Ausstellung Verschwindende Vermächtnisse: Die Welt als Wald

Barbara Marcel, The Open Forest, 2017. Still aus dem Videoessay. © Barbara Marcel

Fr, 10.11.2017 -
Do, 29.03.2018

Centrum für Naturkunde (CeNaK) der Universität Hamburg

Martin-Luther-King Platz 3
20146 Hamburg

Barbara Marcel, The Open Forest, 2017. Still aus dem Videoessay.

Ausstellung im Centrum für Naturkunde in Hamburg

Kunst, Natur und Wissenschaft – was erzählen diese Disziplinen vom Tropenwald? Das untersucht Verschwindende Vermächtnisse: Die Welt als Wald. Die Ausstellung bringt zeitgenössische Kunst ins Naturkundemusem Centrum für Naturkunde (CeNak) der Universität Hamburg.

Verschwindende Vermächtisse: Die Welt als Wald ist eine Kunst- und Wissenschaftsausstellung über europäischen Kolonialismus in den Tropen und die Zerstörung des Regenwaldes.

Die Ausstellung erzählt von der Vielfalt des Ökosystems – und veranschaulicht wie sie nach und nach zu verschwinden droht. Aktuelle Forschungsergebnisse, historisches Archivmaterial und naturkundliche Sammlungen treffen auf Drohnenaufnahmen, Röntgenbilder und Videoessays. Die historischen Exponate werden zwischen Kunstwerken neu konfiguriert und machen den ökologischen Wandel für die Besucher erfahrbar. „Das Naturkundemuseum, ursprünglich vor allem ein pädagogischer Ort, dessen Gestaltung den Besucherinnen und Besuchern die ganze Tiefe der Evolution nahebringen sollte, muss sich anpassen und nach neuen Verbündeten suchen, um sich mit wesentlichen verstörenderen Realitäten auseinandersetzen zu können, etwa dem Klimawandel oder dem Zusammenbruch der Biosphäre“, erklären die Organisatoren das Konzept. Bildende Kunst begegnet naturkundlicher Sammlung, botanische und zoologische Objekte werden in neue Kontexte gesetzt. Ästhetik und Wissenschaft formulieren eine eigene Sprache und provozieren neue Sichtweisen auf den Wald als biologisches und kulturelles Ökosystem.

Verschiedene Künstlerische Positionen thematisieren Entwicklungen im Zusammenhang mit Umweltveränderungen in Südostasien und im Amazonasgebiet. Die Werke zeigen auf, dass alle Formen des Aussterbens oder Verschwindens miteinander zusammenhängen. Die Kuratoren Anne-Sophie Springer und Etienne Turpin haben insgesamt 17 internationale Künstler hierfür zusammengebracht. Die Entwicklung der Ausstellung reicht zurück bis in das Jahr 2013. Auf einer durch das Goethe-Institut geförderten Recherchereise wurden erste Ideen für das Ausstellungskonzept entwickelt: „Inwiefern steht der Wald mit seinen tausend und abertausenden von Lebewesen, Symbiosen und Austauschprozessen für das Leben auf der Erde im biologisch-ökologischen Sinn, verkörpert aber auch “Welten” aus anthropozentrisch-philosophischer oder animistischer Sicht? Inwiefern lässt sich beides eigentlich gar nicht voneinander trennen?“, fasst Anna-Sophie Springer die Leitfragen zusammen.

Einer der teilnehmenden Künstler ist der Fotograf Robert Zhao Renhui aus Singapur. Der Künstler erkundet und katalogisiert die Evolution der Natur – wobei er auch den Menschen und seinen Einfluss durch Domestizierung, Kultivierung oder Laborexperimente näher betrachtet. Mit seiner Installation reflektiert er, wie Singapur von einer Regenwaldinsel zur heutigen Megametropole gewachsen ist. Hierzu arrangiert er Objekte und Bilder aus seiner eigenen Sammlung sowie aus den Sammlungen des Centrum für Naturkunde (CenaK) und des Nutzpflanzenmuseums der Universität Hamburg miteinander.
  • Verschwindende Vermächtnisse: Die Welt als Wald Verschwindende Vermächtnisse: Die Welt als Wald
  • Verschwindende Vermächtnisse: Die Welt als Wald © Revital Cohen & Tuur Van Balen, London 2016
    Revital Cohen & Tuur Van Balen, Leopard, Impala, 2016. Rare earth neon and mammoth ivory.
  • Ölpalm-Monokultur in der indonesischen Provinz Riau, Sumatra. Foto: Reassembling the Natural/Etienne Turpin, 2016
    Ölpalm-Monokultur in der indonesischen Provinz Riau, Sumatra.
  • Robert Zhao Renhui, Moondust, 2013. Ein Häufchen Asche von 103 an einer Glühlampe in Singapur verbrannten Insektenarten, davon 25 wissenschaftlich noch unbekannte Arten. Foto: Robert Zhao Renhui
    Robert Zhao Renhui, Moondust, 2013. Ein Häufchen Asche von 103 an einer Glühlampe in Singapur verbrannten Insektenarten, davon 25 wissenschaftlich noch unbekannte Arten.
  • SHIMURAbros, Chasing the Light, 2017. NTU Centre for Contemporary Art Singapore, Ausstellungsansicht. Fotografie. Courtesy NTU CCA Singapore
    SHIMURAbros, Chasing the Light, 2017. NTU Centre for Contemporary Art Singapore, Ausstellungsansicht. Fotografie.
  • Armin Linke, Orangutan im Tanjung Puting National Park, Kumai, Kalimantan Tengah (Borneo) Indonesien, 2017. Fotografie. © Armin Linke
    Armin Linke: Orangutan im Tanjung Puting National Park, Kumai, Kalimantan Tengah (Borneo) Indonesien, 2017. Fotografie.
  • Giulia Bruno bei Dreharbeiten in der indonesischen Provinz Riau, Sumatra. Foto: Reassembling the Natural/Etienne Turpin, 2017
    Die Künstlerin Giulia Bruno bei Dreharbeiten in der indonesischen Provinz Riau, Sumatra.
  • „Wallaces’s Standard Wing, male and female“, in Wallace, The Malay Archipelago, 1869. © Wallace, The Malay Archipelago, 1869.
    „Wallaces’s Standard Wing, male and female“

Mehr zur ausstellung

Das Projekt

Verschwindende Vermächtnisse: Die Welt als Wald ist ein Projekt von Anna-Sophie Springer und Etienne Turpin. Die Ausstellung wird vom Centrum für Naturkunde (CeNak) realisiert und ist dort vom 10. November 2017 bis 29. März 2018 zu sehen. Anschließend wird sie im Tieranatomische Theater der Humboldt-Universität zu Berlin und im Herbst 2018 in das Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vorgestellt. Die Ausstellung wird vor Ort weiterentwickelt und an die jeweiligen Sammlungsbestände angepasst. Die Ausstellungsreihe ist eine Kooperation des CeNak mit der Schering Stiftung, wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und unterstützt vom Goethe-Institut Singapur.

Die Kuratoren

Anna-Sophie Springer im University of Oxford Museum of Natural History. Foto: Reassembling the Natural/Etienne Turpin, 2015. Anna-Sophie Springer im University of Oxford Museum of Natural History | Foto: Reassembling the Natural/Etienne Turpin, 2015 Anna-Sophie Springer ist freie Ausstellungsmacherin und Autorin. Seit 2011 betreibt sie das künstlerische Verlagsprojekt K. in Berlin. Durch einen fließenden Umgang mit Bildern, Artefakten und Texten widmet sie sich dem Entstehen neuer geografischer, physischer und kognitiver Zusammenhänge – wobei Archive und das Buch-als-Ausstellung eine zentrale Rolle spielen und kuratorische, publizistische und ethnografische Praktiken oft miteinander verwoben werden. 2013 und 2016 erhielt sie jeweils ein Recherchestipendium des Goethe-Instituts für Reisen nach Südostasien und Brasilien. Derzeit ist sie Gastdozentin am Institut Kunst, Basel und promoviert am Centre for Research Architecture, Goldsmiths. Anna-Sophie Springer lebt in Berlin.


Etienne Turpin in der Zoologischen Sammlung des Centrum für Naturkunde, Hamburg. Etienne Turpin in der Zoologischen Sammlung des Centrum für Naturkunde, Hamburg. | Foto: Reassembling the Natural/Elise Hunchuck, 2017 Dr. Etienne Turpin ist Philosoph und Research Scientist am Massachusetts Institute of Technology und leitet zudem das von ihm gegründete Atelier für Designforschung anexact office (Berlin und Jakarta). Mit Anna-Sophie Springer befasst er sich im Rahmen ihrer gemeinsamen Forschungsinitiative Reassembling the Natural seit 2013 mit Biodiversitätsverlust und Landnutzung. Beide geben seit 2014 auch die Publikationsreihe intercalations: paginated exhibition heraus, die als Kooperation zwischen dem K. Verlag und dem Haus der Kulturen der Welt erscheint. Etienne Turpin lebt in Berlin.

Die Geschichte  

Alfred Russel Wallace ca. 1869. Foto: Thomas Sims. Nachkoloriert von: Edvos (Paul Edwards). Alfred Russel Wallace ca. 1869. Foto: Thomas Sims. Nachkoloriert von: Edvos (Paul Edwards). | ©: G. W. Beccaloni, 2013 Ausgangspunkt der Ausstellung sind die Arbeiten des Naturforscher und Naturaliensammler Alfred Russel Wallace (1823–1913). Seine Abhandlung "Darwin-Wallace Paper" hat die Biologie als akademische Disziplin mitbegründet und gilt als eines der wichtigsten Dokumente der modernen Naturgeschichte. Der britische Naturforscher unternahm im 19. Jahrhundert Expeditionen nach Südamerika und Südostasien. Dabei sammelte er tropische Fauna, dokumentierte die biologische Vielfalt und entschlüsselte die Mechanismen der natürlichen Auslese.





Verschwindende Vermächtnisse: Die Welt als Wald folgt den Pfaden von Wallace und hinterfragt gleichzeitig, ob solche Entdeckungen heute noch möglich wären – da das Ökosystem Regenwald in Folge von Abholzung und Monokulturplantagen weitgehend zerstört ist.

Fast alle Werke wurden eigens für die Sonderausstellung geschaffen und beschäftigen sich mit den aktuellen Umweltveränderungen in Indonesien, Malaysia, Singapur und im Amazonasgebiet. Im Spiegel der Expeditionen des Natur- und Evolutionsforschers Wallace eröffnen sie ein Spannungsfeld aus futuristischen Naturbildern und historischen Naturalien, aus Realität und Fiktion, Schönheit und Schrecken.

Die Werke befragen das Erbe des europäischen Kolonialismus in den Tropen und setzen sich mit den teilweise radikal veränderten Landschaften auseinander. So versucht die Ausstellung der von heute aus gesehen idyllischen Unbedarftheit von Wallaces Eindrücken ein aktuelles Bild entgegenzusetzen.

 
 

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