Agnes Arpi: Digitalisierung im Gesundheitswesen
Leichter gesagt als getan

Digitalisierung im Gesundheitswesen
Foto: National Cancer Institute på unsplash.com

Von Agnes Arpi

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens umfasst ein fast so weites Feld wie das Gesundheitswesen selbst. Wurden in der Vergangenheit vor allem vormals analoge Daten ins Digitale übertragen, zum Beispiel Krankenakten, geht es nun um die Einführung neuer Arbeitsweisen und -prozesse.

Schon heute haben die Schweden über das Internet Zugriff auf ihre medizinischen Informationen, über Apps können sie schnell mit einer Ärztin, einem Psychologen oder einem Kinderkrankenpfleger in Kontakt treten und in Online-Apotheken lassen sich verschreibungspflichtige Medikamente nach Hause bestellen. Darüber hinaus gibt es Möglichkeiten zur medizinischen Selbstüberwachung und Computerprogramme, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten. Ein neues Konzept in diesem Zusammenhang ist der Begriff „digifysisk vård“, auf Deutsch die „digital-physische Pflege“, bei der sich digitale und physische Pflege gegenseitig ergänzen sollen.

Die Covid-Pandemie hat diesen Prozess beschleunigt: Ein Großteil des Gesundheitsbetriebs musste innerhalb kürzester Zeit physische auf digitale Treffen umstellen. Parallel dazu setzt man in der Behandlung von psychischen Erkrankungen zunehmend auf Formate wie Online-Gruppentherapien anstelle von Einzelsitzungen. Ähnliche Trends finden sich überall im Gesundheitswesen.

Schweden ist in 290 Gemeinden und 21 Regionen unterteilt. Da die Regionen für die Gesundheitsversorgung zuständig sind, kommt es zu landesweiten Unterschieden im Gesundheitswesen – ein bekanntes Problem. Immer wieder werden Diskussionen darüber geführt, wie die Regionen einander angeglichen werden könnten. Einerseits verlieren die geographischen Unterschiede durch die Digitalisierung an Bedeutung, andererseits spiegeln sie sich in den digitalen Herausforderungen wider. So gibt es zahlreiche und teils veraltete digitale Systeme. Diese fehlende Einheitlichkeit kann medizinische Risiken bergen, etwa wenn durch die unterschiedlichen Patientendatensysteme in den Regionen der Zugang zu wichtigen Informationen erschwert wird.

1177 Vårdguiden ist sowohl eine Website mit Informationen über Krankheiten und Gesundheitsfragen als auch ein rund um die Uhr mit medizinischem Personal besetzter Telefondienst. Hierhin wenden sich viele Schweden für eine erste Einschätzung. Das Unternehmen, das 1177 betreibt, gehört dem Verband Sveriges kommuner och regioner (SKR, dt.:  Schwedens Gemeinden und Regionen) und den Regionen und Gemeinden selbst. Trotzdem variiert der Leistungsumfang je nach Region.

In Schweden hat man das Recht, die eigene Krankenakte zu lesen, aber ob man das immer kann, steht auf einem anderen Blatt. Nachdem ich mich digital ausgewiesen habe, gelange ich auf eine Seite, die meiner Heimatregion angepasst ist: Västra Götalandsregionen. Dort kann ich eine unvollständige Krankenakte, hauptsächlich mit Informationen aus Einrichtungen der öffentlichen Gesundheitsfürsorge sowie meine Rezepte und ein paar weitere persönliche Informationen einsehen. Über etwaige Einschränkungen heißt es:

„Was in der Krankenakte gezeigt und was nicht gezeigt wird, hängt davon ab, wo die Pflege stattgefunden hat. Die Informationen, die Sie sehen, können sich also je nach Leistungserbringer und Region unterscheiden.“

„Einige private Gesundheitsdienstleister in Västra Götaland haben sich dem Datensatz angeschlossen und zeigen Informationen in unterschiedlichem Maße.“

Viele Gesundheitszentren und andere Pflegeeinrichtungen werden privat betrieben und sind – unabhängig davon, ob sie von öffentlichen Mitteln subventioniert werden – nicht an 1177 Vårdguiden angeschlossen. Oft bieten sie nichts Vergleichbares an. Und auch welche Einrichtungen der öffentlichen Gesundheitsfürsorge, die Krankenakte online zur Verfügung stellen, unterscheidet sich je nach Region und Gemeinde – trotz der Versuche, die regionalen Unterschiede in der Gesundheitsversorgung zu verringern.

Dass die Krankenakten für Patient*innen zugänglicher geworden sind, ist nicht unumstritten. Teils kommt die Kritik vom Pflegepersonal selbst, oft aus Angst, was Patient*innen mit den vollständigen Namen der Dienstleister*innen anfangen könnten.

Ein anderes Thema sind private, medizinische Online-Einrichtungen. In den letzten Jahren ist ein rapider Zuwachs zu verzeichnen und ihr Eintritt in den schwedischen Gesundheitsmarkt hat eine enorme Debatte ausgelöst. Kritisiert wird unter anderem, dass über die Subventionierung von Online-Arztbesuchen mit öffentlichen Mitteln vergleichsweise gesunde Patient*innen auf Kosten tatsächlich kranker Patient*innen versorgt würden. Kritiker*innen weisen außerdem darauf hin, dass ältere Patient*innen sowie chronisch und schwer Erkrankte weiterhin persönlich betreut und untersucht werden müssen. Andere glauben, dass die Popularität von Online-Ärzten eine Folge mangelnder Zugänglichkeit ist. Die öffentliche Gesundheitsfürsorge sei insofern selbst für diesen Erfolg verantwortlich und verlasse sich zu sehr auf alte Gewohnheiten. Die Online-Einrichtungen wiederum argumentieren, dass durch die schnelle Erreichbarkeit ihres Personals, Besuche auf falschen Versorgungsebenen vermieden würden, beispielsweise in der Notaufnahme.

Aber wie schon gesagt, auch die digitalen Besuche in Portalen der öffentlichen Einrichtungen haben zugenommen und mancherorts den Kampf gegen die privaten Akteure aufgenommen. Die 2018 für die Region Stockholm ins Leben gerufene App Alltid öppet wurde im Pandemiejahr 2020 zum Erfolg: Die Online-Besuche in Gesundheitszentren nahmen um mehr als 1000 Prozent zu.

Digitalisierung ist ein Wort unserer Zeit und ein Konzept der Zukunft, das oft mit Flexibilität, Zugänglichkeit und Präventionsarbeit assoziiert wird. Wie die Umsetzung der Digitalisierung im Gesundheitswesen gelingt und welche gesellschaftlichen Konsequenzen sich daraus ableiten, ist umstritten. Die Frage wird kaum an Brisanz verlieren, solange immer mehr Bereiche, Begegnungen und Dienstleistungen in die, teils noch wackligen, digitalen Konstruktionen integriert werden. Unterdessen muss auch die Privatsphäre geschützt werden. Und dass 1177 Vårdguiden nicht überall auf die gleiche Weise funktioniert, erscheint veraltet – die Revolution der Digitalisierung ist leichter gesagt als getan.


Agnes Arpi
Foto: Ellika Henrikson
Agnes Arpi ist Journalistin für Gesundheitsfragen.








 
 

Top