„Man braucht eine andere Ästhetik, um die bedrückenden Verhältnisse der Gegenwart zu überwinden“

Ulrich Peltzer
Ulrich Peltzer

Der Berliner Schriftsteller Ulrich Peltzer wurde in diesem Jahr mit dem Peter-Weiss-Preis ausgezeichnet. Im Interview spricht er über die Aktualität der gesellschaftlichen Utopie, die in der „Ästhetik des Widerstands“ zum Vorschein kommt und über die Wahrnehmungsstrategien unserer Gegenwart, die Gefahr laufen, Menschen und Phänomene, die nicht ins Raster passen, auszublenden.

Im März wurde Ulrich Peltzer für sein Gesamtwerk mit dem Peter-Weiss-Preis ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung im Schauspielhaus Bochum sagte der Laudator Helmut Böttiger, Peltzer spiegele und dokumentiere mit seinem literarischen Schaffen den Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft, in der Ästhetik seines Werkes werde die innere, künstlerische Verwandtschaft zu Peter Weiss offenbar. Zum Auftakt des Peter-Weiss-Jahres, das anlässlich seines 100. Geburtstags stattfindet, diskutierte Peltzer im Rahmen „Der langen Nacht über Peter Weiss“ in der Berliner Akademie der Künste zusammen mit den Autoren Ingo Schulze und Volker Braun über Wahrnehmung und Widerstand und die Frage, wie die Kunst das Widerständige sein könnte.
 
Die Romane von Ulrich Peltzer spielen in Metropolen wie Berlin, New York oder Sao Paulo. Sie reflektieren die Ästhetik der urbanen Lebenswirklichkeit, Themen wie Überwachung, Gentrifizierung und Terror werden ebenso angesprochen wie die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse und die damit einhergehende Fragmentierung von Lebensentwürfen. Peltzer verbindet präzise Gegenwartsbeschreibungen mit avancierter politischer Theorie. In seinen Gegenwartsromanen spielen auch die politischen und gesellschaftlichen Utopien der Vergangenheit und ihr Einfluss auf das gegenwärtige Lebensgefühl eine Rolle. Zuletzt erschien von Ulrich Peltzer der Roman „Das bessere Leben“ (2015).

Die „Ästhetik des Widerstands“ ist ein Klassiker, aber in den vergangenen Jahren wurde der Roman nur wenig rezipiert. Das ändert sich gerade, anlässlich des 100. Geburtstags von Peter Weiss finden zahlreiche Lesungen und Veranstaltungen statt. Hängt dieses wiedererwachte Interesse auch mit einer Sehnsucht nach einer Auseinandersetzung mit Geschichte zusammen?

Ich denke schon, dass es da einen Zusammenhang gibt. Wir leben in einer Zeit vollkommener Gegenwärtigkeit und Geschichtslosigkeit, Zukunft ist bei uns auf technische Lösungen reduziert, reine Pragmatik, es gibt keinen empathischen Zukunftsbegriff mehr, wie er der Ästhetik des Widerstands noch eingeschrieben ist. Zukunft ist etwas, das man sich erkämpfen muss und man kann sie sich nur erkämpfen, wenn man einen anderen Begriff von ihr hat, als den eines technologischen Fortschritts. Jeder Begriff von Zukunft, der über sich hinausweist, braucht ein Moment der Utopie, aber auch einen Bezug zur Vergangenheit - und darum geht es bei Weiss. Wie im Übrigen auch bei Heiner Müller.

Geschichte wird oft aus der Perspektive der Sieger erzählt. Das macht Peter Weiss nicht, die „Ästhetik des Widerstands“ handelt vom Kampf der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus.

Es geht um die Frage, ob die Auseinandersetzungen der Vergangenheit, die Toten und die Kämpfe, umsonst gewesen sind. Der Widerstand der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus und ihr Kampf für ein besseres Leben werden mit der Frage nach der Bedeutung von Ästhetik verbunden, das zeigt sich auch in der Rolle, die der Dadaismus und die Kafka-Rezeption in der Ästhetik des Widerstands spielen. Man braucht eine andere Ästhetik, um die bedrückenden Verhältnisse der Gegenwart zu überwinden. Weiss, der selbst nun keine proletarische Biografie hatte, versucht, diese andere Ästhetik in die Geschichte der Arbeiterbewegung zu integrieren.

Hat sich Ihr Bezug zur „Ästhetik des Widerstands“ im Laufe der Jahre verändert?

Zum ersten Mal vollständig gelesen habe ich die Ästhetik des Widerstands Mitte oder Ende der achtziger Jahre. Die Sprache ist großartig, es gibt Passagen darin, die ich immer wieder lese. Als ich anlässlich des Jubiläums für eine Lesung nach einigen Stellen in der „Ästhetik des Widerstands“ gesucht habe, ist mir noch einmal aufgefallen, wie polyphon sie ist und wie sehr man sich darin verlieren kann. Seit der ersten Lektüre hat sich mein Verhältnis zu Weiss’ Roman schon verändert, aber weniger des Stoffs wegen, sondern weil mich die Frage beschäftigt, ob dieser Versuch einer Idealbiografie und der Versuch, mit dieser Form eines paraphrasierenden Erzählens so etwas wie Totalität herzustellen, funktioniert. Peter Weiss wollte ein Erzählen en bloc, wie es sich auch in der äußeren Gestalt des Textes ausdrückt. Das ist wie ein Marmorblock oder ein Denkmal, aber es gibt da zugleich eine innere Spannung, Torsionen, es tun sich haarfeine Risse in der narrativen Fugenlosigkeit auf, und da, glaube ich, muss man für die heutige Rezeption ansetzen.

Sie haben vorhin den Kampf für ein besseres Leben angesprochen. In Ihrem Roman „Das bessere Leben“ sind die Biografien der Protagonisten mit den linken Bewegungen des 20. Jahrhunderts verknüpft. Die Handlung spielt aber nicht in den Reihen der Globalisierungskritiker von Attac oder im prekären Milieu, sondern in der Welt der Wirtschaft. Warum haben Sie sich für dieses Setting entschieden?

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist eine Geschichte der Utopien, und eben auch der gescheiterten Utopien. Die drei Hauptfiguren sind damit auf unterschiedliche Weise verbunden. Bei der Figur Sylvester Lee Fleming ist es die unmittelbare Zeugenschaft, er war 1970 auf dem Campus der Kent-State-University in Ohio, als dort bei Protesten gegen den Einmarsch amerikanischer Truppen in Kambodscha vier Studenten von der Nationalgarde erschossen wurden. Bei Jochen Brockmann besteht die Verbindung über das private Umfeld, ein enger Freund war Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahren an militanten Aktionen beteiligt, und Angelika Volkhart ist in der DDR aufgewachsen, sozusagen in einem Staat gewordenen Versuch, die Welt anders zu organisieren. Das sind drei sehr unterschiedliche Positionen zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ich habe diese Protagonisten gewählt, weil sie durch ihre gesellschaftliche und berufliche Stellung über bestimmte Freiheiten verfügen, sich in einem anderen Handlungsraum bewegen als jemand, der dem Disziplinarregime des Büros oder der Fabrik unterworfen ist. Das ist der der Horizont, vor dem sich die Geschichte entwickelt. Der Roman spielt bewusst im Jahr 2006, also vor dem Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise. Ich wollte ihn nicht dem Verdacht aussetzen, dass hier die Krise verhandelt oder erklärt wird.

Beim Lesen gewinnt man den Eindruck, dass das Leben der Figuren auch ganz anders hätte verlaufen können. Brockmann hätte kein erfolgreicher Sales Manager werden müssen, man kann ihn sich auch als Drogendealer in London vorstellen.

Genau, es geht um das Moment des Zufalls oder der Kontingenz. Dass Geschichte eben nicht deterministisch verläuft. Im 20. Jahrhundert hat insbesondere die Linke an eine historische Zwangsläufigkeit und Gesetzmäßigkeit geglaubt. Um es herunterzubrechen aufs Private: Wenn wir eine Bewerbung oder ein Curriculum schreiben, dann müssen wir das, was in unserem Leben passiert ist, in eine vollkommen logische Reihung bringen. Aber sowohl eine individuelle Biografie als die Geschichte selbst ist voller Kontingenz und die Frage stellt sich, wie man damit umgeht, wie man das in einer Erzählung von sich selbst unterbringt. Das ist ein wichtiges Thema des Romans, alle Figuren befinden sich an einem Punkt, an dem sie ihr Leben befragen. Man kann sich überlegen, welche Entscheidungsmöglichkeiten man hatte und welche man wahrgenommen hat. Eine absolute Folgerichtigkeit gibt es nicht – weder in der Geschichte noch in unserem privaten Leben.

Folgerichtigkeit ist etwas, das auch seitens der Politik ständig suggeriert wird. Im Zuge der Wirtschaftskrise werden politische Entscheidungen mit dem Argument der Alternativlosigkeit begründet.

Seit 2008 gilt der Imperativ „too big to fail“, man muss die großen Banken retten, weil es keine Alternative gibt. Dezidiert über Alternativen nachzudenken, wird uns verweigert. Man könnte sagen, das hat ideologische Gründe. Wir haben ja den Begriff der Ideologiekritik durch den der Diskursanalyse ersetzt. Ich habe den Eindruck, dass man heute aber wieder über Ideologiekritik reden müsste. Wenn man Ideologiekritik betreibt, geht dem die basale Feststellung voraus, dass die Gesellschaft auf eine bestimmte Weise stratifiziert ist. Es gibt Interessen, es gibt sehr Mächtige und gänzlich Machtlose, und das wieder zur Kenntnis zu nehmen, davor scheut man zurück.

In Ihren Romanen „Das bessere Leben“ und „Teil der Lösung“ fällt der filmische Blick auf, mit dem sich die Protagonisten durch ihre Umgebung bewegen. Bei Peter Weiss spielte die Akustik eine besondere Rolle, in der „Ästhetik des Widerstands“ gibt es eine geradezu infernalische Geräuschkulisse. Im Vergleich dazu wirkt die Welt, in der „Das bessere Leben“ spielt, fast geräuschlos. Leben wir in einer Gegenwart, in der es vor allem um das Visuelle geht?

In den Konferenzräumen oder Lobbies der Finanz- und Wirtschaftswelt gibt es eine eigenartige Stille, es wirkt sehr gedämpft mit einem merkwürdigen Hall. Je höher sie kommen, desto weiter sind sie von den Geräuschen der Straße entfernt. Auf der Ebene der Atmosphäre gibt es den Eindruck einer Dämpfung, einer Verzögerung, einer Verkleinerung und des Verschleiertseins. Aber natürlich gibt es auch eine andere Gegenwart, die entweder ausgeblendet oder nur grell ausgestellt wird. Was man wahrnimmt, hängt auch davon ab, was man wahrnehmen will oder kann. Wenn man von etwas nicht einmal einen vagen Begriff hat, fallen viele Menschen und Phänomene durchs Raster. Dann nimmt man zum Beispiel die Obdachlosen, die einem auf der Straße begegnen, nicht mehr wahr. Als man noch mit großen Begriffen operierte, wie zum Beispiel dem der Arbeiterklasse, war das nicht nur ein Begriff, sondern auch ein Raum, in dem man sich selbst denken und positionieren konnten. Das ist weggefallen, und wenn einem die Orte und die Sprache genommen werden, wird man unsichtbar gemacht.