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​Bauhaus und das schwedische Design

Sylvia Stave, Kaffeekanne
© Anna Danielsson/Nationalmuseum 2013

​Im Jahr 2019 ist es ein Jahrhundert her, dass das sagenumwobene Bauhaus gegründet wurde. Welche Bedeutung hatten die radikalen Ideen und die Formensprache dieser Schule für die Entwicklung des schwedischen Designs?
 

Von Cilla Robach

Der Architekt Walter Gropius, der Gründer der Schule, wollte, dass alle Bestandteile der Architektur – Material, Proportionen, Licht, Einrichtung, Teppiche, Glas, Porzellan, Schilder, Türgriffe – ein Gesamtkunstwerk bilden sollten. Alle Formen sollten auf Kreis, Quadrat och Dreieck aufbauen, und die Farbgebung auf die Grundfarben Rot, Blau und Gelb. Die Funktion sollte die Gestaltung bestimmen, unnötiges Ornament und Ausschmückungen sollten vermieden werden. Gegensätze und Hierarchien zwischen Kunst, Handwerk und Industrie, die es bisher gegeben hatte, sollten durch dieses Zusammenwirken aufgehoben werden. Architekten, Künstler und Designer sollten sich einerseits auf das Handwerk zurückbesinnen, um einen neuen, zeitgemäßen Stil zu entwickeln; andererseits sollte man aber auch mit der Industrie zusammenarbeiten.
 
Aus dem Bauhaus kamen das ikonische Design und die Architektur des Modernismus. Das Wesentliche aber war das Leben, das in diesen funktionalistischen Gebäuden gelebt werden sollte, und dass Kunst und Design breite gesellschaftliche Gruppen erreichen sollten.
 
Dieses Engagement für die Gesellschaft prägte auch die schwedische Designszene. Schon 1845 war die schwedische Gesellschaft für Werkkunst gegründet worden, die zum Ziel hatte, die ästhetische und handwerkliche Qualität der produzierten Gegenstände zu bewahren. Zur Zeit der Jahrhundertwende 1900 förderte die Gesellschaft die Zusammenarbeit von Künstlern und Industrie, und soziale Anliegen wurden ihr immer wichtiger. 1919, im Jahr der Gründung des Bauhauses, publizierte die Gesellschaft für Werkkunst Gregor Paulssons Propagandaschrift Vackrare Vardagsvara („Schönere Gebrauchsgegenstände“), die während des gesamten 20. Jahrhunderts zu einem Leitgrundsatz für schwedisches Design wurde. Paulsson betonte hier, dass moderne Schönheit und Industrie zusammengehörten, und dass man sie in einfachen, funktionellen Dingen fände.
 
Das Bauhaus legte während der 1920-er Jahre die Grundlage für den Funktionalismus. Glattverputzte Gebäude mit Flachdächern und Stahlrohrmöbel fand man bald in ganz Europa. In Schweden hatte der Funktionalismus seinen Durchbruch auf breiter Front mit der Stockholmer Ausstellung 1930. Die schwedische Niedrigpreiskette EPA kaufte später den Stahlrohrstuhl des Architekten Sven Markelius und stellte ihn in zahlreichen ihrer Milchbars auf. Der Zeitschriftentisch des Designers Carl Hörvik, bestehend aus drei Scheiben in drei Höhen die von von einem S-förmigen Gestell aus grünlackiertem Stahl zusammengehalten wurden, war in seiner reduzierten Formensprache radikal. Zu den bekanntesten schwedischen Stahlrohrmöbeln zählt Gunnar Asplunds Lehnstuhl, dessen Sitzfläche und Rücken mit Leder bezogen sind, und der 1931 im Vorstandszimmer der schwedischen Gesellschaft für Werkkunst aufgestellt wurde.
 
1933 entwarf Wilhelm Kåge das stapelbare Service Praktika für die Porzellanfabrik Gustavsberg. Das Service besteht aus 41 Teilen, Schüsseln, Teller und Deckel, die miteinander kombiniert werden können und strahlt die Rationalität des Bauhauses aus. Praktika sollte der „Volkswagen“ der Services werden. Der Verkaufserfolg blieb jedoch aus, wahrscheinlich fanden es die Konsumenten zu streng und langweilig.
 
1932-1935 arbeitete auch Kåges Nichte Wysse Feininger (geb. Gertrud Hägg), die am Bauhaus Graphikdesign studiert hatte, in der Porzellanfabrik Gustavsberg. Ihr bekanntestes Service für Gustavsberg war das Puppenservice Gullebarn aus dem Jahr 1933.
 
Bislang eher unbekannt ist die Designerin Sylvia Stave. Auch sie wurde von der strengen Formensprache des Bauhauses inspiriert. Dies sieht man nicht zuletzt in ihren Kannen und Vasen aus Neusilber, entworfen für die Goldschmiede Hallberg, für die sie während der 1930-er Jahre künstlerische Leiterin war. Eine ihrer Kannen, kugelförmig mit gerade abstehendem Griff und langer zylinderförmigen Tülle, könnte auch von einem Designer des Bauhauses stammen.
 
Ein oft verkaufter Designklassiker im Stil des Bauhauses war die Glasschale Fuga, entworfen 1954 von Sven Palmqvist für die Glashütte Orrefors. Für die Produktion dieser Schale wurde die heiße flüssige Glasmasse in eine Form geschüttet, in der sie mittels Zentrifugierung gleichmäßig verteilt wurde. Das Resultat war eine glatte Schale, harmonisch geformt, die in Massenproduktion hergestellt werden konnte.

  • Teller „Gullebarn“ © Nationalmuseum / Gustavsbergs Porslin AB
  • Karott med dekor "Weekend", modell "Praktika", Tillv. 1933 Foto: Hans Thorwid, Nationalmuseum
  • Nordiska Kompaniet, Gunnar Asplund, Karmstol, Tillv. 1931 Foto: Per-Åke Persson / Nationalmuseum
  • Gustavsberg, Wilhelm Kåge, Karott med dekor "Weekend", modell "Praktika", Tillv. 1933 Foto: Hans Thorwid, Nationalmuseum

Die reduzierte Formensprache des Bauhauses war einfach nachzuahmen. Eine Version von Wilhelm Wagenfeldts stapelbarem Glasbehälter mit Deckel aus Pressglas – heute ein Klassiker – wurde Mitte der 1930-er Jahre von Electrolux hergestellt. Und der Aschenbecher Kulan in farbigem Kunststoff, 1970 entworfen von Gunnar Larsson, ähnelte in seiner Form dem Aschenbecher von Marianne Brandt, entworfen 1926 am Bauhaus.
 
Wir können also festhalten, dass das Bauhaus die Entwicklung des schwedischen Designs im 20. Jahrhundert beeinflusst hat. Es ist doch auch wichtig, aus der Perspektive ein Jahrhundert später, einen wichtigen Unterschied zwischen Bauhaus‘ Vision vom Gesamtkunstwerk und den schwedischen „schöneren Gebrauchsgegenständen“ zu betonen. Dieser Unterschied liegt in der Einstellung zum Handwerk. Für Gropius spielte die Handarbeit eine entscheidende Rolle für die Verschmelzung von Kunst und Industrie. Paulssons Fokus lag dahingegen auf der Maschine und ihrer Möglichkeit, schöne Waren zu niedrigen Preisen, die für alle erschwinglich waren, herzustellen. Das Handwerk wurde in Schweden in hohem Grad als altertümlich und reaktionär angesehen.
 
Der wichtigste Einfluss des Bauhauses in Schweden war daher vielleicht der Pädagogische. Sowohl die Kunsthochschule Konstfack, als auch Beckmans Designhochschule möchten noch heute das Erbe des Bauhauses an ihre Studenten vermitteln: das Zusammenwirken von Gedanken und Hand, gesellschaftliches Engagement, ganzheitliches Verhalten und nicht zuletzt die Fähigkeit, unsere eigene Zeit gemäß unseren Voraussetzungen und Bedürfnisse zu formen.

 

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