Inklusion an deutschen Schulen Gemeinsam statt einsam

Gemainsam statt einsam; © Foto: UNESCO/Alexandra Galentro
Gemainsam statt einsam | Foto (Ausschnitt): UNESCO/Alexandra Galentro

Deutschland ist auf dem Weg zur inklusiven Schule, in der Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen. Ein System, von dem auch Schüler mit Migrationshintergrund, aus sozial schwachen Familien oder Hochbegabte profitieren können. Das Ziel heißt: Alle Kinder sollen im Sinne einer Inklusion gleichermaßen gefördert werden.

Kevin fiel schon im Kindergarten auf. Er konnte kaum stillsitzen, hielt sich nicht an Regeln und stritt mit den anderen. Er sprach wenig und wenn, dann meist in unvollständigen Sätzen. Als er zur Schule musste, war sein Weg bereits vorgezeichnet: Während die Gleichaltrigen in die Grundschule wechselten, ging Kevin in die Sonderschule. Einen Abschluss machte er dort nie – wie fast 80 Prozent der Kinder an dieser Schulform. Geschichten wie diese hat das deutsche Schulsystem über Jahrzehnte hinweg geschrieben. Die Förderschulen als vierte Säule im deutschen System sind europaweit einzigartig. Es existieren Spezialschulen für „Behinderungen“ und Lernschwierigkeiten, für Blinde, Gehörlose, geistig Behinderte oder Kinder mit sozialen Auffälligkeiten.

Erfolg in jungen Jahren entscheidet

Das Schulsystem sondert immer noch aus, doch negative Bildungskarrieren wie die von Kevin werden seltener. Das liegt an der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (VN) von 2006. Darin verpflichtet sich Deutschland zu einem integrativen beziehungsweise inklusiven Schulsystem. „Das hat zur Folge, dass alle Kinder, die schnell und die langsam Lernenden, die Überflieger und die Gehandicapten, gemeinsam lernen und gefördert werden“, sagt der ehemalige niedersächsische Kultusminister und Koordinator im Expertengremium „Netzwerk Bildung“, Professor Rolf Wernstedt. In der Praxis heißt das: Kinder mit Beeinträchtigungen dürfen nicht mehr aus dem Regelschulsystem ausgeschlossen werden.

Damit steigen auch die Chancen für Migrantenkinder, die mit Lernschwierigkeiten und Sprachproblemen ins Schulleben starten. Vor allem die Grundschulen übernehmen, nach den Kindergärten, eine soziale Ausgleichsfunktion. Bildungsexperten sind sich einig, dass die Erfolge in den frühen Jahren entscheidend sind. Dennoch fließt deutlich mehr Geld pro Schüler in die weiterführenden Schulen als in die frühe Bildung.

Keine Chance für Bildungsverlierer?

Die Debatte um Bildungsgerechtigkeit wird von der Bundesregierung und den Kultusministern der Länder, die gemäß der föderalen Struktur der Bundesrepublik in Bildungsfragen das Sagen haben, seit den 1970er-Jahren geführt. Einen neuen Schub hat sie durch die Ergebnisse der ersten Pisa-Vergleichsstudie 2001 bekommen. Der Schock war groß: Deutschlands Schüler waren nur Mittelmaß. Außerdem bescheinigten Experten, dass Herkunft und Bildungserfolg in kaum einem anderen Land so eng miteinander verknüpft sind wie in Deutschland mit seinem viergliedrigen System aus Sonderschulen, Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien. Vor allem Kinder aus sozial schwachen Schichten haben schlechtere Chancen. Das Bundesbildungsministerium schätzt, dass mehr als ein Viertel der Kinder unter 18 Jahren in einer sozialen, finanziellen oder kulturellen Risikolage aufwächst.

Zahlreiche Förderprogramme, preiswürdige Projekte

Zwar ist die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss leicht zurückgegangen. Dennoch sind davon noch immer 6,5 Prozent eines Jahrgangs betroffen – laut Statistischem Bundesamt kommen 57 Prozent von ihnen von den Förderschulen. Aber es gibt auch positive Entwicklungen für die rund elf Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Zahlreiche Förderprogramme kümmern sich heute um benachteiligte Schüler, darunter die von der Bundesregierung unterstützten „Bündnisse für Bildung“, die mit Ferienfreizeiten, Musik- und Theaterinszenierungen oder Mentorenprogrammen helfen. Hinzu kommen Programme für den schwierigen Übergang von der Schule zum Beruf.

Es gibt inzwischen auch viele vorbildliche Projekte: So zeichnet der Jakob Muth-Preis der Bertelsmann Stiftung seit 2009 erfolgreiche Konzepte inklusiver Schulen aus. Zu den bisherigen Preisträgern gehörte zum Beispiel die Berliner Heinrich Zille-Schule, die schon seit zwei Jahrzehnten auf Inklusion setzt. Hier werden rund 400 Kinder unterrichtet. Die offene Ganztagsschule setzt einen Schwerpunkt auf den kreativ-musischen Bereich. 2012 darf unter anderem die Grundschule Langbargheide aus dem Hamburger Stadtteil Lurup den Preis für sich beanspruchen. Rund 80 Prozent der Schüler hier sind nichtdeutscher Herkunft, weniger als ein Prozent der Eltern haben einen akademischen Abschluss, mehr als ein Drittel sind Hartz-IV-Empfänger. Dank intensiver Förderung aller Kinder gelingt der Schule in vielen Fällen trotzdem ein Ausgleich der Lernrückstände einzelner Schüler.

Die Formel lautet: alle Potenziale heben

Seit Pisa hat sich auch die empirische Forschung intensiv mit den Bildungschancen befasst. Eine neue Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung widerlegte vor kurzem erstmals Studien, wonach Migrantenschüler bei gleicher Leistung und Sozialschicht seltener von ihren Lehrern für das Gymnasium empfohlen werden. Immerhin ein Hoffnungsschimmer. Eine inklusive Schule, die Kinder unabhängig von Herkunft und Beeinträchtigungen individuell fördert, könnte einen Teil der Ungerechtigkeiten beseitigen. Doch der Weg dorthin ist holprig, weil für die professionelle Umsetzung Geld und Personal fehlen. Aber immerhin lautet die Formel für ein erfolgreiches Schulsystem nicht mehr „Nach-unten-durchreichen“, sondern „Alle-Potenziale-heben“. Kinder wie Kevin können nicht mehr abgeschoben werden.