von Behördenentscheidungen abhängig und von daher verständlicher Weise vielleicht nicht immer ganz ehrlich waren.
Als ich dann Paul kennenlernte, änderte sich meine Sichtweise, da ich hier einen sehr reflektierten, humorvollen und starken Menschen kennenlernte, dessen Geschichte ich im Austausch auf Augenhöhe erzählen konnte!
Ganz am Anfang hatte ich eigentlich einen anderen Protagonisten, einen jungen Mann namens Ali aus Guinea. Ali hatte kein Geld für die Überfahrt im Boot und wollte es über den Zaun versuchen. Allerdings schaffte es Ali über den Zaun, als ich noch auf eine Drehgenehmigung von den marokkanischen Behörden wartete (die ich nie bekam), so dass mir mein Protagonist sozusagen „davon gesprungen“ war. Sonst hätte der Film vielleicht „Als Ali über den Zaun sprang“ geheißen. Es ist immer etwas Zufall dabei. Danach habe ich dann spontan auch aufgrund des Zeitmangels entschieden, im Kameruner Camp zu drehen, wo ich während der Recherche schon mehrere Male gewesen war. Hier stellte mir der Chef des Dorfes (Irene mit der Baseballkappe) Paul vor. Ob sie sich dabei schon gedacht haben, dass es nützlich sein könnte, jemanden auf der anderen Seite in Europa zu kennen gerade da Paul dort niemanden hat, werde ich wohl nie wissen können. Deswegen stelle ich auch am Anfang die Frage „hat er mich ausgesucht, oder ich ihn?“. In jedem Fall waren wir uns schnell sympathisch und als Paul es dann unerwarteter Weise während des Drehs nach Spanien schaffte wurde er zum alleinigen Protagonist.

Was war die größte Herausforderung bei der Filmproduktion? Welche Erfahrung hat sich dir besonders eingeprägt?

Während der Dreharbeiten gab es viele schwierige und bewegende Momente. Die größte Herausforderung war das Verhältnis zu Paul und den anderen Protagonisten, der Balanceakt zwischen Distanz und Nähe. Zuerst hat mich sehr überrascht mit wie viel Lebensfreude und Humor viele Menschen ihrem Schicksal begegneten und wie viele von ihnen sehr an differenzierten Diskussionen interessiert waren. Nicht wenige hatten einen Schulabschluss oder hatten sogar - wie Paul - studiert. Es war natürlich schwierig nicht falsche Erwartungen zu wecken, und viele Migranten im Wald waren sehr fordernd und wollten Geld. Wir haben zwar immer wieder mit Nahrung oder Medikamenten geholfen, aber niemanden für die Teilnahme am Filmprojekt bezahlt. Das würde die Natur des Dokumentarfilms in Frage stellen. Auch die Bilder von Pauls Überfahrt waren für mich einschneidend. Wir kennen alle die Bilder von Geflüchteten auf Booten, aber wenn man jemanden wieder erkennt, mit dem man noch kurz zuvor zusammen war, dem man noch die Jacke geschenkt hat, dann ist das was anderes. Wie ich im Film beschreibe, gehen einem die „zitternden Hände“ dann nicht mehr so schnell aus dem Kopf. So ist die Frage der Nähe und Distanz im Schneideraum zu einem Kernthema geworden und ich versuche möglichst offen, mein eigenes Dilemma aufzuzeigen. Ich mache den Beruf zu lange, um meine Entscheidungen nicht sehr bewusst getroffen zu haben. Als ich mich entschied zu helfen, wusste ich, dass es eine langfristige Entscheidung ist, die weit über das Ende des Filmes hinausgehen wird. Ich denke aber, dass man Sachlichkeit und Distanz auch wahren kann, wenn man hilft. Ich ärgere mich viel über Paul und der Film meint nicht, die großen politischen Fragen beantworten zu können, aber er kann sie stellen – die Balance zwischen Einzelfall und Menschlichkeit und dem Normativen.

Im Rahmen deines Workshops hattest du  die Gelegenheit, dein Wissen mit angehenden ruandischen Filmemacher*innen zu teilen. Was motiviert dich, das Filmemachen zu lehren?

Ich selbst war nie auf einer Filmschule, ich habe Jura studiert. Das Filmemachen habe ich hauptsächlich durch solche kleinen Workshops und Masterclasses am Rand von Festivals, beim Selbermachen und mit Kollegen, also vor allem mit Kameraleuten und Editoren gelernt. Vielleicht gebe ich auch von daher gerne etwas an junge Filmemacher weiter, gerade wenn sie vielleicht in einem schwierigen Umfeld arbeiten, so wie in Ruanda.

Wie bist du an diesen Workshop herangegangen?

Ich habe versucht mich zu erinnern, was mir damals, als ich noch am Anfang stand, wichtig war. Eine gute Mischung aus ganz praktischen Tipps aber auch etwas Theorie. Es war mir allerdings klar, dass ich erstmal verstehen musste, wie viel Erfahrung die Teilnehmer schon hatten, so dass ich sie „abholen“ konnte, wie man so schön sagt. Es stellte sich heraus, dass manche Dokumentarfilm mit Imagefilm verwechselten, aber wir haben von dieser Grundlage aus viel zusammen diskutieren und verstehen können. Ich habe extra Beispiele von anderen afrikanischen Dokumentarfilmern oder von Filmen aus und über Afrika genommen, die auch oft mit wenig Mitteln klarkommen mussten und wo die Teilnehmer das Gezeigte gut einordnen konnten. Zusammen Filme zu schauen und einzelne Szenen zu analysieren halte ich für besonders wichtig.

Hast du Tipps für angehende ruandische Filmemacher*innen?

Versucht nicht als erstes eine Botschaft zu senden oder ein Thema zu behandeln. Schaut eher nach starken Figuren und ihren Lebenswelten, durch das Geschichten Erzählen wird sich dann immer auch eine politische oder soziale Botschaft übermitteln lassen wenn man das will. Fangt mit kleinen Geschichten an und konzentriert euch auf das narrative Erzählen – was passiert während meines Films? Kommt nah an die Menschen heran und nehmt euch dafür die nötige Zeit und last but not least – vergesst nie den Humor. Man findet ihn überall, auch in den aussichtslosen Situationen.

Hast du schon eine Idee, was dein nächstes Filmprojekt sein wird?

Ich bin immer ganz schön erschöpft nach so einem Film und deren Auswertung und da ich weiß, dass mich ein Filmprojekt oft viele Jahre begleitet, bin ich dieses Mal besonders vorsichtig zu schnell etwas neues zu beginnen. Mich fasziniert derzeit allerdings die Welt in Subsahara Afrika mit allen ihren Herausforderungen aber vor allem auch riesigen Potenzial. Ich bin sehr gerne hier und fühle mich den Menschen sehr verbunden – das ist eine gute Ausgangslage um mehrere Jahre dazu zu arbeiten! Ganz ausschließen will ich auch nicht , dass es eine Fortsetzung zu „Als Paul über das Meer kam“ gibt, so was wie „Als Paul an der deutschen Asylpolitik zerbrach“ oder hoffentlich mit einem etwas positiveren Titel.

Welche Erinnerung aus Kigali nimmst du mit nach Hause?

Ruanda hat mich sehr beeindruckt, es bricht mit so vielen Klichees. Es ist sauber, sicher, relativ gut organisiert, die Leute rauchen kaum und es ist Grün und mild. Dennoch liegt die Geschichte immer noch bleiern über dem Land und lässt einem bei den Gedanken daran immer wieder erschauern, das sind Erinnerungen an Gespräche und Mahnmale. Toll bleibt mir die Erinnerung des zweitägigen Workshops. Es war ein sehr intensiver Austausch, der sehr viel Spaß gemacht hat und ich bleibe mit einigen Teilnehmern weiterhin im Kontakt und hoffe sehr, dass sie ihre Projekte realisieren können.


Danke, Jakob!