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Nationalmuseum
Friedrich August Stüler - einer der führenden Architekten seiner Zeit

Nationalmuseum, Stockholm 1849
Friedrich August Stüler, Nationalmuseum. 1849. | © Nationalmuseum

Es war keine Selbstverständlichkeit, dass das Nationalmuseum in Stockholm von einem deutschen Architekten entworfen wurde.

Von Rasmus Wærn

Es war keine Selbstverständlichkeit, dass das Nationalmuseum in Stockholm von einem deutschen Architekten entworfen wurde. Ein schwedischer Architekt hatte schon mit der Arbeit an dem Projekt begonnen, aber Kontroversen und die besondere Bedeutung des Auftrages führten dazu, dass der schwedische Entwurf, auf Geheiß des Königs, dem bedeutenden Berliner Architekten vorgelegt wurde. Dieser bemängelte den Entwurf und machte einen Eigenen, der dem schwedischen König gefiel.

Stüler wurde im Jahr 1800 in Mühlhausen in Thüringen geboren und starb 65 Jahre später. Hätte er nicht ein starkes Interesse für Mathematik gehabt, hätte er vermutlich, wie sein Vater, die klerikale Laufbahn eingeschlagen. August erhielt eine andere Ausbildung.

Sein fester Punkt im Leben wurde Berlin. Dort wurde er von Schinkel in den Beruf eingewiesen und übernahm allmählich dessen offizielle Aufgaben. Als Hofbauinspektor der königlichen Schlossbaukommission war er an allen Fragen, die das königliche Bauen in Berlin und Preußen betrafen, beteiligt. So lange jedoch die Sparsamkeit Friedrich Wilhelms III. den Betrieb bestimmte, gab es nicht viel Raum für Phantasie, aber es stand auch nichts privaten Aufträgen im Wege. Und Stüler hatte eine ungewöhnlich große Arbeitskapazität. 

Er war der Architekt von mindestens 16 neuer Schlösser, acht Um- oder Anbauten und weiteren neun nicht ausgeführter Projekte. Die Sympathien des Adels für England hatten zu einem regelrechten ‚Baufieber‘ geführt, angeregt nicht zuletzt von Walter Scotts Ritterromanen. Diese waren auch für den schwedischen Adel ein Anlass, ihre Wohnungen gemäß dem damaligen Ritterideal zu verändern.

Stülers besondere Stärke war sein Talent als Dekorateur. Als solcher übertraf er sogar seinen Lehrer, und seine Dekorationen führten zu vielen Wettbewerbsgewinnen. Bevor er in den Dienst Friedrich Wilhelms IV. trat, hatte er 12 Monatswettbewerbe der Architektenvereinigung (die er selber initiiert hatte) und weitere vier allgemeine Wettbewerbe gewonnen. Von seiner Dekormalerei ist nicht viel erhalten, doch können Besucher des Nationalmuseums auch heute noch in der Treppenhalle den Blick nach oben richten und seine Kompositionen in den Bögen, die die Halle überspannen, bewundern. Seine Inspiration erhielt er vor Allem von den Dekorationen in Pompei, die er vor Ort dokumentierte und 1840 in der Allgemeinen Bauzeitung beschrieb.

Zwei Jahre später stieg er zum „Architekt des Königs“ auf, also zum Oberbaurat von Preußen. Stülers guter Kontakt zu Friedrich Wilhelm IV. war der intensiven Zusammenarbeit der beiden förderlich.. Als der König 1861 starb, hatte auch Stüler nicht mehr viele Jahre zu leben, aber der Tod des Königs bedeutete dennoch das Ende einer Epoche. Stüler war der letzte Architekt, der ausschließlich für einen Fürsten arbeitete. Ein uraltes Berufsbild fand hier sein Ende.

Friedrich Wilhelm investierte viel Energie in die Rekonstruktion des Stammsitzes der Hohenzollern in Baden-Württemberg. Doch waren es die königlichen Projekte in Berlin Mitte, mit denen sich Stüler am meisten beschäftigte. Nach dem Exil in Königsberg wurde das Schloss in Berlin ab 1809 wieder königliche Residenz. Stüler entwarf die Schlosskappelle, deren majestätische Kuppel das Schloss bis zu seiner Sprengung am 30. Dezember 1950 dominierte. Ein Kulturmord, gegen den nicht zuletzt auch der schwedische Kunsthistoriker Ragnar Josephson entrüstet protestierte. Stüler gestaltete auch viele prachtvolle Interieurs, z.B. den weißen Saal und die Galerie Friedrichs I.
Der dritte Teil der Museumsinsel, neben dem Schloss und dem Dom, ist der Bereich hinter Schinkels Altem Museum. Für diesen Platz machte Friedrich Wilhelm IV. als Kronprinz selbst mehrere Entwürfe, und hier entwarf Stüler das Neue Museum und die Nationalgalerie. Beide Gebäude wurden im Krieg stark beschädigt und in Etappen restauriert. Da der König selbst mitunter zur Feder griff, waren Stülers vermittelnde Fähigkeiten gefordert. Dies betraf nicht zuletzt das Schloss Sanssouci in Potsdam, wo man immer noch einige von Stülers Anlagen, das Orangerieschloss und das Belvedere auf dem Pfingstberg, bewundern kann.

Seine mit Abstand größte Aufgabe waren doch Kirchen; die meisten evangelisch, aber auch mehrere katholische und außerdem einige Synagogen, wie z.B. das Interieur des großen Tempels an der Oranienburgerstraße in Berlin. In Stülers eigenem, unvollständigen Werkverzeichnis sind 262 Kirchen und Kapellen aufgeführt; eine Gesamtaufstellung der Kirchen, die ihm auf die eine oder andere Weise zugeschrieben werden können, kommt doch auf mehr als 320 Werke. Da es auch zu seinen Aufgaben gehörte, die Entwürfe anderer Architekten zu begutachten und, wenn nötig, zu ändern, ist es unmöglich, eine konkrete Zahl festzulegen. Fügt man dann noch die Schlösser, an denen er gearbeitet hat, hinzu (mehr als 70), samt 80 Profanbauten, wird deutlich, dass wir in Schweden zu dieser Zeit keinen Architekten hatten, der auch nur in die Nähe von Stülers Kapazität kam, weder in Quantität, noch in Qualität.
 
Friedrich August Stüler Friedrich August Stüler Es war daher ein Glücksgriff, dass Stüler den Auftrag für das Nationalmuseum erhielt. Dass die Qualität des Entwurfes im tatsächlichen Umsetzung des Gebäudes zu findenist, war der Verdienst von Stülers Bauleiter Johan af Kleen. Während das Nationalmuseum gebaut wurde, arbeitete Stüler mit nicht weniger als 50 Projekten gleichzeitig. Das Stockholmer Projekt besuchte er nur ein einziges Mal. 
Das Nationalmuseum ist „phantastisch, ausländisch und glanzvoll, wenn man so will“, um mit den Worten Tegnérs zu sprechen. Stülers Fähigkeit, einen Entwurf von Anfang an richtig auszuführen, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass seine Entwürfe im Großen und Ganzen auch so verwirklicht wurden, wie er sie eingangs präsentierte. Stüler ‚erdachte‘ seine Architektur, er skizzierte oder philosophierte sie nicht hervor, wie Schinkel. Interessanterweise machte ihn dies flexibler. Während Schinkel ein Architekt war, der Prinzipien folgte, war Stülers Methode, Prinzipien zu vermischen. Es war eine sanftere Haltung, die auch zu einer sanfteren Architektur führte. So meine ich, in der Architektur des Nationalmuseums eher einen weichen Celloton zu hören, im Gegensatz zu Schinkels Altem Museum, das eher an den scharfen Klang von Blechbläsern erinnert.

Wenn es nötig war, konnte Stüler zu großen Gesten greifen, aber er vermied stets das Bombastische. Trotz seiner Größe erscheint das Nationalmuseum z.B. als ein recht handlicher Palast. Diese Einstellung zu den großen Tönen war auch der Grund für Konflikte zwischen ihm und Friedrich Wilhelm IV., der gerne monumentalere Über- und Unterordnungen gesehen hätte. Diese Einstellung dominierte in Berlin dann nach Stülers Tod. Raschdorffs schwerer Dom steht für eine ganz andere Haltung als Stülers Bemühungen, große Baumassen mit Additionen und Gruppierungen zu gliedern. Es dauerte bis zur nächsten Generation, zu der Architekten wie Alfred Messel und Ludwig Hoffmann zählen, bis Stülers Klassizismus wieder Teil der neuen Berliner Architektur wurde.

Auch wenn Stüler nicht die Dekorationen der Interieurs des Nationalmuseums gestaltete, fasst dieses Haus auch heute noch das Beste von Stülers Werk zusammen, und damit auch das Beste der Architektur kurz vor dem Durchbruch des Industrialismus: eine Architektur, gestaltet nach einem durchdachten Programm, und dennoch empfänglich für das Bedürfnis des Menschen, ein Gebäude zu erfahren. Das heutige Nationalmuseum ist übrigens das am besten erhaltene Gebäude Stülers.  

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