Thema Migration in der aktuellen Litteratur Nichts Neues, aber brandaktuell

Ohrfeige (Bildausschnitt)
Ohrfeige © Hanser Verlag

Der Soziologe Zygmunt Bauman sagte kürzlich in einem Gespräch mit Sverker Lenas von Dagens Nyheter (7.5.2016): „Migration ist eigentlich kein neues Phänomen, unsere nomadischen Vorfahren sind relativ spät in der Menschheitsgeschichte sesshaft geworden.“ So ist es. Migration und Flucht als Kriegsfolgen gehörten von Anfang an zur Menschheitsgeschichte – und in der Literatur ist Flucht seit Homers Ilias und Odyssee ein Thema.

In den letzten Jahren aber hat das Thema an Aktualität gewonnen und die Berichterstattung in den Medien zugenommen. Täglich ist von Menschen auf der Flucht die Rede. Es wird darüber berichtet, dass Donald Trump eine 3000 Kilometer lange Mauer zu Mexiko bauen möchte, dass Ungarn seinen Grenzschutz verstärkt, dass Österreich schärfere Grenzkontrollen plant, dass sich die deutsche Willkommenskultur in Zurückhaltung verwandelt hat und dass Schweden in seiner Flüchtlingspolitik gänzlich umgeschwenkt ist.
 
Selbstverständlich hat diese Entwicklung Einfluss auf die Kulturdebatte, auch auf die Literatur. In zahlreichen Büchern werden Themen wie Flucht, Migration, Assimilation und Exilerfahrung behandelt. Es gibt viele und vielfältige Perspektiven – so wie eben kein Schicksal dem anderen gleicht.
 
In Deutschland hat Jenny Erpenbecks Roman Gehen, ging, gegangen (2015) viel Diskussion ausgelöst, an der sich Erpenbeck auch selbst rege beteiligt hat. Zudem hat sie Flüchtlinge in Berlin unterstützt. Die Hauptfigur des Romans, Richard, ist ein emeritierter Professor und Witwer. Nach einem langen Berufsleben fühlt er sich untätig und überflüssig. Als er den Flüchtlingen, die sich zeitweise rund um den Oranienplatz niedergelassen hatten, hilft, bekommt sein Leben wieder einen Sinn. Der Roman basiert teilweise auf Gesprächen, die Erpenbeck mit Flüchtlingen in Berlin geführt hat. Das hat sie mir erzählt, als ich sie im Februar für Dagens Nyheter interviewt habe.
 
Abbas Khider © Jacob Steden In Ohrfeige (2016) berichtet Abbas Khider aus der Perspektive eines Flüchtlings über einen jungen Iraker, der nach Deutschland kommt und abgeschoben werden soll. Auch dieser Roman wurde in Deutschland stark diskutiert. Khider, der vor sechzehn Jahren selbst als Asylbewerber nach Deutschland kam, schreibt seit langem über Flucht und Exil. In Schweden ist kürzlich sein Roman Die Orangen des Präsidenten (2011) erschienen. Darin behandelt er das Thema aus einer ganz anderen Perspektive; es geht eher um die Gründe für eine Flucht und zu einem Leben im Exil. Die Hauptfigur des Romans trägt autobiographische Züge, dennoch ist es eine fiktive Darstellung, mit einem leichten, fast komischen Grundton.
„Ich schreibe immer über bittere Wirklichkeiten. Ohne Leichtigkeit ist es nicht möglich, diese Wirklichkeiten zu ertragen. Diese Leichtigkeit hilft mir und dem Leser, sich in einem Text unbeschwert zu bewegen", sagt Abbas Khider.

Es ist bestimmt eine große Herausforderung, über schwierige Dinge zu schreiben. Hat die Tatsache, dass Sie das Buch auf Deutsch verfasst haben, zu einer gewissen Distanz geführt?

In meinem zweiten Roman, Die Orangen des Präsidenten, hat mir die deutsche Sprache diese Distanz gegeben. Vermutlich hätte ich es in meiner Muttersprache nicht fertiggebracht, diese Geschichte aufzuschreiben. Die deutsche Sprache war eine Art Schutzmantel für die Seele gegen die heftigen, schmerzhaften Wellen der Erinnerung aus der Vergangenheit. In meinen beiden letzten Romanen habe ich eine ganz andere Beziehung zur deutschen Sprache.

Migration und Flucht sind ewige Themen in der Literatur - heute aber sehr aktuell. Ist es schwierig, über diese erschütternden Ereignisse zu schreiben?

Es ist natürlich sehr schwierig, über diese Themen zu schreiben - insbesondere für Autoren, die das nie erlebt haben. Aber auch für Autoren, die selbst Flüchtlinge oder Asylbewerber waren, ist es keine leichte Aufgabe. Wie kann man objektiv sein, wenn man selbst betroffen ist? Das ist sehr heikel. Und durch die gegenwärtige politische Situation ist das Thema äußerst kompliziert geworden - politisch, gesellschaftlich und kulturell. Ohne Distanz zu diesen Ereignissen kann man keine gute Literatur hervorbringen.

Im Interview mit Lotta Lundberg für Svenska Dagbladet erzählt Abbas Khider mehr über seinen Roman Die Orangen des Präsidenten.

Vor einigen Jahren veröffentlichte Dorothee Elmiger den Roman Schlafgänger (2014), der demnächst auf Schwedisch erscheinen wird. Ein hochaktueller Text, der mit Hilfe von poetischer Distanz sehr viel zum Thema Grenzen und Migration aussagt. Als ich Elmiger für Dagens Nyheter interviewte, betonte sie, dass die Arbeit an dem Roman gar nicht so leicht gewesen sei und sie sich mitunter in Frage gestellt habe. Für sie als schweizer Autorin sei es wichtig, die eigene Perspektive zu hinterfragen, und ob es überhaupt möglich sei, diesen komplexen und vielschichtigen Bereich zu kommentieren.
 
Bokomslag: De fördrivna av Negar Naseh © Natur & Kultur Natürlich wird derzeit nicht nur in der deutschsprachigen Literatur viel über Migration geschrieben. Es sind zahlreiche Sachbücher zu diesem Thema erschienen und im Frühjahr haben unter anderem Negar Naseh und Elin Grelsson Almestad in ihren Romanen Migration und Flucht behandelt. Beide Autorinnen beschreiben Vertreter der schwedischen Mittelschicht, die auf verschiedene Art und Weise versuchen, mit ihrem schlechten Gewissen und ihrem Engagement in der Flüchtlingsfrage zurechtzukommen. In Negar Nasehs Roman De fördrivna (2016) wird einer der Hauptfiguren, Miriam, vorgeworfen, sie leide an „weißer Melancholie“ – eine Beleidigung, die sich auf ihre Unbedarftheit in Bezug auf das, was um sie herum geschieht, bezieht. Sie wohnt mit ihrem Mann in einer schönen Villa auf Sizilien, nicht weit von Lampedusa, der von der Flüchtlingskrise geprägten Insel, aber zunächst schenkt Miriam dem keine Beachtung. Doch infolge der Beleidigung und nach der Lektüre von „Bilal“ (Fabrizio Gattis wütender Abrechnung mit der europäischen Flüchtlingspolitik), erwacht sie aus ihrem Dämmerschlaf und entwickelt ein politisches Bewusstsein.

„Dieses Erwachen wollte ich gern beschreiben. Es ist ein wiederkehrendes Thema in der Literatur, insbesondere das Erwachen mit Hilfe von Literatur. Im Unterschied zuEmma Bovarys eskapistischem Lesen wollte ich Miriam, die nicht unbedingt eine große Leserin ist, die Möglichkeit geben, von Literatur berührt zu werden. Sie liest ein Buch, das die moderne Sklavenroute von Westafrika über das Mittelmeer in maroden Booten und weiter durch Europa beschreibt und erlebt ein jähes, heftiges Erwachen, wie aus dem Tiefschlaf. Und gerade darin liegt die Gefahr. Denn in Miriams Fall werden weder der Kontext noch die Strukturen, die unser Leben ordnen, gründlich analysiert, und so hat dieses Erwachen harte, strafende Konsequenzen“, sagt Negar Naseh.

In einem Interview haben Sie mal gesagt, dass Sie Ihre Romanfiguren bestrafen möchten und ganz viel Wut in sich hatten, als Sie diesen Roman geschrieben haben. Ist Wut ein guter Motor beim Schreiben?

Ich möchte da nicht verallgemeinern, aber in meinem Leben und in meinem Schreiben hat Wut eine elementare Rolle gespielt. Im Gegensatz zu Melancholie, Freude und Angst verspricht Wut eine potentielle Reaktion und diese Reaktionskraft, dieses Aktionspotential, könnte sich beim Schreiben als nützlich erweisen.
 
Elin Grelsson Almestad Foto: Matilda Rahm Eine andere Art von Wut – und zwar gegen die ungerechte Abschiebung eines allein kommenden Flüchtlingsjungen – spürt Elin Grelsson Almestads Hauptfigur Johanna. In dem Roman Hundarna på huvudgatan (2016) macht Johanna eine Ausbildung zur Priesterin, denn sie möchte etwas bewirken – zum Beispiel für allein kommende Flüchtlinge einen Ort schaffen, an dem sie sich geborgen und willkommen fühlen. In der Einleitung des Romans steht sie in der Abflughalle und schreit ihre ganze Frustration und ihren Zorn über die schwedische Gesellschaft, die Kinder abschiebt, heraus. Der Roman schildert ihren Kampf gegen Bürokratie, aber auch gegen offenen und versteckten Rassismus.

„Ich wollte über die gute Gesellschaft schreiben. Asyl, Migrationspolitik und Flüchtlinge sind eng an moralische Fragen geknüpft, und ich versuche auszuloten, was das bedeutet“, sagt Elin Grelsson Almestad.
 
In meinem Podcast Text+1 berichtet Elin Grelsson Almestad noch ausführlicher darüber, warum Migration eines der wichtigsten Themen in ihrem Roman Hundarna på huvudgatan ist.
 
Die Perspektiven ändern sich, ebenso wie das Material des Schriftstellers. Migration ist nichts Neues, aber brandaktuell, und es wird zweifellos auch künftig beeindruckende und wichtige Schilderungen zu diesem Thema geben.