Das andere Ljubljana Ein alternativer Stadtplan der Stadt Ljubljana

Ein Modell der Stadt Ljubljana auf dem Prešernov trg
Ein Modell der Stadt Ljubljana auf dem Prešernov trg | © Goethe-Institut Ljubljana

Für das Touristenauge unsichtbar: Eine Erkundung, die tief in das Territorium der kulturellen Untergrundszene von Ljubljana führt.

Dolgcajt – auf Deutsch »Langeweile«, der einfache Titel des ersten Albums der Pankrti, der ersten Punkband östlich des Eisernen Vorhangs, ist in erster Linie nichts anderes als das Wort, mit dem die Jugendlichen die damalige Muffigkeit, vor allen Dingen aber die Einseitigkeit des kulturellen Lebens in Ljubljana beschrieben haben. Heute, fast vierzig Jahre später, könnte man einen ganz anderen Schluss ziehen: das Territorium der kulturellen Untergrundszene von Ljubljana, das von noch keiner existierenden Stadtkarte endgültig vermessen und kartographiert wurde, ist weder einräumig noch einschichtig. Und dies trotz der unaufhörlichen Zentralisierung, die den Raum des alternativen Kulturzentrums Metelkova mesto mehr und mehr in das Zentrum der anderen und andersartigen Kultur stellt.

Dennoch muss die Landkarte der unabhängigen und für das Touristenauge unsichtbaren Räume genau in der Metelkova ulica begonnen werden, genauso wie dort auch manch eine Nacht des nach der Klubszene dürstenden Publikums anfängt und endet. Wenn man versucht, die einzelnen Plätze der anderen und andersartigen, sozusagen heterotopischen Plätze, zu mappieren, dann muss man diese Plätze als erstes genau durch die Pforten des nördlichen Teils der ehemaligen Armeegebäude an der Metelkova ulica betreten. Dieser mehr oder weniger deklarativ autonome Raum, der seine Tätigkeitspolitik selbst aus der hier tätigen Gemeinschaft heraus bestimmt, stellt heute eine Art von Konglomerat von Clubräumen und kulturell-künstlerischen Tätigkeiten dar, eine Plattform für die Performativität von unterschiedlichen Lebensstilen.

Das alternative Kulturzentrum Metelkova mesto entstand 1993 als Produkt der Besetzung der an der Metelkova ulica und in der Nähe des Bahnhofs gelegenen ehemaligen Kaserne. Die Metelkova wurde von einzelnen Mitgliedern des Netzwerks für Metelkova (slow. »Mreža za Metelkovo«) besetzt, einer Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern und anderen Akteurinnen und Akteuren der Subkultur, die den Kampf für einen Raum fortsetzten, der die Entstehung verschiedener Kulturen und künstlerischer Praxen und der damit verbundenen Lebensweise ermöglichen würde.

Genau dieser Kampf für den Raum ist das entscheidende Element dafür, unsichtbare Räume sichtbar zu machen und verstehen zu können, was Ljubljana als Raum einer nicht unbedingt etablierten Kultur überhaupt ist. Ein Kampf, der eine lange und noch immer nicht geschriebene Geschichte hat. Dieser Kampf reicht zurück bis zu einer der ersten bekannteren Hausbesetzungen an der Erjavčeva ulica in den siebziger Jahren. Nicht zu vergessen: Der Platz vor dem Maximarket in unmittelbarer Nähe des slowenischen Parlaments, der Ende der siebziger von der damaligen Punk-Subkultur appropriiert wurde und in »Johnny Rotten Square« umbenannt wurde. Oder das Lokal Šumi, das in einer ehemaligen Süßwarenfabrik entstand und in den siebziger Jahren die Drehscheibe der damaligen künstlerischen, vor allen Dingen avantgardistischen Literaturszene verkörperte. Oder, wenn wir fortfahren, der Club B-51, der in den frühen neunziger Jahren eine bedeutende Raumplattform für die Entwicklung von Rockersubkulturen darstellte, aber auch für die Entwicklung einiger anderer künstlerischer Praxen, insbesondere der Theaterpraxis.

Es ist jedoch nicht unbedeutend, dass einer der ersten Clubs an der Metelkova, der Club Gala hala, während des pioniermäßigen Hausbesetzerjahrs von Monika Skaberne geleitet wurde, der ersten Kraft des FV-Verlags, und dass der Nachbarclub Chanel Zero von Mitgliedern des Kollektivs Stripcore gegründet wurde, das ebenfalls mit dem FV-Verlag verbunden ist. Gerade die Gruppe FV spielt bei der Formierung der Kultur- und Kunstszene von Ljubljana eine wesentliche Rolle, obwohl sie im heutigen geschichtlichen Gedächtnis, auch dem alternativen Gedächtnis, keinen entsprechenden Platz hat, insbesonders im Vergleich zu einigen anderen Kollektiven wie der Neuen Slowenischen Kunst. FV entstand im Jahr 1979 als Theatergruppe FV 112/15. Das Ventil für eine andere und andersartige Kultur, die nicht nur im Gegensatz zu der damaligen offiziellen sozialistischen Kultur stand, sondern neue Formen von Gemeinschaft und Unterhaltungspolitik schuf, entstand auf diese Weise durch das Medium Theater. Die Gruppe FV 112/15, welche sich aus weiblichen und männlichen Mitgliedern der kroatischen Studentendiaspora in Ljubljana zusammensetzte, unterbrach nicht nur die vorherigen Formen der alternativen Kultur und Kunst, die an die gleichzeitige Hippiekultur anknüpften, sondern schuf vielmehr in der auf die erste Punkwelle folgenden Zeit Kulturformen, die durch die Ströme der neuen Medienrealitäten gekennzeichnet waren. Hierbei ist es von Bedeutung, dass FV 112/15 mit seiner Tätigkeit und dem kreativen Schaffen im Keller des vierten Blocks der Studentensiedlung begann, wo unter der Leitung von Fortuna, einer Studentenorganisation für studienbegleitende und Studientätigkeiten, und in Zusammenarbeit mit dem studentischen Radiosender Radio Študent bereits seit den frühen siebziger Jahren Disko Študent tätig war; sozusagen das Epizentrum des damaligen subkulturellen Treibens.

Dieser für das Verständnis der Geschichte der Kulturszene von Ljubljana wichtige Raum wurde im Jahr 1982 in Disko FV umbenannt und kurz darauf entstand aus der Theatergruppe FV 112/15 auch die Band Borghesia, eine für die Region des ehemaligen Jugoslawien und auch darüber hinaus wichtigsten Postpunk- und Elektronikbands. FV hat später im Jahr 1983 seine Clubtätigkeit auch auf die Räume des Jugendzentrums Dom mladih in Ljubljana-Šiška ausgeweitet und ein Jahr später Räume in der Kersnikova ulica bekommen, wo der Club K4 entstand. Diesen Club, der die Kultur der elektronischen Musik eingeführt, in bedeutender Weise weiterentwickelt und engagiert hat, hat der FV nach einem Jahr der Tätigkeit verloren. Er wurde jedoch im Jahr 1989 im Rahmen der Studentenorganisation der Universität Ljubljana erneut aktiviert.

Diese Geschichte des Kampfes für urbane und vor allen Dingen autonome Räume ist natürlich nicht besiegelt und abgeschlossen. Nicht nur, dass er nicht aufgeschrieben ist, er setzt sich außerdem bis in unseren aktuellen Moment fort. Die neuere Geschichtsschreibung könnte mit der Besetzung der verlassenen Fahrradfabrik Rog auf der Trubarjeva cesta vor acht Jahren und der Errichtung einer gewissen zeitweiligen autonomen Zone beginnen. Zwar verliert die Fabrik Rog trotz ihres Potentials eine aktive und relevante Position in der Kulturlandschaft von Ljubljana, wobei sie jedoch einen Zufluchtsort darstellt für künstlerische, musikalische, politische und sportliche (Skatepark) Aktivitäten, die für die Öffentlichkeit so nicht sichtbar sind, ja man könnte fast sagen "gettoisiert sind". Die Fabrik Rog ist heute auch Gegenstand der Gentrifizierungspolitik der Stadtverwaltung Ljubljana, welche aus diesen Räumen halbprivatisierte Zentren für moderne Kunst schaffen möchte, was nicht verkehrt ist; jedoch sind die Pläne ohne Berücksichtigung der realen Bedürfnisse und ohne Einbindung der dort bereits tätigen Kreativen geschmiedet.

Es muss nicht speziell betont werden, dass die Strategien für solche Kunst- und Kulturzentren Strategien zur Schaffung eines Polygons kreativer Industrien sind, die zur grundlegenden ideologischen Ausrichtung der europäischen Kulturpolitik werden. Wenn wir hierbei ein klein bißchen philosophisch sind und die These des Philosophen Michel Foucault heranziehen, dass dort, wo Macht ist, auch schon der Widerstand ist, dann erscheint es interessant, dass sich in der letzten Zeit auf dem alternativen Stadtplan von Ljubljana vor allen Dingen Plätze finden, die eine Art urwüchsige Zentren der kreativen Industrie darstellen, vermischt mit aktuellen Richtungen der elektronischen Musik und urbanen Stylen, die oftmals unter das unklare Etikett des Hipstertums eingeordnet werden. Erwähnenswert sind insbesondere das im Stadtzentrum gelegene Privatlokal Bikofe und die Kreative Zone Šiška (»kreativna cona Šiška«). Hierbei erscheint es noch interessanter, dass auch diese Räume, insbesondere das Bikofe, das zumindest dem Äußeren nach ein erfolgreiches Beispiel eines privaten Kultur- und Kreativzentrums darstellt - was mit den Tendenzen der offiziellen Kulturpolitik einhergeht - von dem unaufhörlichen Kampf und der Energie der dort wirkenden Gemeinschaften abhängig sind – neben den Beschwerden der Nachbarn droht ihm eine Programmkürzung. Und wenn schon, dann weist der Überblick über die vergangenen und aktuellen Plätze des anderen Ljubljana als ein von Seiten der dominanten Mechanismen unkontrollierten Raums, der erst die urbane Erfahrung des heutigen Ljubljana bestimmt, genau darauf hin, dass sich das andere Ljubljana über unaufhörliche Kämpfe erschafft, die nicht nur nicht abgeschlossen sind, sondern dies auch vielleicht niemals sein werden.