Qualität im deutschen Kinderfernsehen Eine Maus auf zwei Beinen

Durchschnittlich anderthalb Stunden sehen Drei- bis 13-Jährige täglich fern.
Durchschnittlich anderthalb Stunden sehen Drei- bis 13-Jährige täglich fern. | Foto (Ausschnitt): pressmaster © 123RF

Seit mehr als 40 Jahren trippelt sonntags ein orangefarbener Nager über den Bildschirm und begeistert Kinder und Erwachsene. Bis heute ist die „Sendung mit der Maus“, ein Aushängeschild des deutschen Kinderfernsehens, ein vielfach preisgekrönter Klassiker.

Gert K. Müntefering, einer der Erfinder der Sendung, prägte einst einen legendären Satz, der bis heute Gültigkeit hat: „Kinderfernsehen ist, wenn Kinder fernsehen.“ Was er damit ausdrücken wollte: Spaß und Lernen müssen keine Gegensätze sein; auch die Heranwachsenden wollen unterhalten werden, und das Fernsehen sollte nicht als Verlängerung des Schulunterrichts gesehen werden. Unberührt davon bleibt jedoch der Anspruch eines Qualitätsprogramms für Kinder. Denn die Drei- bis 13-Jährigen sehen laut einer aktuellen Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) täglich durchschnittlich anderthalb Stunden fern.

Der kleine Oskar: Prix Jeunesse International

Um die Inhalte und Belange des Kinderfernsehens kümmern sich nicht nur Autoren, Redakteure und Programmverantwortliche, sondern auch die Stiftung Prix Jeunesse. Sie wurde 1964 vom Freistaat Bayern, der Stadt München und dem Bayerischen Rundfunk gegründet. Sieben Jahre später beteiligten sich das ZDF, 1991 die Bayerische Landeszentrale für neue Medien und 2005 Super RTL. Ihre Aufgabe besteht darin, die Qualität im nationalen und internationalen Kinder- und Jugendfernsehen zu fördern, das Verständnis zwischen den Völkern zu vertiefen und den Programmaustausch zu beleben. Deswegen wurde auch ein Preis ausgelobt. Der Prix Jeunesse International ist das älteste und weltweit größte Festival für Qualitätsfernsehen für Kinder und Jugendliche. Ausgerichtet wird dieser Wettbewerb alle zwei Jahre vom Bayerischen Rundfunk in München. Dazu kommen mobile Workshops, die auf die Reise geschickt werden: der Prix-Jeunesse-Koffer.

Das Festival stand 2012 unter dem Motto Watch, Learn and Grow with Children’s TV, vertreten waren 353 Produktionen aus 70 Ländern. Das Besondere am Prix Jeunesse: Mit abstimmen über die Gewinner kann jeder Festivalteilnehmer, auch die Stimmen der jungen Zuschauer zählen. Und zusätzlich gibt es noch eine Kinderjury, die einen Preis vergeben darf. „Gutes Kinderfernsehen ist, wenn es die Kinder weiterbringt, im Leben, in der Entwicklung, in der Lust, sich mit der Welt auseinanderzusetzen und sie dabei gleichzeitig bestens unterhält“, so Festival- und Projektkoordinatorin Kirsten Schneid.

2012 wurden zwei deutsche Produktionen ausgezeichnet: In der Kategorie „Formate 12- bis 15-Jährige“ waren das der Diplom-Film Zwei halbe Portionen von Martin Busker und Kathrin Tabler von der Filmakademie Baden-Württemberg. Darin geht es um die ungleichen Freunde Luka und Umut, die sich mit schlechten Vorbedingungen im Leben behaupten müssen. In der Kategorie „Nonfiktionale Formate bis 6 Jahre“ wurde die multimediale Mitmachserie Ene Mene Bu und dran bist du ausgezeichnet. Hier werden die Vorschulkinder dazu angeregt, zu bestimmten Themen zu malen oder zu basteln. Die Sendung läuft täglich im Kinderkanal KiKA im Vorschulangebot Kikaninchen.

Neue Formate, größere Programmvielfalt

Unvergessen sind bis heute die Kultfiguren der Augsburger Puppenkiste, einem hinreißenden Marionettentheater: Die Abenteuer von Urmel, Jim Knopf und dem sprechenden Kater Mikesch wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren als Fernseh-Serie produziert und sind nach wie vor beliebt. Aber im Zeitalter des Internets veränderten sich nicht nur die Sehgewohnheiten, auch andere Inhalte sind gefragt. Neue Sendeformate wurden entwickelt, es geht um eine möglichst große Programmvielfalt.

Parallel dazu entstanden programmbegleitende Webpräsenzen. Kindernachrichten wie logo!, Dokus, Comedys, Schülerquiz-Shows, Mysteryserien, beispielsweise der Fluch des Falken (BR/Tresor TV) oder die biblische Animationsreihe Chi Rho – Das Geheimnis (KiKA) haben sich etabliert. Wissens- und Aufklärungsmagazine wie Checker Can (BR) und Du bist kein Werwolf – über das Leben in der Pubertät (WDR) werden gern und oft eingeschaltet. Der erfolgreiche, öffentlich-rechtliche Kinderkanal KiKA von ZDF und ARD feierte 2012 seinen 15. Geburtstag. 2011 war er mit 30,8 Prozent Markführer bei den Vorschulkindern. Auch die kommerziellen Kindersender haben jedoch rasant aufgeholt. Besonders beliebt sind Super RTL und Nickelodeon, ein Ableger des US-Großkonzerns Viacom. Letzterer punktet vor allem mit der Zeichentrickserie SpongeBob Schwammkopf. Der chaotische kleine Schwamm belegt nach der IZI-Studie (2011) Platz Eins bei den Lieblingsfernsehfiguren von Kindern.

Zu wenig Moderatorinnen

Aber es gab noch ein anderes, überraschenden Ergebnis der Erhebung: Es fehlen Frauen im Kinderfernsehen. Denn 85 Prozent der in 24 Ländern befragten sieben- bis zehnjährigen Mädchen wünschen sich eine Moderatorin. Ebenso viele Jungen möchten sich die Welt lieber von einem Moderator erklären lassen – ein Wunsch, der der hiesigen Fernsehrealität nahezu entspricht. „Warum kann nicht eine kompetente Frau Ende vierzig Kindern in der Sendung mit der Maus Technik erklären?“, lautet daher auch eine der Forderungen von Maya Götz, der Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI). Hier sind die Programmverantwortlichen gefragt.