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Neue Dissertation
Arbeit am Zufall. Die Formierung des modernen deutschen Romans im 18. Jahrhundert.

Drohnenfoto der Universität Stockholm
Drohnenfoto der Universität Stockholm | Foto: Sören Andersson/Stockholms universitet

Fredrik Renard hat an der Universität Stockholm seine Disputation mit dem Titel ”Arbeit am Zufall. Die Formierung des modernen deutschen Romans im 18. Jahrhundert” verteidigt. Im Interview erzählt Renard mehr über seine Forschung und wie die Idee zum Thema entstand.

Von Ludvig Berggren

Fredrik Renard, Sie haben unlängst an der Universität Stockholm Ihre Disputation mit dem Titel ”Arbeit am Zufall. Die Formierung des modernen deutschen Romans im 18. Jahrhundert” verteidigt. Könnten Sie kurz erklären, worum es hierbei geht?
 

Fredrik Renard Fredrik Renard | privat Meine Dissertation handelt davon, wie die Entstehung des modernen deutschen Romans im 18. Jahrhundert als eine Bewegung zwischen Form und Formlosigkeit verstanden werden kann. Ausgangspunkt ist, dass ein Roman, der modern sein will, auf irgendeine Weise sowohl das Form- und Zufälligkeitslose seiner Vorgänger (Abenteuerroman der Antike, Ritterroman, Barockroman etc.) handhaben muss, ebenso wie dessen (Nicht-)Position im klassischen Genresystem. Meine These ist, dass der Roman –  im Unterschied zu den kanonischen Genres, deren Formen im stetigen Strom poetologischer Traktate im Nachgang zu Aristoteles „Poetik“ festgelegt wurden – seine Form aus der Erzählung heraus bestimmt, als ein Teil der Handlung. Das, was ich „Arbeit am Zufall“ nenne, ist als Beschreibung dafür gedacht, wie der moderne Roman sich selbst formt, indem er auf verschiedene Weise die Zufälligkeit theoretisiert und narratisiert. Zufall ist in dieser Hinsicht sowohl das, was im Roman an Form gewinnen muss, aber auch das unerschöpfliche Potential, was wiederum den modernen Roman ständig erneuerbar macht. Um ganz konkret zu zeigen, wie dies vonstatten geht, analysiere ich drei deutsche Romane – Wielands „Agathon“, Moritz´ „Anton Reiser“ und Goethes „Wilhelm Meister“ – die alle auf unterschiedliche Art Gestalt annehmen in einem produktiven Konflikt mit dem Zufall.
 

Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

 
Die Idee entstand während meiner Magisterarbeit über die Rolle des Zufalls in Marcel Prousts „Auf der Suche nach den verlorenen Zeit”. Ursprünglich war es so gedacht, dass Wieland, Moritz und Goethe, zusammen mit weiteren Schriftstellern aus der französischen und britischen Literatur, lediglich als erster Schritt im Leseprozess hinsichtlich der Gesamtentwicklung des modernen Romans fungieren sollten, sozusagen als langwieriger Konflikt mit der Zufälligkeit. Als ich mit dieser Untersuchung begann, wurde allerdings deutlich, dass sowohl meine These wie auch die Romane eine derart genaue Leseanalyse erforderten, die mit einem größeren Corpus unmöglich zu bewerkstelligen war. Ich blieb also bei der Einleitung.
 
Das Goethe-Institut ist ja nach einem der Schwerpunkte Ihrer Dissertation benannt. Natürlich sind wir deshalb besonders neugierig auf Ihr Interesse für diesen Schriftsteller – welches Buch war für Sie der Eingang  zu Goethe, und welches seiner Werke würden Sie besonders empfehlen?
 
Für mich war der Eingang zu Goethes Werk „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Zuvor hatte ich „Faust“ und „Werther“ gelesen, blieb aber nie richtig hängen, und ich kann auch nicht behaupten, dass es mir bei „Wilhelm Meister“ anders ging, aber für mein Thema war dieser Roman umso interessanter. Eine glückliche Fügung für meine Dissertation war, dass ich mich so lange mit Goethe befassen musste, um von seiner Genialität sozusagen eingeholt zu werden. Das Interessante und gleichzeitig Problematische bei Goethe ist, dass er in vielerlei Hinsicht genauso modern wie Flaubert, Joyce und Kafka wirkt und zugleich altmodisch im Vergleich mit Schriftstellern der nächsten Generation, wie die in unseren Tagen sehr populäre Jane Austin. Eine Quelle für Kostümfilme bei BBC wird Goethe niemals sein, man muss ihn lesen, immer wieder, damit einem klar wird, warum er auf dem Niveau von Shakespeare und Dante liegt. Und darum ist es auch schwer, eines seiner Werke zu empfehlen – Goethe ist dann am besten, wenn man ihn als Gesamtwerk liest, in dem jeder Roman, jede Novelle und jedes Drama Teil eines größeren Ganzen ist, das immer wieder die Frage nach dem Platz der Vergangenheit in der Moderne stellt.
 
Das Goethe-Institut bietet außer Kulturveranstaltungen auch Sprachunterricht an. Wie kommt es, dass Sie Deutsch beherrschen? Und was hat Sie dazu gebracht,  mit Deutsch weiterzumachen – uns zwar so weit, dass Sie tatsächlich ein spezialisierter Forscher auf diesem Gebiet geworden sind?
 
Ich habe Deutsch an der Universität gelernt um Deutsche Literatur studieren zu können. Wenn ich mich recht erinnere, waren es Uwe Johnsons „Jahrestage“, die mich lockten. Als ich dann, wenn auch mühevoll, die plattdeutschen Abschnitte darin lesen konnte, stand ich bereits kurz vor dem Abschlussexamen und hatte den Blick auf eine Menge anderer Dinge gerichtet, nicht zuletzt auch auf Deutschland. Trotzdem würde ich mich nicht als Germanist bezeichnen. Dass es letztlich eine deutsche Dissertation wurde hängt hauptsächlich mit der Wichtigkeit des Deutschen Romans im 18. Jahrhundert für mein Thema zusammen.
 
Abschließend: Wie geht es jetzt weiter, nachdem Ihre Dissertation vorliegt?
 
Hoffentlich gibt es eine Fortsetzung mit einer etwas anderen Perspektive. Ich arbeite an einem neuen Projekt das den modernen Roman und unterschiedliche Formen der Erfahrung behandeln soll.
 

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