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Einführung
Umbruchserfahrungen.
Die ostdeutsche Transformationsgesellschaft in den 1990er Jahren

Segment Mauerfall
Zwei Mitarbeiter des Bezirksamts wechseln 1991 Straßenschilder in Ostberlin aus. Die Umbenennung vieler Straßen und Plätze war eines der sichtbarsten Zeichen der Transformation. | Foto: Daniel Biskup

Blicken wir heute auf die frühen 1990er Jahre zurück, denken wir nicht nur an große Ereignisse wie die Deutsche Einheit, die Fußballweltmeisterschaft oder den Ausbruch des Jugoslawienkriegs. Es waren auch weit geschnittene Kleidungsstücke, die allmählich in Arbeitszimmern piependen und rauschenden Modems und die in immer mehr Hosentaschen laut klingelnden „Handys“, die die Lebenswelten der Vereinigungsgesellschaft bestimmten. Dennoch verliefen Biographien in Ost und West anders.

Von Sabine Pannen

Während sich für die meisten Westdeutschen nur die Postleitzahlen veränderten, erlebten Ostdeutsche mit großer Wucht die Folgen der Wiedervereinigung. Neben den neu gewonnenen Freiheiten prägten Deindustrialisierung, Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung das Leben der Menschen in den neuen Bundesländern ebenso wie ein Elitenaustausch. Viele westdeutsche Beamte und andere Experten wurden in den Osten entsandt. Dies wurde nicht nur als Hilfestellung empfunden, sondern auch als kulturelle Zurücksetzung. Das gilt auch für die verbreitete Wahrnehmung einer mangelnden Empathie vieler Westdeutscher für die spezifischen (post-)sozialistischen Erfahrungen. Die anhaltende Dominanz westdeutscher Eliten in Ostdeutschland wurde jüngst sogar als „kultureller Kolonialismus“ bezeichnet.[1]   
 
So werden auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch die Unterschiede zwischen Ost und West in Feuilletons und Talkshows diskutiert, immer neue Studien zeichnen das Bild eines sich verstetigenden wirtschaftlichen Gefälles, Populismus und rechte Gewalt sind im Osten Deutschlands besonders verbreitet. Da wirkt es fast wie ein Ausrutscher, dass mit Angela Merkel eine Ostdeutsche Bundeskanzlerin ist. Der von politischen Wegbegleitern und  Journalisten anerkennend wie ironisch gebrauchte Spitzname „Mutti“ ist ein deutlicher Fingerzeig auf ihre ostdeutsche Herkunft und Sozialisation.[2]
 
Während in der Literatur die vielfältigen Erfahrungen mit dem Systemumbruch längst ein eigenes Sujet sind und Romane etwa von Peter Richter, Juli Zeh oder jüngst Manja Präkels viel Aufmerksamkeit erhalten haben, rücken die gesellschaftlichen Folgen des Epochenumbruchs 89/90 nun auch verstärkt ins Blickfeld der Zeitgeschichtsforschung.[3] Neuere Ansätze widmen sich explizit den Lebenswelten, Erfahrungen und Wahrnehmungen. Es geht um ein Zusammenspiel aus Mikro- und Makroperspektive; von übergeordneten Prozessen und darum wie Akteure vor Ort konkret die Veränderungen umsetzten, gestalteten, bewältigten und verhandelten. Ein weiterer Bestandteil ist, die Perspektive zeitlich wie räumlich zu erweitern. Damit geraten längerfristige Entwicklungslinien in den Blick, die es ermöglichen, den gesellschaftlichen Wandel besser zu verstehen und zeitgenössische Verlust- und Erfolgserzählungen aufzubrechen.[4] Im Folgenden werden schlaglichtartig neuere Forschungsarbeiten vorgestellt, die in diesem Sinne Umbruchserfahrungen untersucht haben. Die Beiträge liefern anhand von westdeutschen Wirtschaftsmanagern, ostdeutschen Altkadern, scheidungswilligen Ostdeutschen im neuen Rechtssystem, von rückkehrenden Adeligen und alteingesessenen Dorfbewohnern überraschende Einblicke in die ostdeutsche Transformationsgesellschaft. Daneben gewährt die Schriftstellerin Manja Präkels in einem Interview Einblick in die Erfahrungswelten von Jugendlichen, die mit gewaltbereiten, glatzköpfigen Altersgenossen und schweigenden Eltern konfrontiert waren.

[1] Interview mit der Berliner Zeitung mit Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, am 31.10.2017, in: https://www.berliner-zeitung.de/politik/bpb-chef-ueber-westdeutsche-dominanz--es-fehlen-uebersetzer-kultureller-differenzen--28746484
[2] Mama oder Mutti? Deutschlandkarte in „Die Zeit“. https://www.zeit.de/zeit-magazin/2015/03/mama-mutter-deutschlandkarte
[3] Die Erforschung der gesellschaftlichen Folgen des Systemwandels war zunächst ganz in der Hand der Sozial- und Politikwissenschaften. Eine frühe sozialwissenschaftliche Arbeit, die sich der Wahrnehmungsdimension widmete, stammt von Sighard Neckel. Vgl. Sighard Neckel: Waldleben. Eine ostdeutsche Stadt im Wandel seit 1989. Frankfrut a.M./New York 1999. Eine erste Übersicht über in Bearbeitung befindliche und abgeschlossene Forschungsprojekte zur historischen Analyse der Transformation bieten Marcus Böick und Kerstin Brückweh: „Weder Ost noch West“. Themenschwerpunkt über die schwierige Geschichte der Transformation Ostdeutschlands, in: Zeitgeschichte Online: https://zeitgeschichte-online.de/thema/einleitung-weder-ost-noch-west.
[4] Für den deutschsprachigen Raum war die Arbeit von Philipp Ther impulsgebend, der die Transformation Ostdeutschlands als Teil der Geschichte des Neoliberalismus versteht, „Ko-transformationen“ untersuchte  und den Blick auf Ostmitteleuropa weitete. Vgl. Philipp Ther: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europas, Frankfurt a.M. 2014.

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