Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Der innere Rückzug der SED-Parteibasis in den 1980er Jahren
​Schweigende Genossen

SED-Kreisdelegiertenkonferenz in der Stahlhalle in Brandenburg an der Havel 1984
Im Januar 1984 applaudierten die Genossen auf der SED-Kreisdelegiertenkonferenz in der Stahlhalle in Brandenburg an der Havel noch. Im Sommer 1989 begannen sie damit – wie Parteimitglieder überall in der DDR – ihre Mitgliedsbücher abzugeben. | Foto: Stadtmuseum Brandenburg an der Havel

Im Herbst 1989 kam es im Schatten des Mauerfalls zu massenhaften Austritten aus der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die den inneren Zerfall der Mitgliederpartei einleiteten und den Machtverlust besiegelten. Diese Massenaustritte waren jedoch keine plötzliche und zwangsläufige Reaktion im Revolutionsgeschehen, sondern Endpunkt einer längeren Geschichte des inneren Rückzugs. Die im Laufe der 1980er Jahre einsetzende Versorgungskrise sollte erheblich zur inneren Erosion der Staatspartei beitragen.

Von Sabine Pannen

Vor genau 30 Jahren gingen Bilder von demonstrierenden DDR-Bürgern, dem Mauerfall und überwältigten Ost- wie Westdeutschen um die Welt. Weitgehend unbeachtet des medialen Interesses gaben zur gleichen Zeit SED-Mitglieder stapelweise ihre Parteibücher ab, verharrten in ihren Büros oder Wohnungen, oder schlossen sich teilweise den Demonstrationen an. Doch warum wandten sich plötzlich jene massenhaft von der SED ab, die jahrzehntelang in Betrieben, Schulen oder Nachbarschaften für die Politik der Staatspartei eintraten und teilweise mit großem Engagement in ihrem Namen wirkten? Den Ausschlag gaben nicht allein opportunistische Beweggründe. Denn versteht man SED-Mitglieder nicht als Rädchen einer gut geölten diktatorischen Machtmaschine, sondern als eigenständige soziale Akteure, die im Alltagsleben die Rolle als Parteimitglied einnehmen mussten, ergibt sich ein anderes Bild.[1]
 
Die Mitglieder der Staatspartei

Seit ihrer Gründung 1946 wuchs die SED beständig und erreichte 1987 mit über 2.3 Millionen Mitgliedern den Höhepunkt ihres Wachstums. In den 1980er Jahren war jeder 6. Erwachsene in Besitz eines Parteibuchs und die SED tief in der staatssozialistischen Gesellschaft verankert. Ihre Reihen waren geprägt von (Industriefach-)Arbeitern und Angehörigen der Dienstklasse, wie die Spezialisten- und Managementelite der Industriebetriebe oder Berufe im Bereich der Ideologieproduktion, -vermittlung und der Machtsicherungselite. Die SED war Kader- und Arbeiterpartei. Damit waren Verwaltungszentren wie Ost-Berlin oder die Bezirksstädte sowie Industriestandorte Hochburgen der Parteipräsenz,[2] wo nicht nur hauptamtliche Funktionäre sondern auch einfachen Parteimitglieder eine systemstabilisierende Rolle zukam.

Die Vermittlerrolle der Parteibasis

An ihrer Mitgliederbasis war die SED betrieblich organisiert. Jeden Montag fanden republikweit nach Feierabend die verpflichtenden Parteiversammlungen in Fabriken, Schulen oder Behörden statt während parteilose Kollegen den Heimweg antraten. Unentschuldigtes Fehlen konnte ebenso wie Kritik an der Politik der Parteiführung eine Parteistrafe und möglicherweise berufliche Konsequenzen nach sich ziehen. Seit dem Mauerbau hatte sowohl die Jagd nach innerparteilichen „Feinden“ als auch lebhafte politische Diskussionen Seltenheitswert. Stattdessen wurde das wenig ereignisreiche Alltagsleben in den Mitgliederversammlungen verhandelt und gesteuert. Gerade in Industriebetrieben wurden am Versammlungstisch intensiv Probleme vor Ort zur Sprache gebracht und Unterstützung des „Parteikanals“ eingefordert – etwa bei überfüllten Straßenbahnen zur Rushhour, kaputten Heizungen in Werkhallen oder fehlenden Produkten in Ladenregalen. Parteimitglieder erhielten nicht nur die geforderte Unterstützung des regionalen Parteiapparats. Sie wurden auch aus der Parteizentrale mit Vorab- und Hintergrundinformationen zur Innen- und Außenpolitik der Parteiführung sowie mit argumentativen Rüstzeug ausgestattet, um im Kreise ihrer Kollegen für die Politik der SED einzustehen. Während die repressive Kraft als Drohkulisse im Hintergrund wirkte, standen die nicht minder nervenaufreibenden Aufgaben von Alltagsmanagement und Systemlegitimation vor Ort im Vordergrund. Parteimitglieder nahmen die ihnen zugedachte Vermittlerrolle teilweise mit großem Engagement ein, sei es um einfach ihre Lebensverhältnisse spürbar zu verbessern oder um sich im Kreis der Kollegen und Nachbarn als „Kümmerer“ zu profilieren.[3] Als in den 1980er Jahren die wirtschaftliche Talfahrt einsetzte, zogen sie sich immer mehr von ihrer Vermittlerrolle zurück - mit gravierenden Folgen für die politische Stabilität.
 
Die Entstehung der „Mangelgesellschaft“

Versorgungsmangel war in der DDR zwar Dauerthema. Doch entwickelte dieses Konfliktfeld im Laufe der 1980er Jahre systemsprengende Kraft. Nach dem Machtantritt Erich Honeckers wurde in den 1970er Jahren eine weitreichende Sozialpolitik eingeleitet, die die Wirtschaft mittelfristig überforderte. Die Folgen waren seit den 1980er Jahren im Alltag deutlich spürbar. Ab September 1980 registrierte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auch unter Parteimitgliedern massiven Frust über wachsende Sortimentslücken und Preiserhöhungen. Für Verärgerung sorgte auch, dass die Parteiführung in der Öffentlichkeit wie innerparteilich über diese für alle spürbaren Probleme schwieg. So konnten Parteimitglieder und Parteisekretäre den auf sie lastenden Erklärungsdruck nur mit einem Schulterzucken quittieren. Die Versorgungskrise sollte sich in den folgenden Jahren verschärfen. In Betrieben mehrten sich Ersatzteil- und Rohstoffmangel, Stillstandzeiten und Sonderschichten. Bis Herbst 1986 hatte sich, wie die Stimmungsberichte der Staatssicherheit zeigen, die allgemeine Wahrnehmung durchgesetzt, dass sich die DDR zu einer „Mangelgesellschaft“ entwickle.
 
Der Rückzug der Parteibasis


Diese Krisenwahrnehmung erfuhr einen massiven Schub als die Verordnung über Privatreisen nach Westdeutschland Ende 1985 auf Weisung Erich Honeckers gelockert wurde. Seitdem durften immer mehr DDR-Bürger ihre Verwandten im Westen besuchen. Ab 1987 waren es sogar über eine Million.[4] Die Schilderungen der zurückkehrenden Westurlauber befeuerten den Diskurs über die schlechte heimische Versorgungslage. Nun wurde das Warenangebot auf beiden Seiten der Mauer aus eigener Anschauung verglichen, was nicht nur demoralisierend wirkte. Parteimitglieder standen auch agitatorisch zunehmend auf verlorenem Posten. Gleichzeitig kam die Lösungskompetenz der regionalen Parteiapparate allmählich zum Erliegen. Parteisekretäre in Industriebetrieben notierten, dass innerparteiliche Informationen vom regionalen Parteiapparat über konkrete Hilfsmaßnahmen nun immer öfter ganz ausblieben und Parteimitglieder in Versammlungen deshalb resigniert schweigen würden. Politisches Engagement erschien mit der schwindenden Lösungskompetenz der Parteiapparate nun sinnlos.[5]
 
Als im Sommer 1989 der Umtausch der Parteidokumente eingeleitet wurde, um die Parteibasis auf Kurs der Parteiführung zu bringen, erreichte der innerparteiliche Steuerungsverlust seine entscheidende Phase. Dieses Ritual, das etwa alle 10 Jahre durchgeführt wurde und indem sich Parteimitglieder in Einzelgesprächen mit dem Parteisekretär zur Politik der SED bekennen sollten, funktionierte nicht mehr. SED-Mitglieder erklärten nun ihren Austritt aus der SED und noch entscheidender: Parteisekretäre, die die Genossen auch mit Hilfe repressiver Maßnahmen zum Verbleib hätten bewegen müssen, kapitulierten vor dieser Aufgabe. Sie konnten die Austrittgründe nicht entkräften. Damit nahm die Austrittswelle noch vor den Massendemonstrationen ihren Anfang.[6]
 
Die Versorgungskrise als Erosionsfaktor

Im September 1989 skizzierte das MfS in einem Dossier den desaströsen Zustand der Parteibasis und identifizierte 3 Hauptmotive für die um sich greifenden Austritte: die Versorgungsmisere, die desolate Informationspolitik und mangelndes Vertrauen in die Parteiführung. Parteimitglieder, so das MfS weiter, fühlten sich mit ihren Problemen vor Ort allein gelassen.[7] Dieses Empfinden, vom Apparat keine Unterstützung mehr zu erfahren, ließ Parteimitglieder erst von ihrer Vermittlerrolle und dann von der SED insgesamt abrücken. Während die Wirtschafts- und Versorgungskrise das zentrale Konfliktfeld in Industriebetrieben darstellte, waren für andere Milieus in der SED andere Themen ausschlaggebend, der Parteiführung den Rücken zuzukehren, etwa die wachsende Präsenz des Westens[8] oder die Reformpolitik Gorbatschows. Entscheidend ist, sie alle waren weder fähig noch willens, für die Politik der Parteiführung einzustehen.
 
[1] Der folgende Text basiert auf der Dissertation der Autorin, die im Mai 2019 in der 2. Auflage im Christoph Links Verlag erschienen ist. Sabine Pannen: „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei!“? Der innere Zerfall der SED Parteibasis 1979-1989, Berlin 2019. Für diese gesellschaftsgeschichtliche Perspektive auf die SED stehen auch folgende Arbeiten: Andrea Bahr: Parteiherrschaft vor Ort. Die SED-Kreisleitung Brandenburg 1961-1989, Berlin 2016; Rüdiger Bergien: Im „Generalstab der Partei“. Organisationskultur und Herrschaftspraxis der SED-Zentrale (1946-1989), Berlin 2017. Siehe auch: Rüdiger Bergien/ Jens Gieseke (Hg.): Communist Parties Revisited. Socio-Cultural Approaches to Party Rule in the Soviet Bloc, 1956-1991, New York/Oxford 2018.
[2] Vgl. Michel Christian/ Jens Gieseke/ Florian Peters: Die SED als Mitgliederpartei. Dokumentation und Analyse, Berlin 2019. Siehe auch Pannen, „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei“ (Anm.1.), S. 43-46.
[3] Pannen, „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei“ (Anm.1), S.171-174.
[4] Hertle, Hans Hermann: Chronik des Mauerfalls. Die dramatischen Ereignisse um den 9. November 1989, Berlin 1996, S. 45-50
[5] Pannen, „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei“ (Anm.1), S.175-196.
[6] Pannen, „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei“ (Anm.1), S. 281-292.
[7] ZAIG: Hinweise auf beachtenswerte Reaktionen von Mitgliedern und Funktionären der SED zu einigen aktuellen Aspekten der Lage in der DDR und zum innerparteilichen Leben, Berlin 11.9.1989, in: Armin Mitter/ Stefan Wolle (Hg.): Ich liebe euch doch alle! Befehle und Lageberichte des MfS, Januar-November 1989, 3. Aufl., Berlin 1990, S. 148-150.
[8] Sabine Pannen: Die neue Zweiklassengesellschaft – Die Politik der Westöffnung und der innere Zerfall der SED-Parteibasis, in: Deutschland Archiv, 19.3.2018, Link: www.bpb.de/266361

Top