Kollektives Gedächtnis und nationale Identität im Einwanderungsland Deutschland Wenn nicht Leitkultur, was dann?

Deutschlandfahne
Foto: Goethe-Institut/Bernhard Ludewig

„In unserem Land - in meinem Land - muss sich jeder frei entfalten können, unabhängig von Nationalität, Migrationshintergrund, Hautfarbe, Religion, Behinderung, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Lasst uns nicht die Augen verschließen und so tun, als hätten wir dieses Ziel schon erreicht.“  

Semiya Şimşek, Tochter des vom NSU ermordeten Enver Şimşek, bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt am 23. Februar 2012 in Berlin.

Die Bildung einer kollektiven Identität scheint ohne Abgrenzung nicht auszukommen. Wo ein „Wir“ konstruiert wird, findet sich auch ein „Anderes“, meist als negatives Gegenbild zur eigenen positiv verstandenen Wertegemeinschaft. Anhand solcher normativer Selbstdefinitionen vergewissert sich eine Gruppe ihrer politischen, sozialen, kulturellen und moralischen Zusammengehörigkeit; so wird auch definiert was man war, was man ist und was man sein möchte. Ernest Renan folgend ist in diesem Sinne die kollektive Identität tief mit den Prozessen des Erinnerns verwoben: „Identity works in three tenses, past, present, and future“ (Booth, S. 45).

Im Falle der Bundesrepublik Deutschland sind es aber nicht vergangene Triumphe, sondern v.a. die Verbrechen des 20. Jahrhunderts, die den Referenzrahmen für das gesellschaftliche Ausloten retrospektiver, aktueller und kommender Aufgaben und Herausforderungen bilden. Der Holocaust fungiert dabei als schmerzlicher Gründungsmythos einer seit der Übernahme ihrer historischen Verantwortung erfolgreich in die Völkergemeinschaft integrierten Bundesrepublik. Paradoxerweise führt dieses Aufbauen von Identität auf anerkannter Schuld dazu, dass „Deutschland“ im Sinne eines Images im nationalen wie auch internationalen öffentlichen Diskurs tendenziell positiv bewertet wird.

So sieht die Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt die „bundesdeutsche politische Kultur der Gegenwart“ davon gekennzeichnet, „dass die Verbrechensgeschichte als angemessen aufgearbeitet repräsentiert wird, wodurch Antisemitismus wie auch Rassismus als vergangene Problematiken aufgefasst werden.“ (Messerschmidt, S. 31.) Dieser Drang zu einem unbelasteten Selbstbild (Messerschmidt, S. 32) lässt sich aktuell anhand der Debatten zur „Leitkultur“ oder einem vermeintlich „importierten Antisemitismus“ kenntlich machen. Beide Begriffe sind an ein positives nationales Selbstbild, das es zu verteidigen gilt, gekoppelt. Dass die Verfolgung und der Massenmord an über sechs Millionen jüdischer Menschen, die Verfolgung und Ermordung Tausender Sinti, Roma, Homosexueller und Menschen mit Behinderung in die Gegenwart hineinwirken, nicht nur als Verantwortung sondern auch in Gestalt noch fortbestehender rassistischer, antisemitischer und diskriminierender Vorstellungen, wird dabei unterschlagen. Negative Bezugspunkte der Geschichte scheinen dabei immer häufiger zur kollektiven Selbsterhöhung zu dienen, was einer „kritischen Erinnerungsbildung“ (ebd.)  und in die Gegenwart und Zukunft blickenden Selbstbefragung zuwider läuft.
 
Von den „guten Anderen“ und den „anderen Anderen“

Ein anschauliches Beispiel dafür liefert der 2010 formulierte Sieben-Punkte-Plan zur Frage der Integration des heutigen Bundesministers des Innern, Horst Seehofer. Hier schreibt dieser von „dem gemeinsamen Fundament der Werteordnung unseres Grundgesetzes und unserer deutschen Leitkultur“, die seiner Ansicht nach „von den christlich-jüdischen Wurzeln und von Christentum, Humanismus und Aufklärung geprägt“ sei. Diese Vorstellung bekräftigte Thomas de Maizière, seinerzeit Bundesminister des Innern, 2017 in seinem Zehn-Punkte-Katalog, der ebenfalls eine positive Deutung des Begriffs der Leitkultur anstrebte und unter dem populistischen Titel „Wir sind nicht Burka“ kontrovers diskutiert wurde. Darin hält de Maizière fest, dass zum deutschen kollektiven Gedächtnis „das Brandenburger Tor und der 9. November“ ebenso dazu zählen wie „der Gewinn der Fußballweltmeisterschaften.“ Die Verantwortung für die Menschheitsverbrechen, die im Namen dieses Landes begangen wurden, wird lediglich in der raunenden Formulierung „das Bekenntnis zu den tiefsten Tiefen unserer Geschichte“ angedeutet. Ohnehin bleibt offen, wofür das Datum des 9. November in diesem Kontext steht, für die Reichspogromnacht 1938 oder den Mauerfall 1989 oder gar beides?

Sowohl Seehofer wie auch de Maizière entwerfen in ihren Programmen ein positives nationales Selbstbild, das sich selbstbewusst von einem nicht-deutschen „Anderen“, das hier vornehmlich ein muslimisches ist, abgrenzt. Die historische Zäsur wird zugunsten eines intakten nationalen Narrativs weitgehend ausgeblendet und marginalisiert. Die implizite Botschaft lautet, dass die Aufarbeitung der historisch schwerwiegenden Schuld erfolgreich abgeschlossen sei und nun vor allem „die Anderen“ aus der deutschen Geschichte lernen müssten. So suggeriert etwa der Begriff „importierter Antisemitismus“, es gäbe kein nennenswertes Fortwirken des Antisemitismus außerhalb des besagten „importierten“ Rahmens. Es gibt durchaus einen israelbezogenen Antisemitismus unter Eingewanderten aus arabischen Ländern, der nicht relativiert werden darf. Ebenso wenig darf aber ein gesellschaftliches Problem auf eine Gruppe reduziert und damit von sich selbst auf vermeintlich „Andere“ abgeschoben werden. Dies führt nur zu weiteren Ressentiments, nicht aber zur Lösung. Dasselbe gilt für den Begriff „christlich-jüdische Wurzeln“, der sprachlich ein Verhältnis zu harmonisieren versucht, das tatsächlich von Jahrhunderten der Diskriminierung und Verfolgung geprägt wurde. Wie Hanno Loewy in einem Interview in der Berliner Zeitung vom 11. Februar treffend beschreibt: „Man benutzt die Juden als die „guten Anderen“, um mit gutem Gewissen seinem Rassismus gegen die „anderen Anderen“ frönen zu können. Man sagt, die Muslime seien die Antisemiten von heute, und Israel sei das Bollwerk des christlich-jüdischen Abendlandes gegen die muslimische Bedrohung.“
 
Der Holocaust darf nicht Ausgangspunkt für ein ausgrenzendes „Wir“ sein

Die behauptete Furcht davor, dass das, was das demokratische Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschlands ausmacht, gefährdet sei, mag sogar aufrichtig sein. Jenes  laut Seehofer „gemeinsame Fundament der Werteordnung“ bedarf allerdings unabhängig von den Einwanderungszahlen einer kontinuierlichen Stärkung – Aleida Assmann bringt dies in ihrer lesenswerten Intervention „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ auf den Punkt: „Eine Zivilgesellschaft [...] ist eine prekäre Institution und kein stabiler Besitz; sie ist nie ein für allemal gegeben, sondern muss sich als solche immer wieder bewähren, bestätigen und argumentativ durchsetzen.“

Der demografische und kulturelle Wandel in Europa lassen eine Rückbesinnung auf nationale Rahmen und eine Ethnisierung von Grundwerten wenig plausibel wirken, außer, man möchte riskieren, den Aufstieg der AfD und völkisch-nationaler Parteien in anderen europäischen Staaten weiter zu befördern: Der Holocaust darf nicht der Ausgangspunkt für ein antieuropäisches, ausgrenzendes „Wir“ sein. Im Gegenteil, in einer Demokratie wie Deutschland können Identität und kollektive Erinnerung nicht präskriptiv sein, sondern nur als Angebote formuliert werden. Die Werte, die Seehofer und de Maizière verteidigen möchten, sind ohnehin universell: Respekt, Toleranz und Minderheitenschutz etwa sind ganz bestimmt nicht allein innerhalb der deutschen Staatsgrenzen von erheblicher Bedeutung.
 
Kollektive Erinnerung als Handlungsauftrag

Das kollektive Erinnern an historische Verbrechen hat zum einen eine symbolische Funktion, es würdigt die Opfer und demonstriert das Bewusstsein für die eigene Verantwortung. Doch zum anderen emergiert daraus auch ein Handlungsauftrag, da, wie Jürgen Habermas erklärt, „kollektive Identität nur noch in reflexiver Gestalt denkbar“ ist (Habermas, S. X). Die Erinnerung an historische Schuld ist kein Instrument politischer Macht, sondern ein wichtiger Stein im Getriebe, der den Blick auf die Gesellschaft der Gegenwart richten will und sie dazu mahnt, sich an ihre Versprechen und Pflichten zu halten. Die Lehren, die aus dem Holocaust gezogen werden können, sie sind universalistischer Natur. Wer den Holocaust politisch instrumentalisiert, erzeugt Unrecht.

In einer pluralistischen Demokratie sind Differenzierungen anhand traditioneller normativer Kriterien destruktiv. In der Positionierung zu den verbindenden Elementen innerhalb einer heterogenen Gesellschaft hingegen, wie etwa Achtung der Menschenwürde, unabhängig von ethnischen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten, geschlechtlicher und sexueller Identität oder körperlicher und geistiger Befähigung, ist positive Differenzierung möglich. Ein Pluralismus befördert im besten Fall ein kritisches Geschichtsbild, ein differenziertes kulturelles Selbstbild und den für eine Zivilbevölkerung zwingend notwendigen Gemeinsinn. Auch in einer pluralistischen Gesellschaft steht keinesfalls alles zur Disposition, aber ihre Werte und Normen werden stets vom universellen Menschenrecht ausgehend definiert und sind auf Erweiterung und Demokratisierung ausgerichtet.
 
Pluralisierung statt Leitkultur

Eine Pluralisierung des deutschen Selbstbildes würde der nationalen Erinnerungskultur gerechter, ist sie doch zumindest nominell schon immer als vielstimmig zu verstehen gewesen. Historische Ereignisse und biografische Erfahrungen sind von Natur aus uneindeutig, sie werden erst in der Rückschau interpretiert, kontextualisiert und anderen Geschichtsentwürfen zur Seite gestellt. Es ist eine Fehlannahme, dass Menschen ohne persönliche biografische oder familiäre Bezüge zum Nationalsozialismus oder dem Holocaust außerstande sind, sich innerhalb der Erinnerungskultur zu positionieren. Die „humane Substanz“ (Habermas, S. 114) hält pluralistische Gesellschaften zusammen, nicht eine abstrakte und auf Homogenisierung abzielende „Leitkultur“, selbst wenn diese offener definiert wird als bei Seehofer und de Maizière. So fällt auch die am 22. Februar von Cem Özdemir im Bundestag gegen den Antrag der AfD zur Missbilligung von Artikeln des Journalisten Deniz Yücel gehaltene und viel gefeierte Rede auf eine Sprache des Nationalen zurück: „Wie kann jemand, der Deutschland, der unsere gemeinsame Heimat so verachtet, wie Sie [die AfD] es tun, darüber bestimmen, wer Deutscher ist und wer nicht Deutscher ist? [...] Sie verachten alles, wofür dieses Land in der ganzen Welt geachtet und respektiert wird.“ Seine politischen und persönlichen Motive sind nachvollziehbar, dennoch bleibt zu fragen, ob universelle Werte tatsächlich am überzeugendsten in einem Wettstreit darum, wer nun die bzw. der bessere Deutsche sei, verteidigt werden können.

Der Weg zu einem genuin pluralistischen Selbstbild Deutschlands scheint derzeit noch weit. Doch begreift man „Identitätsbildung als kontinuierliche[n] Lernprozess“ (Habermas, S. 116), kann man zumindest hoffen, dass die symbolische und systemische Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsteile bald verlernt wird. Denn nicht die Diversität bedrohen das demokratische Fundament, sondern die Abnahme der zivilgesellschaftlichen Solidarität.
 
 
Literatur:
 
Aleida Assmann: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. Kindle Edition. München 2013.
 
W. James Booth: Communities of Memory. On Witness, Identity, And Justice. Ithaca 2006.
 
Jürgen Habermas: „Können komplexe Gesellschaften eine vernünftige Identität ausbilden?“ In: ders., Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt am Main 2001, S. 92-126.
 
Daniel Levy und Natan Sznaider: Erinnerung im Globalen Zeitalter: Der Holocaust. Aktualisierte Neuausgabe. Frankfurt am Main 2007.
 
Astrid Messerschmidt: Weltbilder und Selbstbilder. Bildungsprozesse im Kontext von Globalisierung, Migration und Zeitgeschichte, Frankfurt am Main 2009.
 
 
Online-Quellen:
 
Seehofer legt im Integrationsstreit nach“, Zeit Online, 16.10.2010, [zuletzt abgerufen am 27.02.2018]
 
Thomas De Maizière: Das ist De Maizières Zehn-Punkte-Plan, FAZ.NET,  2.05.2017, [zuletzt abgerufen am 27.02.2018]
 
Volkhard Knigge: „Zur Zukunft der Erinnerung“, Bundeszentrale für Politische Bildung, [zuletzt abgerufen am 27.02.2018]
 
Arno Widmann: Interview mit Hanno Loewy: "Man liebt die Juden und Israel", Berliner Zeitung Online, 11.02.2018,  [zuletzt abgerufen am 27.02.2018]
 
Cem Özdemir: „Deutschland ist stärker, als es Ihr Hass jemals sein wird“, Tagesspiegel Online, 26.02.2017,  [zuletzt abgerufen am 28.02.2018]
 
Ansprache von Semiya Şimşek bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt, Internetauftritt des Bundespräsidenten, 23.02.1012, [zuletzt abgerufen am 28.02.2018]