Selbstbildnis in Carabietta 1938 Selbstbildnis in Carabietta 1938

100 Jahre Peter Weiss

Im Herbst 2016 jährt sich der Geburtstag von Peter Weiss zum 100. Mal: am 8. November 1916 wurde der deutsch-schwedische Schriftsteller und Künstler in Nowawes bei Potsdam geboren. Auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus folgte Peter Weiss Ende der 30er Jahre seinen Eltern in die schwedische Emigration. Anlässlich seines 100. Geburtstages würdigen viele Veranstaltungen in Schweden und Deutschland sein Schaffen. Die Texte, die wir hier veröffentlichen, nähern sich dem Werk von Peter Weiss mit besonderem Blick auf die Themen Sprache und Grenzen.

Sprache und Grenzen

Wie kaum ein anderer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts lebte Peter Weiss im Spannungsfeld zwischen der schwedischen und der deutschen Kulturtradition. Zwar schrieb er den Großteil seiner Romane und Theaterstücke auf Deutsch, aber seine Stimme als Schriftsteller hatte Peter Weiss in engem Dialog mit der schwedischen Literaturwelt gefunden, der er in den 40er und 50er Jahren auch selbst angehörte. 1947, acht Jahre nach seiner ersten Ankunft in Schweden und ein Jahr, nachdem er die schwedische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, erschien im renommierten Albert Bonniers Verlag sein Debüt Från ö till ö (Von Insel zu Insel). 1948 verarbeitete er in De besegrade (Die Besiegten) mit dem sprachlichen Mittel der Prosalyrik die Eindrücke, die er im Jahr zuvor als Auslandskorrespondent für Stockholms-Tidningen im vom Krieg verwüsteten Deutschland gesammelt hatte. Die feste Absicht, sich als schwedischsprachiger modernistischer Schriftsteller zu etablieren, wich einer erneuten Annäherung an die deutsche Sprache und Literatur. Eine entscheidende Rolle für die Rückwendung zur Sprache seiner Kindheit und Jugend spielte die Begegnung mit dem Verleger Peter Suhrkamp in Berlin im Jahr 1947. Jahrzehnte später erinnerte sich Peter Weiss in seinen Notizbüchern:
 
Der erste, den ich aufsuchte, um mich über die Lage der deutschen Literatur zu erkundigen, war Peter Suhrkamp. Er empfing mich in der Forststraße in Zehlendorf. Sein Mund war verbissen, er ging gekrümmt, als verursachte ihm die geringste Bewegung unsägliche Schmerzen. Die Knochen waren ihm im KZ zerschlagen worden. Was er mir mitteilte, schrieb ich nieder auf schwedisch. Plötzlich aber stockte die Übertragung in eine andre Sprache. Ich war kein Berichterstatter mehr. Ich war in ein Gespräch geraten. Mit einem Mal war es leichter geworden, deutsch als schwedisch zu sprechen. Es war leichter, obgleich ich stammelte, oft nach Worten suchen mußte. Die Laute waren mit Schrecken verbunden, doch auch mit Entdeckungen. Meine frühsten Begriffe hafteten ihnen an. Ich mußte den Eindruck von Verwirrung geweckt haben. Suhrkamp ermüdete bald. Ich würde ihm schreiben, sagte ich.
 
Von der Warte seines schwedischen Exils aus entwickelte Weiss einen sprachlich ganz eigenen Ton in der deutschen Literatur, mit zum Teil selbstbiographischen Büchern wie Abschied von den Eltern, Fluchtpunkt und seinem dreibändigen Hauptwerk Die Ästhetik des Widerstands. Die Erfahrung der Emigration teilte Weiss mit vielen anderen bedeutenden Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, und das Leben zwischen den Sprachen war für sein künstlerisches Schaffen unweigerlich eine Bereicherung. Seine Stücke und Romane verhandeln das Verhältnis von Kunst und Politik, Geschichte und Widerstand unter der Oberfläche pocht unablässig die Frage nach der Rolle der Sprache, des Exils, hin- und hergerissen zwischen Flucht und Suche nach Gemeinschaft. Wie sollen wir handeln in Zeiten politischer Unterdrückung? Wie leben in einer Welt, in der Millionen von Menschen vor Krieg und Zerstörung fliehen? Die Texte von Peter Weiss halten keine einfachen Antworten bereit, im Gegenteil. Umso dringlicher scheint es geboten, sich heute in der Beschäftigung mit seinem Werk diesen Fragen zu stellen.

Gastredakteur für unseren Peter-Weiss-Schwerpunkt ist der Literaturwissenschaftler Markus Huss, der 2014 mit einer Doktorarbeit zu Peter Weiss promovierte (Motståndets akustik: Språk och (o)ljud hos Peter Weiss 1946-1960), die im schwedischen Verlag Ellerströms erschienen ist.

Veranstaltungreihe: 100 Jahre Peter Weiss