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Ein Interview mit Rockstar Campino

Campino
Die prominentesten Vertreter des Punk-Rocks sind die „Die Toten Hosen“ mit ihrem Frontmann Campino. | © Daniel Hofer

Beliebte Mode- und Musiktrends entstehen meist in den großen, hippen Metropolen. So ist es heute und so war es schon früher. Ein gutes Beispiel dafür ist der Punk-Rock. In den 1970er Jahren entstand die Musikrichtung in New York und London. Kurze Zeit später breitete sich der Punk immer weiter aus. Als er nach Deutschland rüber schwappte, entwickelte sich Düsseldorf zu einem Epizentrum der deutschen Punkbewegung.

Von Hamzi Ismail

Die Düsseldorfer Gruppe „Male“ wurde als eine der ersten deutschen Punkrockbands gefeiert. Der „Ratinger Hof“ galt als erster Szenetreff. Und auch das erste deutsche Fanmagazin "The Ostrich" kam aus Düsseldorf. Die prominentesten Vertreter des Punk-Rocks sind die „Die Toten Hosen“ mit ihrem Frontmann Campino. Die Band feiert 2022 ihr 40. Geburtstag. Wie schaffte sie es so lange erfolgreich zu bleiben? Wie waren die Anfänge der Düsseldorfer Punkszene? Unser Autor Hamzi Ismail hat Sänger Campino zum Interview getroffen.

Campino, was bedeutet für dich „Punk“?

Punk war Ende der 70er Jahre eine ganz klar umrissene Bewegung, die als Hauptexplosionspunkt London hatte. Davon waren wir in Düsseldorf und Deutschland stark von geprägt. Es war ein Aufstand der Jugendlichen, oft auch politisch, es ging um Klassenbewusstsein. Dabei stand eben nicht nur tolle Musik im Vordergrund, sondern das hatte alles auch etwas mit den Texten und vor allem einer Lebenseinstellung zu tun. Mich hat das damals umgehauen. Punk ist aber schon lange nicht mehr klar definierbar, weil er sich in so viele Richtungen und verschiedene Nuancen entwickelt hat. Jede ist gleichberechtigt und wertvoll, sodass ich dir heute nicht mehr sagen kann, wofür der Begriff „Punk“ eigentlich steht. Das muss jeder für sich selber entscheiden. Manche Leute denken, dabei geht es nur ums Partymachen, andere sind wiederum ultra politisch und können mit dem Feieraspekt gar nichts anfangen. Das lässt sich also nicht pauschalisieren.

Anders als heute, stand zu Beginn des Punks eine einheitliche Ideologie, sagst du. Welche war das?

Am Anfang ging es um eine Art Neustart. Wir wollten nicht länger die Helden der Rockmusik anschmachten, irgendwelche reichen Typen, die den Bezug zur Realität verloren hatten. Musik sollte nicht nur bewundert werden, sondern uns war wichtig, sie selber zu machen, auch wenn wir es nicht wirklich konnten, gemäß dem Motto „Hier sind drei Akkorde, gründe eine Band.“ Oder auch die Tatsache, dass Marken nicht mehr wichtig sind und man diesen ganzen Modequatsch nicht länger mitmacht. Punk war immer auch Understatement. „Wir haben nichts und sind stolz drauf“, also liefen wir in zerrissenen Klamotten rum. Hässlichkeit war für uns keine Einschränkung, im Gegenteil, wir waren auf der Suche danach. In gewisser Weise machte man sich selber zum Außenseiter und hatte Verständnis für andere, denen es auch so ging. Wir versuchten auch, sexuelle Grenzen verschwinden zu lassen, alle kleideten sich gleich: Mädchen, Frauen, Männer und Jungs trugen Lederjacken, sie benahmen sich meiner Meinung nach auch sehr gleichberechtigt, deutlich mehr als in anderen Szenen der Gesellschaft zu der Zeit.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Düsseldorf eine Hochburg des Punks wurde?

Das hatte auf jeden Fall auch etwas mit der Altstadt zu tun. Dort gab es eine Kneipe, den „Ratinger Hof“, in der sich auch lauter Schüler von Joseph Beuys aufhielten. Die Kunstakademie war um die Ecke, also war der Ratinger Hof ein guter Treffpunkt für sie. Aber er war eben auch unser Treffpunkt. Und die Künstler mochten uns, weil wir dieses für sie dadaistische Moment so gelebt haben; dass wir eben nichts konnten, uns aber trotzdem auf eine Bühne gestellt und einfach losgelegt haben, aus reiner Freude. Ich glaube, diese Melange hat sich gegenseitig wahnsinnig befruchtet. Auch die Band „Kraftwerk“, die so minimalistisch an ihren Computern arbeitete, kam aus Düsseldorf. Es war einfach, ohne dass den Protagonisten es in dem Moment bewusst war, eine bahnbrechende, besondere Konstellation.

Düsseldorf und die „Die Toten Hosen“ verbindet also eine sehr besondere Geschichte…

Das war gar nicht so eindeutig vorherzusehen. Wir als Punks waren bei den normalen Bürgern absolut unbeliebt und auch die Fußballfans hatten viele Auseinandersetzungen mit uns, es war wirklich keine Liebe auf den ersten Blick. Aber wir waren in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs und fanden es lächerlich, dass Düsseldorf überall diesen Ruf einer Modestadt hatte. Unsere ursprünglich ironisch-distanzierte Haltung zur Heimat hat sich dann gedreht in eine Art Verteidigungsmodus. „Ja, wir sind aus Düsseldorf, da geht’s aber um noch viel mehr, als nur die Modestadt am Rhein zu sein!“ Wir schrieben auch schon sehr früh Lieder über unsere Stadt und als der Fußballverein Fortuna Düsseldorf am Boden war, dachten wir uns: „Support your local hero.“ Statt einen Club irgendwo anders anzuhimmeln, unterstützten wir den Verein um die Ecke. Daraus wurden dann über die Jahre sehr dicke Bande. Inzwischen ist es so, dass wir hier gar nicht mehr nur als Punkband gesehen werden. Wir sind einfach Düsseldorfer Jungs, gehören irgendwie dazu, sind ein Teil der Stadt. Das macht uns sehr glücklich.

Gibt es Songs von euch, die du ganz besonders mit deiner alten Punk-Zeit in Düsseldorf verbindest?

Ja, auf jeden Fall. Es gab Lieder wie „Bis zum bitteren Ende“, die mich in diese Zeit zurückversetzen. Neben unserer eigenen ironischen Abhandlung über die Stadt, „Modestadt Düsseldorf“, hatten wir zu der Zeit auch das „Altbier-Lied“ im Set, ein Klassiker, der in der Düsseldorfer Brehmstraße jede Woche beim Eishockey gespielt wurde. Dabei hatten wir unsere eigene Art, Heimatmusik zu interpretieren und in das Programm aufzunehmen.

„Die Toten Hosen“ sind inzwischen seit fast 40 Jahren im Musikgeschäft und noch immer eine echte Instanz. Wie erklärst du dir diesen Erfolg?

Der Haupttrick der ganzen Angelegenheit ist, sich nicht selber zu analysieren und daraus irgendetwas ableiten zu wollen. Das würde die Gefahr bürgen, dass man versucht, sich dementsprechend zu verhalten. Wir haben als Kompass immer nur unsere innere Stimme gehabt und versucht, danach zu agieren und nicht nach dem, was die Leute sagen. Dabei wundern wir uns selbst, warum immer noch so viele Leute kommen, wenn wir irgendwo auftreten. Uns ist dabei aber auch bewusst, dass das weniger eine Frage von Verdienst ist, sondern dass wir bei all dem auch extrem viel Glück hatten.

Ihr geht nächstes Jahr, also 2022, auf Tour. Der Titel lautet „Alles aus Liebe“. Aus Liebe zu was?

Das ist eine Parole aus einem alten Lied von uns, es schien genau in dem Moment der richtige Spruch zu sein. Denn alles, was wir getan haben, geschah hoffentlich auch zum größten Teil aus Liebe und Passion. Wir wollten das nicht lange hinterfragen, haben das sehr schnell entschieden und uns gedacht: Genau das ist das Motto, unter dem wir wieder in See stechen wollen nächstes Jahr.

Seid ihr in Schweden eigentlich auch bekannt, habt ihr da mal gespielt?

Es gibt in Schweden eine Band, „Sator“, die eine Zeit lang sehr erfolgreich war. Mit ihnen waren wir befreundet und sie haben uns mal eingeladen, mit ihnen dort zu spielen. In den 90er Jahren haben wir auch mehrere große Festivals in Schweden gespielt und waren dort auch auf Tour, aber es war schon auch sehr anstrengend, in Skandinavien unterwegs zu sein. Die Kosten sind vergleichsweise hoch und irgendwann musst du als Band dann entscheiden, wofür du deine Kräfte investierst. Willst du dich lieber auf ein neues Album vorbereiten und Songs schreiben oder willst du durch Lappland fahren und Spaß haben? Das geht eine Zeit lang gut, aber kostet sehr viel Energie, wenn du das regelmäßig machst. Deshalb haben wir Skandinavien ein bisschen aus dem Fokus verloren. Aber wir haben dort und vor allem auch in Schweden immer eine riesen Zeit gehabt, es war herausragend, was für tolle Menschen!

Danke für das Gespräch, Campino! Und viel Erfolg auf eurer Tour.


 

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