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Interview mit Manja Präkels
Radikalisierung und Schweigen

Mauerreste
© Colourbox

Gewaltbereite, glatzköpfige Altersgenossen und schweigende Eltern prägen die Lebenswelt der jungen Ich-Erzählerin im Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“[1]. Die Autorin Manja Präkels schildert im Interview wieviel der Roman mit ihren eigenen Erfahrungen als Jugendliche in den 1990er Jahren in einer ostdeutschen Kleinstadt zu tun hat. Sie beschreibt rückblickend die Radikalisierung weiter Teile ihrer Generation und schlägt den Bogen zum heutigen Erfolg der AfD.
 

Von Sabine Pannen

In Ihrem autobiographischen Debütroman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ beschreiben Sie, wie sich nach dem Ende der DDR die gesellschaftspolitische Atmosphäre einer bisher idyllischen Kleinstadt verändert. Die pubertierende Ich-Erzählerin ist plötzlich konfrontiert mit dem Verschwinden alter Autoritäten, um sich greifender Arbeitslosigkeit, Orientierungslosigkeit, der Ausbreitung rechter Gewalt und dem bleiernen Schweigen der Erwachsenen. Was hat sie dazu bewogen über ihre Erfahrungen ein Buch zu schreiben und wie ist es Ihnen gelungen für das Erfahrene eine Sprache zu finden?
 
Zunächst ist jede Idylle trügerisch. Aber ja, mich hat aus meinem eigenen Erleben heraus die Überschneidung von Pubertät und Mauerfall, also von innerem und äußerem Systembruch, nachhaltig geprägt. Und nicht nur mich. Die soziale Katastrophe im Zuge des Anschlusses der DDR an die BRD hat ja alle getroffen: Viele Menschen verloren ihre Jobs, zuerst die Frauen. Mancher Beruf existierte plötzlich gar nicht mehr. Dazu die Unsicherheit der neuen Bürokratie gegenüber, der Verlust der Ideologie und Wertvorstellungen. Was gestern noch unumstößliche Wahrheit war, galt auf einmal nicht mehr. Eltern und Kinder konnten einander nicht helfen. Die Gespräche verstummten. Und in all das hinein brach flächendeckend der rechtsextreme Terror, die Jagd. Menschen wurden zusammengeschlagen, totgetreten, Häuser angezündet. Es folgte eine Massenabwanderung und radikaler Geburtenrückgang. Das sind Erfahrungen, die trägt man für immer mit sich. Das Thema literarisch aufzuarbeiten, lag für mich nah, zumal ich einen starken Impuls gegen das große Totschweigen und Verdrängen empfand. Auch in der sogenannten Wende-Literatur tauchte der rechtsextreme Flächenbrand ja bis vor kurzem meist nur am Rande auf. Dabei liegen genau dort einige der wesentliche Ursprünge für die heutigen Probleme im Land, für Pegida und den Aufstieg der AfD. Viele Akteure dieser neuen rechtsradikalen inner- wie außerparlamentarischer Bewegung entstammen meiner Alterskohorte. Auch die NSU-Mörder Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt haben sich in dieser Zeit radikalisiert. Daraus einen Roman zu machen, indem man seinen eigenen Dämonen, den Verwundungen und Ängsten noch mal ins Gesicht schaut, war schwierig und langwierig. Ich habe viele Anläufe gebraucht, um den richtigen Sound zu finden. Letztlich verändert sich die Sprache der Ich-Erzählerin mit ihren wachsenden Erfahrungen und Erkenntnissen. Dazu waren etliche Überarbeitungen nötig.
 
Rechte Banden, enthemmte Brutalität, rasende Wut, existentielle Angst, Beklemmung aber auch Lebenslust bestimmen den Mikrokosmos der jungen Ich-Erzählerin. Sie haben ihren Roman ihrem Freund Ingo gewidmet, der von Rechtsradikalen getötet wurde. Wieviel eigene Erfahrungen sind in den Roman eingeflossen, wieviel ist Fiktion?
 
Ingo Ludwig war eine Disko-Bekanntschaft, jemand, mit dem ich den Musikgeschmack teilte und manchmal ein Bier trank. Wir sind uns an den Wochenenden begegnet, so wie viele andere Teenager auch. Ähnlich würde ich mein Verhältnis zu seinen Mördern beschreiben, den Jungen, die die Diskothek eines Nachts überfielen. Fast kannte ich sie noch besser als ihn, weil wir - aus demselben Ort kommend – miteinander aufgewachsen waren. Ich war dort, in der Nacht, als Ingo an der schweren Kopfverletzung starb, die ihm mehrere Stiefeltritte zugefügt hatten. Dieses Erlebnis, diese Kernerschütterung habe ich im Roman fiktionalisiert. Es war ein starkes Schreibmotiv. Meine eigene Biographie ist dabei ebenso in das Buch eingeflossen, wie Recherchen und Geschichten, die mir in meinen Jahren als Lokalreporterin zugetragen wurden.
 
Warum entwickeln sich Jugendliche wie die Romanfigur Oliver alias „Hitler“ zu Rechtsextremen, und warum hat sich rechtes Gedankengut auch jenseits jugendlicher Schlägertrupps ausgebreitet? Liegt es an der Abwanderung gerade junger Leute, die sich dem entgegenstellen könnten, oder liegen die Ursachen tiefer und sind schon in der DDR zu finden?
 

Es gibt keine singuläre Erklärung. In dieser Zeit kam vieles zusammen: Autoritätsverluste, eine Phase der Gesetzlosigkeit, als die alten Institutionen nicht mehr und die neuen noch nicht handlungsfähig waren. Auch in der DDR hatte es Neonazis und entsprechende Strukturen gegeben. Doch das Problem wurde totgeschwiegen, wie so vieles andere auch. Mit dem Mauerfall brach das und anderes, aus der Nazizeit Verdrängtes mit Gewalt ans Licht, befeuert von Massenentlassungen und dem Verlust autoritärer Strukturen. Dazu gab es massive Aufbauhilfe von westdeutschen Neonazis wie Michael Kühnen. Außerdem war die BRD eine de facto multikulturelle Gesellschaft, während die ausländischen Vertragsarbeiter in der DDR von der einheimischen Bevölkerung ferngehalten und kaserniert wurden. Etwa so, wie es gerade wieder in Deutschland mit den sogenannten Ankerzentren geschieht. Der fehlende Kontakt war eine entscheidende Ursache für den spezifisch ostdeutschen Rassismus und ist es ein Stück weit bis heute.
 
30 Jahre nach dem Mauerfall mobilisiert Pegida, die AfD ist in den Bundestag eingezogen und ist in manchen Regionen Ostdeutschlands mittlerweile sogar stärkste Kraft. Was ist der Unterschied zwischen den 1990er Jahren und heute?
 
Zwar haben bei den Pogromen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen auch viele „normale“ Bürger klatschend dabeigestanden, aber die rechtsextreme Bewegung der Neunzigerjahre war eine der Jugend und anfangs subkulturell geprägt. Dann wurden Glatzköpfe plötzlich die Popstars auf den Schulhöfen in Ost wie West. Die deutsch-deutsche Jugend vereint in Menschenfeindlichkeit. Das verlor und verlagerte sich mit den Jahren. Menschen werden älter. Aber klüger? In Pegida und AfD hat sich das Ganze quasi verbürgerlicht, ist anschlussfähig geworden für die Ressentiments der sogenannten Mittelschicht. Ein bisschen erinnert das an den „Marsch durch die Institutionen“ den die westdeutschen Achtundsechziger vollzogen haben. Der Unterschied ist, dass die sich vermittels der Grünen tatsächlich schnell verbürgerlicht haben. Die AfD dagegen hat zunehmend Mühe, ihren rechtsextremen Kern zu kaschieren. Muss sie auch nicht. Sie wird ja genau deswegen gewählt und nicht trotzdem.
 
In ihrem Roman sind gewaltbereite Glatzköpfe und arbeitslos gewordene Eltern zentrale Umbruchserfahrungen. Inwieweit kennzeichnen aus ihrer Sicht auch andere, positive Erfahrungen die Transformationsgesellschaft Ostdeutschlands?
 

Aus noch in der DDR im Untergrund gewachsenen zivilgesellschaftlichen Gruppen etwa aus kirchlichen, umweltaktivistischen oder künstlerischen Zusammenhängen war der Systemsturz ja überhaupt erst ins Rollen gekommen. Mit Betriebsbesetzungen, der Gründung unabhängiger Gewerkschaften und des unabhängigen Frauenverbandes fanden diese Bewegungen nach Mauerfall ihre konkrete Fortsetzung. Die meisten der Kämpfe gingen verloren, doch bis heute engagieren sich an vielen Orten und für alle sichtbar Menschen für die unterschiedlichsten Belange. Es gibt auf ostdeutscher Seite eine Art Erfahrungsvorsprung, der aber je nach Biografie, Wohnort und sozialer Lage extrem unterschiedlich ausfällt. Aktuell wird diese Tatsache ausschließlich von rechtsextremer Seite ausgebeutet, etwa indem man im Wahlkampf raunend erinnert: Wir haben das System schon einmal gestürzt. Abgesehen von der Frage, wer dieses “Wir” sein soll (zahlreiche AfD-Spitzenfunktionäre kommen ja aus Westdeutschland), schlummert hier sicher auch weiterhin ein emanzipatorischer Impuls.
 
Die Ich-Erzählerin schildert in ihrer späteren Rolle als Zeitungsreporterin eindringlich die Atmosphäre des Landkreises: sprachlose Bauern und ihre maulfaulen Enkel auf der einen, euphorische westdeutsche Investoren auf der anderen Seite. Eine kollektive Sprachlosigkeit beherrscht generationenübergreifend die Gesellschaft. Worin unterscheiden sich die Erfahrungen und das Schweigen der „Jungen“ und der „Alten“?
 
Die Erfahrungen von jungen und älteren Menschen überlagern sich und formen verschiedene Varianten des Schweigens. Die DDR-geprägten Eltern haben keine Übung im öffentlichen Sprechen. Sie sind gewohnt misstrauisch und ergreifen das Wort nicht jenseits vertrauter Orte. Das selbstgewisse Reden der Westdeutschen wirkt auf alle befremdlich. Eine gänzlich unbekannte Sprechposition. Die Großeltern haben noch ganz andere Tabus internalisiert. Die spezifisch ostdeutsche Wiedergutwerdung mit dem Aufbau eines explizit antifaschistischen Staates ist auf halber Strecke zum Ritual, zur Behauptung erstarrt. Das wurde beispielsweise deutlich, als 1975 die Bevölkerung im thüringischen Erfurt tagelang algerische Vertragsarbeiter durch die Innenstadt hetzte. Die Jungen wiederum begreifen schnell, dass es beim Kampf um Ausbildung und Arbeitsplätze gilt, zuzuhören, zu lernen und möglichst nichts Falsches zu sagen. Viele sind gezwungen, in fremde, westdeutsche Gefilde zu ziehen und erfahren, dass das Leben dort einfacher ist, wenn man die Herkunft aus der Ex DDR leugnet. Nicht zu vergessen sind auch die Auswirkungen der Welle massiver Straßengewalt Anfang der Neunziger. Der Preis für Zivilcourage, und sei es nur durch das verbale Einschreiten, war bitter hoch.
 
Welche Akteure bestimmen heute die gesellschaftliche Debatte um die Transformation Ostdeutschlands, und was läuft da aus ihrer Sicht schief?
 

Ich finde es gut, dass junge Ostdeutsche, die die frühen Neunzigerjahre gar nicht erlebt haben, nun anfangen Fragen zu stellen: Was war da damals mit der Treuhand? Was ist schiefgelaufen in der angeblich so glorreichen Wiedervereinigung? Warum zeigen die Schaubilder zu wirtschaftlichen oder politischen Fragen immer noch eine Zweiteilung des Landes? Stimmt das überhaupt? Oder steckt hinter den Zahlen nicht eine noch viel tiefere, soziale Zerklüftung des Landes? Was ich hingegen für problematisch halte, sind diese Versuche, eine eigene ostdeutsche Identität stark zu machen. Ganz gleich ob so was von links oder rechts kommt, es haftet dem immer etwas Völkisches an. Wer ist Ostdeutscher? Wie wird man das? Entscheidet es sich am Geburtsort? Oder daran, wo man seinen Lebensmittelpunkt hat? Und wie ist das mit den Migranten, gehören die auch dazu? Oder nicht? Nein, solche identitären Ansätze führen immer in die falsche Richtung. Je vielschichtiger die Perspektiven und Geschichten, je näher kommen wir an eine Beschreibung der gemeinsamen Wirklichkeit. Auch ich kann nicht für ein Wir sprechen. Die Debatte braucht in jedem Fall mehr Stimmen und nicht die immer gleichen Gesichter in Talkshows.
 
Sie haben 2018 auf der Frankfurter Buchmesse den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Anna Seghers Preis für ihren Debütroman erhalten. Waren Sie vom Erfolg überrascht und wie erklären Sie sich die Aufmerksamkeit?
 
Ich war außerordentlich verblüfft von dem großen Erfolg. Immerhin ist das mein Debüt. Von einer solche Aufmerksamkeit habe ich nicht zu träumen gewagt. Am meisten hat mich allerdings der Jugendliteraturpreis überrascht. Ich habe das Buch ja nicht explizit als Jugendbuch geschrieben, auch wenn die Protagonisten Jugendliche sind. Außerdem habe ich sehr lange daran gearbeitet. Noch vor wenigen Jahren war das Interesse am Thema gering. Aber mir scheint, dass nun, 30 Jahre nach dem Mauerfall, die Bereitschaft vieler Ostdeutscher größer ist, sich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen, als sie es zwischenzeitlich war. Und die Westdeutschen, die jahrzehntelang kaum nach Osten geblickt haben, sind aufgerüttelt von den Erfolgen der AfD und dem fortschreitenden Rechtsterrorismus. Die Menschen suchen nach Erklärungen. Darüber hinaus erreichen mich seit Veröffentlichung Mails, Briefe und Nachrichten auf allen Kanälen. Menschen bedanken sich oder schreiben mir von ihren eigenen Erfahrungen und Erlebnissen. Das berührt und ehrt mich sehr.
 
Welche Stimmung bzw. welche Reaktionen erleben Sie bei Lesungen und haben Schüler andere Fragen als Erwachsene?
 
In Ostdeutschland sind die Reaktionen meist intensiver. Die erwachsenen Zuhörerinnen erkennen sich selbst wieder, lachen laut auf oder wirken sehr betroffen, wenn es um die Schilderungen von Zusammenbruch und Gewalt geht. Die Menschen beginnen dann oft munter ihre eigenen Geschichten zu erzählen und miteinander zu diskutieren. In Westdeutschland gibt es auch Redebedarf, aber eher in Form von Fragen an mich. Die dortigen Schulklassen sind wesentlich "bunter". Die Schülerinnen wissen sehr genau, was Rassismus ist. Ein Thema, das in Ostdeutschland noch viel stärker tabuisiert wird. Dort haben die Jungen und Mädchen eher Berührung mit örtlichen Neonazis und ihren Strukturen, in Form von Konzerten zum Beispiel. Viele wollen gern verstehen, was in den Neunzigern in Deutschland los war. Für die Menschen im Westteil hatte sich ja erst mal wenig geändert, für die im Osten hingegen alles. Die Erwachsenen wissen bis heute wenig voneinander. Die Jungen sind da zum Teil sehr viel neugieriger. Sie trauen sich eher, direkte Fragen zu stellen, haben weniger Vorurteile.
 
Sie wohnen und arbeiten mittlerweile in Berlin. Können Sie sich vorstellen wieder in ihre Heimatstadt zurück zu ziehen?
 
Berlin ist seit mittlerweile 21 Jahren mein Zuhause. Ich kann mir vorstellen, irgendwann nochmal in eine ländlichere Gegend zu ziehen, mit Katzen und Hunden und Hühnern in der Natur zu leben. Aber nach Zehdenick muss ich nicht zurück. Das kenne ich ja schon.

[1] Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß, Verbrecher Verlag Berlin 2018.

 

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