Einleitung zum Schwerpunkt

Changing the picture/ Picture Politics Changing the picture/ Picture Politics (Creative Commons)

Neue Nationalismen

Während der Europäischen Union sich um Zusammenhalt und eine gemeinsame Identität bemüht, erlebt gleichzeitig vielerorts auf dem Kontinent der Nationalismus eine neue Blüte. Zwar lässt sich festhalten, dass nationalistische Politik sich inzwischen in „einem Säurebad tiefer Skepsis" wiederfindet, wie Hans-Ulrich Wehler in seinem Buch "Nationalismus" von 2001 diagnostiziert. Indes scheint diese in gewissen Kreisen der Gesellschaft verbreitete Ächtung dem Nationalismus derzeit wenig anhaben zu können. Dieser Schwerpunkt beleuchtet unterschiedliche Aspekte des Phänomen Nationalismus im deutsch-schwedischen Vergleich.

Die Historikerin Dr. Alix Landgrebe zeigt in ihrem Text, dass wir es bei der Politik des "Us First“  keineswegs mit einer neuen Erscheinung zu tun haben. Nicht nur hat Europa den Nationalismus nie hinter sich gelassen, sondern wir tun uns auch schwer daran, ein Denken in nationalen Kategorien zu überwinden, so pro-europäisch wir auch eingestellt sein mögen. Genau das aber fordert Dr. Ulrike Guérot (hier im Interview), welche die Idee einer europäischen Republik verficht. Das Aufbrechen von nationalen Kategorien wird dabei zur Voraussetzung für ein Gelingen Europas, nicht zuletzt angesichts der aktuellen nationalistischen und rechtpopulistischen Tendenzen.

Der Nationalismus hat viele Gesichter; es braucht zunächst einmal die Vorstellung einer Nation, die Idee, dass man sich innerhalb einer Kulturgemeinschaft bzw. einer territorialen Grenze ähnelt, Gepflogenheiten, Sichtweisen und eine Geschichte teilt, und die Überzeugung, dass man an einem Strang zieht oder zumindest im gleichen Boot sitzt. Dabei ist natürlich jede Nation immer ein variables Erzeugnis ihrer Geschichte, von Grenzveränderungen, Konflikten und Umformungen, und ist damit nicht von einer einzigen, sondern von multiplen Identitäten geprägt.
 
Dem Nationalismus aber ist ein Mechanismus der Exklusion inhärent, die Konstruktion einer Wir-Gemeinschaft geht hier mit der Abgrenzung vom und Ausgrenzung des Anderen einher. Diesem Aspekt widmet sich die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan, die in ihrem Text das umstrittene Konzept der deutschen "Leitkultur" analysiert, das in der BRD nicht nur (immer wieder) explizit debattiert wird, sondern das auch unterschwellig den gesellschaftlichen Diskurs und politisches Handeln prägt. Aus schwedischer Perspektive beleuchtet der Kulturwissenschaftler Dr. Spyros A. Sofos, wie im Zuge der jüngsten Flüchtlingskrise ein schwedischer Nationalismus und der Begriff ”Swedish-ness” von rechten Kräften redefiniert wurde. 

Gefährlich für die offene und demokratische Gesellschaft ist der Nationalismus genau in diesem seinen exkludierenden Charakter und in seiner Honmogenitätserwartung, die zu einer, im schlimmsten Fall gewaltsamen, Abwehr gegen das Andere führt. Einer solchen polarisierenden und dogmatischen Haltung setzt z.B. die Journalistin Carolin Emcke in ihrem Buch "Gegen den Hass“ (2016) Pluralität entgegen, weil nur so die Freiheit des Individuellen und auch Abweichenden geschützt und Demokratie verwirklicht werden kann.
 
Im Interview mit Maria Lind, Leiterin der Tensta konsthall greifen wir einen besonders dunklen Auswuchs des Nationalismus auf, den Neonazismus und die rassistischen Attentate der terroristischen Gruppierung NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) in Deutschland. Das Werk "77sqm_9:26min" der britischen Künstlergruppe Forensic Architecture, welches im Frühjahr in der Tensta konsthall (und vorher z.B. auf der Documenta 2017 in Kassel) zu sehen war, wirft Licht auf die viel kritisierten polizeilichen Ermittlungen, den strukturellen Rassismus in der Gesellschaft und die politische Rolle der Kunst.
 
Im Guardian diagnostizierte der Schriftsteller Mohsin Hamid anfangs des Jahres im Kontext der Nationalismusdebatte einen globalen Trend: Eine Fixierung auf Reinheit ("obsession with purity“). Diese kann vielleicht auch als Reaktion auf eine Überforderung angesichts der Komplexität gedeutet werden, mit der wir täglich konfrontiert werden, besonders in Zeiten der Globalisierung, die ja auch alltägliche Strukturen durchzieht. Mit Stereotypen, Vereinfachungen und Fremdenhass beschäftigt sich auch unser Projekt "Picture Politics", das Comic-Künstlerinnen aus sechs nordeuropäischen Ländern versammelt, die in ihrem Medium die o.g. Themen aufgreifen und dabei auch die Rolle von Bildern im politischen Diskurs thematisieren.
 
Die Begeisterung für Reinheit -  ein im alltäglichen Sprachgebrauch positiv konnotierter Begriff (Essen, Wasser, Wohnung), der jedoch gleichzeitig einen fatalen Klang hat – geht, so Hamid, mit dem Aufschwung des Nationalismus einher und äußert sich z.B. im Erstarken von rechten Kräften in Deutschland, Österreich oder Schweden, in ethno-nationalen Streitigkeiten in Spanien oder der Ukraine, oder auch im Brexit.
 
Gegen diese Tendenz führt Hamid die Biologie an: Jeder Mensch ist von vornherein "unrein“, eine Mischung von Genmaterial aus zwei unterschiedlichen Quellen. Denn (derzeit noch) braucht es immer zwei Menschen, um ein Kind zu zeugen. Die Alternative? Eine Welt aus Klonen, in der wir alle "rein“, alle gleich wären? Ob das eine wünschenswerte Aussicht wäre?