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Familie
Wie die Deutschen die Familie sehen

Kindergarten
Kindergarten | © Unsplash

Auch wenn eine Familie als „kleinste Zelle der Gesellschaft“ gilt, so steht sie doch nicht alleine da. Schon die Entscheidung zur Familiengründung ist keine bloß individuelle, sondern abhängig von den verschiedensten Rahmenbedingungen: strukturelle Faktoren von der individuellen wie volkswirtschaftlichen Lage, über die Familienpolitik in Kindergeld oder Elternzeit bis hin zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung.

Von Jan Wetzel

Neben diesen strukturellen Faktoren spielen individuelle Werte und Einstellungen eine Rolle. Doch auch diese stehen nicht im leeren Raum. Sie basieren auf Wahrnehmungen, die man von sich selbst hat und von der Gesellschaft, in der man lebt.

In der empirischen Sozialforschung werden diese Wahrnehmungen selten erhoben. Dies versuchen wir mit der Vermächtnisstudie zu ändern. Kern des Designs dieser Studie, die in mehreren Erhebungen seit 2015 durchgeführt wird, ist der Vergleich verschiedener Aussagen, die die Befragten über sich und ihre Mitmenschen machen. So werden die Befragten nicht allein nach ihrer eigenen Meinung gefragt, wie man es aus Meinungsumfragen kennt. Ebenso wird nach dem Blick auf die Gesellschaft gefragt; die Befragten sollen auch angeben, ob ihre persönlichen Einstellungen und ihr Verhalten auch normativer Maßstab für die Gesellschaft insgesamt sein sollten.

Hinzu kommt der Blick auf die „anderen“ – unabhängig aller Wünsche. So wird einerseits danach gefragt, ob die persönlichen Einstellungen oder das Verhalten auch für die „Menschen in Deutschland“ insgesamt gelten. Fühlt man sich als Teil der Gesellschaft oder steht man alleine da? Andererseits wird die Dynamik dieses Verhältnisses zu den anderen auf die Zukunft bezogen: Wird die Gesellschaft in Zukunft genauso sein wie heute? Ist sie statisch oder verändert sie sich? Beim Vergleichen dieser Angaben zeigt sich, wie individuelle Einstellungen, Gesellschaftsbilder und strukturelle Faktoren miteinander zusammenhängen – auch beim Thema Familie und Kinder.

Schauen wir auf die Ergebnisse aus der Erhebung von Sommer 2018. Über 2000 repräsentativ ausgewählte Menschen in Deutschland wurden hierfür persönlich interviewt.
Vom so häufig beklagten Verlust von Verlässlichkeit in Familienfragen. Gefragt danach, ob sie bereit sind, für ihre Kinder Opfer zu bringen, zum Beispiel umzuziehen oder ein Jobangebot (nicht) anzunehmen, sagen 71 Prozent der Eltern: ja, das würden wir tun. Und das ist nicht nur eine persönliche Einstellung, sondern ein verlässlicher Wert, weil die Befragten dies nicht nur über sich selbst sagen. Sie sind auch überzeugt, dass ihre Mitmenschen sich ähnlich verhalten: 67 Prozent gehen fest davon aus, dass auch „die Menschen in Deutschland“ solche Opfer für ihre Kinder bringen. Hat man Kinder, sorgt man für sie und macht Zugeständnisse.

Ein ganz anderes Bild gegenüber zeigt sich, wenn man nach dem Kinderwunsch selbst fragt. Über 80 Prozent der Befrag­ten sagen, dass es ihnen wichtig ist, eigene Kinder zu haben. Der Anteil liegt bei Eltern naturgemäß höher, doch auch allgemein gilt: Kinder zu haben ist eine Norm, die die meisten Menschen für sich als richtig annehmen. Aber selbstverständlich ist die Norm offenbar nicht, wenn der Blick auf die Gesellschaft gerichtet wird. Gefragt, ob für „die Menschen in Deutschland“ wichtig ist, eigene Kinder zu haben, fällt die Zustimmung auf 35 Prozent. Der Eindruck ist: Die meisten Menschen wollen ganz einfach keine Kinder (mehr) haben.

Zwei Orientierungen widerstreben sich hier: Auf der einen Seite steht die große Selbstverständlichkeit, sich so gut wie irgendwie möglich um die eigenen Kinder zu kümmern. Gleichzeitig ist dies verbunden mit Zweifeln darüber, ob die Mitmenschen diese Bereitschaft überhaupt noch teilen. Wenn jemand keine Kinder hat, ist dies – so lassen sich die Antworten der Befragten interpretieren – auf eine persönliche Entscheidung gegen Kinder zurückzuführen sein.

Traut man unseren Daten, die zeigen, dass der Kinderwunsch viel verbreiteter ist, als die meisten Menschen glauben, dann ist diese Wahrnehmung der Befragten falsch. Was bedeutet das? Eine Erklärung kann sein, dass hier individuelle und gesellschaftliche Voraussetzungen verwischt werden, die eine Entscheidung für oder gegen Familie beeinflussen. Das führt zum Ausgangspunkt zurück: Zwar ist bekannt, dass insbesondere Frauen heute oft unter einer Mehrfachbelastung von Kindererziehung, Hausarbeit und immer mehr auch Vollzeiterwerbstätigkeit stehen. Dass die Unterstützung von Familien in der Kinderbetreuung in vielen Fällen mangelhaft ist. Und dass ein insgesamt gestiegener Erwartungsdruck an Familie, Arbeitswelt und Freizeit im Zweifelsfall dadurch gelöst wird, dass keine Familie gegründet wird. Doch fehlt offenbar die Vermittlung: statt der politischen lastet diese auf der individuellen Lösung, sich so gut wie möglich anzupassen – oder eben gar keine Kinder zu bekommen.

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