Hans Fallada Auf den Spuren Falladas

Buchcover: Jeder stirbt für sich allein
Jeder stirbt für sich allein | © Lind & Co

Im Wedding in Berlin lebten Elise und Otto Hampel, und wie die meisten anderen Arbeiter schufteten sie im Schatten des anwachsenden Dritten Reiches. Doch als Elises Bruder auf dem Schlachtfeld starb, passierte etwas mit dem ungebildeten und unpolitischen Paar. Sie entschlossen sich, dem Regime, das sein eigenes Volk in einem sinnlosen Krieg opferte, Widerstand zu leisten.

Zwei Jahre lang schrieben sie Postkarten, in denen sie vor dem Führer warnten und zum Widerstand aufriefen. Die Karten legten sie an öffentlichen Plätzen in Berlin aus - in der Hoffnung, dass diejenigen, die sie finden, den Kampf weiterführen würden. Nach zwei Jahren wurden sie entdeckt und verhaftet. Elise und Otto Hampel wurden im April 1943 im Gefängnis Plötzensee hingerichtet.

Diese wahre Geschichte bildete den Ausgangspunkt für Hans Falladas Erfolgsroman Jeder stirbt für sich allein (schwed. Ensam i Berlin), dem allerersten Buch über den deutschen Widerstand. Er schrieb es 1946, während seiner letzten Lebensmonate, als er in Berlin-Pankow wohnte - jenem Stadtteil, der oft als Synonym für das DDR-Regime benutzt wurde.

Das Wohnviertel wurde um die vorige Jahrhundertwende gebaut, der größte Teil der großen weißen Villen entstand jedoch Mitte der 1930er Jahre. Jede Straße wird von Ulmen umsäumt, nach Berliner Manier sind die Grünflächen verwildert und machen einen etwas ungepflegten, aber charmanten Eindruck. Die Herbstsonne ist warm und zeigt Pankow von seiner allerbesten Seite, als wir von Ralph Hoppe begrüßt werden. Seit dem Fall der Mauer 1989 veranstaltet er Rundgänge durch diese Gegend.

„Früher gab es große Einschränkungen und die Fremdenführer durften nur das erzählen, was mit der Ideologie des Regimes übereinstimmte. Aber ich habe oft inoffizielle Rundgänge durchgeführt", erzählt er, und dann beginnt unsere Tour auf den Spuren Falladas.

Hans Fallada, 1893 als Rudolf Ditzen geboren, wuchs in einer gutbürgerlichen Familie in der Universitätsstadt Greifswald auf. Er litt einen Großteil seines Lebens unter psychischen Problemen und kam mehrfach ins Gefängnis und in eine Nervenklinik. Auf dem Gymnasium wurde er nach einem missglückten Selbstmordduell des Totschlags an einem Schulkameraden angeklagt. Und schon bald wurde er arbeits-, drogen- und alkoholsüchtig.

Trotz seiner labilen Psyche und seiner Sucht hatte Hans Fallada, wenn er zum Schreiben kam, einen prägnanten Stil. 1932 wurde ein Roman veröffentlicht, der sein bis dahin größter Erfolg werden sollte, Kleiner Mann – was nun? (schwed. Hur ska det gå för Pinnebergs?). Er erschien vor kurzem in einer Neuübersetzung von Aimée Delblanc auf Schwedisch und handelt von einem jungen Paar und seinen Nöten im Berlin der Depression.

Zwischen 1933 und dem Beginn des Krieges emigrierten ungefähr 1500 Schriftsteller und Literaten aus Deutschland. Hans Fallada war einer der wenigen, die blieben, mit der Begründung, dass er nicht vorhabe, im Ausland „auf irgend einem doofen Emigrantenschmollstühlchen“ zu leben. (Aus einem Brief Falladas an seine Tante Adelaide Ditzen vom 17. Juni 1934./Anm. d. Üb.)

„Die Nazis waren wohl der Meinung, er könnte für das Regime deutlicher Stellung beziehen, doch er schrieb sehr neutral, ohne spürbare Wertungen, und deshalb ließen sie ihn oftmals in Ruhe", erzählt Ralph Hoppe.

Ganz unkompliziert war das Verhältnis Falladas zum Regime jedoch nicht. In Kleiner Mann – was nun? wird ein deutscher SS-Mann beleidigt, und einmal wurde Fallada verhaftet, weil er Hitlerwitze erzählt hatte. Ein anderes Mal bekam er einen persönlichen Brief vom Propagandaminister Goebbels:

„S.g. H. F., ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihre Werke in schwedischer Sprache bei dem Verlage Bonnier erscheinen, der in vorderster Front der Deutschenhetze steht. Ich bitte Sie, dies in Zukunft zu beachten. p. p. Dr. G.“ (Vgl. Hans Fallada. In meinem fremden Land. Gefängnistagebuch 1944. Hrsg. von Jenny Williams und Sabine Lange. Berlin: 2009, S. 79/Anm. d. Üb.)
Die Kommunisten verdächtigten ihn hingegen, mit den Nazis zu sympathisieren, weil er während des Krieges in Deutschland geblieben war.

Vor einem dieser großen weißen Häuser mit Zäunen und üppigen Gärten bleiben wir stehen. Hier wohnte der Schriftsteller und Kulturminister Johannes R. Becher.

„Johannes R. Becher war die wichtigste Person für Hans Falladas Schreiben. Becher bemühte sich darum, dass viele Deutsche, die im russischen Exil gewesen waren, in Pankow ein Zuhause bekamen. Er wusste, dass es Fallada nicht gut ging und bot ihm Unterstützung an."

Mit Johannes R. Bechers Hilfe zog Fallada 1945 nach Pankow, obwohl er weder Exildeutscher, Russe noch Parteimitglied war. Eines Tages überreichte ihm Becher eine Gestapo-Akte, die man in einem Archiv gefunden hatte und sagte: „Schreib ein Buch darüber!“ In der Akte befanden sich Dokumente und Bilder, die von Elise und Otto Hampel erzählten.

„Am ersten Tag schrieb er zwanzig Seiten und zwang sich, jeden Tag mindestens genauso viel zu schreiben, wie am Tag davor. Er hielt sich mit Kaffee und Drogen wach und nahm dann Tabletten, um schlafen zu können", erzählt uns der Fremdenführer.

Nach 24 Tagen hatte er die 866 Schreibmaschinenseiten von Jeder stirbt für sich allein fertiggeschrieben.

Im Buch wurde das Ehepaar Hampel zu Otto und Anna Quangel in der Jablonskistraße 55 in Prenzlauer Berg. Doch Jeder stirbt für sich allein erzählt nicht nur vom Ehepaar Quangel, sondern auch von der ständigen Angst und dem Misstrauen, unter denen die deutsche Bevölkerung leben musste. Fallada hatte das selbst erlebt. Er wurde verdächtigt, weil er kein Parteimitglied war und wegen antinazistischer Aktivitäten verhaftet. Jeder stirbt für sich allein kann man als eine Art Mischung aus seinen eigenen Gefühlen und den dramatischen Ereignissen, die sich rund um den Wedding abspielten, betrachten.

Als Fallada das Buch abgeschlossen hatte, war er körperlich am Ende. Danach lebte er noch ungefähr drei Monate und starb, bevor das Buch 1947 zensiert erschien. Im Jahre 2009, als Jeder stirbt für sich alleinunzensiert auf Englisch erschien, flammte das allgemeine Interesse erneut auf. Auf Schwedisch erschien diese Neuausgabe 2012 und ist seitdem ein Bestseller.

Noch heute gehört der Wedding zu den ärmsten Bezirken Berlins. In den Nuller Jahren hatten Pankow und Wedding große Probleme mit Neonazis, was auch dazu führte, dass engagierte Widerstandsbewegungen entstanden sind. Angesichts des Vormarsches des Rechtsextremismus in Deutschland, aber auch im übrigen Europa, ist Hans Falladas Erzählung vom Widerstand des „kleinen Mannes“ heute genauso wichtig wie damals.