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Mit einem Schlag wurde das jüdische Berlin vernichtet. Der Roman Effingers bewahrt einen Teil des Verlorenen.
Mats O Svensson: Die Stadt vergisst ihre Katastrophen

Scheunenviertel, Berlin
Scheunenviertel, Berlin | Bundesarchiv, Bild 183-1987-0413-505 / P. Buch / CC-BY-SA 3.0

„Nie wieder können wir Vergessenes ganz zurückgewinnen.“
Walter Benjamin, Berliner Kindheit um 1900
 

Berlins jüdische Geschichte ist so alt wie die Stadt selbst. Während des Mittelalters hatten Juden zwar einige Rechte, doch mehr Einschränkungen, und ihre Existenz war unsicher. Nachdem die Pest nach Brandenburg gekommen war, kam es zur ersten dokumentierten Judenverfolgung. 1510 wurden 38 Juden, die der Hostienschändung angeklagt worden waren, verbrannt. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden sie „für alle Ewigkeit“ vertrieben, aber hundert Jahre später wieder eingeladen. Erst im Jahr 1812 bekam Berlins jüdische Bevölkerung durch ein Dekret Friedrich Wilhelms III. Bürgerrechte.
 
Dies war die Blütezeit der Salonkultur - der Salons von u.a. Henrietta Herz und Moses Mendelssohn. Im Salon Rahel Levins, über die Hannah Arendt eine Biographie schrieb, waren Hegel, Fichte, Kleist und Schleiermacher zu Gast. „Die jüdischen Salons wurden eine Oase, in der man sich ungezwungen und als Individuum bewegen konnte. Für die Juden war es ein Gewinn, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden, und während dieser Zeit begann ihre Emanzipation in Preußen“, schreibt Folke Schimanski in seiner Biographie über Berlin.[1] Zwar waren Berlins Juden immer noch von Teilen der Gesellschaft ausgeschlossen, aber sie fanden Nischen (nicht selten in risikoreichen Branchen), wurden herausragende Unternehmer, Publizisten, Juristen oder Künstler und arbeiteten unablässig für ein Deutschland, das ihre Anstrengungen am Ende doch nur mit Verachtung beantwortete.
 
Zur Zeit der Machtergreifung der nationalsozialistischen Partei lebten ungefähr 160 000 Juden in Berlin. Sie gehörten verschiedenen Glaubensrichtungen an – chassidisch, orthodox, reformfreundlich – und es gab 16 öffentliche und 72 private Synagogen. Die Juden waren ein selbstverständlicher Teil aller politischer Gruppierungen, von den kommunistischen und sozialdemokratischen bis hin zu den konservativen oder deutschnationalen. Im armen Scheunenviertel, nordwestlich vom Alexanderplatz, wohnten vor allem arme jüdische Migranten, die vor den Pogromen in Osteuropa geflohen waren; im mondänen Berliner Westend wohnten hauptsächlich liberale, säkulare Juden.
 
Während der zwölf Jahre, in denen die Nationalsozialisten an der Macht waren, wurden diese Welten zerstört. Das jüdische Berlin wurde ausgelöscht, bis zu 65 000 Juden wurden in den Konzentrationslagern ermordet, 7000 begingen Selbstmord, dem Rest gelang es, zu emigrieren und nur wenige überlebten. Nur Bruchstücke einer einst so blühenden jüdischen Kultur waren übriggeblieben, und nach dreizehn Jahren nationalsozialistischem Wahn und Bombardierungen war auch Berlin eine andere Stadt.
 
„Was ich mir wünsche ist, dass jeder deutsche Jude sagt: ja, so waren wir, so haben wir gelebt zwischen 1878 und 1939, und dass sie es ihren Kindern in die Hände legen mit den Worten: damit ihr wisst, wie’s war.“ [2] Mit diesen Worten beschrieb die Schriftstellerin Gabriele Tergit (geb. Elise Hirschmann) den Anspruch ihres Romans Effingers – eine Familienchronik einer jüdischen Familie über vier Generationen. Im selben Jahr, in dem Walter Benjamin seine Kindheitserinnerungen an Berlin zu Papier brachte, begann Tergit, ihre Familiengeschichte zu schreiben. Das war ein Jahr bevor sie in ihrem Haus von einer Gruppe SA-Männer angegriffen wurde und sie ihre Heimatstadt Berlin verließ – mit dem Manuskript, an dem sie dann 18 Jahre lang in Tschechien, Israel und England schrieb. Zeitgleich mit der Katastrophe verfasste sie ein Epos über den Untergang des deutsch-jüdischen Bürgertums, über ein Berlin, das eine seiner Metamorphosen durchlebte und über das jüdische Leben, das vernichtet wurde. Die Welt, die sie 1932 zu schildern begann, die Welt, aus der sie kam, wurde zerstört. Übriggeblieben ist nur das Manuskript, die Literatur.
 
Effingers beginnt und endet mit einem Brief von Paul Effinger. 1878 ist er siebzehn Jahre alt und macht eine Lehre in einer Eisenbahnfabrik im Rheinland. Er schreibt seinem Vater, Uhrmacher in einer idyllischen süddeutschen Stadt, nach der Paul sich immer sehnen wird, dass er abends fleißig lernt. Sein Glaube an den Fortschritt und die Zukunft ist stark. 1941, beinahe 70 Jahre später, ist Paul Effinger 81 Jahre alt. Während er auf die Deportation wartet, schreibt er an die Kinder und Enkel, denen die Emigration geglückt ist. Er ist dankbar, dass seine Frau Klärchen bereits an Krebs gestorben ist, und das Einzige, was er jetzt für sich erhofft, ist dass Gott ihm „einen schnellen Tod“ schenkt. Mein größter Fehler war, schreibt er, an das Gute im Menschen zu glauben.
 
In dem einen Brief ist Paul auf dem Weg nach Berlin, im Anderen auf dem Weg fort.
Das Berlin, das ihn als jungen und fleißigen Unternehmer erwartet, befindet sich auf einem Höhepunkt, die Industrie blüht und die Stadt wächst schnell. Seinem Bruder Karl gelingt es, in die Bankiersfamilie Goldschmidt/Opper einzuheiraten, Paul kommt nach, und die Beiden beginnen, in Berlins wohlhabenden jüdischen Kreisen um den Tiergarten herum zu verkehren. In der Kaiserstadt gelten noch immer die alten preußischen Tugenden, aber die umwälzende Kraft der Modernität verändert die Gesellschaft im Großen und auch im Kleinen.
 
Während dieser Umbruchszeit der Stadt Berlin und der gesamten deutschen Gesellschaft spielt der Roman Effingers. Gabriele Tergit hatte Thomas Manns Buddenbrooks als Vorbild, als sie ihr Testament über die Auflösung des jüdischen Bürgertums verfasste. Wie die Buddenbrooks ist auch Effingers eine Erzählung über den Aufstieg und Fall einer Familie, aber hier kommt der Zerfall nicht von innen, sondern von außen. Es hilft der Familie wenig, dass sie versucht, ihre Existenz und gesellschaftliche Position zu behalten. Gegen Hitlers Rassengesetze sind sie machtlos.
 
Effingers ist doch bei weitem nicht nur eine Opferschilderung. Der Roman erhält sein Gewicht durch die Katastrophe, von der wir wissen, dass sie kommen wird; seine Dynamik aber erhält er durch die inneren Konflikte in der Familie – die politischen, literarischen und kulturellen Diskussionen, die Generationenkonflikte, das Aufeinandertreffen zwischen den Emporkömmlingen Effingers und den gutbürgerlichen Oppners, und nicht zuletzt durch die Frage, ob Zionismus oder Treue zum Heimatland Deutschland der realistische Weg sei, dem wachsenden Antisemitismus zu begegnen. In der umfassenden Personengalerie des Buches lässt Tergil den Leser die ganze Vielfalt der Haltungen erfahren, die die sozialen und politischen Spannungen im Berlin des Kaiserreichs, und später der Weimarer Republik, ausmachten. So werden die zermürbenden politischen Konflikte verkörpert, und die großen gesellschaftlichen Konflikte begreifbar gemacht. Auch der „nationale Sozialismus“ erhält redegewandte Befürworter, nicht zuletzt in Schröder – ein Freund der Familie Effinger/Oppner, der sich früh für die neue Bewegung begeistert und Karriere in der Partei macht, während sich die Zukunftsaussichten seiner Familie, sein soziales Umfeld, seine wirtschaftliche Grundlage und zuletzt seine nackte Existenz in Luft auflösen.
 
Hervor tritt ein komplexes Gewebe, das sich nicht nur durch die Darstellungen der Lebenswelten, Interieurs und Objekte auszeichnet, sondern vor allem durch die Beschreibungen der sozialen Konventionen und Riten, der Gespräche in der Familie, zwischen Freunden, zu Hause und in der Öffentlichkeit. In diesem mehrstimmigen Panorama schimmert eine gesellschaftliche Welt hervor, die für immer verstummt ist.
 
Effingers ist sowohl die Biographie einer Stadt als auch die einer Familie. Das Berlin, das Paul Effinger verlassen wird, ist eine andere Stadt, als die europäische Provinzstadt, in die er einst gekommen war. 1877 lebte eine Million Menschen in Berlin und Umgebung. 1933 ist die Einwohneranzahl auf über vier Millionen gestiegen. Während der sechs Jahrzehnte, in denen Effingers spielt, verwandelt sich Berlin in eine Weltmetropole, ein Berlin Babylon, und Pauls kleine Schraubenproduktion entwickelt sich zu einem modernen Automobilkonzern.
 
Im Epilog des Buches liegt die Stadt in Trümmern. Die wohlhabenden Viertel am Tiergarten, wo Selma und Emmanuel Oppner früh im Roman das Haus kaufen, das der Sammelpunkt der Familie wird, glichen einer „pompejanischen Ausgrabung“, „das Souterrain des Hauses war kaputt, aber die Säulen standen noch“. Das Haus in der Viktoriastraße, in dem sich die Familie Effinger/Oppner an den Feiertagen trifft, gab es wirklich. Auch dieses Haus wurde im Krieg zerstört, auf dem Grundstück steht heute Berlins berühmte Philharmonie. Die Straße, „die Via Sacra des christlichen und jüdischen Reichtums“, ist genauso menschenleer wir 1886; die Menschen verstreut, und „soweit sie Juden waren, waren sie angesiedelt worden für die Ewigkeit.“
 
Der Nationalsozialismus strebte danach, das mosaische Europa für immer auszulöschen – dass es beinahe gelang, wissen wir. In Berlin konnten 8000 Juden überleben, die lebhafte jüdische Kultur konnte es nicht. Effingers lässt uns dieses verlorenen Reichtums erahnen, bewahrt etwas, das verschwunden ist. Städte sind von Natur aus nie nostalgisch. Sie vergessen ihre Unglücke und Katastrophen. Geschäfte und Kaufhäuser öffnen wieder, Zeitungen werden gedruckt und ausgeteilt, die Straßencafés füllen sich allmählich wieder mit Menschen. Die Straßen kehren zu ihrem Rhythmus zurück. Die Philharmonie spielt auf den Gräbern der Toten.

[1] Folke Schimanski, Berlin. En stads historia, 2010.
[2] Nicole Henneberg im Nachwort zu Effingers, Schöffling & Co., 2019.

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