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Interview mit Ulrika Skoog Holmgaard

Ulrika Skoog Holmgaard
Foto: Elisabeth Ohlson Wallin

Das Goethe-Institut Schweden hat Ulrika Skoog Holmgaard interviewt. Sie ist Produzentin, Projektmanagerin und CEO sowie Gründerin von Scenit Produktion - einer Produktionsfirma in Stockholm, die vor allem mit Bühnenkunst und Film arbeitet. Wir sprechen mit ihr über die Auswirkungen von Corona auf den Kultursektor.

Seit dem Beginn der Pandemie haben die Kunst- und Kulturinstitutionen der meisten europäischen Länder geschlossen und freiberufliche Künstler*innen sind von Einkommensausfällen betroffen. Was sind Ihre Erfahrungen damit? 

Ich befinde mich in der einmaligen Position, neben meiner eigenen Produktionsfirma Scenit noch vorübergehend beim Kulturrådet angestellt zu sein – wegen Corona. Insgesamt hat der Kulturrådet fast 1,2 Milliarden schwedische Kronen an über 4 000 herausragende Organisationen ausgezahlt (von nahezu 6 500 Bewerbungen zu einer deutlich höheren Summe, als uns zur Verfügung stand). Meine Eindrücke von diesem letzten halben Jahr beim Kulturrådet sind vielfältig und gemischt. Der unerschöpfliche Optimismus und Kampfgeist der meisten hat mich nachhaltig beeindruckt. Wir alle teilen dasselbe Schicksal: das verbindet. Auf unterschiedliche Weise natürlich, da wir unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, aber trotzdem teilen wir es alle.
 
Eine persönlichere Einschätzung kann ich ausgehend von Scenits Produktionen geben. Die meisten für 2020 geplanten Projekte mussten abgesagt werden. Einige wurden verschoben und befinden sich weiterhin in der Vorbereitung. Zwei Produktionen, an denen ich beteiligt war und die u.a. vom Goethe-Institut Schweden unterstützt wurden, konnten Premiere feiern und liefen anschließend recht gut: Der erste Teil von Moving Isolation (Idee und Choreografie Anna Holter) wurde im April veröffentlicht und ist seitdem zu einer kleinen Bewegung von Bewegungen gewachsen, und löst in mir eine große Sehnsucht aus, Tanz endlich wieder im wirklichen Leben genießen zu können. Am 19. November hatte unter vielen Vorkehrungen und Unsicherheiten unser Stück Kohlhaas! (Regie Johannes Schmid) am Giljotin-Theater Premiere. Am 24. November wurden die neuen Restriktionen der Regierung eingeführt, die die Personenzahl in einem Raum auf 8 begrenzten, weshalb wir das Stück nach nur fünf Vorstellungen absagen mussten. Wir hoffen, die Vorstellungen nun im Frühjahr wieder aufnehmen zu können, wenn das nicht möglich sein sollte, dann hoffentlich im Herbst.
 
Wie wird sich Ihrer Meinung nach die aktuelle Situation auf die Zukunft von Kulturschaffenden auswirken? 

Laut der Ende Februar 2021 vom SCB (Statistisches Zentralamt, Anm. d. Red.) veröffentlichten Statistik, die im Zuge des Budgetvorschlags an die Regierung übergeben wurde, hat das Kulturleben einen weiten Weg vor sich: „Kulturbetriebe verzeichnen Umsatzeinbußen von 29% (Januar-September 2020). Theater und Konzerthäuser sogar von 62%“.
 
Im Zuge dessen wäre eine Debatte über die Erhöhung des Budgets für Kultur auf 1% des gesamten Staatshaushaltes wünschenswert. Die Ausgaben für Kultur sind so verschwindend gering, dass die Abschaffung des gesamten öffentlich subventionierten Kultursektors finanziell nicht ins Gewicht fallen würde. Die Pandemie und die Schließung von Kulturhäusern haben meiner Meinung nach gezeigt, was in einer Gesellschaft ohne Kultur auf dem Spiel steht.

Ich glaube außerdem, dass die Maßnahmen zur Schadensbegrenzung seitens der Regierung deutlicher die im letzten Jahr sichtbar gewordenen Verbindungen zwischen öffentlich finanzierten Unternehmen und Dienstleistern im kulturellen Bereich aufdecken werden.
 
Viele Kulturschaffende haben seit Beginn der Pandemie ihre Kunst gratis in Form von Lesungen, Konzerten usw. über das Internet angeboten. Wie bewerten Sie das? 

Kultur ist schon immer in unterschiedlichen Graden „frei“ gewesen, aber niemals „gratis“. Ein merkwürdiger Begriff, oder falsch gewählt, besser gesagt. Das Leben in unserer heutigen Gesellschaft hat seinen Preis. Irgendwie müssen alle für ihr Überleben aufkommen, was an irgendeiner Stelle auch in die Kulturarbeit fließt. Eine relevantere Frage wäre, ob die Verbreitung von Kultur immer freier zu werden droht, je mehr wir uns an digitale Versionen von Kunstformen aller Art gewöhnen.
 
Die Medienwelt wurde in den letzten 20 Jahren auf den Kopf gestellt. Heute gibt es unterschiedlichste Bezahlmodelle für Tageszeitungen und andere Anbieter im Internet, und gleichzeitig mehr und mehr frei zugängliches Material, das auf freiwillige Zahlungen und Spenden setzt. Für manche Kunstformen mag das Digitale eine gleichwertige Präsentationsform sein wie IRL (in real life, Anm. der Redaktion), und auch gleichwertige Einnahmemöglichkeiten wie traditionelle Veranstaltungen mit wirklichen Begegnungen bieten.

Was die darstellenden Künste betrifft, die mich besonders interessieren, so existiert beispielsweise Live på bio (internationales Angebot von Vorstellungen sowohl live als auch digital durch die Organisation Folkets Hus och Parker) mittlerweile schon so lange, dass meiner Meinung nach Geld für das Angebot verlangt werden könnte.
 
Dies kann jedoch keine allgemeingültige Regel für alle darstellenden Künste sein und zudem glaube ich, dass in der Post-Pandemie Kulturerlebnisse verstärkt in der Wirklichkeit stattfinden werden. Sie ist dem Digitalen noch immer überlegen, weshalb Leute weiterhin bereit sein werden, dafür Geld auszugeben, von einem konservativen Standpunkt aus betrachtet.

Gleichzeitig wird weiter am Ausbau digitaler Inhalte gearbeitet, und die jungen Generationen kennen kaum etwas anderes. Dies und eine zunehmende Swish-Kultur (Swish ist ein mobiler schwedischer Bezahldienst, Anm. d. Red.) oder „Spotifyisierung“, also geringe Summen in großen Mengen, führen höchstwahrscheinlich zu einer spannenden Entwicklung. Man muss sich nur immer wieder in Erinnerung rufen, dass nichts gratis ist.

Hat die Pandemie bereits vorhandene Tendenzen im Kultursektor verstärkt? 

Ein erster Gedanke hierzu wäre, dass sich die darstellenden Künste im vergangenen Jahr möglicherweise zum ersten Mal ernsthaft und umfassend dem digitalen Format genähert haben. Manche weniger als andere natürlich. Wie es ja meistens ist: die kleinen Underdogs des Kulturlebens leisten innovative Arbeit, die dann von großen Institutionen übernommen wird.
 
Dann denke ich an die beispiellose Offenlegung des kulturellen Ökosystems, was eine Überprüfung der öffentlichen Finanzierungsstrukturen nach sich ziehen wird. Nach drei Runden außerordentlicher Unterstützung für Kulturschaffende aufgrund von Corona ist den kulturpolitischen Machthabern deutlich vor Augen geführt worden, wie viele Unternehmen tagtäglich Kulturarbeit leisten, normalerweise aber keine Unterstützung beantragen, und wie wichtig diese für die Existenz des Kulturlebens sind. Sie können zu Recht als Kulturdienstleister bezeichnet werden. Sie sorgen für den Transport des Publikums, den Ticketverkauf, das Aufstellen der Dixis bei Großveranstaltungen oder das Catering im Backstage.
 
Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese außerordentlichen wirtschaftlichen Maßnahmen über einen so langen Zeitraum bewilligt werden, ohne dass die staatliche Kulturfinanzierung überprüft werden müsste. Es sollte offensichtlich sein, dass Kultur in unterschiedliche Segmente aufgeteilt werden kann. Auch wenn das Kommerzielle weiterhin über ganz andere Einnahmemöglichkeiten verfügen wird als die Nische , sind Kategorisierungen und Argumentationen zu hinterfragen. Es ist daher wichtig, die Kulturpolitik in regelmäßigen Abständen unter die Lupe zu nehmen.
 
Vielleicht kann die von mir zwischen 2011-2014 bei Svensk Scenkonst initiierte Reformation des Pensionssystems für darstellenden Künstler*innen als Beitrag zu einer Veränderung angesehen werden. Die Erarbeitung des 2011 eingeführten Modells für die Zusammenarbeit in der Kultur (jede Region erhält eine feste Summe an staatlichen Mitteln, die an regionale Kulturorganisationen verteilt wird, Anm. d. Red.) kann ebenfalls als umfassende und übergreifende Veränderung gewertet werden, auch wenn Stockholm weiterhin kein Teil des Modells ist.
 
Sowohl in Schweden als auch in Deutschland wurden wiederholt Kunst und Kultur als „systemrelevant“ bezeichnet. Wie stehen Sie zu dieser Aussage? Sind damit konkrete Folgen verbunden, beispielsweise in Form von Hilfspaketen? 

Die vom Kulturrådet zu verteilenden Hilfspakete sind ein sehr gutes Beispiel für die konkreten Folgen großer Veränderungen, die eine Gesellschaft als Ganzes bewältigen muss. Hierbei muss betont werden, dass nicht Corona an sich die Ursache für die Hilfspakete war, sondern die Maßnahmen der Regierung. Die Hilfspakete waren eine Konsequenz aus den von der Regierung beschlossenen Restriktionen, die den Kulturbetrieb unmöglich gemacht haben.
 
Das erste Hilfspaket vom Kulturrådet war als Schadensersatz für Einkommensausfälle aufgrund abgesagter oder verschobener Veranstaltungen im Frühjahr 2020 angedacht. Beim zweiten Hilfspaket wurde dann keine Unterscheidung mehr zwischen abgesagten und verschobenen Veranstaltungen gemacht. Das dritte Hilfspaket – besonderer Unterstützungsbedarf für die Kultureinrichtung als Ganzes beziehungsweise besondere Projektunterstützung für Infektionsschutzkonzepte – war eine direkte Antwort auf die Branchenstimmen, die im Frühjahr und Sommer laut wurden. Vor allem die Kulturdienstleister, die normalerweise keine öffentlichen Mittel beantragen, machten auf ihren enormen finanziellen Hilfsbedarf aufmerksam, um nicht Konkurs anmelden zu müssen. Dies war die Grundlage für das neue Hilfspaket.

Wie kann der Kultursektor zurzeit konkret unterstützt werden?
 

Man sollte sich eher die vielen besorgniserregenden Faktoren vor Augen führen. Ich möchte zwei Beispiele nennen und werde deshalb die Antwort schuldig bleiben. Das norwegische Pendant zum Kulturrådet hat einen Bericht in Auftrag gegeben, der unter anderem zeigt, dass ca. 18% der Kulturschaffenden den Kultursektor verlassen haben. Es muss ein Nachdenken über die Konsequenzen für den Kultursektor stattfinden, wenn in naher Zukunft 15-20% der Kulturschaffenden ihren Beruf aufgeben.
 
Ein weiterer Aspekt, der bisher noch nicht diskutiert wurde, ist die berufliche Zukunft der nachfolgenden Generation, die gerade ihre Praktika absolviert oder ihre ersten Aufträge übernommen hätte. Ist es eine verlorene Generation? Und wie können wir negative Auswirkungen verhindern oder zumindest verringern?
 
Welchen Rat würden Sie Veranstaltern geben? Sollte sie alles versuchen, um der Kultur und ihrer Vermittlung nicht den Wind aus den Segeln zu nehmen, und sei es nur digital? Oder ist Flaute das Gebot der Stunde? 

Ich hoffe, dass die fortlaufenden finanziellen Unterstützungen für ein Überleben möglichst vieler Akteure im Kultursektor sorgen sowie Planungssicherheit für 2022 ermöglichen. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern mit schwächeren ökonomischen Voraussetzungen und sozialen Netzwerken, gibt es diesbezüglich in Schweden (noch immer und hoffentlich auch zukünftig) ausreichend viele Schutznetze. Für diejenigen, die sich beruflich umorientieren müssen, klingen Ratschläge wohl eher wie Provokationen, aber für diejenigen, die trotz allem einen Blick in die Zukunft wagen können, muss Sichtbarkeit, und wenn auch „nur“ digital, oberste Priorität haben, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Es wird darauf ankommen, die digitale Sichtbarkeit zu erhöhen und damit viel Zeit in den Ausbau von digitalen Kontaktnetzen und Infrastrukturen für zukünftige Vorstellungen und Produktionen zu investieren.
 

Wie sieht der Kultursektor Ihrer Meinung nach in zwei Jahren aus, wenn die Pandemie hoffentlich vorbei ist? 

Trotz der düsteren Statistik vom SCB über die Anzahl derer, die ihre Berufe aufgeben und die Branche verlassen müssen, die bisherigen und zu erwartenden Konkurse, die verringerten Arbeitsmöglichkeiten für Nachwuchskünstler*innen und Kulturschaffende im Bereich der darstellenden Künste  - bereits vor der Pandemie gab es ca. 3000 Anstellungen, davon 240 befristet – entscheide ich mich, an die Zukunft der Kultur zu glauben. Nicht unverändert, aber existent.

 

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