Kinderliteratur Die Welt auf der Karte entdecken

Viel zu entdecken: „Einmal um die Welt“ von Martin Haake
Viel zu entdecken: „Einmal um die Welt“ von Martin Haake | Foto (Ausschnitt): © Martin Haake/Knesebeck

Karten in Kinderbüchern haben eine lange Tradition. Sie eröffnen neue fiktive und reale Welten und ziehen die jungen Leser tiefer hinein in die Geschichten, die sie illustrieren.
 

Sie offenbaren Kindern einen spannenden Blick auf unsere Welt – und das auf geringem Raum und mit wenigen Worten. Dafür aber oft mit viel Farbe und großer Liebe zum Detail. Karten in Kinderbüchern dienen der Orientierung und sind seit jeher fester Bestandteil der Kinderliteratur. Ob fiktive oder reale Orte – immer geht es darum, den Betrachtern einen Überblick zu geben.
 

  • „Endres, der Kaufmannssohn“ Foto: © Anke Bär, Gerstenberg
    „Endres, der Kaufmannssohn“
  • “Einmal um die Welt 3” Foto: © Martin Haake, Knesebeck
    “Einmal um die Welt 3”
  • „In die neue Welt“ Foto: © Gerda Raidt/Christa Holtei, 2013 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz
    „In die neue Welt“
  • „Der Sternenhase“ Foto: © Martin Klein, Tulipan
    „Der Sternenhase“
  • „Ich kenn ein Land, das du nicht kennst“ Foto: © Martina Badstuber, Tulipan
    „Ich kenn ein Land, das du nicht kennst“
  • „Thabo, Detektiv und Gentleman. Die Krokodil-Spur“ Foto: © Maja Bohn, Oetinger
    „Thabo, Detektiv und Gentleman. Die Krokodil-Spur“

 
Aufklappbare, auf ganz dünnem Bibelpapier gedruckte Karten wie in frühen Ausgaben des Kinderbuchklassikers Robinson Crusoe von Daniel Defoe gibt es heute nicht mehr. Die stilistische Vielfalt der Karten ist jedoch enorm und auch die Qualität des Drucks wirkt sich positiv auf die Darstellung aus. Warum aber sind Karten in Kinderbüchern ein beliebtes Mittel? Historische Themen zum Beispiel lassen sich mit ihrer Hilfe anschaulicher vermitteln. Das Sachbilderbuch In die neue Welt von Christa Holtei, illustriert von Gerda Raidt, etwa handelt von einer deutschen Familie, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika auswandert.
 
„Die Karten zeigen das Erzählte noch einmal auf einer anderen Ebene und machen es fassbarer. Grundlage für meine Zeichnungen waren Karten aus Büchern und dem Internet. Die Karte mit zahlreichen deutschen Orten in den USA habe ich in einem Buch über Auswanderer entdeckt. Sie hat mich sehr beeindruckt im Sinne von: Das ist ja alles wirklich passiert“, erläutert Gerda Raidt. So können die jungen Leser die Schiffsroute von Hamburg nach New Orleans mit dem Finger nachfahren. Bemerkenswert an Raidts Karten sind ihre präzisen Bleistiftzeichnungen, die sie am Computer koloriert und mit handschriftlichen Städtenamen versieht.
 
In die Vergangenheit lädt auch Anke Bär ein: Sie gibt mit ihrem erzählenden Sachbuch für Kinder im Grundschulalter Endres, der Kaufmannssohn einen Einblick in das Leben im mittelalterlichen Lübeck. Aus Sicht des 12-jährigen Endres wird der Alltag in der Stadt gezeigt. Um die deutsche Hanse, das wichtige Bündnis von Kaufleuten, auf einen Blick darzustellen – mit den wichtigsten Hansestädten, Auslandskontoren und Handelswegen –, wählt Anke Bär eine Karte, die Deutschland und seine nördlichen Nachbarländer zeigt. Dabei greift sie stilistisch Elemente der mittelalterlichen Buchmalerei auf.

Neue Welten kennenlernen

Auf eine Reise rund um die Welt nimmt Martina Badstuber die jungen Betrachter mit. In Ich kenn ein Land, das du nicht kennst… trägt sie erstaunliche, kuriose oder lustige Traditionen oder Gepflogenheiten aus verschiedenen Ländern zusammen. Zentraler Bestandteil der Buchseiten sind Landkarten. Eine daneben platzierte Weltkarte ordnet geographisch ein, wo genau sich Thailand, Madagaskar oder China befinden. „Über die Karten wollte ich den Kindern mit einer stark reduzierten Darstellungsform einen groben Eindruck von der geografischen Welt eröffnen“, erläutert die Illustratorin. Ihre Karten zeichnen sich durch Witz und Humor aus, so platziert sie auf ihnen kleine Vignetten mit unterhaltsamen Szenen und landestypischen Tieren.  
 
Der Berliner Illustrator Martin Haake bildet in seinem Buch Einmal um die Welt – Mein Städte-Atlas insgesamt 30 Städte auf je einer Doppelseite mit vielen Tipps dazu ab: „Wie ein Reisender, der vorhat, eine Städtereise zu machen und sich vorher über sein Reiseziel informiert, habe ich mich für Einmal um die Welt – Mein Städte-Atlas umgesehen. Danach habe ich die Städte in gewissem Sinne durch das Zeichnen der Karten besucht.“ Herausgekommen ist ein außergewöhnlich detailreiches Buch, in dem es immer wieder aufs Neue viel zu entdecken gibt.

Illustrierte Orientierungshilfe

In andere Lebenswelten führt auch Thabo, Detektiv und Gentleman. Die Krokodil-Spur. So heißt der zweite Band der erfolgreichen Detektivreihe von Kirsten Boie. Die Illustratorin Maja Bohn hat sich für die schwarz-weiße Karte auf dem Vorsatzpapier inhaltlich eng mit der erfolgreichen Kinderbuchautorin abgestimmt und eine Skizze des „Lion Park“ in Afrika, in dem die Geschichte spielt, umgesetzt. „Die Karte soll eine Hilfe für die Kinder sein, um eine bildliche Vorstellung von den Handlungsorten zu bekommen und sich so besser im Detektivgeschehen orientieren zu können“, so die Berliner Illustratorin. Dabei nutzt sie auch topografische Elemente, zeigt im Hintergrund Berge, deutet Landschaften an und vermittelt mit verschiedenen Tieren, ganz unterschiedlichen Häusern und den afrikanischen Ortsnamen einen ersten Eindruck. Kirsten Boie erläutert in ihrer Nachbemerkung zum Aspekt Fiktion und Wirklichkeit: „Es gibt diese Sprache, diese Namen, und auch die Orte findet man auf einer guten Straßenkarte. Nur nicht Lion Park, der heißt in Wirklichkeit anders.“
 
Noch weiter reisen die jungen Leser mit dem Bilderbuch Der Sternenhase von Martin Klein, illustriert von Jochen Stuhrmann. Die beiden Autoren verknüpfen eine Sternkarte geschickt mit einer fantasievollen Geschichte. Hase Nebo träumt davon, Hüter der Sternbild-Tiere zu werden. Auf zahlreichen Doppelseiten sind die Verbindungen zwischen den Sternen eingezeichnet und gleichzeitig die dreidimensionale Vorstellung der Tiere am Nachthimmel zu sehen. Stuhrmann wählt spannende Betrachterstandpunkte, ungewöhnliche Lichtsituationen und überzeugt mit seiner stilsicheren Darstellung der Menschen und Tiere. Höhepunkt ist ein in tiefes Blau getauchter Sternenhimmel, an dem etwa 30 Sternbilder zu entdecken sind.
 
Dass eine Karte nur eine zweidimensionale Abbildung der Realität ist, kann dabei fast in Vergessenheit geraten.
 

Ausstellung

„Mit 70 Karten um die Welt – Kartografische Fundstücke der Kinder- und Jugendliteratur aus drei Jahrhunderten“ heißt eine Wanderausstellung der Internationalen Jugendbibliothek, München. Sie zeigt 70 zum Teil wertvolle historische Ausgaben aus den internationalen Beständen der Bibliothek. Neben einer deutschen und englischen Fassung gibt es auch eine spanische Fassung der Ausstellung. Die ausgewählten Karten sind auf Leinwand aufgezogen und werden gemeinsam mit einem literarischen Auszug präsentiert. Meist handelt es sich um Mischformen aus traditioneller Karte und Buchillustration. Vom 13. November bis zum 16. Dezember 2016 ist die Ausstellung während der Buchmesse in Mexiko-Stadt im Goethe-Institut zu sehen.