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​Clärenore Stinnes
Das Auto als Mittel der Emanzipation

Das Auto war lange für viele ein Symbol für Freiheit und Emanzipation. Nicht zuletzt für Frauen war es auch eine konkrete Möglichkeit, mit traditionellen sozialen Mustern zu brechen. Clärenore Stinnes, die erste Frau, die im Auto um die Welt gefahren ist, erlangte mit dem Motorsport und ihrer waghalsigen Reise nicht nur Berühmtheit – sie stellte auch Stereotype über Frauen und Technik in Frage.
 

Von Johannes Tångeberg

Maschinen und Technik sind für Frauen schon immer ein Mittel gewesen, ihre Rollen neu zu definieren und kulturelle Stereotype zu hinterfragen, schreibt die amerikanische Forscherin Julie Wosk in ihrem Buch Women and the Machine. Ein Beispiel ist das Auto, das nicht nur ein Mittel für größere geographische Mobilität war, sondern auch eine Möglichkeit, Vorurteile abzubauen; sowohl Vorurteile über die Rolle der Frau in der Gesellschaft, als auch über das Verhältnis von Frauen zu Technik.
 
Eine Frau, die die traditionelle Frauenrolle mit Hilfe des Autos in Frage stellte, war Clärenore Stinnes. Im Mai 1927 machte sich die 26-jährige Clärenore auf eine scheinbar unmögliche Reise. Ihr Ziel: im Auto um die Welt zu fahren, von Deutschland über den Nahen Osten bis in die Sowjetunion und weiter – durch China, Japan, Südamerika, die USA, und schließlich zurück nach Europa.
 
Es war ein äußerst waghalsiges und ein im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährliches Abenteuer. Es war die Zeit vor dem allgemeinen Durchbruch des Automobils, und die Reise ging größtenteils durch Gebiete ohne richtige Straßen. An ihrer Seite hatte Stinnes den schwedischen Fotografen und Kameramann Carl-Axel Söderström, der den Auftrag bekommen hatte, die Reise zu dokumentieren.
 
Seit den frühen Anfängen des Automobils sind Frauen auch selbst Auto gefahren. Das Auto – und weibliche Fahrerinnen – waren in den 1920-er Jahren ein Symbol für Modernität, Unabhängigkeit und Mobilität. Parallel zur Vorstellung vom Auto als einer Freiheitsmaschine gab es aber immer auch ein anderes Bild – ein Bild, das Frauen und Technik eher mit Begrenzungen als mit Emanzipation verband.
 
Eine übliche Vorstellung war (und ist es für einige vielleicht noch immer), dass Frauen schlechtere Autofahrerinnen seien als Männer. Dass Frauen erfolgreich ein bestimmtes Auto fahren konnten, bedeutete eher, dass das Auto so leicht zu bedienen war, dass sogar eine Frau es fahren konnte. Ein anderes Vorurteil war, dass Frauen den technischen Seiten des Autobesitzes, wie zum Beispiel Reparaturen oder Service, nicht gewachsen seien. Und Frauen hinter dem Steuer wurden oft als glamourös und in eleganter Kleidung dargestellt, seltener als sportliche und aktive Abenteurerinnen. 
 
Clärenore Stinnes brach mit diesen Stereotypen. Sie interessierte sich früh für Motoren und Technik und begann in jungem Alter, Rennen zu fahren – und das mit großem Erfolg. Und sie trug Männerkleidung. Für viele war ihr Verhalten sicher eine Provokation – ihre Familie unterstützte sie zum Beispiel nicht in ihrer Karriere im Motorsport. Clärenores Vater, der bekannte Industrielle Hugo Stinnes, hatte seine Tochter auf ein Leben als Unternehmerin vorbereitet. Er starb doch früh, und nach seinem Tod übernahmen Clärenores Brüder die Geschäfte. Von der Schwester wurde erwartet, eine traditionell weibliche, zurückgezogene Rolle einzunehmen. Der Motorsport wurde für die junge Clärenore Stinnes ein Mittel, aus diesen einengenden Erwartungen auszubrechen.
 
Wenn man heute von Clärenore Stinnes‘ Reise um die Welt hört, scheint sie ein beinahe unwirkliches Abenteuer zu sein. Ein Abenteuer mit Allem, was eine richtige Abenteuergeschichte ausmacht: Lebensgefahr, fremde Länder und Völker, Räuberbanden – und Liebe. Nach ihrer Rückkehr heirateten Stinnes und Söderström und zogen später nach Schweden. Stinnes‘ Reiseschilderung zu lesen und der Reise anhand von Söderströms fantastischen Photographien und Filmaufnahmen zu folgen, gibt uns einen Einblick in eine entschwundene Zeit, die in vielerlei Hinsicht so anders war als Unsere.  
 
Bezüglich der Vorstellungen über Frauen, Männer und Motoren gibt es aber auch Ähnlichkeiten zwischen heute und damals. Auf großen Automobilmessen gibt es zum Beispiel immer noch weibliche Models, deren einzige Aufgabe es ist, mehr oder weniger leichtgekleidet neben den Autos zu posieren. Ein Gegenpol dazu ist vielleicht die Werbung für Volvos Lastwagen, in der Jean-Claude Van Damme mit einem Spagat zwischen zwei Lastwagen eine spektakuläre Vorstellung gibt.
 
Wie sah Clärenore Stinnes selbst ihre Rolle? In ihrem Buch über ihre Weltreise reflektiert sie an einer Stelle auch über Geschlechterrollen, wenn sie schreibt, dass, wohin sie auch kam, die Fragen der Frauen sich immer um Ehe und Kinder drehten. In einem späteren Interview, vier Jahre vor ihrem Tod, sagte sie zwar, dass sie „keine Feministin sei“, beschrieb aber, dass Mädchen am Anfang des 20. Jahrhunderts wie Menschen zweiter Klasse waren – und meinte, dass dies teilweise immer noch der Fall sei. Sie sagte weiterhin deutlich, dass sie sich immer als gleichberechtigt empfunden habe und „keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern sehe“. Es war wahrscheinlich diese Einstellung, die ihr schon in ihrer Jugend half, einfach ihrem Herzen zu folgen, sich ihren Interessen zu widmen und ihre Expedition selbständig und mit Autorität zu leiten.
 
Das Bild vom Auto als Symbol für Freiheit ist heute schon etwas verblichen; zu sehr wird es nun auch mit Problemen verbunden, und zumindest der Verbrennungsmotor gehört eher der gestrigen als zukünftigen Technik an. Heute wird die Gesellschaft stattdessen von einer anderen Entwicklungswelle verändert – der allumfassenden Digitalisierung. Ob diese mit traditionellen sozialen Mustern bricht oder sie untermauert, wäre ein interessantes Thema für einen weiteren Artikel.
 
Quellen und Literatur:
Fröberg, Jonas: „Minikjol, byxdräkt – vd:n undrar var gränsen går”. Artikel in Svenska Dagbladet 2017: https://www.svd.se/kvinnor-kvar-vid-bilmontrar-trots-me-too-debatten
Habinger, Gabrielle: Eine Frau fährt um die Welt. Frederking & Thaler 2017.
Stinnes, Clärenore: Im Auto durch zwei Welten. Promedia, 2007 (Neuausgabe des Buches, das Clärenore Stinnes nach ihrer Heimkehr schrieb)
Stinnes, Clärenore – Interview: https://www.youtube.com/watch?v=7PCXCryNqWo
Stines, Clärenore, och Söderström, Carl-Axel: Im Auto durch zwei Welten. Originalfilm der Expedition 1927-1929.
Wosk, Julie: Women and the Machine. John Hopkins University press 2001.
 
 

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