Dialog: Bildung und Zukunft Die PISA-Debatte

Lernsituation
© Goethe-Institut/Bernhard Ludewig

Christine Sälzer, School of Education der Technischen Universität München, und Stefan Fölster, Leiter des Reforminstitutes in Stockholm, diskutieren die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie und analysieren notwendige Konsequenzen.
Stefan Fölster beleuchtet die Situation in Schweden. Christine Sälzer erläutert, welche Fortschritte es in Deutschland seit dem PISA-Schock vor 13 Jahren gibt, welche Maßnahmen erfolgreich und welche weniger erfolgreich waren. Moderiert wird die Diskussion von Judith Scholter, Journalistin bei der Wochenzeitung „Die Zeit“. Für die Übersetzung sorgt Elisabeth Poignant.

Christine Sälzer

Nach dem Studium der Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie in Braunschweig, Fribourg und Bern promovierte Christine Sälzer in Fribourg und Stanford. Im Anschluss war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Tübingen tätig. Seit 2010 arbeitet sie als Nationale Projektmanagerin PISA in Deutschland am Zentrum für Internationale Bildungsvergleichsstudien an der Technischen Universität München.

Christine Sälzer beschreibt die Situation in Deutschland folgendermaßen: der PISA-Schock nach der Veröffentlichung der ersten PISA-Ergebnisse im Dezember 2001 hat in Deutschland weitreichende öffentliche Diskussionen ausgelöst. In der Folge des PISA-Schocks wurden in Deutschland Anstrengungen unternommen, um sowohl die Leistungen der Jugendlichen zu verbessern als auch die vorhandenen Disparitäten zu verringern. Mit Blick auf international erfolgreichere Bildungssysteme verabschiedete die Ständige Konferenz der Kultusminister sieben zentrale Handlungsfelder, etwa die Förderung benachteiligter Kinder, den Ausbau des Ganztagsangebotes oder auch die Professionalisierung der Lehrerbildung.

PISA wurde als Indikator für mögliche Probleme im Bildungssystem anerkannt, was auch die Initiative zahlreicher Bildungsforscher zeigt. PISA und weitere Large-Scale-Assessments werden seit PISA 2000 in Deutschland dafür genutzt, Schwachstellen zu identifizieren und gemeinsam mit der politischen Ebene Handlungsoptionen zu erarbeiten.

Stefan Fölster

Stefan Fölster ist Leiter des Reforminstituts und Professor für Volkswirtschaft an der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm. Früher war er Chefökonom des Verbandes der schwedischen Industrie und Leiter des Forschungsinstituts der Gewerkschaft für den Handel, die seinerzeit die erste Studie über die Auswirkungen des Freischulsystems veröffentlichte. Stefan Fölster hat Forschungsarbeiten, Bücher und Artikel unter anderem über die Organisation der Schule veröffentlicht.

Stefan Fölster stellt folgende Thesen auf: Schwedische Kommunen ohne Wahlfreiheit oder Konkurrenz haben die größten Resultatver-schlechterungen in der Schule. Es gibt jetzt eine relativ große und umfassende Forschung über die Auswirkungen von freien Schulen, die im Wesentlichen auf (leicht) positive Ergebnisse hindeuten.

Es gibt in der Forschung keine Unterstützung für die These, dass die Kommunalisierung eine schlechtere Schule gebracht hat. Schwedische Pädagogik (unter sowohl Professoren wie auch in Schulen) hat sich in den letzten Jahrzehnten sowohl von der internationalen Entwicklung wie auch den empirischen Untersuchungen entfernt. Ideologische Projekte und reine Modewellen wurden am laufenden Band eingeführt, ohne evaluiert zu werden.

Erst in den letzten Jahren haben die Schulbehörde und einzelne Kommunen begonnen, sich damit zu befassen, was empirische Forschung über erfolgreichen Unterricht sagt. In den allermeisten Gemeinden jedoch sind diese Einsichten noch nicht angekommen oder in die Praxis umgesetzt worden.