Interview Sophia & Lisa Stepf

Lisa & Sophia Stepf
© Lisa & Sophia Stepf

Flinn Works (Berlin /Kassel) wird von Sophia Stepf künstlerisch geleitet, in enger Zusammenarbeit mit Lisa Stepf (Konzeption und Netzwerk), Konradin Kunze (Konzeption und Recherche) und Helena Tsiflidis (Kompaniemanagement). Seit 2009 arbeitet die Kompanie an aktuellen Themen der globalisierten Welt mit feministischen und postkolonialen Fragestellungen. Die Stücke basieren auf intensiver Recherche und nutzen die politischen und ästhetischen Haltungen der internationalen Performer*innen für eine multiperspektivische Dramaturgie. An der Schnittstelle zu Ethnologie, Musik- und Dokumentartheater entstehen Produktionen, die ihre Form als Konsequenz aus dem Inhalt und den spezifischen Talenten des Teams entwickeln.
Eingeladen vom Goethe-Institut Kigali reisten die beiden Schwestern Lisa und Sophia Stepf erstmals nach Ruanda. Im Rahmen ihrer Recherchereise zum Thema Feminismus in Ruanda, leiteten Sophia und Lisa den dreitägigen Workshop „Doing Gender“ am Goethe-Institut Kigali. Die Idee war es, sich gemeinsam mit den 12 Teilnehmer*innen kritisch mit der Rolle der Frau in der ruandischen Gesellschaft auseinanderzusetzen und zu erarbeiten, inwiefern Ruanda tatsächlich dem Ruf einer Vorreiterrolle (u.a. 62% weibliche Abgeordnete im Parlament) gerecht werden kann.

 

Ihr habt vom 11.-13. März 2019 einen Workshop am Goethe-Institut geleitet. Welche Methoden habt ihr verwendet, um mit den Workshopteilnehmer*innen über das Thema „Doing Gender“ ins Gespräch zu kommen?

Wir haben verschiedene Kreativ-Übungen verwendet. Zum Beispiel hatten die Teilnehmer*innen die Aufgabe zuerst 1-minütige Solo-Performances über "Weiblichkeit" und "Männlichkeit" zu kreieren, dann wurden diese Solos zu einer Performance zusammengebaut. Außerdem sollten sie ein utopisches Produkt für die Gleichstellung der Geschlechter entwickeln und einen TV-Spot für dieses Produkt gestalten. Auch klassische Techniken wie „Slow Motion“-Übungen, "Die Kunst des Zuschauens" und Dramaturgie wurden in den Workshop einbezogen.

Kommen wir zu eurem ersten Eindruck von Ruanda, dem Land in der mehr Frauen im Parlament sitzen, als in jedem anderen Land der Welt. Welche Ideen von Feminismus sind euch hier begegnet?

Ruanda wirkt komplex und vielfältig. Wir haben mit vielen verschiedenen Frauen gesprochen, von Künstlerinnen bis hin zu Hühnerzüchterinnen, von Friseurinnen bis hin zu Museumsleiterinnen, von Sicherheitsfrauen bis hin zu Genderbeauftragten auf Bezirksebene. Dabei haben wir erfahren, dass sich das Leben der Frauen seit 1994 erheblich verbessert hat. Es gibt neue Erbgesetze, Gesetze gegen häusliche Gewalt, Quoten für politische Repräsentation und Schulbildung ist für alle Mädchen zugänglich und Pflicht. Sehr viele Frauen gaben an, dass sie sich "empowered" fühlen und Entscheidungen treffen können. Aber merkten auch, dass sich Kultur und Denkweisen viel langsamer ändern als Gesetze. Viele Frauen scheinen neben ihrer Karriere immer noch verantwortliche für die die ganze Hausarbeit, Pflegearbeit und Kindererziehung. Die klassische Doppelbelastung scheint allgegenwärtig zu sein. Aber wir haben auch junge Menschen getroffen, die beide arbeiten und die Aufgaben zu Hause teilen. Bestimmte Aktivitäten (wie das Trommeln) oder Verhaltensweisen (wie Rauchen und Trinken) scheinen jedoch nach wie vor aufgrund kultureller Normen für Frauen nur sehr eingeschränkt möglich zu sein.

Nach dem Workshop geht es für euch beide jetzt erst einmal wieder nach Hause. Was werden die nächsten Schritte für das Projekt sein?

Zuerst müssen wir die Finanzierung für die Realisierung der Theaterproduktion im nächsten Jahr beantragen. Dann steht die Transkription der von uns geführten Interviews an. Wir möchten auch unsere Recherchearbeit vertiefen und mehr lesen. Dazu gehören „Petit Pays“ von Gaël Faye, oder auch „Afrotopia“ von Felwine Sarr und Texte, die den afrikanischen Feminismus thematisieren, z.B. von Oyeronke Oyewumi und Amina Mama.

Sophia und Lisa, ihr habt auf dem afrikanischen Kontinent bereits in Nigeria und Tansania gearbeitet, wart jetzt das erste Mal in Ruanda. Wie ist euer erster Eindruck und gibt es etwas was euch besonders im Gedächtnis bleiben wird?

Die Leute wirken sanftmütig und sind sehr höflich. Als Muzungu musst du nicht sehr hart verhandeln, um zum Beispiel einen angemessenen Preis für eine Moto-Taxi-Fahrt zu bekommen. Die Stadt ist sehr sauber und gepflegt. Wir fühlten uns auch sehr sicher - in keiner anderen afrikanischen Stadt haben wir uns nachts so frei bewegen können. Außergewöhnlich fanden wir, dass es kaum Streetfood gibt und generell nicht auf der Straße gegessen wird. Auch dass in einigen Häusern die Küche vom Haus getrennt ist hat uns überrascht. Als wir erfuhren, dass hier traditionell nur drei Arten von Lebensmitteln angebaut wurden und Kuhmilch die primäre "Nahrung" war, machte das auch Sinn. Wir aßen zweimal an einem kleinen Ort in Nyamirambo, Chapati mit Bohnen und Tee. Das Essen war so lecker. Wir sahen auch einen Auftritt der weiblichen Percussionsgruppe 'Ingoma Nshya' in Huye, den wir nicht vergessen werden: Die Kraft und Freude, die die Frauen dabei ausstrahlten, war einfach atemberaubend!
 
Vielen Dank für das Interview und gute Heimreise!