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Treuhandanstalt
Die Treuhandanstalt, ihr Personal und das „Trauma“ der Transformation

Westdeutsche Nachwuchsmanagerinnen, ostdeutsche Sekretärinnen: Mitarbeiterinnen der Treuhand-Niederlassung
Westdeutsche Nachwuchsmanagerinnen, ostdeutsche Sekretärinnen: Mitarbeiterinnen der Treuhand-Niederlassung posieren vor der Baustelle des Dresdner Schlosses im Sommer 1992. Mehrheitlich war das Personal der Treuhand weiblich, ostdeutsch und jüngeren Alters. Die Führungspositionen der Organisationen waren hingegen fest in der Hand von älteren westdeutschen Managern und Experten. | Fotograf: Roman Möbius

Kaum eine Organisation war in der jüngeren deutschen Geschichte derart umstritten und umkämpft wie die Treuhandanstalt. Gerade im Jubiläumsjahr 2019/20 blicken Spitzenpolitiker wie Angela Merkel, wichtige Zeitzeugen wie Birgit Breuel, aber auch Journalisten, Wissenschaftler und natürlich zahllose Betroffene umfassend zurück. 

Von Markus Böick

Die so genannte „Nachwendezeit“ der frühen 1990er-Jahre erhitzt gegenwärtig erneut die Gemüter: Während viele ältere Menschen in Ostdeutschland noch immer mit den erlittenen Umbrüchen nach dem Ende der DDR zu hadern scheinen, wächst in Westdeutschland angesichts dramatischer Wahlerfolge der AfD die Verwunderung über nach wie vor fortbestehende Differenzen und sogar über sich scheinbar vertiefende Konflikte zwischen Ost und West. Was hat die Treuhandanstalt, so die häufig gestellte Frage, mit der turbulenten Gegenwart zu tun? Und: Wie verhalten sich die Wahrnehmungen und Erfahrungen der einstigen Mitarbeiter/innen zu diesen Dynamiken?
 
Die „Treuhand“ war noch im Februar 1990 am Runden Tisch auf Vorschlag von Oppositionellen durch die Modrow-Regierung gegründet worden. Sie sollte, vor allem im Falle einer raschen Wiedervereinigung, verhüten, dass das „Volkseigene Vermögen“ der DDR „herrenlos“ würde. Über 8.500 Betriebe mit vier Millionen Beschäftigten wurden daher kurzfristig an eine neue Verwaltungsstelle übertragen, die diese rasch in westliche Eigentumsformen – Aktiengesellschaften und GmbHs – umwandeln sollte. Doch die rasante politische Entwicklung blieb dabei nicht stehen: Nach dem spektakulären Wahlerfolg der konservativen Einheits-Befürworter bei der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 standen die Zeichen auch in der Wirtschaft auf eine schnelle Übertragung der westlichen Marktwirtschaft in den Osten. Bereits im Juni wurde ein neues Treuhand-Gesetz beschlossen, dass der Organisation die Aufgabe zuwies, die ostdeutsche Industrie so schnell wie möglich zu privatisieren. Den sicher tiefsten ökonomischen Einschnitt stellte die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zwischen DDR und Bundesrepublik am 1. Juli 1990 dar. Die DDR erhielt im Zuge dessen sofort die lang ersehnte D-Mark, musste dafür aber die soziale Marktwirtschaftsordnung komplett übernehmen. Das Treuhand-Vermögen erschien als eine Art „Faustpfand“ (Wolfgang Seibel), den die Ostdeutschen in die Einigung mit einbringen würden: Aus den erwarteten Verkaufserlösen sollte der Umbau der DDR-Wirtschaft sich quasi selbst finanzieren, ohne dass man den Westdeutschen neue Steuern oder Abgaben würde zumuten müssen. Voller Optimismus versprach Bundeskanzler Helmut Kohl den Deutschen am Abend der Währungsunion die später sprichwörtlichen „blühenden Landschaften“.
 
Ab dem Sommer 1990 übernahmen nun bei der Treuhand-Stelle neue Führungskräfte das Zepter, die die Treuhand zu einer Privatisierungsagentur umformen sollten. Hatte das Treuhand-Personal bis dahin noch komplett aus ostdeutschen „Kadern“ aus den Branchenministerien oder Planungskommissionen bestanden, rückten nun zahlreiche ältere westdeutsche Industrie-Manager und Unternehmer an die Schalthebel. Für die – in ihren Familien- und Freundeskreisen bald hart attackierten – ostdeutschen Wirtschafts- und Verwaltungsexperten, unter ihnen auch viele Frauen, war die Tätigkeit bei der Treuhand eine Gelegenheit, der drohenden Arbeitslosigkeit zu entfliehen. Auch waren sie bestrebt, sich und ihre langjährigen Erfahrungen in der Planwirtschaft doch noch in den Prozess des Wirtschaftsumbaus miteinzubringen und diese „sozial“ abzufedern, auch wenn ihr Einfluss zunehmend geringer wurde. Die Wahrnehmungen der Westdeutschen waren demgegenüber deutlich anders gelagert: Oftmals patriotisch oder professionell motiviert, galt es für diese Gruppe, als zupackende „Macher“ ihr unternehmerisches Know-How einzusetzen und auf diese Weise als „Kaufleute“ aktiv Geschichte mitzugestalten. Im stark umkämpften Alltag des Wirtschaftsumbaus erlebten sie dann aber eine sehr undurchsichtige Szenerie im für sie oft sehr fremden, exotischen „Wilden Osten“, der ihnen einerseits viele Gestaltungsmöglichkeiten und Entscheidungsspielräume bot, andererseits aber auch erhebliche Risiken und Gefahren – etwa in Form von Korruption, Fehlschlägen oder Skandalen – barg. Dennoch erscheint den allermeisten einstigen Treuhand-Mitarbeitern egal ob aus Ost und West das kurze, intensive Treuhand-Engagement vielen als die „Goldene Zeit“ ihres Berufslebens.
 
Im Glauben, mit der eigenen langjährigen Erfahrung rasch eine neue, bessere „Marktwirtschaft“ in Ostdeutschland einführen und die Ostdeutschen aus ihrer wirtschaftlichen Misere herausführen zu können, trat auch der neue Präsident Detlev Karsten Rohwedder im August seinen Dienst an der Spitze der Treuhand an, die er nun nach Kräften um- und ausbaute, um so aus der kleinen DDR-Verwaltungsstelle eine schlagkräftige Privatisierungsagentur zu formen, die möglichst unabhängig von der Politik agieren sollte. Vor allem ab dem Frühjahr 1991 rückte die mittlerweile rasant gewachsene Treuhandanstalt nun in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit, als sie zahlreiche Betriebsschließungen und Massenentlassungen verkündete. Die aufbrechende Frustration in der ostdeutschen Gesellschaft schien immens: Statt der „blühenden Landschaften“ drohten nun in vielen Regionen Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Deindustrialisierung in dramatischen Ausmaßen. Dafür machten viele Betroffene aber gerade nicht die frühere sozialistische Planwirtschaft, sondern vor allem die Treuhand und ihr westdeutsches Spitzen-Personal verantwortlich. Aller Proteste und Kritik zum Trotz setzte die umkämpfte Organisation weiter auf schnelle Privatisierungen und Schließungen, auch nachdem ihr Präsident Rohwedder am 1. April 1991 erschossen wurde. Seinen Posten übernahm die Politikerin Birgit Breuel.
 
Als die Treuhand Ende 1994 ihre Pforten schloss, hatte sie binnen weniger Jahre einen tiefgreifenden Wirtschaftsumbau durchgeführt, der von etlichen Debatten und zahlreichen Skandalen geprägt wurde. Am Ende standen über 12.500 Privatisierungen in der Bilanz, die aber ganz überwiegend – zu 80 Prozent – mit westdeutschen Investoren realisiert wurden, während ostdeutsche oder ausländische Interessenten kaum zum Zuge kamen. Durch den beschleunigten Umbau der 1990 personell oftmals stark überbesetzten Betriebe waren binnen kürzester Zeit über drei Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. Und statt der ursprünglich erhofften Gewinne hatte die Organisation dem deutschen Staat einen immensen Schuldenberg von über 270 Milliarden D-Mark hinterlassen, da sie viele Betriebe regelrecht verschenken musste. Der schockartige Übergang vom Plan zum Markt hat – wie sich im Jahr 2019 zeigt –  auch langfristig immense materielle Spuren und kulturelle Traumatisierungen hinterlassen.[1]
 
 
[1] Der Text basiert auf der Dissertation des Autors, die 2018 im Wallstein Verlag erschienen ist. Vgl. Marcus Böick: Die Treuhand. Idee - Praxis - Erfahrung 1990-1994, Göttingen 2018.
 

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