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Konstfack
Das Bauhaus als Vorbild

Konstfack
Ivar Johansson (CC)

1994 feierte Konstfack, die schwedische Kunsthochschule in Stockholm, ihr 150. Jubiläum. Aus diesem Anlass erschien eine umfangreiche Festschrift. Ein Beitrag in dieser kam von Gösta Wessel, damals Professor des Fachbereichs „Farbe und Form“. In seiner Geschichtsschreibung knüpft er an das Bauhaus an.

Von Kerstin Wickman

 „Die gesamte Ausbildung an Konstfack ruht auf künstlerischem Grund – sowohl aus Tradition, als auch aus einem zielgerichteten Willen heraus.“ […] „Wie im Bauhaus, so sehen auch wir bei „Farbe und Form“, dass gewisse allgemeine, grundlegende Kenntnisse in Farbe und Form wichtig für eine künstlerische Entwicklung sind.“  […] ”

Die Kurse in freier Malerei waren im Bauhaus Anlass für endlose Diskussionen über die Rolle der Kunst im Verhältnis zu Technik und Design. Diese Diskussionen werden seit Langem auch bei uns geführt und werden hoffentlich auch in Zukunft fortgesetzt werden. Die Erfahrungen vom Bauhaus und der Entwicklung der Bauhaus-Tradition während des 20. Jahrhunderts sind für uns eine wichtige Wissensquelle“ … Gösta Wessel vertiefte sich in Johannes Ittens und Josef Albers’ Farbenlehren und baute an der Schule ein Farblabor auf. Dort untersuchte er u.a. wie Bindemittel Farbpigmente und Texturen beeinflusst.

Die Lehrpläne, die Walter Gropius als erster Rektor des Bauhauses erstellt hatte, beeinflussten also auch Konstfacks Unterricht, aber erst nach dem zweiten Weltkrieg, 1945-46. Konstfacks Vorgänger, die Technische Schule (tekniska skolan) war schon seit der Jahrhundertwende 1900 von der Regierung diskutiert worden, und nun endlich waren sowohl eine Neugestaltung des Unterrichts, als auch eine Namensänderung beschlossen worden. Der neue Name zeigte, dass die Ausbildung in Fachrichtungen organisiert war. Diese wurden sowohl von einem hauptverantwortlichen Lehrer, der für die künstlerische und professionelle Entwicklung der Studenten verantwortlich war, als auch von Handwerkern, die in den verschiedenen Techniken unterrichteten, geleitet. Dieses Modell glich also dem Bauhaus. Und genau wie am Bauhaus gab es auch noch viele andere Lehrer, die die Studenten in Farbe, Form und Licht unterrichteten.
 
1946 wurde Åke Stavenow Konstfacks neuer Rektor. Er kam von der Schwedischen Gesellschaft für Werkkunst (Svenska Slöjdföreningen, heute Svensk Form), die die Schule schon lange als unzeitgemäß kritisiert hatte. Das alte, akademisch oder handwerklich ausgebildete Kollegium zog nicht immer mit (Gropius erlebte dasselbe in Weimar). Es gab doch auch Ausnahmen, z.B. den Künstler Nils Nixon, der als Lehrer in Kunstpsychologie arbeitete, und sich später mit Bauhaus‘ pädagogischen Übungen beschäftigte.
 
Stavenow stellte neue hauptverantwortliche Lehrer an, unter ihnen Schwedens berühmteste Designer und Künstler. Die Lehrer arbeiteten meist selber mit einer abstrakten Formensprache und neuen Materialien, also mit Dingen, die in den 20er Jahren als Avantgarde betrachtet wurden, aber nach dem Krieg stilbildend wurden. Sich in Materialien zu vertiefen, sich unvoreingenommen verschiedenen Problemen anzunehmen und eine experimentierfreudige Haltung im Schaffen einzunehmen, waren Ideen, die an Konstfack, genau wie am Bauhaus, umgesetzt wurden. 
 
Die Mehrzahl der an Konstfack aufgenommenen Studenten hatte bereits ein Jahr die Abendschule der Hochschule besucht. (Diese gab es bis in die 1970-er Jahre). Es wäre vermessen, zu behaupten, diese Abendschule sei mit Johannes Ittens und Gropius‘ „Grundkurs“ am Bauhaus zu vergleichen. Aber sie gab den Studenten eine gemeinsame künstlerische Grundlage und die Möglichkeit, sich zu überlegen, welche Fachrichtung sie eventuell später in der dreijährigen Grundausbildung wählen wollten. Die Studenten waren aber bedeutend jünger als diejenigen in Weimar und hatten nicht schon vorher grundlegende Kunststudien absolviert.
 
Konstfack war staatlich finanziert, und musste nicht, wie das Bauhaus, selbst zu seinem Etat beitragen. Die Keramik- und Metallauszweige beinhalteten Aufgaben aus dem Industriedesign, während der Textilzweig auf textile Kunst ausgerichtet war. Einige Textilkünstler wurden nach ihrem Examen Designer in der Textilindustrie oder arbeiteten für die Textilabteilung der Warenhauses NK, wo Astrid Sampe Chefin war. Sie hatte 1928 an der Technischen Schule (später Konstfack) ihre Ausbildung begonnen und dann am Royal College of Art in London studiert. Dort hatte sie die frühen britischen Modernisten kennengelernt.
 
Wie auch Otti Berger – die einige Jahre die Weberei am Bauhaus leitete – war Astrid Sampe sehr an Technik und neuen textilen Materialien interessiert. Schon in den 1930-er Jahren experimentierte sie mit Kunstfasern, Plastik und Glasfasern. Otti Bergers Ausstellung im Januar 1930 in der Galerie Moderne in Stockholm und ihre Artikel in der Zeitschrift Form im gleichen Jahr beeindruckten sicher eine passionierte, an Textil interessierte 20-Jährige wie Astrid.

Eine künstlerische Ausbildung ist kein geschlossenes System. Sie ist abhängig von der Gesellschaft und von Impulsen und Ideen, die in der Zeit liegen. Auch das Bauhaus war nicht statisch, sondern machte eine eigene, innere Entwicklung durch, die auch vom äußeren Geschehen beeinflusst wurde. So war es auch für Konstfack.
 
Die Bauhauspädagogik kam auch durch das New Bauhaus in Chicago nach Schweden. Während er 1940-er Jahre studierte die Künstlerin Adelyne Cross dort. Sie wurde von Moholy-Nagys Übungen zu Form, Textur und Struktur, und von seinen Übungen zur Schulung der Wahrnehmung beeinflusst. Mit diesen Erfahrungen und mit der Überzeugung, dass jeder künstlerische Fähigkeiten habe, baute sie während des zweiten Weltkrieges eine Ausbildung in Los Angeles auf. Sie heiratete später einen Schweden, den Seemann Per Eriksson. In den 1950-er Jahren, infolge Joseph McArthys Verfolgung Linksradikaler, verließen sie Los Angeles und emigrierten nach Schweden.
 
Adelyn wurde Lehrerin für ihre Kurse in Schweden. Eine ganze Reihe bekannter Kulturpersönlichkeiten schloss sich dem Unterricht an: der Schriftsteller und Künstler Peter Weiss, die Bühnenbildnerin und Keramikerin Gunilla Palmstierna Weiss, Carlo Derkert – der legendarische Kunstpädagoge des modernen Museums – um nur Einige zu nennen. Ihre Pädagogik faszinierte aber noch viele mehr. 1967 gründeten sie, zusammen mit Adelyne die „lebendige Werkstatt“, die viele Kunstpädagogen in Schweden beeinflusste. Hieran kann man sehen, wie Ideen weitergegeben werden, sich verwandeln und manchmal ganz neue Wege gehen können.

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