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Das Berliner Nachtleben ist ein Ausnahmezustand im Alltag. Jetzt verschwindet es.
Arvid Jurjaks: Verstummt bald der Soundtrack der Wiedervereinigung?

Tresor (Club) i Berlin, september 2003
Tresor (Club) i Berlin, september 2003 | public domain

Ein regnerischer Samstag im Januar. In der Mall of Berlin in der Nähe des Potsdamer Platzes suchen Wochenendshopper nach Markenschnäppchen. Anfang der 1990-er Jahre war das Viertel das Zentrum für Berlins brodelndes Nachtleben.

Von Arvid Jurjaks

1991 eröffnete hier Tresor, einer der ersten Technoclubs des wiedervereinigten Berlins, genau neben dem Niemandsland, in dem einst die Mauer stand. Heute erheben sich Gebäude aus Stahl, Glas und Beton über den Platz. Die Ausstellung „Rave the Planet“ ist das Einzige, das noch an die Kultur erinnert, von der Einige behaupten, sie sei die erste wirklich zwischen Ost und West vereinende Kraft gewesen.
 
Leise kommt Musik aus einigen wenigen Lautsprechern. Besucher schlendern gemächlich vorbei. Einige halten inne, um die sorgsam aufgebaute Miniaturwelt zu betrachten, die den Tiergarten und die Straße des 17. Juni darstellt. Rund um die Siegessäule hat man zentimeterhohe Figuren grüppchenweise aufgestellt. Die Love Parade war das Straßenfest, zu dem jedes Jahr, von 1989 bis 2006, immer größere Scharen zusammenkamen, um zu harter, elektronischer Musik zu tanzen. Die Bilder von hunderttausenden Menschen, die auf der Straße tanzten, die einst die Prachtstraße der Nationalsozialisten war, ist zu einem Teil des kollektiven Gedächtnisses des Landes geworden.
 
Nach dem Fall der Mauer musste sich Berlin wieder einmal neu definieren. Zeitgleich mit der Love Parade etablierten sich mehr und mehr Clubs in leeren Häusern, Kellern und verlassenen Industriebauten. Bald wurden die tagelangen Feste zum Wahrzeichen der malträtierten Stadt. Und Techno wurde zum Soundtrack der Wiedervereinigung ernannt.
 
Typisch für die Clubkultur, wie sie sich im Berlin der 1990er Jahre herausbildete, war der Fokus auf das Hier und Jetzt. Ein geschickter DJ kann die Musik an die Stimmung auf der Tanzfläche anpassen – und sie im besten Fall beeinflussen. Es ist eine Kunst des Augenblicks, die in ihrer optimalen Ausführung nur zu diesem einen Zeitpunkt existiert. Aber die Fixierung auf den Augenblick ist auch ein Teil der Clubkultur an sich, in der Ekstase und Hingebung beinahe religiöse Ausmaße annehmen. Es ist kaum möglich, sich der Intensität zu entziehen, die man fühlt, wenn man z.B. das Berghain besucht, Berlins bekanntesten Club. Hier dröhnen die Bässe in einem entkernten ehemaligen Fernheizwerk, gebaut in der brutalen Architektur des sozialistischen Klassizismus der 1950-er Jahre. Dass Orte wie dieser oft mit Kirchen verglichen werden, ist kein Zufall.
 
Techno wuchs während der 1990-er Jahre unter dem Namen „the raving society“ zu einer postmodernen Utopie heran. Man wollte, wieder einmal, mit der Geschichte brechen und die unmittelbare Gegenwart betonen – ohne Stars und Idole, jenseits von Sprache und Referenzen. Berlin mit seinen leerstehenden Gebäuden wurde schnell die Hauptstadt der Utopien, und mit Einzug der Billigflüge in den 00-er Jahren explodierte diese Kultur förmlich. Jedes Wochenende landeten tausende Clubtouristen in Schönefeld und Tegel, um in Berlin zu feiern. Das schon erwähnte Berghain und die inzwischen geschlossene Bar 25 zeigten jetzt die zwei hauptsächlichen Richtungen für Berlins Clubszene auf: Eine harte, gewissermaßen introvertierte und in vielerlei Hinsicht immersive Schule, in der Stahl und Beton ein wichtiger Teil der Architektur sind. Und eine andere, ausgelassenere, deren Feste tagsüber gefeiert werden, oft im Freien und mit einer Mischung von House und Disco in den Lautsprechern.
 
„Techno erzählt keine Geschichte, sondern zielt unmittelbar auf den Körper“, schrieb die deutsche Soziologin und Tanzwissenschaftlerin Gabriele Klein 1999 in ihrem Buch Electronic Vibration. Klein bezieht sich auf die Musik: Techno hat in der Regel keinen Text. Aber ihre Beobachtung kann gut als ein Paradox verwendet werden. Denn Techno erzählt viele Geschichten. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer wird eine intensive Rückschau auf die Berliner Clubkultur betrieben. Die Ausstellung „Rave the Planet“ in der Mall of Berlin ist ein Beispiel dafür. Ein anderes ist „No photos on the dancefloor: Berlin 1989 – today“, eine Fotoausstellung über Berliner Clubs, die 2019 bei C/O Berlin gezeigt wurde.
 
In der wissenschaftlichen Anthologie Techno Studies von 2016 bezeichnet der Herausgeber, der Musikwissenschaftler Matthias Pasdzierny, diese Ausstellungen, Dokumentationen und Bücher als einen „memory boom“, in dem die Geschichte der Wiedervereinigung von Ost und West dazu tendiert, andere Erzählungen zu überlagern. So werden z.B. oft die Bedeutung der Gay-Kultur für die Clubs oder der Einfluss der schwarzen House Musik aus den USA in den Hintergrund gedrängt.
 
„Dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein“ ist eines der berühmtesten Zitate über Berlin. Hier, in diesem ständigen Werden, zwischen Alt und Neu, haben die Clubs ihren selbstverständlichen Platz gefunden. Während sie auf neue, finanzstärkere Investoren warten, benutzen sie leerstehende Räumlichkeiten in Zwischennutzung oder anderen temporären Pachtverträgen. Und gerade die Zwischennutzung – ein Begriff, der so schwer in andere Sprachen zu übersetzen ist – ist für viele Clubs Standard geworden. Doch je mehr sich die Stadt in ihrer Entwicklung an die Situation in vielen anderen europäischen Hauptstädten angleicht, mit steigenden Mieten und einem immer angespannteren Immobilienmarkt, desto seltenen wird dies.
 
Gut 30 Jahre nach dem Start der Berliner Clubwelt gibt es ein neues Wort im deutschen Wortschatz: Das Clubsterben. Während der letzten 10 Jahre mussten insgesamt über 100 Clubs schließen. Das ist an und für sich nichts besonderes, ist das Temporäre doch ein Teil dieser Kultur. Und für jeden Club, der geschlossen hat, sind bisher immer mehrere neue eröffnet worden. Bis vor einigen Jahren – da konnte die Anzahl der Neueröffnungen nicht mehr mit der Anzahl der Schließungen mithalten.

Die Ausstellung in der Mall of Berlin vermittelt unzweifelhaft das Gefühl einer erstarrten Kultur. Hier wird buchstäblich eine eingefrorene Miniaturwelt der Vergangenheit gezeigt. Dass die Initiatoren sich außerdem dafür einsetzen, die elektronische Musik von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen, verstärkt den Eindruck, dass die Clubkultur zum Museumsstück umdefiniert wird. Einige der Pioniere der 1990-er Jahre meinen, die Clubkultur habe ihren kreativen Höhepunkt schon überschritten, und was die letzten 10 Jahre auf den Tanzflächen der Hauptstadt passiert ist, sei nur eine leere Wiederholung 30 Jahre alter Einstellungen und Ausdrücke, die einst aus einer Verkettung von äußerst spezifischen historischen Ereignissen hervorgegangen sind.
 
Soll man das Berliner Clubleben jetzt so sehen? In diesem Blickwinkel erschiene es wie das Ende eines 30 Jahre währenden Festes, auf dem die Gäste schon lange vergessen haben, warum sie gekommen sind.

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