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„Folkhemmet“
​Bauhaus und Wohnideale in Schweden

Södra Ängby
Södra Ängby, Ängbyhöjden und Ängbybadet von Mälarens strand, Juni 2010 | CC BY-SA 3.0

Wer nur wenig mit dem Bauhaus vertraut ist, denkt vielleicht hauptsächlich an Stahlrohrmöbel und die Weimarer Republik. Nur wenige wissen, dass die gesellschaftsbewusste Formphilosophie des deutschen Bauhauses einen großen Teil dessen, was in Schweden seit den 30-er Jahren gebaut oder entworfen wurde, nachhaltig beeinflusst hat, und dem Bauhaus daher eine ausschlaggebende Rolle in der Entstehung des schwedischen Wohlfahrtsstaates (folkhemmet) zukommt.

Von Salka Hallström Bornold

Die Vision des deutschen Bauhauses – Massenproduktion mit Funktion, Ästhetik und politischen Ideen von sozialer Gerechtigkeit zu verbinden – war ein Grundstein der angewandten Künste Design und Architektur; besonders in Schweden, wo diese Bewegung unter dem Namen „Funktionalismus“ bekannt wurde. Die reduzierte Formensprache, die Ingenieurskunst des Wohlfahrtsstaates und das „Design-für-Alle“-Ideal, die heute als typisch schwedische oder skandinavische Phänomene angesehen werden – und die u. A. von IKEA kommerzialisiert worden sind – waren also Importe aus Deutschland.

Wie ist also das Bauhaus zum Modell für schwedische Wohnideale geworden? Und warum hat es in Schweden so große Verbreitung gefunden?
Während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts kursierten in Schweden ähnliche Ideen wie im vom Krieg gebeutelten Deutschland, wo in Weimar das Bauhaus gegründet wurde, geleitet von dem legendären Architekten Walter Gropius. Die Architektur stand hier im Zentrum: „Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau“, proklamierte Gropius in seinem Manifest von 1919; und dies sollte, laut desselben Textes, von einer neuen, klassenlosen Zunft von Architekten, Künstlern und Handwerkern geschaffen werden. Hierarchien sollten aufgelöst, die Ästhetik vereinfacht und der Funktion unterstellt werden – alles im Dienst an der Gesellschaft.

In schwedischen Städten herrschten große Wohnungsnot und Elend, während gleichzeitig, mit der Machtübernahme durch die Sozialdemokratie, politische Ideen von sozialer Gleichheit an ideologischer Bedeutung gewannen. Die Entwicklung neuer Idealvorstellungen für das Wohnen wurde nicht zuletzt von der schwedischen Gesellschaft für Werkkunst und ihrem Leiter, Gregor Paulsson, vorangetrieben. Eine weitere bedeutungsvolle Vorreiterin war Ellen Key, die schon früh in ihrem Text „Schönheit für alle“ (1899) neue Ideen funktionalistischen Wohnens, voll Luft und Licht, formulierte. Diese standen im Kontrast zu der überladenen Einrichtung des 19. Jahrhunderts und entsprachen den sozialästhetischen Reformbewegungen der Zeit – Arts and Crafts in England und dem Deutschen Werkbund in Deutschland.

Auch aus anderen Teilen Europas kamen neue Ideen, die zum Durchbruch des Modernismus in Schweden beitrugen, z.B. von der Künstlergruppe De Stijl in Holland, dem schweizer-französischen Architekten Le Corbusier, den sowjetischen Konstruktivisten – und, unter anderem, dem noch immer hochaktuellem Aufsatz „Ornament und Verbrechen“ von 1908, in dem der österreichische Architekt Adolf Loos für eine dekorlose Schönheit argumentierte.

In Schweden wurde diese Debatte durch eine Reihe bahnbrechender Texte und Ausstellungen geführt, mit der schwedischen Gesellschaft für Werkkunst als Vorreiter: von der Wohnungsausstellung (hemutställningen) 1917 in Stockholm über das Pamphlet „Schönere Gebrauchsgegenstände“ („Vackrare vardagsvara“) (1919) bis zur Stockholmer Ausstellung 1930. Jedes dieser Ereignisse baute auf Ideen auf, die der des Deutschen Werkbunds ähnelten – die Kunsthandwerksindustrie zu stärken, neue Geschmacksnormen zu formen und Kunst und Architektur zu schaffen, die der Gesellschaft von Nutzen waren. Weiterhin wollte man auch zur Auflösung starrer, gesellschaftlicher Klassenunterschiede beitragen, indem man „schönere Alltagsgegenstände“ produzierte, die sich auch Arbeiterfamilien leisten konnten. Als Durchbruch des Funktionalismus in Schweden wird gewöhnlich die Stockholmer Ausstellung von 1930 bezeichnet, die Gropius auch besuchte. Die Ausstellung auf der Stockholmer Insel Djurgården bestand aus funktionalistischen Modellhäusern, entworfen von der damaligen Avantgarde – den Architekten Sigurd Lewerentz, Gunnar Asplund, Wolter Gahn, Eskil Sundahl, Sven Markelius und Uno Åhrén. Die Einflüsse des Bauhauses waren deutlich – hatte doch auch Gropius im Vorjahr umfassende Kontakte mit den schwedischen Architekten gehabt. Die Architekten der Stockholmer Ausstellung gaben 1931 in Zusammenarbeit mit Gregor Paulsson das funktionalistische Manifest „acceptera“ heraus. Hier argumentierten die Verfasser gegen das alte System mit Stadtvierteln und für ein neues Stadtbild mit „gleichwertigen Wohnungen für alle“ gebaut in einer „offenen Bauweise mit parallelen Häuserkörpern, deren Richtung mit Rücksicht auf die Sonne bestimmt wird.“
 
1933 wurde das Bauhaus von den Nationalsozialisten geschlossen; sein ideologisches und ästhetisches Gedankengut wurde jedoch international aufgegriffen und verwaltet – und prägt bis heute schwedische Wohnideale. Ab den 1930-er Jahren war die typische dekorationslose, geometrische, funktionalistische Architektur gewissermaßen das Vorbild für alle Neubauten in Schweden – erst der Postmodernismus der 1980-er Jahre setzte dem etwas entgegen.  Man findet das funktionalistische Erbe in jeder Ecke des Landes – von den „Würfelzuckervillen“ im Stockholmer Vorort Södra Ängby bis hin zu den Wohngegenden Johanneberg in Göteborg und Malmgården in Malmö. In großem Maßstab trat der Funktionalismus mit der Durchführung des „Millionenprogramms“ auf, als im ganzen Land über eine Million Wohnungen nach funktionalistischen Ideen mit industriellen Herstellungsmethoden gebaut wurden. Die neuen Vororte wurden oft nach dem sogenannten „Häuser-im-Park-Modell“ entworfen: mit gut durchdachten Grundrissen, Verkehrstrennung und einzelnen Punkthäusern in einer Parklandschaft. Das Millionenprogramm umfasste zwar auch niedrige und kleinere Häuser, wird aber meist mit den stark kritisierten Hochhausvierteln in Verbindung gebracht, die vielerorts „Betonwüsten“ in monumentalen Maßstab sind. In den letzten Jahren hat hauptsächlich die Facebook-Gruppe „Arkitekturupproret“ („der Architektur-Aufstand“), die Wohnideale des Funktionalismus kritisiert, nicht selten mit Argumenten für eine vormodernistische Stadt des 19. Jahrhunderts. Die ursprüngliche Absicht des Millionenprogramms war jedoch gut, wie die Verteidiger desselbigen behaupten. Der alte Schlachtruf „gleichwertige Wohnungen für alle“ findet sich in den wohnungspolitischen Zielen von 1967, dem Startjahr des Millionenprogramms, wieder: „Für die Wohnungsversorgung soll das Ziel der Gesellschaft sein, der gesamten Bevölkerung gesunde, geräumige, gut geplante und zweckmäßig ausgestattete Wohnungen guter Qualität zu angemessenen Kosten bereitzustellen.“ Diese Sätze könnten auch von den Architekten des Funktionalismus stammen. Hier liegt auch die Erklärung für den großen Erfolg des Bauhauses in Schweden: eine historische Kombination von politischem Willen und gesellschaftsbezogener Architektur, dazu Machthaber und Architekten, die gemeinsam danach streben, einen Wohlfahrtsstaat für alle zu schaffen. Den schwedischen Wohlfahrtstaat, der, mit den Worten Per Albin Hanssons berühmter Rede von 1928, „keine Privilegierten und keine Benachteiligten kennt, keine Lieblinge und keine Stiefkinder.“
 
 
Asplund, Gunnar, Gahn, Wolter, Markelius, Sven, Paulsson, Gregor, Sundahl, Eskil, Åhrén, Uno. Acceptera. (Stockholm, 1931). 
Gropius, Walter. Bauhaus-Manifest im Programm des staatlichen Bauhauses in Weimar. (Weimar, 1919).
Key, Ellen. Skönhet för alla. (Stockholm, 1899).
Loos, Adolf. Ornament und Verbrechen. (Wien, 1908).
Paulsson, Gregor. Vackrare vardagsvara. (Stockholm, 1919).
 

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