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Einleitung
Mats O Svensson: Das verlorene Berlin

Berlin Bellevuestraße 1900
Berlin Bellevuestraße 1900 | public domain

Wie aus einer Wüste erhebt sie sich. Gebaut auf Marschland, umgeben von trockener, sandiger Erde. Nicht ohne Grund wurde die Stadt schon Ninive und Babylon genannt; Friedrich der Große wiederum versprach einst, dass sie ein Athen an der Spree werden solle. Das wurde sie nie. Es ist eine Stadt, „dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein“, wie der Kunstkritiker Karl Scheffler 1910 schrieb.[1] Und auch über hundert Jahre später erscheint dies immer noch zutreffend.

Öfter als jede andere europäische Hauptstadt hat Berlin Metamorphosen durchlebt, und durchlebt sie noch immer: von der Doppelstadt Berlin-Cölln zur preußischen Residenzstadt, dann Hauptstadt im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im Dritten Reich zerbombt, besetzt, geteilt und wieder Hauptstadt in der vereinten Bundesrepublik Deutschland. Jede Epoche hat die Stadt geprägt und oft stand sie gleichermaßen für europäische Konflikte wie auch Ideale. Eine Stadt, die in Trümmer gelegt und geteilt wurde, die der Schauplatz von Revolutionen war, und die von den mehr oder weniger großartigen Visionen der Stadtplaner immer wieder umgeformt wurde, eine Stadt, die nie stillsteht – auch wenn ihr eine behagliche Ruhe zu eigen ist. Berlin hat viel mitgemacht und gerade deshalb scheint die Stadt gelassen zu bleiben.
 
Trotz der vielen Verwandlungen bewahrte die Stadt auch eine Beständigkeit. Man könnte es „das Berlinerische“ nennen. Im Jahr 1860 war jeder zweite Berliner hinzugezogen, so wie auch heute über die Hälfte der Einwohner auswärts geboren sind. Es ist eine von Migranten geformte Stadt: die Hugenotten, die im 18. Jahrhundert hier einen Zufluchtsort fanden, die osteuropäischen Juden, die sich im Scheunenviertel niederließen, russische Emigranten, die während der 1920-er Jahre Teile von Charlottenburg in Charlottengrad verwandelten, und türkische Gastarbeiter, die den Wedding, Kreuzberg und Neukölln prägten.
 
Nach Berlin kommt man immer zu spät, und das, was einst Berlin so attraktiv machte, wird jetzt zu- und weggebaut. Die Brachflächen, die billigen Ateliers werden verdrängt, wenn nun multinationale Tech-Unternehmen die Stadt erobern. Wenn Berlin während der letzten drei Jahrzehnte vielleicht etwas Unfertiges an sich hatte, so scheint die Stadt jetzt eine neue Form zu finden – zum Guten, wie auch zum Schlechten hin.
 
Die Zukunft aber ist – wie immer – noch offen. Die Stadt ändert ständig ihren Charakter, erfindet sich ohne Unterlaß neu. In Berlin blickt man oft in die Zukunft, ohne an die Geschichte zu denken – doch immer mit Nostalgie im Blick. Die verlorene Stadt wird betrauert, die Ankunft des neuen Berlins gefeiert.
 
 
Gastredakteur ist Mats O Svensson. Er hat einen Master in Literaturwissenschaft der Universität Uppsala und wohnt seit fünf Jahren in Berlin, wo er als Kritiker, Übersetzter und Redakteur für die skandinavische Kulturzeitschrift Vagant arbeitet. 2020 erscheint seine Monographie über zeitgenössische Lyrik und die Klimakrise im Verlag Faethon.


[1] Karl Scheffler, Berlin. Ein Stadtschicksal, 1910.

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