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Versteckt oder vergessen
– weibliche Fotographie am Bauhaus und während des frühen 20. Jahrhunderts in Schweden

Fotographie am Bauhaus
Foto (Ausschnitt): Alvina Söderlund/Skellefteå museum

Die 1920-er Jahre waren in vielerlei Hinsicht ein Sprengen von Grenzen und Erforschen neuer Wege – dies spiegelt sich auch in der Veränderung der Porträtfotografie dieser Zeit wider.[1] Durch Infragestellung traditioneller Normen und Ideen erweiterte die Fotografie ihr Register um abstrakte Darstellung, neue Betrachtungsweisen und spektakuläre Ausschweifungen – ein entscheidender Schritt weg von strikt reproduzierender Darstellung und hin zu einer künstlerisch gestaltenden Fotografie. Bessere Ausrüstung, die leichter zu bedienen war, ermöglichte Experimente. Im Bauhaus findet sich diese neue Kunstform in Doppelbelichtungen, unerwarteten Winkeln und einer neuen Lesart der Bilder.

Von Pia Siri Isaksson und Linda Bergman

Für viele Schüler waren Selbstportraits und Portraitfotos ein Mittel, ihr Sehen zu entwickeln, und die Grenzen des Alltäglichen zu erweitern – ein Spiel mit dem eigenen Körper als Objekt in bekannten und verfremdeten Räumen. Diese Entwicklung stimmt mit Bauhaus‘ Vision einer neuen Gesellschaft überein – die auch als der Versuch interpretiert werden kann, die altbekannte Welt neu und umgestaltet zu sehen.
 
Portraits und Selbstportraits in einer Vielzahl von Positionen und Rollen, wie sie z.B. Getrud Arndt und Marianne Brandt gestalteten, scheinen Vorläufer moderner Inszenierungen zu sein, insbesondere durch ihre Beziehung zum weiblichen Körper und ihren untersuchenden Blick auf die Erwartungen, die diesen umgeben und formen. Arndts bekannte Selbstportraitserie Maskenselbstbildnis mit ihren typisch weiblichen Attributen – von wohlgesitteter Unschuld bis hin zum Vamp[2] -  kann, da sie gerade die Maskierung betont, als künstlerische Befreiung von der Erwartung einer authentischen Widergabe gesehen werden. Arndt studierte am Bauhaus in der sogenannten „Frauenklasse“ in der Weberei. Sie widmete sich doch nie dem Weben, sondern entdeckte früh die Fotografie als ihr Hauptausdrucksmittel.[3]
 
Fotografie war am Bauhaus zunächst eher ein Randphänomen. Lászlo und Lucia Moholy-Nagy stellten jedoch gleich bei ihrer Ankunft am Bauhaus 1925 den fotografischen Prozess dem bildnerischen gleich. Die erste Kleinbildkamera ermöglichte ein freieres Fotografieren, und die wachsende Bedeutung der Fotografie in den Medien trug wahrscheinlich dazu bei, dass auch Fotografie als Kunstform mehr und mehr Platz einnahm.[4] Viele Fotografien des Bauhauses, gestellte und spontane, zeugen von großer Intimität und Toleranz. In den Selbstportraits, und auch in den Darstellungen Anderer, findet man Vertrauen, das Spielen mit Rollen und ein spielerisches Untersuchen des Ich und der Identität. Viele Portraits haben einen androgynen Charakter oder fordern offen die Beziehung zu traditionellen Geschlechterrollen und Normen heraus. Die vielzähligen Fotografien der Schule vermitteln erforschende Neugier, neue Perspektiven, Offenheit für neue Ideen und Winkel, und sie scheinen von der Idee einer neuen, freieren Gesellschaft inspiriert zu sein.[5] Erst 1927 wurde in der Schule eine spartanische Dunkelkammer eingerichtet – die ersten Bilder des Bauhauses wurden in Badezimmern entwickelt. Lucia Moholys und Erich Consemüllers Fotografien zählen heute zu den wichtigen Dokumenten über das Alltagsleben am Bauhaus. Die fotografische Tätigkeit, die die Eheleute Moholy-Nagy bis 1928 am Bauhaus aufbauten, war nicht dokumentierend, sondern experimentierte frei mit dem subjektiven Ausdruck, oft durch optische Illusionen, sowohl in der Belichtung als auch in der Entwicklung der Fotografien.[6] Nachdem Moholy die Schule verlassen, und Hannes Meyer das Rektorat übernommen hatte, wurde der Berufsfotograf Walter Peterhans als Lehrer für Fotografie angestellt.[7] Mit ihm erhielt eine neue, mehr handwerkliche Einstellung zur Fotografie Einzug in die Schule; Objektivität wurde wichtiger als Subjektivität, Schicklichkeit wurde mehr geschätzt als Experimente, und die Fotografieausbildung wurde in die Abteilung für Graphikdesign und die Druckerei eingebunden.[8]
Auch Frauen fotografierten am Bauhaus, auch wenn sie später aus der Geschichtsschreibung verschwunden sind. Bei vielen Bildern ist auch der Fotograf nicht vermerkt, was das Ausfindigmachen von eventuellen Fotografinnen/Künstlerinnen erschwert.
 
Eine ähnliche Entwicklung kann man in Schweden beobachten: es gibt einen hohen Anteil etablierter Fotografinnen, die doch aus der Geschichtsschreibung verschwunden sind. Fotograf zu sein bedeutete bis 1920 hauptsächlich, Porträtfotograf zu sein, schreibt die Fotografiehistorikerin und Ethnologin Eva Dahlman.[9] Während des 20. Jahrhunderts veränderte sich der Beruf wesentlich, hauptsächlich aufgrund der Printmedien.[10] Frauen arbeiteten zwar in der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch mit Porträtfotografie[11], aber ihr Anteil ging allmählich zurück, und der Beruf wurde als männlich angesehen.[12]
 
Eine der ersten schwedischen Pressefotografinnen, die 1907 von der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter angestellt wurde, ist Alma Haag. Sie wird in dem Dokumentarfilm und der gleichnamigen Ausstellung Upphovsmannen är en kvinna („Der Urheber ist eine Frau“) portraitiert.[13] Der Dokumentarfilm zeigt, wie Eva Dahlman auf der Suche nach Spuren von Fotografinnen durch Schweden reist. Anhand eines alten Koffers, gefüllt mit den Bildern und Erzählungen von Alma Haag, portraitiert sie eine Frau, die in den Hintergrund der schwedischen Pressegeschichte geraten ist.[14]
 
Das Museum für Frauengeschichte (Kvinnohistoriskt museum) in Umeå hat die Ausstellung Upphovsmannen är en kvinna produziert, weil der Beruf des Fotografen zu den sogenannten geschlechtsspezifischen Berufen gehört, und um zu zeigen, wie Geschichte geschrieben worden ist, und wie sie heute geschrieben wird. Die Pressefotografinnen, die in der Ausstellung gezeigt werden, haben fantastische Arbeit geleistet, sind aber in der schwedischen Pressegeschichtsschreibung nicht aufzufinden.[15]
 
In der Ausstellung Självbilder („Selbstbildnisse“), die im Herbst 2019 in Västerbottens Museum gezeigt wird, werden Selbstportraits von skandinavischen Fotografinnen von 1860 bis heute gezeigt. Außer den Selbstportraits zeigt die Ausstellung auch Bilder, in denen die Fotografinnen sich selbst in verschiedenen Rollen inszenieren und fotografiert werden. In der Ausstellung werden auch Bilder der Fotografin Alvina Söderlund gezeigt. Sie arbeitete von 1928 bis 1925 als Provinzfotografin. Auch sie machte Selbstportraits, unter Anderem eines, auf dem sie sich nackt und mit überschlagenen Beinen auf dem Sofa liegend zeigt. Sie hinterließ 300 Glasnegative, unter anderem auch diese Bilder.[16]
 
Gunilla Knape schreibt in Women Photographers - European Experience, dass im einzigen, wirklich umfassenden Buch über die Geschichte der schwedischen Fotografie nur vier Frauen mit Text und Bildern ausführlich vorgestellt werden: Emma Schenson, Drottning Victoria, Agnes Hansson und Anna Riwkin-Brick.[17] Es ist schwer, einen Überblick über die Anzahl der als Fotografinnen tätigen Frauen in Schweden zu bekommen, da sie, z.B. in der Geschichtsschreibung, nicht immer zu sehen waren.[18] Eva Dahlman schreibt z.B., dass den Fotopionierinnen Bertha Valerius, Rosalie Sjöman und Lotten von Düben in der Geschichte der schwedischen Fotografie 1840-1940 kein Platz eingeräumt wird. Bertha Valerius und Rosalie Sjöman werden zumindest erwähnt, über Lotten von Düben findet sich jedoch nichts.[19] Wie Geschichte geschrieben wird, ist ausschlaggebend für unser Wissen. Es ist deutlich, dass Frauen oft nicht den Platz bekommen, den sie verdienen. Darum ist es erfreulich, dass jetzt in Schweden Ausstellungen wie die oben genannten produziert werden, und dass Bücher über Frauen am Bauhaus herausgegeben werden, wie zum Beispiel Bauhausmädels von Patrick Rössels, in dem Pionierinnen wie Anni Albers, Lucia Moholy, Gertrud Arndt, Marianne Brandt, Lilly Reich und Gunta Stöltz portraitiert werden. Auch die Schwedin Gertrud ”Wysse” Feininger wird hier erwähnt.[20]


[1] Fiedler, Jeannine. ” Självporträttet - fotografiet som utlösare av reflekterande iakttagelser.” Bauhaus. Red. Jeannine Fiedler und Peter Feierabend. Köln: Könemann Verlagsgesellschaft mbH, 1999, S.152-160.
[2] Fiedler, Jeannine. ” Självporträttet - fotografiet som utlösare av reflekterande iakttagelser.” Bauhaus. Red. Jeannine Fiedler und Peter Feierabend. Köln: Könemann Verlagsgesellschaft mbH, 1999, S.152-160.
[3] Billard, Jillian. ”The Other Art History: The Forgotten Women of Bauhaus.” Publiziert 18-07-13. www.artspace.com. A Phaidon Global Company . https://www.artspace.com/magazine/art_101/in_depth/the-other-art-history-the-forgotten-women-of-bauhaus-55526. (Stand: 20.9.2019).
[4] Dogramaci, Burcu. ”Disorder or Subordination? On Gender Relations in Bauhaus Photographs.” Bauhaus Bodies, Gender, Sexuality, and Body Culture in Modernism´s Legendary Art School. Red. Elizabeth Otto & Partick Rössler. New York: Bloomsbury Visual Arts, 2019, S. 243-264.
[5] Dogramaci, Burcu. ”Disorder or Subordination? On Gender Relations in Bauhaus Photographs.” Bauhaus Bodies, Gender, Sexuality, and Body Culture in Modernism´s Legendary Art School. Red. Elizabeth Otto & Partick Rössler. New York: Bloomsbury Visual Arts, 2019, S. 243-264.
[6] Ware, Katherine C. ”Fotografi vid Bauhaus.” Bauhaus. Red. Jeannine Fiedler och Peter Feierabend. Köln: Könemann Verlagsgesellschaft mbH, 1999, S. 506-529.
[7] Baumhoff, Anja. ”Alibi-mästarinnan.” Bauhaus. Red. Jeannine Fiedler och Peter Feierabend. Köln: Könemann   Verlagsgesellschaft mbH., 1999, S. 354-357.
[8] Ware, Katherine C. ”Fotografi vid Bauhaus.” Bauhaus. Red. Jeannine Fiedler och Peter Feierabend. Köln: Könemann Verlagsgesellschaft mbH, 1999, S. 506-529.
[9] Dahlman, Eva. Kvinnliga pionjärer osynliga i fotohistorien, Kvinnovetenskaplig tidskrift 1993 (14:3/4), S 45.
[10] Kvinnohistoriskt museum. Upphovsmannen är en kvinna. http://www.kvinnohistoriskt.se/4.7408948a15e01c227741fadd.html (Stand: 7.9.2019).
[11] Fotografihistoria - Fotografer och ateljéer i Hälsingland och Gästrikland. https://www.fotografihistoria.se/artal/1920-tal/page/2/ (Stand: 7.9.2019).
[12] Kvinnohistoriskt museum. Upphovsmannen är en kvinna. http://www.kvinnohistoriskt.se/4.7408948a15e01c227741fadd.html (Stand: 7.9.2019).
[13] Kvinnohistoriskt museum. Upphovsmannen är en kvinna. http://www.kvinnohistoriskt.se/4.7408948a15e01c227741fadd.html (Stand: 7.9.2019).
[14] Peterson, Jens. ”Upphovsmannen var en kvinna – om fotografen Alma Haag”. Dagens Nyheter, 7.9.2019. https://www.dn.se/kultur-noje/filmrecensioner/upphovsmannen-var-en-kvinna-om-fotografen-alma-haag/ (Stand: 7.9.2019)
[15] Diaz Bergner, Pia. Aktuelle Ausstellung: ”Upphovsmannen är en kvinna”. Interview mit Åsa Adolfsson, Kvinnohistoriskt museum. (Radioprogramm). P4 Västerbotten. 2017. https://sverigesradio.se/sida/artikel.aspx?programid=109&artikel=6818882 (Stand: 7.9.2019).
[16] Ausstellung Självbilder in Västerbottens Museum. Das Museum und Alexandra Ellis haben mit der Fotohistorikerin och Ethnologin Eva Dahlman zusammengearbeitet. https://www.vbm.se/utstallningar/sjalvbilder/ (Stand: 7.9.2019).
[17] Knape, Gunilla. ”Some Notes”. Lena Johannesson och Gunilla Knape. (Red.).  Women Photographers - European Experience, Göteborg: Acta Universitatis Gothenburgensis, 2003, S.10-11.
[18] Knape, Gunilla. ”Some Notes”. Lena Johannesson och Gunilla Knape. (Red.).  Women Photographers - European Experience, Göteborg: Acta Universitatis Gothenburgensis, 2003, S.9.
[19] Dahlman, Eva. Kvinnliga pionjärer osynliga i fotohistorien, Kvinnovetenskaplig tidskrift 1993 (14:3/4), S. 52. 
[20] Rubin, Birgitta. ”Konstrecension: Bauhaus kom från Weimar och växte i Dessau.” Dagens Nyheter. https://www.dn.se/kultur-noje/konstrecensioner/konstrecension-bauhaus-kom-fran-weimar-och-vaxte-i-dessau/ (Stand: 23.9.2019).

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