Kultur, Bildung und Gleichheit in Schweden Hochkultur ist subversiv

Ali Heffetz/ Drone Dancing 2018
Foto: Johannes Erb

Deutschland ist Schwedens größter Handelspartner. Aufgrund der intensiven wirtschaftlichen und politischen Verbindungen zu Deutschland gibt es in Schweden einen hohen Bedarf an Personal mit Deutschkenntnissen. Aber Deutsch belegt nach Englisch und Spanisch nur den dritten Rang bei modernen Fremdsprachen an schwedischen Schulen.

Schweden ist das größte skandinavische Land – im Selbstverständnis gewiss auch das führende. Insbesondere bei Fragen der Gleichstellung, aber auch der Digitalisierung. Der Premierminister bezeichnete Schweden unlängst als „humanitäre Großmacht“. Auch von außen dient das Land stets als Projektionsfläche, positiv wie negativ. Mit dem modernen Schweden hat das Ideal aus der Zeit vor der Industrialisierung wenig zu tun. Weder ist Schweden das Bullerbü-Paradies noch ein Land im Chaos, wie Rechtspopulisten es zeichnen. Zutreffend ist: Immer wieder sorgten Verbrechen für Aufsehen – jüngst etwa mehrere Morde auf offener Straße in Malmö. In manchen Vorstädten der Ballungszentren Stockholm, Göteborg und Malmö leben über 90 Prozent der Einwanderer unter schwierigen sozialen Bedingungen. Ausschreitungen wie 2013 sind Ausdruck dieser Problematik.

Heute lebt der Großteil aller Schweden in mehr oder minder urbanen Verhältnissen. Besucher bemerken, dass fast überall ohne Bargeld bezahlt wird und dass Toiletten in Stockholm Unisex sind. Erfolgreich war nicht zuletzt die Rationalisierung und Zentralisierung der gesamten Volkswirtschaft, getragen durch Industrie, Sozialdemokratie und Gewerkschaften. Das „Du“  als verbreitete Anredeform seit den 1960er Jahren artikuliert Effizienzdenken und Gleichheitsstreben über alle Klassenschranken hinweg. Das in Schweden wichtige Gesetz des Jante, „Janteloven“, das der norwegische Schriftsteller Aksel Sandemose entwickelt hat, lautet: Alle sind gleich! Daraus folgen Umgangsformen, über Konformitätszwang abgesichert, nach denen es verpönt ist, sich selbst hierarchisch zu erhöhen und sich gegenüber anderen als besser oder klüger darzustellen. Der dazu gehörige schwedische Satz lautet immer: „Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist.“ Die Vision möglichst maximaler gesellschaftlicher Gleichheit steht aber im Kontrast zur Tatsache, dass die ökonomische Ungleichheit in keinem anderen OECD-Land seit den 1990er Jahren so stark gestiegen ist wie in Schweden.

Die Dominanz elitärer Institutionen wie der Schwedischen Akademie signalisiert einen ähnlichen Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit. 2018 musste die Kulturwelt auf ihren Literaturnobelpreisträger verzichten. Seit sexuelle Übergriffe und andere Verstöße im Umkreis der Einrichtung öffentlich wurden, steckt sie in ihrer schwersten Krise. Bereits die umstrittene Preisverleihung an den Musiker Bob Dylan galt als Indiz für kulturelle Orientierungslosigkeit, Niveauverlust und Beliebigkeit. Im egalitären Schweden muss jetzt vor allem die Geschlechterverteilung der Akademie verbessert und Vertrauen zurückgewonnen werden. In der Vergangenheit waren nur zwei der 14 aktiven Gremiumsmitglieder Frauen. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt derzeit bei 72 Jahren. Sexismus, Feminismus und Genderdiskurs – intensiv werden in Schweden als Folge der MeToo-Bewegung derzeit die veränderten Beziehungen zwischen den Geschlechtern diskutiert, die 2018 unter anderem zum „Einverständnisgesetz“ führte, das vor dem Sex ausdrückliche Zustimmung erforderlich macht – sonst gilt der Akt als Vergewaltigung. Die Gleichstellungspolitik fordert offensiv, dass Zuwanderer über verbindliche schwedische Werte und Gesetze informiert werden, wie z.B. die Gleichbehandlung von Männern und Frauen.

Deutsch in Schweden wieder attraktiver machen

Deutschland ist Schwedens größter Handelspartner. Aufgrund der intensiven wirtschaftlichen und politischen Verbindungen zu Deutschland gibt es in Schweden einen hohen Bedarf an Personal mit Deutschkenntnissen. Aber Deutsch belegt nach Englisch und Spanisch nur den dritten Rang bei modernen Fremdsprachen an schwedischen Schulen. Da Schweden auch ohne zweite Fremdsprache den Schulabschluss erlangen können, verringert sich das Interesse, nach Englisch noch Deutsch zu erlernen. 18 Prozent der Schüler in der Jahrgangsstufe neun lernen Deutsch. Das sind 50 Prozent weniger als vor 20 Jahren. Und je höher die Ausbildungsstufe, desto weniger wählen Deutsch als Fremdsprache. Falls es nicht gelingt, diese Entwicklung umzukehren, wird es für Unternehmen künftig schwerer, kompetente Mitarbeiter zu finden. Doch die oberste Schulbehörde lehnt – Gleichheit verbietet Bevorzugung! – die einseitige Förderung einer Sprache ab. Das Goethe-Institut, die deutsche Botschaft, die schwedische Wirtschaft und die Medien werben mit Imagekampagnen für Deutsch. Zusätzlich haben sie die  „classa politica“, das Bildungsministerium und die Schulbehörde aufgefordert, stärkere Anreize für junge Schweden zu setzen, Deutsch zu lernen, um dem Kultur- und Bildungsverlust entgegenzuwirken.

Die schwedische Bildungslandschaft ist dezentralisiert und kommunalisiert. Im internationalen Vergleich ging es in den vergangenen Jahren für Schweden bergab. Seit dem PISA-Schock von 2013, bei dem schwedische Schülerinnen und Schüler in allen getesteten Disziplinen unter dem OECD-Durchschnitt lagen, gehört Bildung im politischen Diskurs zu den wichtigsten Themen. In den letzten Jahren sind sowohl im Schul- als auch im Hochschulbereich zahlreiche Reformen umgesetzt worden. Es besteht Lehrermangel und hohe Fluktuation in Lehrerzimmern, weil Lehrende im Schulsystem schlecht bezahlt werden und über geringen Status klagen. Indizien der Schulmisere sind Rekrutierungs-, Ausbildungs- und Professionalisierungsprobleme. Nicht zuletzt ist die Privatisierung der Schulen in freier Trägerschaft umstritten. Im letzten Wahlkampf wurde auch diskutiert, ob es privaten Unternehmen als gewinnorientierten Schulkonzernen untersagt werden sollte, Schulen als Spekulationsobjekt zu betreiben. Bildung als privater Markt, Profitorientierung, milde Noten, mangelnde Transparenz und soziale Segregation, aber auch erzieherische Konzepte religiöser, insbesondere muslimischer Schulen, werden kontrovers diskutiert. Auch in Schweden haben Kinder mit Migrationshintergrund oft größere Probleme, die Bildungsziele der Schule zu erreichen. Positiv ist jedoch, dass sie als Nicht-Muttersprachler Anspruch auf Unterrichtsstunden in ihrer Herkunftssprache haben.

Schwedens Kulturförderung

Schwedens erst im Januar 2019 nach zähen Verhandlungen gebildete neue Regierung  „Löfven II“ hat noch keine klare politische Richtung, die Kulturpolitik der neuen Kulturministerin Amanda Lind ist unscharf. Es zeichnet sich aber eine Tendenz zur Abkehr von bürgerlicher Hochkultur zugunsten von Maßnahmen für bisher vernachlässigte Zielgruppen ab und das Bestreben, Kultur allen Menschen zugänglich zu machen. Das Museum für moderne Kunst in Malmö etwa hat auch arabische Bildbeschriftungen. Die schwedischen Grünen vertreten multikulturelle Toleranz, aber zugleich Positionen bei Gleichstellung und individueller Freiheit, die mit dem kulturellen Verständnis mancher Immigrantengruppen nicht kompatibel sind.

Der Wohlfahrtsstaat Schweden besitzt eine breit subventionierte kulturelle Infrastruktur und verfügt über ein reiches Netz staatlich geförderter Kulturinstitutionen wie Stadttheater, Museen, Kunsthallen, Opern und Konzerthäuser. Das landesweite staatliche Kulturfördersystem ist in den letzten Jahren zunehmend dezentralisiert worden. Dadurch wirken die schwedischen Regionen stärker bei der Verteilung der entsprechenden Mittel mit. Private Geldgeber sollen vermehrt einbezogen werden. Kultursponsoring ist jedoch schwach entwickelt. Kreativindustrien spielen eine immer wichtigere Rolle, insbesondere in den Bereichen Mode, Design und Popindustrie. Der Finanzierungsdruck auf die freie Szene und auf experimentelle Ausdrucksformen ist stark. Er führt zu meist unterhaltenden, ökonomisch erfolgreichen Formaten. Die Anstrengungen von Bildungs- und Kulturprozessen werden, scheint es, allseits durch Schonung, sogenannte niedrigschwellige Angebote, ersetzt. Statt Bildung bloß Ausbildung? Ist im kulturindustriellen Mainstream-Zirkus am Ende der geistige Solitär der in Wirklichkeit gesellschaftlich Marginalisierte?

Staffan Forssell, Generalsekretär von Statens kulturråd, sagte:  „Wir haben eine nationale Kulturpolitik, die ihren Ausgangspunkt in den demokratischen Grundprinzipien hat: Meinungsfreiheit, die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wir haben auch eine Staatsform, die insbesondere im Kultursektor eine Armlänge Abstand von der Politik hält. Wir haben eine Politik, die sich hinter die öffentliche Finanzierung von Kultur stellt, der es schwer fällt, sich ausschließlich durch Publikumseinnahmen zu finanzieren. Auch um sicherzustellen, dass mehrere Perspektiven und Stimmen Gehör und Austausch finden. Dies ist auch notwendig für eine demokratische Gesellschaft.“ Ziel des staatlichen Kulturrates ist es, Vielfalt zu erhalten, damit nicht nur eine bestimmte Kunstrichtung präsentiert wird. Um die Unabhängigkeit der Kultur von der Politik sicherzustellen, hat der schwedische Kulturrat 15 Arbeits- und Referenzgruppen aufgestellt, die die jeweiligen Anträge beurteilen. Diese Gruppen bestehen aus Expertinnen und Experten, die dazu beitragen, dass jeder an Kultur teilhaben kann. Die Politik stellt sich somit hinter die staatliche Förderung der Kultur und schafft Voraussetzungen für Meinungs- und künstlerische Freiheit.

Initiativen des Goethe-Instituts Schweden

In Schweden herrscht großes Interesse an Kunst im Kontext von Politik. Kulturprogramme, die dem Eigenwert des Ästhetischen gerecht werden, ergänzt das Goethe-Institut Schweden daher durch innovative Formate oder Beiträge in seinem Online-Magazin, um auf die genannten politischen und zivilgesellschaftlichen Entwicklungen zu reagieren, welche für Deutschland wie Schweden gleichermaßen relevant sind. Die Nachfrage nach Bildender Kunst aus Deutschland und an deutschsprachiger Dramatik ist besonders groß. Deutsche Literatur hingegen hat es in Schweden schwerer. Oft erscheint diese in kleinen Verlagen, die Sparte der Übersetzungsliteratur ist insgesamt bei großen Verlagen oft unterfinanziert. Deshalb fördert das Goethe-Institut die Übersetzung deutschsprachiger Literatur. Über 30 Autorinnen und Autoren hat es seit 2015 präsentiert, darunter Cornelia Funke, Felicitas Hoppe, Lutz Seiler, Marcel Beyer, Durs Grünbein, Tamara Bach, Terézia Mora, Katja Petrowskaja, Daniel Kehlmann, Abbas Khider und Eugen Ruge. Auch deutsche Philosophie von Kant, Hegel, Nietzsche, Hannah Arendt, Adorno und Axel Honneth bis zur Zukunft der Frankfurter Schule ist Teil des nachfrageorientierten, auch durch schwedische Fördermittel ko-finanzierten Programmangebots. Das schwedische Bibliothekssystem gehört bezüglich Dichte, Reichweite und Benutzerfreundlichkeit zu den weltbesten.

Insbesondere vom modernen Theater und Tanz verspricht man sich in Schweden neue Horizonte und Entdeckungen. Dabei gilt die zeitgenössische deutsche Bühnenkunst als richtungsweisend. Von dort erwartet man frische kulturelle Impulse und hohe künstlerische Qualität. Das Goethe-Institut ko-präsentiert Gastspiele moderner Produktionen in Schweden, wie Falk Richter, Yael Ronens Roma Armee vom Maxim Gorki Theater und Thomas Ostermeiers Richard III an der Berliner Schaubühne. Zudem positioniert sich das Goethe-Institut Schweden proeuropäisch. Es kooperiert mit anderen europäischen Kulturinstituten (EUNIC) beim gemeinsamen Auftritt auf der Göteborger Buchmesse, zur Förderung der Mehrsprachigkeit und organisierte internationale Konferenzen über die Rolle von Kultur und Kulturpolitik in Zeiten des Populismus. Gleichzeitig orchestriert das Goethe-Institut Großprojekte mit anderen Ländern Nordeuropas, die auf die zukünftige Bestimmung des politischen und kulturellen Denkens sowie die kulturelle Gestaltung unserer Zukunft eingehen. Beispiele sind Projekte wie In Transit zu Fragen der Stadtentwicklung, Picture Politics, digitale Comics gegen Xenophobie und Nationalismus oder das interdisziplinäre Kunstprojekt Drohnentanz. Über 50 Künstler und Künstlerinnen aus 18 Ländern kamen hier zusammen, um künstlerische Zukunftsvisionen zur Frage zu entwickeln, wie wir 2047 leben werden.