17. poesiefestival berlin „Kein schöner Land“

17. poesiefestival berlin: „Kein schöner Land“
17. poesiefestival berlin/Souleymane Diamanka (c) gezett

Vom dritten bis elften Juni 2016 fand das jährliche poesiefestival berlin statt. Ausgerichtet wird das Festival von der Literaturwerkstatt, die sich bald in Haus für Poesie umbenennen und damit noch deutlicher als bisher der Kunst der Poesie verschreiben wird. Der schwedische Schriftsteller Malte Persson war vor Ort und hat seine persönlichen Eindrücke für uns festgehalten.
 

Fast kommt man sich im Tiergarten und dem grünen Hansaviertel, wo in der Akademie der Künste zum 17. Mal das poesiefestival berlin stattfindet, vor wie im Regenwald. Trotz der schwülen Sommerhitze sind die Lesungen und auch die übrigen Veranstaltungen gut besucht.

In diesem Jahr steht das Festival – mit Anspielung auf das bekannte Volkslied – unter dem doppeldeutigen Motto „Kein schöner Land“. („Kein schöner Land“ als dieses? Oder: dies ist „kein schöner Land“?) Ohne es explizit zu benennen ziehen sich Exil- und Flüchtlingserfahrungen als ein Hauptthema durch das Programm.

So geht es in einem der Kolloquien des Poesiefestivals unter anderem um die wechselhafte Geschichte der deutschen Exillyrik: während die Erfahrung von Krieg und Exil für Dichterinnen und Dichter wie Nelly Sachs und Bertolt Brecht Anlass war, neue poetische Wege einzuschlagen, die sie sonst kaum gewählt hätten, fanden andere deutschsprachige Exildichter zu einer eher nostalgischen Sichtweise.
 
In diesen Tagen gehen die Flüchtlingsströme in eine andere Richtung, und es sind beispielsweise Dichter aus Syrien, die sich in entsprechender Lage befinden. Der in Schweden lebende syrisch-palästinensische Lyriker Ghayath Almadhoun wehrt sich dagegen, ständig als primär politischer Dichter wahrgenommen zu werden. Er schreibe mit seinem Leben als Ausgangspunkt, sagt er, genau wie schwedische Dichter auch. Dennoch fällt es schwer, seine sehr starken, neuen Gedichte, die er auf dem Festival vorträgt, eben nicht (auch) politisch zu lesen. Schon Heinrich Heine wusste, dass das Schlimmste für einen Dichter nicht das körperliche Exil ist, sondern das sprachliche. Vermutlich gibt es so viele verschiedene Arten, damit umzugehen, wie es Exildichter gibt. Der bedeutende amerikanische Lyriker Charles Simic kam 1954 als Sechzehnjähriger aus dem heutigen Serbien in die USA: „Hitler und Stalin buchten meine Reisen.“ Er schreibt alle seine Gedichte auf Englisch, das er mit Akzent spricht. Sie ins Serbische zu übersetzen, erzählt er, scheine ihm völlig unmöglich.
 
Andere Poeten haben eine mehrsprachige, postnationale Identität, ohne Flüchtling zu sein. Die in Deutschland geborene Uljana Wolf erlebt die Arbeit als Übersetzerin aus mehreren Sprachen als Bereicherung für ihren Schaffensprozess. In der Gedichtsuite babeltrack aus ihrem Lyrikband meine schönste lengevitch bildet sie klangreich und verdichtet die vorsprachliche Offenheit des Kindes für jeden wie auch immer gearteten Sprachlaut ab.
 
Die norwegisch-französisch-englische Caroline Bergvall liest ihrerseits Gedichte, die mehrere Sprachen vermischen, sowohl lebende wie historische. Und bei einer der vielen Lesungen, die während des Festivals auch über die Stadt verteilt stattfinden, höre ich die finnlandschwedische Lyrikerin Cia Rinne (die in Deutschland lebt) mit ihren gleichermaßen mehrsprachigen, sprachspielerischen Gedichten.
 
Luis Felipe Fabre Luis Felipe Fabre © privat Die für mich größte Entdeckung des Festivals ist allerdings der weniger mehrsprachige Mexikaner Luis Felipe Fabre. Sein genreüberschreitender, spielerischer Umgang mit Zombiefilmen – eine Metapher für das Mexiko der Drogenkartelle und Gewalt – und anderen kulturellen Klischees überrascht und fühlt sich neu an. Als er von seinem Schreiben erzählt, kommen die spanischen Wortkaskaden allerdings so schnell geflogen, dass die deutsche Simultanübersetzung nur mit Mühe hinterherkommt. Eine unfreiwillige Erinnerung daran, dass Sprachgrenzen für den Dichter und sein Publikum eine schwer zu überschreitende Hürde sind und bleiben.
 
Außer Lesungen – von strenger Avantgarde bis zur überbordenden Spoken-Word-Performance ist alles vertreten – präsentiert das Festival auch Beiträge aus der Welt des Films, der Musik und anderen Kunstsparten. Ich erlebe zum Beispiel eine szenisch-musikalische Aufführung, die der Flüchtlingsthematik in Schuberts und Wilhelm Müllers Winterreise nachspürt, indem sie den bekannten Gedicht- und Liederzyklus mit Heiner Müllers düsterem Drama Philoktet kontrastiert. Ein weit hergeholter Ansatz, mag sein – aber das Resultat überzeugt.
 
Ähnlich wie bei anderen Berliner Kulturfestivals läuft der Uneingeweihte leicht Gefahr, den Überblick über das umfangreiche und ambitionierte Programm zu verlieren. Am besucherfreundlichsten ist der „Lyrikmarkt“ am Abschlusstag, der bei freiem Eintritt mit Konzerten, Lesungen im grünen Innenhof und Büchertischen von Verlagen, Buchhändlern und Antiquariaten aufwartet. In der deutschen Gegenwartslyrik kommen die vitalen Impulse von den kleinen Verlagen (vielleicht der wichtigste: der Berliner Verlag kookbooks), und der Lyrikmarkt ist die ideale Gelegenheit, um sich einen Überblick zu verschaffen. (Und wer hier wider Erwarten nichts Interessantes findet, braucht nur ins Obergeschoss schlendern, wo die jährliche Kunstbuchmesse Miss Read ein enormes Angebot an Drucksachen aus aller Welt bereithält, eine ausgefallener als die andere.)
 
Bei so viel Gegenwartslyrik ist mein liebster Fund am Ende doch eine billige Ausgabe von Wolf Biermanns Deutschland, Ein Wintermärchen, erschienen 1973 in einem linken Westberliner Verlag. Diese von Heine inspirierte Satire über das geteilte Deutschland mag heute völlig überholt wirken – doch in dem Europa der Flüchtlinge und Grenzen, das seinen Schatten auf das 17. Poesiefestival warf, auch wieder völlig aktuell.